Film ISS im Kino: Die Erde brennt und die ISS-Crew spielt Among Us
Wer unsere Erde zum ersten Mal vom Weltraum aus sieht, wird nicht selten von tiefer Trauer ergriffen. Von Bedauern, den eigenen Heimatplaneten je verlassen zu haben. Gefolgt von einem tieferen Verständnis dafür, wie schön, aber auch zerbrechlich diese Erde im weiten, schwarzen All wirkt.
Diesen sogenannten Overview-Effekt beschreibt auch(öffnet im neuen Fenster) Weltraumtourist und Captain-Kirk-Darsteller William Shatner in seiner Biografie Boldly Go: Reflections on a Life of Awe and Wonder. Beim Blick aus dem Fenster von Jeff Bezos' Blue-Origin-Kapsel habe sich ihm eine neue, gar lebensverändernde Perspektive auf unsere Welt aufgetan.
All das kann die sechsköpfige Besatzung der Internationalen Raumstation aus dem Kinofilm ISS ebenso von sich behaupten. Obgleich der Overview-Effekt hier ein überaus dramatischerer ist. Die Besatzungsmitglieder werden nämlich vom Weltraum aus Zeuge davon, dass plötzlich ein großer Teil des blauen Planeten in Flammen aufgeht. Sie können nur spekulieren, was passiert ist, allerdings deutet vieles auf einen Atomkrieg hin.
Die Kommunikationswege zur Erde scheinen gekappt, zu allem Überfluss wurde die Raumstation von elektromagnetischen Impulsen getroffen, verliert nun Energie und auch zunehmend an Höhe. Noch mehr Gefahr geht von den Crewmitgliedern selbst aus, denn zwischen der rein US-amerikanischen und russischen Besatzung entsteht sofort großes Misstrauen.

Haben die anderen vielleicht doch eine geheime Nachricht von ihrer Regierung erhalten? Sind die USA und Russland im Krieg und verlangen von ihren Astronauten beziehungsweise Kosmonauten, die ISS in ihre Gewalt zu bringen? Was für die Crew lange ungewiss bleibt, verrät Regisseurin Gabriela Cowperthwaite uns Zuschauern leider schon zu Anfang des ganzen Konflikts.
Anstatt aus der spannenden Ausgangssituation ein Psychospiel der Ungewissheit auf engem Raum zu machen, kommen wir uns so vor, als würden wir einer Partie Among Us als Unbeteiligte im Livestream folgen. Im Indiespiel treibt ein Team aus Saboteuren im Verborgenen eine Raumschiffmannschaft ins Verderben, falls es vorher nicht vom anderen Team erwischt wurde. Am spannendsten ist das natürlich, wenn man selber mitspielt und nicht weiß, welche Teilnehmer Saboteure sind und welche nicht.
Im Film wissen wir dagegen immer, wer gerade absichtlich was kaputt gemacht hat oder welche Gespräche beide Grüppchen so unter sich führen. Und die vielen Eindrücke, die wir dabei von den ohnehin nur platt gezeichneten Charakteren sammeln, machen den späteren Verlauf früh vorhersehbar.
Das Drehbuch wird glücklicherweise durch andere Vorzüge des Films ausgeglichen.
Fast auf der echten ISS gedreht
Für einen durchschnittlich spannenden Thriller im All reicht es trotz des Drehbuchs, weil Klangkulisse, Sets und besonders die Kameraarbeit hervorragend sind. Und das nicht nur gemessen an den geringen Produktionskosten, die sich laut Finanzbericht(öffnet im neuen Fenster) mit 13,8 Millionen US-Dollar für einen derart aufwendigen Science-Fiction-Film als low-budget einordnen lassen.
