Fedora 22 im Test: Das Ende der Experimentierphase
Fedora 22 erscheint zwar mit einer Woche Verspätung, glänzt dafür aber mit Gnome 3.16 und dem neuen Paketmanager DNF, der Yum ablöst. Lediglich der Installer Anaconda könnte Neueinsteigern Kopfschmerzen bereiten. Fedora 22 bietet zwar einige Neuerungen für Desktop-Nutzer, mit der neuen Paketverwaltung und XFS als Standard müssen sich jedoch vor allem Admins umgewöhnen.
Fedora ist nicht nur die Hexenküche für Red Hat, sondern liefert ständig neue Impulse und Entwicklungen für Linux insgesamt und nimmt damit eine gewisse Sonderstellung unter den Distributionen ein. Aus Red Hats Portokasse werden unter anderem einige Gnome-Entwickler sowie die Macher von Systemd bezahlt. Fedora erfindet sich ständig neu und hat sich zwischen den Versionen 20 und 21 ein ganzes Jahr Zeit gelassen, um im Rahmen des Projekts Fedora.next die Gewichtung neu zu setzen und künftig drei Editionen zu veröffentlichen anstatt nur einer. Um sie für die Zukunft zu rüsten und aktuelle Entwicklungen in einem nativen Umfeld gedeihen zu lassen, wurde die Linux-Distribution Fedora in drei Versionen für Workstation, Cloud und Server eingeteilt, wobei Workstation die Variante für den Desktopanwender darstellt.
Gnome bleibt der Desktop-Standard
Mit Fedora 22(öffnet im neuen Fenster) ist nun die erste Veröffentlichung im regulären halbjährlichen Zyklus nach dem neuen Schema erschienen und wir werfen einen Blick auf die Neuerungen und Weiterentwicklungen der drei Sparten. Gemeinsam sind den drei Abbildern, die auf einer gemeinsamen Basis beruhen, unter anderem die Grundkomponenten Kernel 4.0, GCC 5.0, Systemd 219, das Installationsprogramm Anaconda und der neue Paketmanager DNF, der das bewährte Yum ablöst. Die Workstation-Variante wird standardmäßig mit Gnome ausgeliefert. Bei Fedora 22 ist dies die aktuelle stabile Version Gnome 3.16. Daneben gibt es noch eine Reihe von sogenannten Spins(öffnet im neuen Fenster) für die Desktop-Umgebungen KDE, Xfce, LXDE und MATE sowie einige Spezialversionen für Musiker, Elektronikbastler, Penetrationstester und weitere. Die Spins bringen, wie von Fedora nicht anders zu erwarten, die jeweils aktuelle stabile Version des entsprechenden Desktops mit. Wir wollen uns aber Fedora 22 mit Gnome als Standard-Desktop genauer ansehen.
Gnome 3.16 beinhaltet viele der für Anwender sichtbaren Neuerungen in Fedora 22, aber bei weitem nicht alle. In die Entwicklung sind in sechs Monaten über 33.000 Änderungen eingeflossen. Die augenfälligste Änderung ist das neue Benachrichtigungssystem der Gnome-Shell. Es klappt mittig von der Taskleiste auf, das Kalender-Widget wurde darin integriert. Die Bildlaufleisten werden in vielen Applikationen nur noch angezeigt, wenn sie gebraucht werden. Insgesamt ist viel Arbeit in ein Aufräumen des Desktops geflossen, um Störungen und überflüssige Elemente weitestmöglich vom Anwender fernzuhalten. Der gesamte Desktop ist standardmäßig relativ dunkel gehalten, was der Lesbarkeit entgegenkommt, aber nicht jedermanns Sache ist.
In die aktuelle Ausgabe des Gnome-Desktops wurden auch einige noch in der Entwicklung befindliche Programme als technische Vorschau integriert. Es handelt sich dabei um den E-Book-Reader Books, die Zeichentabelle Zeichen und den Kalender. Für Entwickler wurde das per Indiegogo finanzierte Gnome-IDE Builder(öffnet im neuen Fenster) integriert. Die neuen Programme sind bisher lediglich in der Softwareverwaltung enthalten und können von dort per Klick installiert werden. Dort findet sich auch die aktuelle Version von Cockpit, dem Administrationswerkzeug für Server, das eigentlich der Server-Edition entstammt. Das Frontend für die Paketverwaltung, Gnome Software, wurde erweitert und ermöglicht nun auch das Installieren von Codecs. Als Office-Umgebung ist Libreoffice 4.3.2 vorinstalliert, Firefox ist in Version 37.0.2 vorhanden.
