Filmkritik Auslöschung: Wenn die Erde außerirdisch wird

Spoilerwarnung: Wir haben uns im Artikel bemüht, so wenig wie möglich von der Handlung des Films preiszugeben und insbesondere das Ende nicht zu verraten. Grundlegende Motive des Films und die aus Trailern bekannte Ausgangslage sprechen wir dagegen im üblichen Rahmen einer Filmkritik an.
Was Alexander Garland bisher im Science-Fiction-Genre angefasst hat, war mehr als nur gute Kinounterhaltung: Für Danny Boyles Sunshine schrieb er das Drehbuch, bei Ex Machina führte er erstmals selbst Regie. Beide Male nahm er sich Zukunftsszenarien an, die uns Menschen existenziell bedrohen und vor allem an uns selbst scheitern lassen könnten. In seinem neuen Film Auslöschung ist das eine Art Krebserkrankung aus dem All, die unsere Erde befällt. Dass diese Ausgangslage zu spannender Science-Fiction taugt, hat schon Jeff VanderMeers erfolgreiche Buchvorlage bewiesen. Garlands Adaption erinnert nur entfernt an das Original, ist aber genauso faszinierend. Noch beeindruckender wäre sie geworden, wenn Garland der Versuchung widerstanden hätte, alles zu erklären und die Protagonisten auf den Selbstfindungstrip zu schicken.

Der Schimmer sieht ein wenig so aus, als liefe ein Gemisch aus Seifenblasenlotion und Ölfarbe eine Glaswand herunter. Er ist eine halbdurchsichtige Barriere, die sich um ein Küstengebiet in den USA gebildet hat. Wer sie durchschreitet, ist sogleich ohne jeden Funkkontakt verschollen. Selbst Kompasse sind hier nicht zu gebrauchen, und auch das Zeitgefühl geht schnell verloren. Nur einer ist bisher lebendig zurückgekehrt: der Ehemann der Protagonistin Lena (Natalie Portman), der kurz darauf ins Koma fällt. Sie beschließt, selbst eine Expedition ins Innere des Gebildes zu wagen – trotz ungewisser Rückkehr.
Wie in einer übergroßen Petrischale scheint die Vegetation im Schimmer zu stärkerem Wachstum angeregt zu werden, und das Forscherteam trifft auf Hybriden unterschiedlicher Tierarten, die es nach bekannten Gesetzen der Genetik nicht geben dürfte. Das Areal mag wunderschön aussehen, für Menschen ist es recht ungastlich, hat geistesverändernde Einflüsse und wächst immer weiter. Das Phänomen und der Umgang mit ihm ist ein interessanter Stoff, der zu philosophischen Betrachtungen anregt – der englische Titel Annihilation weist darauf hin. Er steht in der Teilchenphysik für Paarvernichtung, bei der ein Elementarteilchen und sein Antiteilchen aufeinandertreffen und sich dabei in Energie verwandeln.
Gebrochene Menschen
Wiederholt stellt der Film die Frage, ob Zerstörung etwas Schlechtes ist, wenn dadurch eine neue Welt erschaffen wird. Und ob die Menschheit sich selbst aufgeben sollte, um etwas Besseres entstehen zu lassen. Auf dieser Ebene regt die Filmversion von Auslöschung so zum Nachdenken an, wie gute Science-Fiction es unserer Meinung nach tun sollte: Auslöschung ist immer dann fantastisch, wenn er Garlands Vision von Flora und Fauna des Schimmers sowie später den außerirdischen Ursprung des Phänomens in den Mittelpunkt rückt.











Garland hat sich aber nicht darauf verlassen, sondern wagt eine Neuinterpretation der Buchvorlage, die sich stärker auf psychische Aspekte der Hauptfiguren fokussiert und in Vor- und Rückblenden auch viel mehr von der Handlung erklärt. Die verfremdete Naturlandschaft wird zur symbolischen Bühne für die Probleme der Menschen mit sich selbst. Die allesamt weiblichen Mitglieder der Expeditionsgruppe sind aus unterschiedlichen Gründen innerlich gebrochen. Sie sehnen sich beinahe nach außerirdischen Kräften, um sich wieder selbst zu finden – oder zumindest Erlösung. Mit jeweils sehr unterschiedlichem Ausgang.
An sich haben wir nichts gegen die Neuinterpretation einer Geschichte, solange sie gut funktioniert. In Interviews(öffnet im neuen Fenster) hat Regisseur und Drehbuchautor Alexander Garland nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass sich seine Fassung von Auslöschung stark vom Roman unterscheiden würde. Er beschreibt die Basis für das Skript als traumartige Erinnerung an das Buch, das er vorher nur einmal gelesen habe. Gleichzeitig bekundet er häufig, wie sehr ihn selbstzerstörerische Züge an Menschen und ihrer Psyche faszinieren, besonders in dysfunktionalen Beziehungen.