Im Bereich Computereffekte konnte gespart werden, weil der Film tatsächlich das Glück hatte, in North Carolina offizielle Nasa-Nachbildungen großer Teile der Internationalen Raumstation als Kulissen verwenden zu können. Produktionsdesigner Geoff Wallace erweiterte diese durch eigene Bauten von Modulen, welche für die Filmhandlung zwingend nötig waren, und Chefkameramann Nick Remy Matthew befestigte zahlreiche LED-Leuchtröhren der Firma Astera(öffnet im neuen Fenster) direkt in den Kulissen. Da sie sich optisch nahtlos in die Raumstationsästhetik einfügen, konnte ein Großteil der Beleuchtung auf diese Weise natürlich wirkend umgesetzt werden.
Das großteils mit Arri-Alexa-Mini-Kameras und anamorphen Objektiven gefilmte Bild hat selbstverständlich wenig mit den realen Filmaufnahmen zu tun, die wir von der echten ISS kennen. Diese sind meistens viel gleichmäßig heller ausgeleuchtet, etwas farbneutraler und wirken weitestgehend wie unter besonderen Umständen gefilmte VLOGs(öffnet im neuen Fenster) bzw. Videotelefonate(öffnet im neuen Fenster) . ISS als Film versucht das gar nicht zu imitieren, sondern setzt voll auf hochwertigen Kino-Look, macht das aber wiederum sehr gut.
Für ein besonderes Mittendringefühl und den Umständen der räumlich begrenzten Sets geschuldet hat DoP Nick Remy Matthew viel mit sogenannten Techno-Cranes(öffnet im neuen Fenster) im Matrix-Modus(öffnet im neuen Fenster) gefilmt, wie er in einem lesenswerten Behind-the-Scenes-Interview(öffnet im neuen Fenster) mit Filmmaker Magazine erklärt hat.
Dabei handelt es sich um eine spezielle Art von einem großen Kamerakran, der aber nicht in die Höhe, sondern horizontal nach vorne und hinten durch die engen Gänge der nachgebauten ISS teleskopisch ein- und ausgefahren wurde, um schwereloses Gleiten aus Perspektive des Zuschauers zu simulieren.
Das vorne am Kran befestigte Kameramodul kann per Fernsteuerung besonders flexibel in alle Richtungen gedreht werden, um in Kombination mit dem Kran selbst auf engstem Raum zwischen den Schauspielern, in den kleinen ISS-Kabinen, gefühlvolle Schwebefahrten samt Schwenks à la Minimalgravitation einzufangen.
Was in der Kameraarbeit gelungen ist, hat uns in Hinblick auf die Crewmitglieder nicht richtig überzeugt.
Die Crew: Nicht völlig losgelöst
Manchmal hantiert die ISS-Besatzung mit Objekten, welche in dem Moment komischerweise nicht schwerelos zu sein scheinen – auch Magneten oder andere Befestigungen haben wir als Erklärung dafür nicht erkennen können.
Dass Haare und andere Feinheiten nicht noch perfekt computeranimiert wurden, um den Schwerelosigkeitseffekt zu verbessern, können wir verschmerzen. Dennoch wirken die Akteure – etwas übertrieben gesagt – meistens nur so, als würden sie an Seilen baumeln. Oder sie stehen unnatürlich lange an einer Stelle, was dann den Eindruck erweckt, die ISS hätte Räume mit normaler Gravitation und es gäbe tatsächlich ein allgemein definiertes Oben und Unten. Das haben andere Filme schon besser hinbekommen.
Zusätzlich zu den zahlreichen Schwebeeinlagen der Kameraführung verzichtet der Film nicht gänzlich auf handheld gedrehte Nahaufnahmen, immer wenn es angebracht ist, und schafft so eine gut funktionierende Bildsprache, die zusammen mit der Musik und den ebenso gelungenen Umgebungsgeräuschen oftmals Spannungsgefühl aus uns herauskitzelt, wo die Handlung es gar nicht so sehr erzeugt.
