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Filmkritik Hidden Figures: Verneigung vor den Computern in Röcken

Hollywood-Filme über die Nasa -Historie müssen nicht immer von Männern in Raumanzügen handeln. Hidden Figures erzählt mit großartigen Darstellern und heiterer Leichtigkeit die nicht ganz so wahre Geschichte dreier Heldinnen, die mit Mut und Mathematik das Weltraumrennen zwischen Russland und den USA mitentschieden haben.
/ Daniel Pook
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Die Hauptdarstellerinnen von Hidden Figures mit Kevin Kostner (Bild: Wikipedia)
Die Hauptdarstellerinnen von Hidden Figures mit Kevin Kostner Bild: Wikipedia / gemeinfrei

Anfang der 1960er Jahre herrscht Krisenstimmung bei der Nasa. Während Kosmonaut Juri Gagarin längst die Erde umrundet, verzweifeln US-Wissenschaftler an Formeln und Konstruktionen für ihren ersten bemannten Orbitalflug. Dorothy Vaughan (Octavia Spencer), Katherine Johnson (Taraji P. Henson) und Mary Jackson (Janelle Monáe) mühen sich zu diesem Zeitpunkt als menschliche Taschenrechner an vorgegebenen Kalkulationen ab. Räumlich getrennt von ihren weißen Kolleginnen und ohne reelle Aufstiegschancen; dafür sorgt die staatlich verordnete Rassentrennung. Bis die Nasa immer mehr unter politischen Druck gerät und verzweifelt nach spezialisierten Fachkräften in den eigenen Reihen sucht – und die drei ihre Chance bekommen.

Hidden Figures – Trailer
Hidden Figures – Trailer (03:21)

Regisseur Theodore Melfi zeigt seine Protagonistinnen im ständigen Konflikt mit Rassismus und Ablehnung von Frauen in technischen Berufen. Dabei ist es nicht wichtig, dass Hidden Figures sich ziemlich weit von den wahren Biografien entfernt. Seine Handlung steht stellvertretend für die Gesamtgeschichte afroamerikanischer Frauen in der Anfangszeit der Nasa. Katherine Johnson, Dorothy Vaughan und Mary Jackson durchleben hier symbolisch die Tiefschläge, letztendlich aber auch den inspirierenden Triumph gleich mehrerer Generationen unerkannter Heldinnen auf einen für Zuschauer spannenden Zeitraum komprimiert.

Dabei schafft es Melfi, ohne den dramatischen, traurigen Ton auszukommen, in dem Hollywood-Produktionen üblicherweise von realen Begebenheiten inspirierte Stoffe erzählen – erst recht, wenn ein Film zur Oscar-Saison kommt. Hidden Figures schlägt genau die entgegengesetzte Richtung ein. Heitere Songs von Pharrell Williams, dazu viel Humor und die sympathischen Hauptfiguren, die jeder Demütigung einen bewundernswerten Triumph folgen lassen. Der Mut zum Feel-Good-Movie wurde mit mehreren Academy-Award-Nominierungen belohnt, darunter für das beste adaptierte Drehbuch und in der wichtigsten Kategorie als bester Film.

Die unterschätzten Frauen hinter John Glenns Erfolg

In ihrer Not beordert die Nasa die schon als Kind hochbegabte Katherine Johnson direkt zum Kernteam des Mercury-Programms. Dort soll sie "hinter die Zahlen" schauen und Lösungen für Probleme finden, die sich mit bekannter Mathematik nicht bewältigen lassen. Mary Jackson leistet derweil als Assistentin am Langley Research Center wichtige Beiträge zur aeronautischen Konstruktion von Raumkapseln. Dorothy Vaughan bleibt bei den "Human Computers", so damals übrigens tatsächlich die offizielle Berufsbezeichnung. In Eigeninitiative bringt sie sich selbst und den dunkelhäutigen Mitarbeiterinnen ihrer Abteilung die Programmierung der damals noch mit Lochkarten gefütterten IBM-Computer bei, mit denen das restliche Nasa-Personal komplett überfordert ist.

Dass Astronaut John Glenn die mehrfache Erdumkreisung letztendlich gelingt und sich das Space Race von da an zugunsten Amerikas wendet, ist Allgemeinwissen. Wie groß Vaughans, Jacksons und Johnsons Rollen dabei waren und welch erschwerte Bedingungen ihnen als dunkelhäutige Frauen bei der Nasa begegnet sind, wird vielen Kinobesuchern dagegen neu sein. Beides erzählt Hidden Figures zwar spannend, aber auch mit jeder Menge Fiktion und Neuanordnung historischer Begebenheiten.

