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Filmkritik Ghost in the Shell: Wenig Geist in schöner Hülle

Ehe Blade Runner fortgesetzt und Matrix ganz neu aufgelegt wird, bedient sich Hollywood der Zukunftsvision eines Manga- und Anime-Meilensteins. Warum Ghost in the Shell Kultstatus genießt, kann die Realumsetzung trotz fantasievoller Bilder aber nicht vermitteln.
/ Daniel Pook
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Filmposter von Ghost in the Shell (Bild: Paramount Pictures)
Filmposter von Ghost in the Shell Bild: Paramount Pictures

Wie viel echten Körper brauchen wir in Zukunft, um überhaupt noch als Mensch durchzugehen? Im fiktiven 21. Jahrhundert des Films Ghost in the Shell reicht dafür schon ein sogenanntes Cyberbrain. Die Hightech-Aufbewahrungskapsel für das ursprüngliche Gehirn des Nutzers bewahrt dessen Seele und verbindet ihn mit einem komplett mechanischen Körper, zahlreiche physische Verbesserungen und Direktanschluss ins Internet inklusive.

Major (Scarlett Johansson) ist das erste geglückte Experiment dieser Art, nachdem sie Opfer eines Anschlags wurde, der normalerweise ihren Tod bedeutet hätte. Als wesentlich agilere Variante von Robocop kämpft sie fortan mit der Spezialeinheit Section 9 gegen Cyberterroristen. Dabei wird sie auf der Jagd nach einem besonders gefährlichen Gedankenhacker mit rätselhaften Erinnerungsglitches konfrontiert und beginnt, nicht nur ihre Menschlichkeit, sondern bald auch die Umstände ihrer Wiedergeburt infrage zu stellen. Was schon in Kurzform nach Genre-Standardkost klingt, kommt auch auf den ganzen Film gesehen nicht über dieses Niveau hinaus und ist dazu noch viel zu vorhersehbar.

Ghost in the Shell – Trailer 2
Ghost in the Shell – Trailer 2 (02:16)

Das liegt auch daran, dass sich die Adaption von Regisseur Rupert Sanders (Snow White and the Huntsman) keiner Geschichte aus dem bestehenden Ghost-in-the-Shell-Kanon bedient und nur einzelne Szenen visuell nachgestellt in verändertem Kontext zeigt. Grundsätzlich wäre dies nicht schlimm, da selbst die zahlreichen Anime-Filme in Ton und Handlung von den ursprünglichen Manga-Comics abweichen und auch untereinander keine konsistente Handlung aufbauen.

Nichtsdestotrotz hätten die Drehbuchautoren auf Basis der Vorlagen jede Menge interessantere, wesentlich tiefgründigere Handlungsstränge aufgreifen können. Allen voran die wohl bekannteste und im aktuellen Film gänzlich ignorierte Storyline rund um den Puppetmaster, mit der die erste Animationsverfilmung 1995 bereits erfolgreich die Essenz von Ghost in the Shell in bewegte Bilder übersetzt hat. Über eine inhaltlich unveränderte Nacherzählung dieser auch heute noch mehr als relevanten Geschichte hätten sich mit Sicherheit weder Fans noch neue Zuschauer beschwert.

Fische im Großstadtdschungel

Ridley Scotts Blade Runner gilt neben verschiedener Literatur als eine der Inspirationen für Masamune Shirows ersten Ghost-in-the-Shell-Manga von 1989. Dementsprechend erinnert die Zukunftsvision einer fiktiven Metropole im Realfilm nicht nur zufällig an die legendäre Großstadtkulisse des Sci-Fi-Klassikers von 1982. Der Look von Ghost in the Shell wirkt trotzdem frisch, da das Gesamtbild hier heller und bunter, dazu noch mit genügend eigenen Ideen angereichert ist. Hologramme sehen hier plastischer aus, so dass überdimensionale Fische wirklich durch die Straßen zu schweben und riesige Menschen hinter Wolkenkratzern hervorzuragen scheinen.

Von fliegenden Autos, Laserkanonen oder gar Raumschiffen ist dagegen nichts zu sehen und auch sonst zeigt Ghost in the Shell eine interessante Hybridversion teilweise sehr naher, teils sehr weit entfernter Zukunft. Roboter-Geishas und technisch modifizierte Menschen sind Normalität, Kleinkinder laden sich in kürzester Zeit Fremdsprachen aus dem Netz direkt ins Gehirn und Major greift oft und gerne auf ihre Ganzkörpertarnvorrichtung zurück – mit solchen Spielereien unterhält die Cyberpunk-Welt von Rupert Sanders' Adaption vor allem in der ersten Filmhälfte, bevor sie zum Ende hin, auch was die Schauwerte angeht, merkbar abflacht und mit dem Finale dann nicht mehr recht zu begeistern weiß.