Reine CGI-Sequenzen gibt es nur hier und da mal eingestreut. Die kurzen Momente mit Außenansichten der Raumstation, hin und wieder vor brennender Weltkugel im Hintergrund, sind für eine solch kleine Produktion gut gelungen. Nur ein Weltraumspaziergang, die einzige richtige Actionszene des Films, fällt audiovisuell merklich ab. Hier hat sich das geringe Budget dann doch mal negativ bemerkbar gemacht.
Hätte auch im U-Boot stattfinden können
Viel enttäuschter sind wir aber davon, wie schlecht das optisch so gelungene ISS-Setting mit der interessanten Ausgangslage eines ethischen und psychologischen Dilemmas vom Drehbuch ausgespielt wurde. So wie hier hätte die Handlung auch ohne Abstriche auf einem U-Boot oder in einem Bunker spielen können. Da hätte dann nur die optisch schicke Schwebekamera weniger Sinn ergeben. Charaktere, Grundsituation und Gesamtverlauf der Handlung setzen sich mit dem Weltraum als Ort mit eigener Wirkung, etwa durch den eingangs geschilderten Overview-Effekt, gar nicht nennenswert auseinander.
Besonders die russischen Charaktere sind außerdem von Anfang an blöd stereotyp gezeichnet und keines der Crewmitglieder verhält sich je wie ein echter Wissenschaftler oder Astronaut. Obwohl sich die Schauspieler um Oscar-Preisträgerin Ariana DeBose ( West Side Story(öffnet im neuen Fenster) von 2021) und Pilou Asbæk ( Euron Greyjoy(öffnet im neuen Fenster) aus Game of Thrones) angesichts ihrer ordentlichen Performances nichts vorwerfen lassen müssen.
Es kommt uns nicht so vor, als hätten die Regisseurin und Autor Nick Shafir viele Gedanken daran verschwendet, wie auf der ISS normalerweise miteinander gearbeitet wird. Sie platzieren ganz zu Beginn, als zwei unserer Hauptfiguren neu an Bord kommen, ein paar "Ist das nicht schön, hier oben halten wir alle zusammen und kooperieren" -Floskeln und lassen die Astronauten einmal gemeinsam am gedeckten Tisch Wodka trinken.
Ansonsten stellen sie uns das Projekt ISS und deren Besatzung jedoch schon vor der Nuklearkatastrophe auf der Erde als Ansammlung von Einzelgängern vor, die nicht wirklich zusammenzuarbeiten scheinen. Und die auch eher blauäugig ohne Vorwissen und ausreichendes Training zur Raumstation geflogen sind.
Keine Wissenschaftler, sondern nur Among-Us-Spieler
Protagonistin Dr. Kira Foster kommt uns nach ihrer Ankunft so vor, als habe sie sich vor dem Abflug auf der Erde nie mal mit der ISS, geschweige denn den anderen Crewmitgliedern näher auseinandergesetzt. Und müsste jetzt im Weltraum erst jede Selbstverständlichkeit des Lebens auf der Raumstation ganz neu erklärt bekommen. Und dann macht jeder so seine kleinen Versuchsmäuseexperimente für sich selbst. Bis nach wenigen Filmminuten sowieso auf der Erde das große Feuer ausbricht.

Auch danach wäre uns ein Film über echte Wissenschaftler, die über die Ausnahmesituation glaubhafte Gespräche miteinander führen, die real wirkende, psychische Auswirkungen des Ganzen erkennen lassen und menschlich interessanter an ihre Grenzen getrieben werden, lieber gewesen. Lieber als eine Gruppe Among-Us-Spieler, die scheinbar nur ihre Cosplay-Kostüme auf der Erde vergessen hat.
ISS startet heute am 18. Juli 2024 deutschlandweit in den Kinos. International ist er schon in vielen Ländern als Video on Demand verfügbar. Gedreht wurde der Film bereits im Jahr 2021, hat also keinen direkten Bezug zu aktuellen Kriegsereignissen.
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