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Final Fantasy 15 im Test: Weltenrettung mit der Boyband des Wahnsinns

Sie reisen mit der Luxuslimousine statt auf Pferden oder Drachen, sehen aus wie die Backstreet Boys und hauen (fast) mehr blöde Sprüche raus als Gegner in Grund und Boden: Die vier Helden, die in Final Fantasy 15 eine Welt retten sollen.
/ Peter Steinlechner
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Artwork von Final Fantasy 15 (Bild: Square Enix)
Artwork von Final Fantasy 15 Bild: Square Enix

Es war einmal ein weiser alter König, der entsandte seinen Erstgeborenen mit drei treuen Begleitern auf eine Reise, auf dass er heirate eine holde Prinzessin. Nur leider: Nach ein paar Kilometern gab's eine Autopanne, und mit dem Smartphone war niemand in der Werkstatt erreichen. So beginnt Final Fantasy 15 - und zwar tatsächlich damit, dass wir als Prinz Noctis mit unseren Kumpels Gladiolus, Ignis und Prompto die hoheitliche Luxuslimousine zur nächsten Raststätte schieben.

Final Fantasy 15 - Fazit
Final Fantasy 15 - Fazit (02:36)

Das Ganze ist ein erster von vielen absurden Augenblicken im jüngsten Teil der Kultserie von Square Enix(öffnet im neuen Fenster) . Gerade hat sich Noctis von seinem sagenhaft reichen und megamächtigen Märchenkönig-Papa getrennt. Nun steht er mit seinen Kumpels - alle im schwarzen Poser-Outfit - in der Wüste und kommt kaum voran. Natürlich ergeben sich dann recht schnell neue Möglichkeiten: Während des Wartens auf die Autoreparatur können wir mit dem Quartett bei einer ersten Mission nebenher ein bisschen Kleingeld verdienen.

Wenig später geht es dann richtig los mit der Haupthandlung. Insomnia, die Heimatstadt von Prinz Noctis, wird von der imperialen Armee besetzt - den Erzfeinden. Der König wird trotz seiner Superkräfte offenbar getötet, wir als Thronerbe stecken auf unserer Reise fest. Nach und nach entspinnt sich eine dramatisch-pompöse erzählte Handlung um den Streit zwischen Gut und Böse. Ein wichtiger Strang dieser Story ist die Suche nach 13 Königswaffen, die in alten Gräbern auf ihre Erweckung warten. Mehr wollen wir hier nicht über den Verlauf der serientypisch verwickelt-interessanten Geschichte verraten.

Prinz Noctis und seine Freunde haben trotz des Umsturzes in der Heimat sowieso erst mal andere Pläne. Das Auto ist repariert - also wollen sie eine nahegelegene Chocobo-Farm besichtigen und auf Fotosafari gehen. Das ist kein Witz, bei allen Schicksalsschlägen gehen die vier mit einer Unbekümmertheit ans Werk, die uns stellenweise schier die Sprache verschlägt. Allerdings auch nur uns: Das Spiel bietet als erstes Final Fantasy durchgehend auch deutsche Sprachausgabe - und das nicht zu knapp.

Noctis, Gladiolus, Ignis und Prompto sind fast immer am Quasseln. Mal kreischt einer der Kumpels, dass er "was zu Spachteln" braucht oder Müde ist. Dann wieder reißen sie Witze über die "Wunder" der Welt und "wunde Füße", oder dass Noctis einen Gegner "ausgeknockt" hat. Ein Teil der Unterhaltungen gehört zur Story und liefert Hinweise, ein anderer ist Hintergrundrauschen. Das alles ist zwar in Sachen Text und Sprecher gut gemacht, kann aber wegen der völlig überzogen guten Laune auch im unpassendsten Moment und wegen vieler Wiederholungen ganz schön nerven.

Das Team gut im Griff

Davon abgesehen hat das Entwicklerstudio Squre Enix die Steuerung des Teams sehr gut gelöst. Wir haben nur über Prinz Noctis direkte Kontrolle, um die anderen kümmert sich auch in den Kämpfen weitgehend das Programm. Wir können unseren Freunden immerhin Heiltränke oder ähnliche Ausrüstungsgegenstände reichen, und einfache Befehle erteilen - beides ist aber in den späteren Gefechten, wenn wir es mit immer mehr feindlicher Magie und mit Resistenzen zu tun bekommen, enorm wichtig. Klasse ist auch, dass der Talentbaum automatisch zwischen dem Gesamtteam und einzelnen Mitgliedern unterscheidet.

