Film Steve Jobs: "Musiker spielen Instrumente, ich leite das Orchester"
Vom ersten Moment des Films an ist einem dieser Steve Jobs herzlich unsympathisch. (Ego-)manisch, von sich und seinen Ideen besessen und entsprechend brutal stur peitscht er seine Mitarbeiter an, die sich das in einer Mischung aus Angst und Faszination gefallen lassen. Doch die Schattenseiten seines Charakters sind gleichzeitig das Geheimnis des einzigartigen Erfolges des genialen Apple-Gründers. Beides beleuchtet der Film Steve Jobs, der am 12. November in die deutschen Kinos kommt.

Es ist nach Jobs aus dem Jahr 2013, in dem Ashton Kutcher die Hauptrolle spielte, die zweite Biografie nach dem Tod des 2011 verstorbenen Apple-Chefs. Der neue Film zeigt Ereignisse hinter den Bühnen bei drei großen Produktpräsentationen: die des Macintosh 1984, des NeXTcube 1988 und des iMac 1998. Dabei geht es nicht nur um die vorgestellten Produkte, sondern es wird ein Querschnitt durch das Leben der Hauptfigur mit ihren inneren und äußeren Konflikten geboten.
Zwei Stunden zwischen Penetranz und Melodramatik
Dass das Drehbuch all dies um die Präsentationen herumstrickt, wirkt allerdings auf die Dauer penetrant, zumal der Film zwei Stunden lang ist. Die typische Hollywood-Machart drängt sich auch dadurch auf, dass es immer wieder wenige Minuten vor Jobs' gefeierten Ansprachen zu melodramatischen Auseinandersetzungen in seinem Privatleben kommt. Da liefert er sich cholerische Redeschlachten mit seiner nervigen Exfreundin Chrisann Brennan. Sie wirft ihm vor, dass seine Apple-Aktien inzwischen 441 Millionen Dollar wert sind, während sie und die gemeinsame Tochter Lisa – Jobs bestreitet seine Vaterschaft immer wieder vehement – von Sozialhilfe lebten.
In den Konflikt rund um Lisa mischt sich immer wieder Joanna Hoffman ein, die Marketingchefin des Macintosh und nach eigenen Worten die "Büroehefrau" von Jobs. Sie ist eine der wenigen, auf die er zumindest manchmal hört. Freimütig hält sie ihm Realitätsverzerrung vor. Mit dieser Eigenschaft, die Hürden des Alltags einfach zu ignorieren und seine eigenen Gesetze festzulegen, bricht sich andererseits der Visionär geschäftlich Bahn.
Der Erfinder der Zukunft
Das zeigt sich schon im Streit in der legendären Garage mit Apple-Mitgründer Steve Wozniak über die Produktphilosophie: ein offenes (Wozniak) oder geschlossenes System (Jobs). Jobs setzt sich durch. Das Verhältnis der beiden bleibt spannungsreich. So stöhnt Wozniak einmal: "Wir erfahren noch früh genug, ob du Leonardo da Vinci bist oder dich nur dafür hältst." Jobs' Selbsteinschätzung: "Ich saß in einer Garage und habe die Zukunft erfunden."
Auch als Wozniak immer wieder an Jobs appelliert, bei einer Präsentation das frühere Apple-II-Entwicklerteam zu würdigen, sperrt der sich starrköpfig. Das Publikum jubelt seinem Helden bei seinen durchinszenierten und charismatischen Präsentationen derart stereotyp und frenetisch zu, dass man sich unangenehm an Massenveranstaltungen autoritärer Regime erinnert fühlt.
Der Dirigent des Apple-Konzerns
Die Brücke zur Politik schlägt auch der Apple-Boss vor der iMac-Präsentation: "Die zwei bedeutendsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts sind: Die Alliierten gewinnen den Krieg und das hier." Kritik lässt er abperlen. Auf seine fehlenden Programmierkenntnisse angesprochen, erwidert er: "Musiker spielen Instrumente, ich leite das Orchester." Das Dirigentenamt verliert er aber in einem Machtkampf an den Vorstandsvorsitzenden John Sculley. Die Rededuelle der beiden um die richtige Richtung für Apple sind höchst eindrucksvoll und demonstrieren, wie schwer es war, sich dem stets vorwärtsstürmenden Jobs in den Weg zu stellen.

Er kämpft sich nach seiner Ausbootung schließlich zurück zu Apple und schafft es, das Unternehmen mit dem iMac wieder in die schwarzen Zahlen zu bringen. Hervorragend eindringlich spielt Michael Fassbender die Hauptrolle. Schauspielerisch fast ebenbürtig verkörpert Oscar-Gewinnerin Kate Winslet Joanna Hoffman als wichtigste Beraterin. Auch weitere Oscar-Preisträger sind maßgeblich beteiligt.
"Hallo Welt"
Regie führte Danny Boyle nach einem Drehbuch von Aaron Sorkin. Es basiert auf der von Walter Isaacson geschriebenen Bestseller-Biografie. Der Film Steve Jobs nimmt den Zuschauer mit ins Epizentrum der digitalen Revolution und beschreibt den Kampf, eine als unmöglich abgetane Vision Wirklichkeit werden zu lassen: den Computer für jedermann. Der Film erzählt die Geschichte eines der größten Produktstrategen unserer Zeit und seiner Mitstreiter. Einer davon ist Andy Hertzfeld. An ihm wird exemplarisch gezeigt, wie Jobs mit seiner Umgebung umgesprungen ist, wenn sie nicht das menschenunmöglich Erscheinende möglich gemacht hat.
Hertzfeld rettet seinen Job nur dadurch, dass Jobs sich Minuten vor der Präsentation für einen unseriösen Trick entscheidet, damit sein Macintosh publikumswirksam Hallo sagen kann. Auf diesen Effekt will er um alles in der Welt nicht verzichten. Ein kleines Kuriosum: Zwei Tage vor dem Filmstart wird Hertzfeld auf dem Berliner Geekfest als Sprecher zugeschaltet(öffnet im neuen Fenster) .
Die Veranstaltung bringt die junge digitale Szene Berlins mit den Gründervätern der frühen PC-Ära zusammen.
Sehenswert, aber mit Längen
Steve Jobs ist nicht nur für Computerfreaks und Apple-Liebhaber ein interessanter, sehenswerter und hochprofessionell gemachter Film. Besonders gefallen werden seine Inszenierung und die dramatischen Dialoge den Freunden des Hollywood-Kinos. Dennoch hat er Längen, weil die Verengung der Handlung auf die Präsentationsveranstaltungen etwas ermüdend wirkt und die Story nicht sehr abwechslungsreich ist.
Ähnlich empfanden es wohl einige Zuschauerinnen während der Vorabvorführung. Sie daddelten immer wieder ein wenig gelangweilt an ihren Smartphones herum und würdigten so auf ihre Weise den Macher des iPhones.
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