DNF statt Yum, Wayland für Experimentierfreudige
Pakete per DNF installieren statt mit Yum
Fedora 22 macht den Schwenk von Yum hin zu DNF als Paketmanager, der bereits seit Fedora 18 alternativ mit ausgeliefert wird. DNF steht für Dandified Yum und soll schneller als Yum das Updaten, Installieren und Entfernen von RPM-Paketen bewältigen. DNF bringt auch einen neuen Resolver namens libsolf mit, der Abhängigkeiten schneller und besser auflösen soll. Zudem bietet es eine Schnittstelle, mit der es funktionell erweitert wird. Die Bedienung ist einfach, ein sudo dnf install Paketname installiert ein Paket, sudo dnf distro-sync aktualisiert das komplette System.
Eine grafische Oberfläche steht ebenfalls zur Verfügung. Dazu wurde der bisherige Yum Extender umgeschrieben und heißt jetzt yumex-dnf. Ein einfaches sudo dnf install yumex-dnf installiert das Paket.
Anaconda bleibt ein schwieriger Installer
Der größte Kritikpunkt an Fedora war und bleibt der Installer Anaconda, der nun standardmäßig DNF-Code benutzt. Das hat aber die für Einsteiger nur schwierig zu durchschauende Nutzerführung nicht verbessert. Vor allem die Partitionierung gestaltet sich durch die Verschachtelung der Optionen recht undurchsichtig, obwohl hier in den letzten Versionen erläuternder Text hinzugekommen ist. Am einfachsten ist noch die Variante, die ganze Festplatte zur Verfügung zu stellen. Daraufhin wird die Platte komplett gelöscht und Fedora 22 installiert. Eine weitere Option, die bei einem vorinstallierten Windows lediglich vorhandenen freien Plattenplatz nutzt oder vorhandene Linux-Partitionen überschreibt, ist ohne viele Einstellungen zu benutzen. Die benutzerdefinierte Variante bedarf eines erfahrenen Nutzers oder Zeit für die Einarbeitung per Versuch und Irrtum. Fedora erstellt standardmäßig eine Bootpartition und installiert ein LVM (Logical Volume Manager) samt Dateisystem Btrfs.
Wayland gibt es als Alternative
Die Installation unter Verwendung der gesamten Festplatte gestaltete sich problemlos, der Vorgang dauerte rund zehn Minuten auf einem Notebook mit herkömmlicher HDD-Festplatte. Beim Login kann man zwischen Gnome, Gnome Classic und dem neuen Standard Gnome-Wayland-Sitzung wählen. Wir testeten die Wayland-Sitzung, die im Problemfall automatisch auf X-Wayland zurückfallen soll. Während des Testzeitraums fiel lediglich ein Problem mit der Wayland-Sitzung auf, das weiter unten näher beschrieben ist. Sowohl Wayland(öffnet im neuen Fenster) als auch der Fallback X-Wayland arbeiten mit der Bibliothek Libinput(öffnet im neuen Fenster) zusammen, wenn es um das Erkennen und Einbinden von Eingabegeräten geht.
Der erste Reboot fragt noch einmal die Lokalisation ab, zur Einrichtung von WLAN wurde lediglich das Passwort benötigt. Vorbildlicherweise fragt Fedora dann die Einstellungen zum Datenschutz ab. Ortungsdienste und automatische Problemberichterstattung sind zwar standardmäßig eingeschaltet, können hier aber mit zwei Mausklicks abgestellt werden. Noch anwenderfreundlicher wäre die umgekehrte Variante des Opt-in. Daraufhin werden Onlinekonten wie Facebook, Google Plus, Windows Live oder Owncloud zum Verbinden angeboten. Das kann aber auch später noch erledigt und bei Bedarf erweitert werden.
Trotz Neuerungen ist Fedora 22 durchaus stabil
Erste Amtshandlung bei einem neu installierten System war, wie üblich, eine Aktualisierung des gesamten Systems. Da wir mit der drei Wochen alten Betaversion kurz vor der Veröffentlichung getestet haben, fiel das Upgrade mit über 850 MByte, verteilt auf 1.152 Aktualisierungen und 16 neu zu installierenden Pakete, relativ groß aus. Im Alltag werden Upgrades eher kleiner ausfallen, da stabile Fedora-Veröffentlichungen nur begrenzt aktualisiert werden. Solche Aktualisierungen umfassen gemeinhin den Kernel und Basispakete wie Gnome, Firefox, Libreoffice und einige andere. Für unseren Zweck ist ein solch großes Upgrade allerdings von Vorteil, da es die Stabilität des Systems betrifft. Ein Neustart des Systems nach der Aktualisierung funktionierte einwandfrei und bescherte ein tagesaktuelles System. Dabei fiel allerdings auf, dass Fedora beim Hochfahren des Systems nicht zu den schnellsten zählt.
