Miniatur-Wunderland-Doku: Das größte Spielzimmer der Welt

Ein Kinofilm über das Wunderland – echt jetzt?
"Hier arbeiten nur Verrückte. Das ist ansteckend" , sagt Gaston Burkhardt, pensionierter Modellbauer und neben den Braun-Zwillingen eines der bekanntesten Gesichter des Hamburger Miniatur Wunderlandes. "Wenn hier ein Normaler herkommt und drei Wochen mitarbeitet, ist der genauso verrückt wie wir." Aber nicht nur die Mitarbeit, auch der Besuch steckt seit dem Jahr 2000 mit der Verrücktheit an.
Nach über zwei Jahrzehnten kommt es auf die große Leinwand: Das Hamburger Filmproduktionsunternehmen B|14(öffnet im neuen Fenster) , das schon eine Reihe Dokus produziert(öffnet im neuen Fenster) hat, darunter über Michael Schumacher und Boris Becker, hat eine Dokumentation in Spielfilmlänge mit dem einfachen Titel Wunderland – Vom Kindheitstraum zum Welterfolg(öffnet im neuen Fenster) gedreht. Aber: Gelingt es, die Faszination und die Verrücktheit auf die Leinwand zu transportieren?
Das Wunderland macht auch auf der Leinwand Spaß
Vielleicht war die Dokumentation nicht unbedingt nötig. Aber: Sie macht Spaß! Wer noch nie vom Miniatur Wunderland gehört hat – geht das? – oder es noch nicht dorthin geschafft haben sollte, erhält tolle Einblicke in die unglaubliche Welt im H0-Maßstab, die Frederik und Gerrit Braun geschaffen haben. Und auch diejenigen, die sie zu kennen glauben, kommen auf ihre Kosten. Alle werden jedenfalls unmittelbar den unbedingten Wunsch verspüren, das Wunderland zu besuchen.

Tatsächlich ist es schwer, Neues über das Wunderland zu erzählen. Mit ein Grund für die Popularität ist die mediale Berichterstattung: Von Anfang an besuchten Fernsehteams das Wunderland und brachten Bilder in die Wohnzimmer in aller Welt. Im eigenen Youtube-Kanal bietet das Team selbst Einblicke in seine Arbeit. Golem.de war ja auch schon zweimal dort: um sich die Technik erklären zu lassen und um die VR-Experience zu testen .
Regisseurin Sabine Howe schafft es, den beiden Protagonisten und ihrem Universum sehr nahezukommen. Frederik und Gerrit Braun erzählen von ihrer nicht immer glücklichen Kindheit, die sie sich glücklich spielten – und es immer noch tun: "Wir haben immer gespielt" , sagt Frederik. "Man sieht unsere Art, als Kinder zu spielen, im Miniatur Wunderland ganz stark" , ergänzt Gerrit.







































Neben dem "wahrscheinlich unzertrennlichsten Zwillingen Deutschlands" (Gerrit) kommen zahlreiche Weggefährten zu Wort: Vater Braun, der schon erwähnte Publikumsliebling Gaston, Chefmodellbauer Gerhard Dauscher oder Marketingchef Sebastian Drechsler, der den Erfolg des Unternehmens einmal als "Prinzip der Unwirtschaftlichkeit" beschrieb.
Wie die Welt selbst überrascht auch der Film die Zuschauer.
Figuren erzählen Geschichten
Etwa wenn am Anfang in einer Strandszene im Italienabschnitt von oben ein Pinsel einschwebt, der den Staub von den Sonnenschirmen fegt.
Ein Erfolgsrezept des Wunderlands ist: Anders als bei einer konventionellen Modelleisenbahnanlage sind nicht alle Details der Landschaft auf den ersten Blick zu sehen. Das war die Idee von Dauscher, der seit dem Jahr 2000 dabei ist: Der Betrachter muss um Ecken, in Täler, hinter Gebäude schauen und lässt sich so immer weiter und tiefer hineinlocken in die Miniaturwelt.
Der Film transportiert das gut mit Kameraschwenks und -fahrten oder mit Kameras, die auf den Zug montiert sind. Dazu trägt auch die Idee bei, das Brüderpaar als animierte Kinder durch die Anlage laufen zu lassen. Dadurch können Zuschauer den beiden durch ihre Welt folgen und diese entdecken.
Die Brauns werden zu H0-Männchen
Das ist sicher auch eine Reminiszenz an die VR-Experience, die es ebenfalls ermöglicht, das Wunderland auf Augenhöhe zu erleben. Und wie die Avatare in der VR-Welt sind auch die Brauns nicht hoch aufgelöst animiert, sondern so detailreich – oder besser: detailarm gestaltet wie eine Figur im Maßstab 1:87.

