Abo
  • IT-Karriere:

Findface im Selbstversuch: Privacy-Apokalypse aus Russland?

Weg mit Privatsphäre im Netz: Die Entwickler der russischen Gesichtserkennungs-App versprechen traumhafte Erkennungsquoten und neue Anwendungen. Russische Sicherheitsbehörden sollen sich schon für die App interessieren. Wir haben sie ausprobiert.

Artikel von Pavel Lokshin veröffentlicht am
Findface soll eine Trefferquote von 70 Prozent haben.
Findface soll eine Trefferquote von 70 Prozent haben. (Bild: Martin Wolf/Golem.de)

Ein Moskauer Startup macht derzeit international Schlagzeilen: Das Team von NTechlab um den 26-jährigen Artjom Kucharenko will die Privatsphäre im Internet abschaffen. Die Russen haben einen Gesichtserkennungsalgorithmus entwickelt, der alternative Verfahren um Längen schlägt.

Stellenmarkt
  1. ista International GmbH, Essen
  2. Deutsche Forschungsgemeinschaft e.V., Bonn

Der Dienst Findface von NTechlab ist eine Art Proof of Concept. Glaubt man den Entwicklern, reicht ein einziges Foto, aufgenommen in der U-Bahn oder auf der Straße, um mit Findface eine Person zu identifizieren. Nach ein paar Klicks landet man auf dem Profil der gesuchten Person auf dem russischen Facebook-Pendant VKontakte (vk.com).

Sicherheitsbehörden könnten Überwachungsbilder auswerten

Kucharenko und seine Mitstreiter nennen eine Erfolgsquote von 70 Prozent. Die App werde Onlinedating revolutionieren, sagt der NTechlab-Mitbegründer Alexander Kabakow: "Sie sehen jemanden, der Ihnen gefällt, machen ein Foto, finden seine Identität heraus und schicken eine Freundschaftsanfrage." Alternativ könne man etwa ein Foto einer bekannten Schauspielerin hochladen und VK-Profile von Frauen finden, die ihr ähnlich sehen.

Wer das bedenklich findet, wird von Kabakows Plänen nicht begeistert sein. Angeblich befindet sich seine Firma in Gesprächen mit russischen Sicherheitsbehörden, die mit Findface Bilder von Überwachungskameras auswerten wollen. Was bereits jetzt mit dem System möglich ist, haben die Frauenhasser vom russischen 4Chan-Verschnitt Dva.ch gezeigt: Sie haben Klarnamen und VK-Profile von nebenberuflichen Pornodarstellerinnen öffentlich gemacht, mit desaströsen Folgen für die Betroffenen.

Zweifellos kann Findface eine Gefahr sein. Doch ist der Algorithmus wirklich so präzise und zielgenau, wie es die Entwickler behaupten? Ich will es ausprobieren. Da ich in Moskau lebe, dürften wohl so einige VKontakte-Nutzer auf meinen Fotos zu finden sein. Ich füttere das Gesichtserkennungsprogramm mit einem Satz von mehreren Dutzend Bildern, geschossen beim Metro-Fahren, bei Demonstrationen, bei Lesungen oder auf Partys.

Manche sind sofort zu finden

Ich beginne mit dem Fall, bei dem ein Treffer meiner Ansicht nach am unwahrscheinlichsten ist: ein Porträtfoto einer älteren Dame, aufgenommen bei einer Demonstration. Die Frau trägt einen Hut und einen gelben Peace-Anstecker auf dem Revers. Sie ist doch bestimmt zu alt für VKontakte, oder? Von wegen: Die 68-Jährige finde ich sofort. Aber ist es wirklich die gesuchte Frau? Im Gespräch mit mir bei der Gedenkveranstaltung für den ermordeten Oppositionspolitiker Boris Nemzow klang die Dame hochpolitisch, auf ihrem Profil ist keine Spur davon zu sehen. Vielleicht ist das ihre Doppelgängerin?*

Ich mache weiter, diesmal mit Fotos von zwei Demonstranten um die 20. Findface erkennt zwei Gesichter, ich such erst nach dem Gesicht der jungen Frau. Findface zeigt mir zwölf VK-Nutzerinnen in Moskau an, die zwar alle der gesuchten Frau irgendwie ähnlich sehen. Sicher bin ich mir bei keinem der Profile.