Du bist hier nicht erwünscht

Wer die Hintergründe des Films recherchiert, stellt schnell fest, dass Segregation bei der Nasa in den Jahren unmittelbar vor dem Civil Rights Act 1964 bereits keine allgegenwärtige Rolle mehr spielte. Katherine Johnson selbst hat in Interviews geschildert, sie habe innerhalb der Space Task Group kaum etwas von der Rassentrennung mitbekommen, die ihr sonst im Alltag noch häufig im Wege stand, und sei von ihren Kollegen ganz normal behandelt worden. Nach Hautfarben unterteilte Badezimmer habe es zwar gegeben, sie habe sich aber einfach nicht daran gehalten und dadurch trotzdem nie Probleme bekommen. Dass es die Trennung überhaupt noch gab, lag an staatlichen Vorgaben.

Im Film sieht das ganz anders aus. Toiletten für Dunkelhäutige gibt es nur am anderen Ende der Forschungsanlage, was Katherine Johnson täglich 40 Minuten Arbeitszeit für ihre Notdurft kostet. Die Kaffeemaschine der weißen Mitarbeiter ist für sie tabu, wichtige Passagen ihrer Unterlagen werden als Schikane geschwärzt. Die Nachricht ihrer durchweg männlichen Kollegen ist klar: Du bist hier geduldet, nicht erwünscht.

Anhand der Nebenfiguren lässt sich der erzählerische Ansatz von Melfi und seiner Co-Autorin Allison Schroeder besonders gut erkennen. Kirsten Dunst spielt mit stets herrlich genervtem Blick die empathielose Vorgesetzte von Dorothy Vaughan und Jim Parsons den unwilligen Arbeitskollegen Mary Jacksons. Beide hat es in Wirklichkeit nicht gegeben. Sie spiegeln im Film klar überzeichnet verschiedene Typen vorurteilsgeprägter, weißer Amerikaner wider, die sich in ihrem unfairen Verhalten vom Staat legitimiert sahen und jeden Versuch einer Minderheit, ihre Situation zu verbessern, als Nachteil für sich selbst empfanden.

Auch der trotz aller Autorität mit viel Gefühl von Kevin Costner gespielte Nasa-Direktor Al Harrison ist eine fiktive Kreation, lose basierend auf gleich mehreren echten Personen. Er stellt als Entscheider mit Ambition und Weitblick den Gegenentwurf zu Kirsten Dunsts Rolle und damit die eigentliche moralische Instanz des Films dar. Menschen beurteilt er aufgrund ihres Fleißes und ihrer Fähigkeiten. Er reißt wortwörtlich dort Mauern ein, wo unsinnige Regeln gegen Einzelne den Fortschritt für das große Ganze einschränken. Es ging dem Drehbuchteam also weniger darum, echte Menschen zu zeigen als darum, mit den unterschiedlichen Rollen gesellschaftliche Positionen der damaligen Zeit abzubilden und darzustellen, wie sich diese dank gemeinsamer Ziele zum Guten haben verändern lassen.

Fiktion mit wahrem Kern

Diese Konzentration auf eine ethische Thematik zu Lasten historischer Genauigkeit ist durchaus legitim, auch weil der Film auf diese Art rundum gelungen ist. Da Hidden Figures aber mit dem Ansatz beworben wird, die wahre Geschichte der drei Hauptpersonen zu zeigen, werden viele Zuschauer gar nicht ahnen, wie verzerrt deren Biografien und auch der Zustand der Nasa zu diesem Zeitpunkt wiedergegeben werden. Zumal Theodore Melfi weit über das hinaus geht, was wir an dramaturgischen Eingriffen von biografischen Verfilmungen gewohnt sind.