Das Highlight sehen wir sowieso ganz zu Beginn. Die Entstehung von Majors künstlichem Körper, der im US-Film nicht mehr ansatzweise so nackt aussieht wie es oft in den japanischen Versionen den Anschein hat, ist eine der wenigen direkt aus einer Anime-Vorlage nachgestellten Szenen, die dem Zuschauer ein Gefühl von Hightech-Poesie rüberbringt. Atmosphäre und Eleganz fehlen dieser Fassung von Ghost in the Shell nämlich ansonsten, da die an sich guten visuellen Effekte und Kostüme, eigentlich die ganze Ästhetik des Films zu glatt und sauber rüberkommt. Schön durchaus, aber es fehlt die dichte Stimmung, die ein eingangs erwähnter Blade Runner und auch die Deus-Ex -Videospiele, als eigentlich auch inhaltlich bessere westliche Umsetzungen von Ghost in the Shell, eben doch weit voraushaben.

Major mit Cosplayer-Perücke

Die Besetzung von Scarlett Johansson als Hauptfigur Motoko Kusanagi, im neuen Film ausschließlich bei ihrem Rang "Major" genannt, muss man vor dem Hintergrund der online geführten Whitewashing(öffnet im neuen Fenster) -Debatte natürlich nicht gut finden – auch wenn die Hintergründe für ihre Besetzung wahrscheinlich mehr mit ihrer Popularität an den Kinokassen(öffnet im neuen Fenster) als mit rassistisch motivierten Tendenzen Hollywoods gegenüber asiatischen Darstellern zu tun hat.

Uns hat ganz ungeachtet dessen jedoch einfach die schauspielerische Leistung nicht gefallen. Obwohl Johansson in einer ganz ähnlichen Rolle als empathielose Außerirdische im Indie-Meisterwerk Under the Skin brilliert hat, sind wir mit ihrer Interpretation von Major ganz und gar nicht warm geworden. Dass ihre Frisur die meiste Zeit wie eine Cosplayer-Perücke aussieht und sie von Natur aus nicht das markante, eher hagere Gesicht der Motoko aus den Animes hat, dafür kann sie nichts.

Dass wir ihr den an sich selbst zweifelnden Menschen im Roboterkörper nicht abgenommen haben, schon eher. Viel zu oft wirkt ihr Major wie eine bockig dreinblickende Teenagerin, es fehlen die Nuancen, damit wir die schwelende Transzendenz ihres Bewusstseins glaubhaft wahrnehmen können. Voll und ganz überzeugt hat sie uns nur in den sehenswert in Szene gesetzten Actionsequenzen, deren Stunts sie größtenteils mit viel Körpereinsatz selbst durchgeführt hat. Von denen gibt es übrigens gar nicht so viele, wie die Trailer vorab vermuten ließen, und der ganz große Wow-Faktor á la Matrix (deren Schöpfer wiederum stark vom japanischen Ghost in the Shell beeinflusst wurden) bleibt hier trotz cooler Momente und viel dynamischen Zeitlupeneinsatzes in der Kürze aus.

Ghost in the Shell – Making-of
Ghost in the Shell – Making-of (09:00)


Nett anzusehen, aber kaum Grips in der Maschine

Wer ohne zu große Erwartungen ins Kino geht, wird von Ghost in the Shell sicherlich ganz gut unterhalten, den Film aber auch schnell wieder vergessen. Die futuristischen Kulissen sind nett anzusehen, die Story ist immerhin nicht so konfus und langweilig wie zuletzt etwa beim Assassin's-Creed-Film und im besten Fall finden die viel empfehlenswerteren Mangas und ihre Anime-Umsetzungen auf diesem Wege ein paar neue Zuschauer beziehungsweise Leser. Wenigstens den ersten Trickfilm von 1995 sollte jeder Sci-Fi-interessierte Cineast ohnehin einmal gesehen haben.

Ghost in the Shell (1995) – Trailer
Ghost in the Shell (1995) – Trailer (01:34)

Fans der japanischen Vorlagen werden eher verärgert darüber sein, dass sie in der Hollywoodversion weder Hauptfigur Major noch die erzählerischen Stärken von Ghost in the Shell wiedererkennen. Schon die Tatsache, dass erst ganz zum Schluss beim Abspann ein Titel des ikonischen Originalsoundtracks gespielt wird, kostet jede Menge Atmosphäre- und auch Sympathiepunkte. Dass einzelne Szenen aus dem ursprünglichen Zusammenhang gerissen, dann doch beinahe kopiert und das künstlerische Design zumindest visuell nahe an die Animes angelehnt wurde, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es dieser Real-Adaption auch im Gegensatz zu vielen anderen Filmen (Ex Machina, A.I., Blade Runner, HBOs Westworld) und Videospielen (allen voran die Deus-Ex-Reihe) mit Roboter- und K.I.-Thematik an Geist oder eher gesagt Grips in seiner Maschine fehlt.

Ghost in the Shell startet heute, am 30. März 2017, weltweit in den Kinos. Der Film hat in Deutschland eine Altersfreigabe ab 16 Jahren erhalten.


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