Das VK-Profil ihres Begleiters hingegen finde ich sofort, es ist gleich der erste Vorschlag: Die roten Haare, das markante Kinn, das ist der gesuchte Mann. Zwei weitere Demoteilnehmer, mit denen ich gesprochen habe, finde ich ebenfalls sofort wieder: einen Fixie-Fahrer mit kurzen Haaren und eine dunkel geschminkte Brünette. Das Alter und die Jobbeschreibung stimmen, die Ähnlichkeit ist eindeutig.

Keine schlechte Statistik: von fünf Gesichtern drei eindeutige Treffer. Erhöhen wir den Schwierigkeitsgrad. Statt mit Porträtfotos probiere ich es jetzt mit Fotos mit eher zufällig ins Bild hineingeratenen Personen. Beim Fotografieren habe ich mich nicht auf ihre Gesichter, eher auf die Szene konzentriert: wie bei den zwei netten Damen, die sich während der Feierlichkeiten zum russischen Nationalfeiertag mit einem Mann im Bärenkostüm fotografieren lassen.

Revolutionär? Na ja

Eine von ihnen ist im Profil zu sehen, ihr Gesicht ignoriert Findface einfach. Bei der anderen bekomme ich fünf Vorschläge aus Moskau. Ist die gesuchte Frau dabei? Nun, sie könnte ja fünf Schwestern haben, die ihr verdammt ähnlich sehen. Mit einem anderen Testfoto verhält es sich ähnlich: ein älterer Mann, der sich neben einem Denkmal fotografieren lässt. Ich bekomme Dutzende Vorschläge: graue Haare, Sonnenbrillen, große Nasen. Vielleicht ist der Mann dabei, eindeutig lässt sich das nicht sagen.

Genau das ist das Problem von Findface: Die Anwendung mag revolutionär - und bedenklich - sein. Doch der Algorithmus fühlt sich trotz des Hypes nicht wie ein enormer Fortschritt an. Es ist eben nicht mehr als eine Gesichtserkennungsmethode, die unter Laborbedingungen etwas besser funktioniert als die Algorithmen der Mitbewerber. Füttert man das Programm mit Porträtfotos, werden die Entsprechungen aus der VKontakte-Nutzerdatenbank ziemlich oft gefunden, sofern sich die Nutzer auf ihren Profilbildern mit gut ausgeleuchteten Frontalansichten zeigen.

Bei Fotos, die ich aus einer größeren Entfernung geschossen habe, ist das Resultat meist eindeutig: "Keine Gesichter gefunden". Im Profil aufgenommene Gesichter werden gar nicht erst erkannt. Selbst mit Halb- und Dreiviertelprofilen hat Findface Schwierigkeiten, nicht anders als die Gesichtserkennung von Google Photos oder Apples Photo.app.

Dutzende Geheimratsecken

Wird ein Gesicht überhaupt erkannt, bekomme ich meistens 50 bis 100 Porträts präsentiert, die zwar eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Konterfei der gesuchten Person haben, mehr aber auch nicht. Natürlich kann ich mich durch Dutzende Kombinationen von Sonnenbrillen, Schnauzbärten, Geheimratsecken, Botox-Lippen oder Wuschelfrisuren klicken - doch oft bringt es gar nichts, die gesuchte Person ist nicht auffindbar.

Ich entschließe mich zu einem letzten Test. Ich gebe der Wunder-App mein eigenes VKontakte-Profilbild. Das Resultat: 77 Männer mit Hornbrillen, Bärten und krausen Haaren. Ein paar von ihnen könnten meine Cousins sein, andere haben mit mir nicht die geringste Ähnlichkeit. Ich selbst bleibe für Findface unsichtbar.