Das Kampfsystem unterscheidet sich deutlich vom (mehrteiligen) Vorgänger. Schon im längeren Tutorial von Teil 15 lernen wir, dass Noctis sich mit Druck auf einen Knopf verteidigt. Wir müssen nur eine Taste gedrückt halten, schon weicht er automatisch den feindlichen Hieben aus. Mit einer anderen Taste schlägt er selbstständig zu - in vielen Schlachten mit Standardfeinden reicht es völlig aus, die entsprechende Taste gedrückt zu halten, den Rest macht das Programm.

Prinz Noctis kann den Warp

Wenn wir schneller und effektiver kämpfen wollen, oder es mit einem der unzähligen Oberbosse zu tun haben, wird die Sache anspruchsvoller. Zum einen müssen wir ähnlich wie in den Vorgängern auf Magie, spezielle Extras und sehr viele weitere Besonderheiten achten - Final Fantasy 15 ist hier nur minimal weniger kompliziert als frühere Serienteile.

Final Fantasy 15 - Trailer (Alles Wissenswerte)
Final Fantasy 15 - Trailer (Alles Wissenswerte) (08:48)

Zum anderen spielt die Spezialfähigkeit von Noctis dann eine große Rolle. Der Prinz kann nämlich "warpen": Etwas vereinfacht gesagt, schleudert er sein Schwert zum ausgewählten Feind, teleportiert sich im gleichen Moment hinterher und schlägt deshalb besonders kräftig zu.

Als Noctis können wir uns nicht nur zu Gegnern warpen, sondern auch auf festgelegte Punkte am Rande des Kampfgebiets, etwa an die Spitze einer Felswand. Dort kann sich Noctis einen Überblick verschaffen und seine Gesundheits- und Manapunkte regenerieren. Vor allem aber sieht es ziemlich beeindruckend aus, wenn seine königliche Hoheit wie ein Blitz durchs Getümmel oder in die Luft saust - optisch macht der Effekt ziemlich viel her.

Das mit der Übersicht ist trotzdem so eine Sache: In Final Fantasy 15 gibt es ziemlich viele Schlachten mit vielen Teilnehmern, in denen Freund und Feind nicht besonders gut auseinanderzuhalten sind - ein Punkt, der uns langfristig wirklich gestört hat. Wir raten auch deshalb sehr dazu, sofort nach Spielstart in den Optionen die Kampfvorgabe "Echtzeit" in "Warten" umzustellen. Dann pausiert das Spiel, solange wir keine Aktion durchführen, was wir als wesentlich angenehmer empfunden haben.

Einen Teil der Kämpfe absolvieren wir in Einsätzen, die mehr oder weniger zur Story gehören. Es gibt in Final Fantasy 15 aber auch mehr Open-World-Ansätze und damit verbunden Quests, die wir freiwillig absolvieren können. Bei Passanten, Händlern und anderen NPCs bekommen wir Aufgaben, die dann mit einer Beschreibung in unserem Journal landen.

Töte sieben Kobolde

Während viele Hauptmissionen aufwendig in Szene gesetzt sind, erinnern die Nebenquests recht deutlich an Standardaufgaben etwa in World of Warcraft: Töte sieben Kobolde, hole ein verlorenes Amulett, mache auf zwei Aussichtsplattformen ein Foto, verteidige einen Bauern und ähnliches. Die Kampfstärke der Monster passt sich übrigens nicht unserem jeweiligen Level an. Das bedeutet unter anderem: Wenn wir für eine Hauptmission etwa Level 20 benötigen (das wird im Journal angezeigt), wir aber erst Level 15 haben, sollten wir uns besser erst noch Erfahrungspunkte sammeln.

Die offene Welt bietet immerhin viele Entdeckungen: Wir kommen durch europäisch anmutende Wälder, streifen durch Wüsten und durch Sümpfe. Es gibt mehrere Städte, die an Metropolen wie Havanna oder Venedig erinnern - und die übrigens zwar groß aussehen, aber gar nicht so wahnsinnig viel zum Entdecken bieten.

Die teils großen Entfernungen zwischen Auftraggeber und Einsatzort bewältigen wir auf dem Rücken von Chocobos, vor allem aber in unserer Staatskarosse. Das wirkt oft ganz schön seltsam: Weil nachts ultraböse Monster auf den Straßen und in der Wildnis lauern, übernachten wir zumindest anfangs in Hotels oder Wohnwägen. Nach dem Aufstehen sagen die vier Weltenretter erstmal ganz brav "Guten Morgen" zueinander.

