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Fehlende Funktionen in Prime Video: Amazons Verschleierungstaktik geht nicht auf

Amazons Informationspolitik rund um den Start von Prime Video mit Werbung ist nicht nur für bestehende Abonnenten eine Zumutung. Auch Neukunden werden getäuscht.
/ Ingo Pakalski
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Kunden von Prime Video wurden wochenlang hinters Licht geführt. (Bild: Jonathan Raa/Reuters)
Kunden von Prime Video wurden wochenlang hinters Licht geführt. Bild: Jonathan Raa/Reuters

Abonnenten, Neukunden, die Presse und damit die Öffentlichkeit wurden wochenlang bewusst von Amazon im Unklaren gelassen, ob es Unterschiede zwischen der neuen und der alten Version von Prime Video gibt. Diese Art der Kommunikationsstrategie ist nun gescheitert. Stück für Stück wird bekannt, welche Funktionen das Unternehmen in Prime Video mit Werbung abgeschaltet hat.

Wie viele Funktionen im Basisabo fehlen, seit vor zwei Wochen die Werbefrei-Option eingeführt wurde, ist derzeit unklar. Weder Kunden mit einem aktiven Abo noch Neukunden haben derzeit eine Chance, sich direkt bei Amazon über den Funktionsumfang von Prime Video mit Werbung zu informieren.

Nach derzeitigem Kenntnisstand wurden drei Eigenschaften entfernt – in den USA ab dem 29. Januar, in Deutschland ab dem 5. Februar 2024. Obwohl sich das Prime-Video-Abo bereits durch zusätzliche Werbung entscheidend verändert hat, war das Amazon Deutschland nicht einmal eine Pressemitteilung wert, wie sie das Unternehmen sonst bei vielen – weniger wichtigen – Entwicklungen für Kunden verschickt.

Amazon hält Informationen bewusst zurück

Amazons Öffentlichkeitsarbeit rund um die Markteinführung von Prime Video mit Werbung beschränkte sich auf einen Blog-Posts vom 22. September 2023. Er wurde nur einmal aktualisiert, am 5. Februar – allerdings wurde dort nicht gesagt, wie viel mehr die Werbefrei-Option kostet.

Anfang Januar 2024 informierte Amazon Prime-Video-Abonnenten per Mail darüber, dass sich das kostenpflichtige Streamingabo in ein werbefinanziertes Modell ändert und dennoch weiterhin bezahlt werden muss. In der Mail gab es keinen Hinweis darauf, dass Amazon Funktionen aus dem Werbeabo von Prime Video entfernen wird.

Vor dem 5. Februar 2024 gab es eine Vorbestellseite für die Werbefrei-Option, die allerdings nur lesen konnte, wer mit einem gültigen Amazon-Konto angemeldet war – sie wurde inzwischen entfernt. Für Neukunden bleibt damit lediglich eine Hilfeseite(öffnet im neuen Fenster), die den Preis für die Werbefrei-Option aber nicht nennt.

Kunden erhalten von Amazon keine Informationen

Uns ist derzeit keine einzige Stelle auf der Amazon-Webseite bekannt, die Kunden darüber informiert, dass bei der Werbe-Option keine Inhalte mehr mit Dolby Vision und Dolby Atmos abgespielt werden. Auch wird nirgends erwähnt, dass Watch Party aus dem Abo entfernt wurde. Umgekehrt fehlt jeder Hinweis, welche Zusatzfunktionen Abonnenten der Werbefrei-Option bekommen.

Die Bezeichnung "Werbefrei-Option" ist deswegen gewissermaßen irreführend. Denn durch Buchung der Option gibt es eine bessere Bild- und Tonqualität und eine weitere Funktion – vielleicht auch mehr.

Golem.de wollte frühzeitig über solche Beschränkungen informieren, wurde von Amazon aber nach Kräften ausgebremst. Zwei Wochen blieben die Änderungen unbekannt.

Intern hat Amazon genaue Zahlen

Seit Januar 2024 haben wir Amazon mehrmals gefragt, wie viel Werbung Abonnenten erwartet, bekamen aber keine Antwort. So bleibt der Öffentlichkeit nur der Hinweis aus einer vertraulichen Amazon-Präsentation, wonach die Werbedauer in Prime Video mit Werbung bei 2 bis 3,5 Minuten pro Stunde liege.

Diese Zahlen sind nur öffentlich geworden, weil die Presse an interne Präsentationen gelangte. Anbieter wie Disney und Netflix haben kein Problem, solche Zahlen mit der Öffentlichkeit zu teilen.

Wir haben Amazon auch gefragt, ob Prime Video durch Buchung der kostenpflichtigen Werbefrei-Option tatsächlich komplett werbefrei sein wird. Uns ging es darum, dass Amazon in Prime Video seit Frühjahr 2016 Werbeclips zeigt, die vor Filmen und Serienepisoden geschaltet werden. Diese Werbeclips ließen sich nicht abschalten; dabei handelte es sich meist um Trailer für andere Filme und Serien.

Wann ist die Werbefrei-Option auch in Deutschland nicht mehr werbefrei?

Anders als die neu eingeführten Werbeschaltungen ließen sich diese Trailer vorspulen und überspringen, was manche Nutzer sicher trotzdem lästig finden. Zahlende Abonnenten müssen nach dem Start eines Films oder einer Serie aktiv werden, bevor sie den eigentlichen Inhalt sehen können.