Der Film fördert auch skurrile Details zutage, wie etwa das Einstellungsverfahren für die ersten Modellbauer. Denn Frederik und Gerrit führten keine Vorstellungsgespräche, sondern veranstalteten einen Workshop. Die Kandidaten erhielten Material und die Ansage: "Macht mal!" – und das in einem sehr ungewöhnlichen Ambiente: in der Disko, die die beiden zu der Zeit betrieben. Die Basteltische waren auf der Tanzfläche aufgestellt worden.
Dieses "Macht mal!" ist auch eines der Erfolgsrezepte des Wunderlands: Es habe nie eine Modellbahnanlage werden sollen, erzählt einer der Brüder. Die Züge? Nur Beiwerk, das Bewegung erzeugt. Worum es geht, sind die – knapp 300.000 – Figuren und Geschichten, die sie erzählen.
Die erste dieser Geschichten war eine Wasserleiche in einem Bach, gebaut von jemandem aus dem Team. Gehe das, fragten sich die Brüder – und entschieden: ja, warum nicht? Es war die Initialzündung: Binnen 24 Stunden hätten die anderen Teammitglieder sie mit Ideen überhäuft. Die Brauns haben sie machen lassen und natürlich mitgemacht – Stichwort: "Wir haben immer gespielt."
Das Wunderland ist nicht zu kaufen
Inzwischen ist das Miniatur Wunderland weltweit bekannt. Natürlich lockt der Erfolg auch solche auf den Plan, die daran partizipieren wollen. Praktisch wöchentlich erreichten sie Angebote, erzählt Frederik: Manche wollten das Wunderland kaufen, andere wollten sie beauftragen, ein weiteres zu bauen, oder sie als Kooperationspartner gewinnen, um eines zu bauen.

Immerhin haben die Brauns über eine Einladung zur Eröffnung einer – höchst mittelmäßigen – Anlage in New York die Familie Martinez aus Buenos Aires in Argentinien kennengelernt. Für die Argentinier waren die zwei Deutschen Stars. Doch aus der Bewunderung ist längst eine Kooperation auf Augenhöhe geworden: Die deutschen und die argentinischen Modellbauer arbeiten zusammen an den Südamerika-Teilen der Anlage. Über die Kontinente und kulturelle Unterschiede hinweg einte schnell die gemeinsame Leidenschaft: "Modellbauer finden zueinander" , fasst Dauscher zusammen.
Zahlen sagen nichts aus
In einer Dokumentation über das Wunderland dürfen die Zahlen nicht fehlen: über 289.000 Figuren, 16,5 Kilometer Gleise, 1.166 Züge, 498.500 LED-Lichter, mehr als 1,4 Millionen Besucher pro Jahr. Der Film verschiebt sie ganz ans Ende. Natürlich sind das beeindruckende Zahlen.

Dass sie am Ende stehen, zeigt, dass es darauf nicht ankommt. Denn das Wunderland lebt nicht von der Zahl der Züge, der Figuren oder Technik, die Autos, Züge und Flugzeuge antreibt. Die sind nur Mittel zum Zweck – für das Spielerische, das Erleben, die Geschichten der Welt im Maßstab 1:87. Und das hat schon bei der Eröffnung 2001 funktioniert, als die Anlage nur aus den Teilen Harz, Knuffingen und Österreich bestand. Mit jedem neuen Teil vergrößert sich die Spielwiese – zuletzt kam im vergangenen Jahr Patagonien hinzu, als Nächstes startet Monaco mit dem verflixten Formel-1-Rennen, an dessen Umsetzung Gerrit seit neun Jahren arbeitet.
Wunderland – Vom Kindheitstraum zum Welterfolg startet am 7. März. Wird der Film ein Erfolg? Sie hätten mit einigen Dutzend Kinos gerechnet, die den Film zeigen wollten, erzählte Frederik nach der Premiere. Gebucht haben knapp 500 Kinos bundesweit(öffnet im neuen Fenster) .