*Die beschriebenen Fotos und Suchergebnisse der App Findface liegen Golem.de vor, aus rechtlichen Gründen können wir sie jedoch leider nicht veröffentlichen.

In einem Pilotprojekt mit Narando vertonen wir in den kommenden Wochen zwei bis drei Golem.de-Artikel pro Woche. Die Texte werden nicht von Robotern, sondern von professionellen Sprechern vorgelesen. Über Feedback unserer Zuhörer freuen wir uns - im Forum oder an redaktion@golem.de.



Anzeige
Spiele-Angebote
  1. (-57%) 6,50€
  2. 2,99€
  3. 5,99€
  4. (-80%) 11,99€

Neuro-Chef 17. Okt 2016

Per E-Mail natürlich!

Tobias Claren 07. Jun 2016

Schön wärs. Google hat die Technik schon lange im Giftschrank. Für Google mag es sich...

Strassenflirt 06. Jun 2016

Strike! :-)

Füchslein 06. Jun 2016

Ja. Schon 2011 https://blogs.fu-berlin.de/?p=778 es wurde bei facebook auf Grund von...

mfeldt 03. Jun 2016

Aber sicher nicht per facebook. Da gibt es ja die Datenbank mit den biometrischen Fotos...


Folgen Sie uns
       


Asrock DeskMini A300 - Test

Der DeskMini A300 von Asrock ist ein Mini-PC mit weniger als zwei Litern Volumen. Der kleine Rechner basiert auf einer Platine mit Sockel AM4 und eignet sich daher für Raven-Ridge-Chips wie den Athlon 200GE oder den Ryzen 5 2400G.

Asrock DeskMini A300 - Test Video aufrufen
Sicherheitslücken: Zombieload in Intel-Prozessoren
Sicherheitslücken
Zombieload in Intel-Prozessoren

Forscher haben weitere Seitenkanalangriffe auf Intel-Prozessoren entdeckt, die sie Microarchitectural Data Sampling alias Zombieload nennen. Der Hersteller wusste davon und reagiert mit CPU-Revisionen. Apple rät dazu, Hyperthreading abzuschalten - was 40 Prozent Performance kosten kann.
Ein Bericht von Marc Sauter und Sebastian Grüner

  1. Open-Source Technology Summit Intel will moderne Firmware und Rust-VMM für Server
  2. Ice Lake plus Xe-GPGPU Intel erläutert 10-nm- und 7-nm-Zukunft
  3. GPU-Architektur Intels Xe beschleunigt Raytracing in Hardware

Oneplus 7 Pro im Hands on: Neue Konkurrenz für die Smartphone-Oberklasse
Oneplus 7 Pro im Hands on
Neue Konkurrenz für die Smartphone-Oberklasse

Parallel zum Oneplus 7 hat das chinesische Unternehmen Oneplus auch das besser ausgestattete Oneplus 7 Pro vorgestellt. Das Smartphone ist mit seiner Kamera mit drei Objektiven für alle Fotosituationen gewappnet und hat eine ausfahrbare Frontkamera - das hat aber seinen Preis.
Ein Hands on von Ingo Pakalski

  1. Oneplus Upgrade auf Android 9 für Oneplus 3 und 3T wird verteilt
  2. Smartphones Android-Q-Beta für Oneplus-7-Modelle veröffentlicht
  3. Oneplus 7 Pro im Test Spitzenplatz dank Dreifachkamera

Strom-Boje Mittelrhein: Schwimmende Kraftwerke liefern Strom aus dem Rhein
Strom-Boje Mittelrhein
Schwimmende Kraftwerke liefern Strom aus dem Rhein

Ein Unternehmen aus Bingen will die Strömung des Rheins nutzen, um elektrischen Strom zu gewinnen. Es installiert 16 schwimmende Kraftwerke in der Nähe des bekannten Loreley-Felsens.

  1. Speicherung von Überschussstrom Wasserstoff soll bei Engpässen helfen
  2. Energiewende DLR-Forscher bauen Kohlekraftwerke zu Stromspeichern um
  3. Erneuerbare Energien Wellenkraft als Konzentrat

    •  /