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Filmfestival: Kino-Lobby verweigert mir Online-Berlinale

Statt in der Moderne anzukommen, manövriert sich die Kino -Lobby weiter ins Abseits und startet ein Publikumsfestival ohne Publikum.
/ Sebastian Grüner
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Der Berlinale-Palast bleibt beim Festival in diesem Jahr vorerst leer. (Bild: Clemens Bilans - Pool/Getty Images)
Der Berlinale-Palast bleibt beim Festival in diesem Jahr vorerst leer. Bild: Clemens Bilans - Pool/Getty Images

Die Berlinale gilt als das wohl publikumsstärkste Filmfestival überhaupt und hat dies immer als sehr hohen Wert erachtet. In diesem Jahr findet das Festival aufgrund der Einschränkungen durch die Covid-19-Pandemie als reine Online-Veranstaltung statt – nur eben ohne Publikum. Allein im vergangenen Jahr wurden mehr als 300.000 Tickets für die unterschiedlichen Filme und Vorstellungen verkauft. In diesem Jahr sind es null. Der offenbar einzige Grund dafür ist das ewig gestrige und geradezu zwanghafte Festhalten am Kino als Ort der Filmvorführung. Ich begreife das einfach nicht mehr.

Das wohl wichtigste und größte Alleinstellungsmerkmal der Berlinale sind im Unterschied zu anderen Festivals vor allem die Vorführungen für Publikum, die allen offenstehen sollen. Ich selbst habe so schon Weltpremieren beiwohnen können, Freunde quartieren sich zur Berlinale in meiner Berliner Wohnung ein oder nehmen das Festival schlicht als Vorwand, mich mal wieder zu besuchen.

Immer wieder höre ich auch von Freunden, die sich extra für die Berlinale Urlaub nehmen, um eben möglichst viele Filme des Festivals schauen zu können. Mit dem Panorama-Publikumspreis verfügt die Berlinale sogar über eine Auszeichnung, die von der wohl größten Jury der Welt vergeben wird: dem Publikum. All das fehlt nun.

Denn statt die Pandemie als Chance zu begreifen und auf Streaming für alle zu setzen, fällt selbst die Berlinale nun in ein Muster der Exklusivität zurück, die weder Filmschaffenden noch Publikum dient. Filme werden nicht dafür gemacht, damit eine Handvoll Journalisten im Feuilleton ihre Meinung dazu aufschreibt. Filme sind dazu da, gesehen zu werden und mir ist dabei inzwischen völlig egal, wie das geschieht.

Kampf des Kinos gegen Streaming

Früher, in der guten alten Zeit, war das Kino schlicht die einzige Möglichkeit, Filme zu sehen. Das wird nun auch bei einem vermeintlichen Publikumsfestival durch eine künstlich erzwungene Exklusivität vieler Filme aufrechterhalten. Denn abgesehen von dieser Exklusivität ist der tatsächlich einzige Grund für mich, noch ins Kino zu gehen, eine 70-mm-Produktion auf einer riesigen Leinwand. Selbst die beste Digitaltechnik reicht hier immer noch nicht wirklich an analogen Film heran. Und auch die mir sonst in vielen Kinos gebotene digitale Projektion ist oft einfach kaum das Geld wert. Da reicht mir im Vergleich auch mein Heimkino.

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Doch nicht nur meine Sehgewohnheiten haben sich dank des Internets und des Online-Streamings massiv verändert, sondern auch die vieler Millionen Menschen. Viele gehen seit Jahren nicht mehr ins Kino und schauen stattdessen Eigenproduktionen von Netflix oder Amazon. Gerade ein Publikumsfestival wie die Berlinale müsste dies endlich als Trend begreifen, an dem sie teilhaben muss, um auch neues Publikum zu erreichen und das Publikum noch weiter zu vergrößern. Darüber hinaus hätten auch bei Online-Streamings der Berlinale die Erlöse – genauso wie bei den sonst üblichen Vorführungen – Geld in die leeren Kassen der Kinos spülen können.

Doch all das passiert nun nicht. Stattdessen plant das Berlinale-Team eine Ersatzveranstaltung für Kinos im Juni. Ob diese aber tatsächlich stattfinden kann und unter welchen Umständen, ist derzeit noch völlig unklar. Und selbst wenn diese Ersatzveranstaltung nicht komplett ausfällt, steht für mich jetzt schon fest, dass die Berlinale die riesige Chance verspielt hat, endlich in der Moderne anzukommen.

IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach).


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