Verfügbarkeit und Fazit

Dann laufen wir mit ihnen zu unserem Auto und fahren wie eine handelsübliche Fahrgemeinschaft bei Radiogedudel ein paar Kilometer zur "Arbeit". Solche merkwürdigen Unstimmigkeiten, die nicht recht zur Welt und den dramatischen Ereignissen passen, sind in Final Fantasy 15 leider gar nicht so selten.

Final Fantasy 15 - Trailer (Omen)
Final Fantasy 15 - Trailer (Omen) (04:22)

Den Wagen können wir übrigens selbst ein bisschen steuern: Wir dürfen Gas geben und ein paar Meter nach links oder rechts ausweichen, aber nicht wirklich vom Kurs abkommen und etwa übers Gelände brettern. Nettes Detail: Wenn es anfängt zu regnen, schließt sich das Verdeck des Cabrios automatisch - und wenn dann wieder die Sonne scheint, wird es in einer schicken Animation wieder geöffnet.

Neben den gelegentlichen Wetterwechseln gibt es in Final Fantasy 15 auch einen fließenden Übergang zwischen Tag und Nacht - wie viel Uhr es ist, zeigt immer eine kleine Markierung neben der Übersichtskarte. Allzu stimmungsvoll sehen etwa die Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge allerdings nicht aus, und auch sonst macht die Grafik einen hoffnungslos veralteten Eindruck: Die vielen Texturen wirken matschig und Umgebungen detailarm. Gesichter und Frisuren wirken steif, Animationen wie in Spielen auf der Vorgänger-Konsolengeneration, bei Schatten und ähnlichen Effekten gibt es teils recht massive Darstellungsfehler.

Final Fantasy 15 erscheint am 29. November 2016 für Playstation 4 und Xbox One. Der Preis liegt bei rund 65 Euro, eine PC-Version ist momentan nicht geplant. Neben der deutschen Version befinden sich auf den Datenträgern auch Bildschirmtexte in zehn weiteren Sprachen sowie Sprachausgabe in Französisch, Englisch und Japanisch. Speicherstände kann der Spieler außerhalb von Kämpfen jederzeit selbst anlegen. Ein Day-One-Update mit einer Größe von rund 8 GByte steht für beide Plattformen zur Verfügung. Einen Mehrspielermodus gibt es nicht. Die USK hat dem Titel eine Freigabe ab 12 Jahren erteilt.

Fazit

Wer Rollenspiele düster und dramatisch mag, wird Final Fantasy 15 durchleiden: Die Abenteuer von Noctis und seiner Boygroup sind vor allem anfangs eine Abfolge von nur halbkomischem Haudrauf-Humor und einigen echten Fremdschämmomenten. Papa ist tot, unser Königreich vom Erzfeind besetzt? Egal, Prinz Lustig und seine Kumpels gehen erst mal auf Fotosafari! Erst nach und nach kommen die bewährten Zutaten ins Spiel, die wir als Fan der Serie so lieben: mysteriöse Fremde und Feinde, herausfordernde Bosskämpfe und epische Gänsehautmomente.

Das neue Kampfsystem gefällt uns ganz gut. Die Gefechte in Final Fantasy 15 wirken effektvoll und machen Laune, die taktischen Möglichkeiten werden im Verlauf der Kampagne und mit zunehmendem Schwierigkeitsgrad sinnvoll erweitert. Allerdings fehlt bei Auseinandersetzungen mit größeren Gegnermassen die Übersicht - das war in den Vorgängern besser. Wer außerdem beim Freischalten von Skills keine groben Fehler macht, muss in vielen Standardkämpfen nur die Angriffstaste gedrückt halten, was rasch ein wenig öde wird.

Richtig gut geworden ist die Teamverwaltung. Das gilt sowohl in den Kämpfen als auch in den Talentbäumen und im Inventar. Nie zuvor war es in einem Final Fantasy so einfach, eine ganze Gruppe mit Befehlen und Anweisungen, aber auch mit Skills und Ausrüstung zu versorgen. Trotzdem müssen wir nicht auf Komplexität verzichten - hier können sich andere Spiele etwas abschauen.

Unterm Strich gefällt uns Final Fantasy 15 selbst angesichts der Gaga-Momente etwas besser als die sperrigen direkten Vorgänger. Das erhoffte Meisterwerkt ist dieser Serienteil unserer Meinung nach aber nicht geworden. Fans greifen natürlich trotzdem zu und bekommen dann erneut ein spannendes Abenteuer. Einsteiger müssen sich trotz ein paar sinnvoller Vereinfachungen auf eine längere Einarbeitungszeit einstellen.


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