Schon sein Regiedebüt Ex Machina stellte nur scheinbar die KI seines Androiden auf die Probe, in Wirklichkeit musste sich der Mensch selbst hinterfragen. Dass sich Ähnliches im Kern von Auslöschung wiederfindet, überrascht daher nicht, tut dem Film allerdings keinen Gefallen. Die Vorerzählung und auch die Rückblenden gehören zu den schwächeren Teilen des Films. Sie erklären die Hintergründe viel zu genau – etwa, was die Naturwissenschaftlerin und Exsoldatin Lena zu ihrer Expedition in den Schimmer bewegt.
Auch die persönliche Geschichte von Lena und ihrem Mann Kane ist zwar mit dem Rest der Handlung verwoben, erzählerisch aber bei weitem nicht so facettenreich und emotional erzählt wie etwa Solaris, das hier zusammen mit Andrei Tarkowskis anderem Meisterwerk Stalker mit seiner verbotenen Zone als Vorlage gedient zu haben scheint. Immer, wenn sich der Film wieder der Hauptfigur und ihren Beziehungsproblemen widmet, wünschen wir uns, doch schnell zum Erkundungsaspekt der Reise zurückzukehren.
Eine Pfadfindergruppe auf Selbstfindungstrip
Dazu tragen auch die sonst so verlässlichen Darsteller bei: Weder Natalie Portman noch Oscar Isaac können die mangelnde Tiefe dieses Teils der Handlung mit ihrer Schauspielkunst überdecken. Auch ist es unvorteilhaft, dass selbst die Welt außerhalb des Schimmers einen unechten Eindruck macht, sei es das steril eingerichtete Haus von Lena und Kane oder die trostlose Forschungsbasis am Rande des kontaminierten Gebiets.
Durch die viele Introspektion kommt uns das Forschungsteam im Schimmer zudem wie eine Pfadfindergruppe vor, die von Anfang an mehr an Streitigkeiten und Persönlichem interessiert ist als an wissenschaftlichen Beobachtungen. Dabei wird ein wesentlicher Aspekt der Romanhandlung im Film nicht einmal angedeutet: Dort wird unter anderem mit Hypnose Einfluss auf das Verhalten der Forscher im Schimmer genommen. "Auslöschung" ist das Codewort für einen hypnotisch eingeimpften Befehl zum Selbstmord. Garland findet dafür mit seiner neuen Handlung aber gleich mehrere andere Deutungen für den Titel.











Die Forscherinnen streiten sich nicht nur herum, sie benehmen sich auch reichlich unprofessionell. Den kontaminierten Bereich ohne Schutzausrüstung zu betreten und alles darin einfach anzufassen, rückt sie in die Ecke ihrer unglaubwürdigen Kollegen aus Prometheus und Alien: Covenant. Auch an dieser Stelle hätten wir uns glaubhaftere Science-Fiction im Stil von Arrival gewünscht.
Große Szenen auf dem kleinen Bildschirm
Filmisch macht Garland das Manko wieder wett: Die fantastischeren Elemente von Auslöschung schafft er sehr gut, ins audiovisuelle Medium zu übertragen. Es gibt gleich mehrere erinnerungswürdige Szenen, die von wunderschön über verstörend bis unwirklich alle Eindrücke bieten, die wir uns von guter Science-Fiction erhoffen. Die Begegnung mit einem grausam mutierten Bären kann selbst Erwachsenen Albträume bescheren, und das Finale im letzten Drittel kommt ähnlich surreal daher wie manch eine Szene aus Under the Skin oder der Flug ins schwarze Loch aus Interstellar. Alleine deshalb sollten nicht nur Genrefans Auslöschung wenigstens einmal sehen.
Leider müssen sie sich dabei mit dem kleinen Bildschirm begnügen, denn der Film ist hierzulande nur auf Netflix verfügbar, und zwar ab dem 12. März. Nach dem weniger gelungenen Cloverfield Paradox ist dies schon der zweite fürs Kino geplante Sci-Fi-Film aus unserer Jahresvorschau 2018 , der unerwarteterweise direkt im Programm des Streaminganbieters gelandet ist.
Grund sollen vor allem Bedenken eines der Produzenten(öffnet im neuen Fenster) gewesen sein, der nach negativen Reaktionen eines Testpublikums anmerkte, Alexander Garlands Version des Stoffs sei zu intellektuell für ein breites Publikum. Da sich dieser aber weigerte, Änderungen an seinem Schnitt vorzunehmen, verkaufte das Studio Paramount die internationalen Rechte am Film außerhalb von China, Kanada und Nordamerika an Netflix.











Die Befürchtungen des Produzenten David Ellison, der Auslöschung für viel zu kompliziert hielt, teilen wir nicht. Auslöschung ist in der Filmversion genauso ein Schmelztiegel verschiedener Science-Fiction-Stoffe, wie es das Gebiet im Schimmer für Erbgut darstellt. Von der Handlung bis hin zur visuellen Darstellung erkennen wir nicht nur Tarkowskis Werke und deren literarische Vorlagen eindeutig wieder, sondern fühlen uns je nach Szene auch mal an den bereits erwähnten Under the Skin, dann wieder an Grundideen von Ridley Scotts Alien-Prequels erinnert. Die ganz große Originalität können wir Auslöschung deswegen zwar nicht bescheinigen, besser als letztgenannte Genrebeiträge ist er als ernstere Science-Fiction trotzdem allemal. Die Zuschauer nimmt der Film dabei allerdings mehr an die Hand, als ihm guttut.
Inhaltliche Motive wie Selbstaufgabe oder Zerstörung, um etwas Neues zu erschaffen, werden allzu deutlich ausgesprochen. Hätte Auslöschung seine Zuschauer mehr mit diesen wahrlich fulminanten Eindrücken des Unbekannten und Unbegreiflichen konfrontiert, sie aber nicht ständig erklärt, hätten wir David Ellison wohl eher recht geben müssen, dafür an dieser Stelle aber wohl lobende Vergleiche zu Stanley Kubricks Meilenstein 2001: Odyssee im Weltraum gezogen. Das Potenzial dazu zeigt Alexander Garland in den besseren Momenten von Auslöschung ohne Frage – und wenn es nur auf dem heimischen Bildschirm ist.