Sobald eine Serie am Stück geschaut wird, gibt es im Grunde auch Werbeunterbrechungen, weil die Trailer vor dem Beginn einer neuen Episode abgespielt werden. Anbieter wie Disney+, Netflix oder Paramount+ kommen ohne solche Maßnahmen aus; dort startet sofort der ausgewählte Film oder die entsprechende Serie.

Die Frage, was für Amazon "werbefrei" bedeutet, ließ das Unternehmen mehrfach unbeantwortet. Wir fragten bei Amazon nach, als es aus den USA Berichte gab, dass Prime Video nach Buchung der Werbefrei-Option nicht nur weiterhin die bisherigen Clips zeigt, sondern diese auch nicht mehr übersprungen werden können.

Amazons Schweigen sorgt für Verunsicherung

Für Deutschland konnten wir das bisher nicht bestätigen. Nach unserer Beobachtung verhält sich Prime Video durch die Buchung der Werbefrei-Option erstmals wieder so wie vor dem Frühjahr 2016 – es gibt keine Werbung und keine Werbeclips in Form von Trailern mehr. Offen ist allerdings, ob das dauerhaft so bleiben wird.

Abonnenten von Prime Video haben derzeit keine verlässlichen Informationen, für welches Angebot sie eigentlich bezahlen. Das gilt auch für die Werbefrei-Option, bei der unklar ist, ob die Maßnahmen aus den USA auch in Deutschland umgesetzt werden. Käme es dazu, wäre die Werbefrei-Option eben nicht werbefrei und Amazon würde das eigene Versprechen gegenüber Kunden brechen.

Zum Start von Prime Video mit Werbung am 5. Februar 2024 erkundigten wir uns bei Amazon, ob es technische Unterschiede zwischen dem alten und dem neuen, werbefinanzierten Abo gibt. Auch nach möglichen Funktionsunterschieden fragten wir gezielt nach.

Späte Antworten

Zum Start von Prime Video arbeiteten wir an Tests des Werbe- und des Werbefrei-Abos. Wir wollten dafür alle relevanten Informationen für Abonnenten und Neukunden zusammentragen.

Antworten bekamen wir damals nicht, obwohl dem Unternehmen diese Informationen vorgelegen haben müssen. Denn als wir diese Woche über das Fehlen von Dolby Vision und Dolby Atmos berichteten, erhielten wir das erste Mal seit mehreren Wochen Rückmeldung zu den Funktionen rund um Prime Video mit Werbung.

Amazons Salami-Taktik

Das Unternehmen bestätigte, dass Amazon alle Inhalte mit Dolby Vision und Dolby Atmos aus Prime Video mit Werbung entfernt habe. Damit war klar: Wer Filme und Serien mit Dolby Vision und/oder Dolby Atmos anschauen möchte, muss die Werbefrei-Option buchen. Es war also eine bewusste Entscheidung von Amazon, diese Information zurückzuhalten.

Das gilt auch für die Prime-Video-Funktion Watch Party. Amazon hätte bei der Nachfrage zu Dolby Vision und Atmos die Gelegenheit nutzen können, von sich aus auf das Fehlen von Watch Party hinzuweisen. Aber Amazon blieb bei der Taktik, nur das preiszugeben, was sich nicht länger verheimlichen lässt.

Amazons Ziele sind unklar

Wir fragen uns, was sich Amazon davon verspricht. Eine komplette Geheimhaltung solcher Beschränkungen ist unmöglich und der Frust bei Abonnenten ist größer, wenn sie so hinters Licht geführt werden. Umgekehrt ergibt es keinen Sinn, die Werbefrei-Option künstlich schlechter zu machen. Denn sie bietet ja viel mehr, als Amazon angibt.

Auf eine Nachfrage zur gestrichenen Watch-Party-Funktion von heute früh hat Amazon bisher nicht reagiert. Dabei hat das Unternehmen die Streichung selbst bestätigt. Das Schweigen von Amazon bleibt nervig, denn im Zuge dessen sind viele Fragen offen.

Amazon pfeift auf guten Kundendienst

So ist unklar, ob alle Teilnehmer die Werbefrei-Option für Prime Video gebucht haben müssen, um an einer Watch Party teilnehmen zu können. Das wäre für bestehende und Neukunden von Prime Video eine wichtige Information.

Viele Jahre hatte Amazon den Ruf, einen guten Kundendienst zu liefern. Der Umgang mit Abonnenten rund um Prime Video ist das genaue Gegenteil. Wichtige Informationen werden von Amazon ganz bewusst so lange geheim gehalten, bis es nicht mehr anders geht. Erst wenn von anderen auf gelöschte Eigenschaften oder Funktionen in Prime Video hingewiesen wird, gibt Amazon es zu. Diese Taktik ist gescheitert und zwar gewaltig.

Nachtrag vom 9. April 2024

Anfang April 2024 hat Amazon die Funktion Watch Party generell in Prime Video deaktiviert. Auch durch Buchung der Werbefrei-Option ist Watch Party nicht länger in Prime Video nutzbar.

IMHO ist der Kommentar von Golem.de [IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach)]


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