Dass die Hauptfiguren im echten Leben wohl auch gar keine besten Freundinnen waren, ist noch die kleinste Abweichung von den Tatsachen. Es lohnt in diesem Fall ganz besonders, die gleichnamige Buchvorlage Hidden Figures von Margot Lee Shetterly heranzuziehen. Sie ist mehr Faktensammlung und Erzählung von Zeitzeugen als fiktive Geschichte. Der Kinofilm ist keine direkte Umsetzung des Buches, das bei Drehbeginn noch gar nicht fertiggeschrieben war. Das Script zur Adaption entstand auf Basis von Shetterlys umfangreichen Recherchen und ihrer allerersten Kurzfassung. Schon vorher sind die Computerfrauen der Nasa nachträglich, wenn auch reichlich spät, in der Öffentlichkeit hervorgehoben worden. So erhielt Katherine Johnson(öffnet im neuen Fenster) 2015 die Presidential Medal of Freedom vom damaligen US-Präsidenten Barack Obama verliehen und im Mai 2016 wurde in Virginia die "Katherine G. Johnson Computational Research Facility" feierlich eröffnet. Mit Informationsvideos(öffnet im neuen Fenster) und der Website Women@Nasa(öffnet im neuen Fenster) liefert die Raumfahrtbehörde mittlerweile reichlich Hintergründe über die viel zu lange in den Geschichtsbüchern ausgelassenen "Computer in Röcken" aus Langley.

Stimmige Kulissen, ordentliche Weltraumszenen

Gute Filme über bedeutende Ereignisse der Raumfahrt gibt es – abgesehen von Dokumentationen – gar nicht so viele. Spontan fallen uns bloß Apollo 13 und Der Stoff aus dem die Helden sind ein. Hidden Figures repräsentiert einen ganz anderen Teil bisher noch nicht im Kino beleuchteter Nasa-Geschichte, dessen Wahrheit weniger von einer genauen Nacherzählung abhängt. Der Story-Anteil des Mercury-Programms selbst ist trotzdem immer noch groß genug, um Hidden Figures neben genannten Genrevertretern als vollwertigen Raumfahrtfilm einzuordnen.

Bei einem geschätzten Budget von 25 Millionen US-Dollar dürfen Zuschauer selbstverständlich nicht die ausgiebige Inszenierung eines Apollo 13 erwarten. Computeranimierte Szenen von Weltraumflügen und Satellitenstarts sehen ordentlich, jedoch nie wirklich realistisch aus. Für den Fortgang der Handlung erfüllen die wenigen CGI-Effekte alles in allem ihren Zweck.

Die 60er-Jahre-Nachbildungen von Nasa-Einrichtungen und anderen Orten überzeugen mit detailgetreuer Gestaltung umso mehr. Hier macht sich die enge Zusammenarbeit mit der US-Raumfahrtbehörde bemerkbar. Auf technische und mathematische Zusammenhänge geht der Film nur wenig ein, wenn, dann erschienen sie uns aber immerhin korrekt.

Starke Frauen, starke Besetzung

Begeistert sind wir von der starken Besetzung. Taraji P. Henson, Octavia Spencer und Janelle Monaé tragen in den Hauptrollen viel dazu bei, dass Hidden Figures ein Film mit Herz und Seele ist. Sie schaffen es, starke Frauenbilder auf der Leinwand zu zeigen, die auch in schweren Momenten ihren Stolz nicht verlieren und ihren kleingeistigen Gegenübern stets durch Intellekt und stoische Beharrlichkeit überlegen sind. Spencer hat dafür inzwischen sogar vollkommen verdient ihre zweite Oscar-Nomination erhalten.

Schmunzeln mussten wir des öfteren, weil Jim Parsons Figur im Film nicht nur optisch an seine Rolle als Dr. Sheldon Cooper in The Big Bang Theory erinnert, sondern auch durch sein ähnlich soziopathisches Verhalten auffällt.

Spaß statt erhobenem Zeigefinger

Die Botschaft des Films, dass Fortschritt für den Einzelnen meist auch Fortschritt für alle bedeutet, ist heute genauso wichtig wie sie damals beim Mercury-Programm war. Wir können nicht darauf vertrauen, dass die nächsten unerkannten Helden oder Heldinnen von alleine die Chance bekommen, ihren vielleicht entscheidenden Beitrag für eine bessere Zukunft zu leisten, ohne dass wir ihnen ungeachtet von Hautfarbe, Geschlecht oder Herkunft die Chance dazu geben. Dass diese Botschaft nicht moralinsauer, sondern leicht und heiter überbracht wird, macht Hidden Figures zu einem besonders empfehlenswerten Film.

Hidden Figures macht viel Spaß, auch wenn die zugrundeliegende Thematik das gar nicht erwarten lässt. Es geht hier nicht darum zu zeigen, wie ungerecht die Zeiten einmal waren, sondern wie gut es sich anfühlen kann, wenn Menschen in solchen Zeiten mit Intelligenz und unbeirrbarem Willen Veränderung bewirken.

Hidden Figures kommt am 2. Februar 2017 in die deutschen Kinos.


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