Aber das System ließ sich in der Wayland-Sitzung auch reproduzierbar zum Absturz bringen. Dazu riefen wir den Routenplaner der Applikation Karten auf und gaben Start und Ziel ein. Nach Bestätigung schmiert Wayland ab, so dass ein erneutes Anmelden nötig wird. Wählten wir beim Anmelden eine normale X-Sitzung, so blieb das System stabil. Ansonsten sind während unserer Tests keinerlei Probleme aufgetreten. Mit Fedora 23 soll Wayland den X-Server von X.org als Standard ablösen. Das lässt noch ein halbes Jahr Zeit, Unebenheiten auszubügeln.
Systemd läuft unbemerkt
Systemd in der neuen Version 219 fiel uns überhaupt nicht auf, was durchaus rein positiv gemeint ist. Ein beherztes journalctl -xb zur Abfrage des Bootlogs in einem Terminal als einfacher User zeigte wie gewünscht das Log. Root-Befugnisse sind nicht nötig. Auch das Versetzen in den Ruhezustand (s2r) durch Schließen des Notebook-Deckels sowie das Aufwachen daraus funktioniert einwandfrei und zügig.
Auch die Editionen für Server und Cloud haben weitere Entwicklung erfahren. In der Server-Edition wurde eine neue Server-Rolle etabliert, die eine Umgebung für PostgreSQL ausrollt. Die sogenannten Rolekits verpacken eine Server-Rolle so, dass die Installation mit nur einem Mausklick abläuft. Dazu stellt das Rolekit eine stabile D-Bus-Schnittstelle zur Verfügung, um nach der Installation die automatische dialoggesteuerte Konfiguration der Komponenten zu gewährleisten. Pro Veröffentlichung von Fedora Server sollen weitere Rollen folgen. Das neue Dateisystem für die Server-Edition ist XFS, da es besser skaliert und höhere Speicherkapazitäten bietet. Alternativ kann aber weiterhin Ext4 oder ein anderes Dateisystem der Wahl benutzt werden.
Fedora Cloud erhält Container
Fedora Cloud bietet die neuen Versionen von Rpm-Ostree und Rpm-Ostree-Toolbox und verzahnt diese noch enger mit Red Hats Atomic Distribution. So lassen sich aus Fedora Cloud heraus mit der Rpm-Ostree-Toolbox nun eigene Docker-Container für Atomic Hosts(öffnet im neuen Fenster) mit einem individuellen Satz an Paketen erstellen. Dazu wurde der Atomic-Befehlssatz für die Kommandozeile in Fedora Cloud übernommen. Somit können die Container eines Atomic Host nun von Fedora Cloud aus gesteuert und atomar aktualisiert werden.
Fazit und Ausblick
Fedora 22 konsolidiert die Ergebnisse aus den Umstellungen des Projekts Fedora.next zu Fedora 21 und bringt zudem mit Gnome 3.16 einen weiter aufpolierten Standard-Desktop. Das Konzept dieser Umstellung hat Gnome-Entwickler Christian Schaller in seinem Blog(öffnet im neuen Fenster) als der Weg von bleeding edge zu leading edge treffend beschrieben.
Fedora erscheint mit Workstation 22 durch die Aufteilung in drei Kernkompetenzen stabiler als zu Zeiten vor der Aufteilung. Damals schien Fedora in erster Linie die Entwicklungs- und Experimentierumgebung für Red Hats RHEL zu sein; Stabilität stand dabei vermutlich erst an zweiter Stelle. Hier beginnt eine fühlbare Verschiebung der Paradigmen zu greifen, die Fedora als Distribution für neue Anwenderschichten erschließen soll. Auch die Zuverlässigkeit einer zeitgerechten Veröffentlichung wurde verbessert, Fedora 22 erscheint mit nur einer Woche Verspätung.
Zu diesem positiven Ausblick will allerdings der Installer Anaconda noch nicht so recht passen. Alles andere als eine Installation auf die gesamte Platte ist für unerfahrene Anwender ein Geduldsspiel. Dies ist nicht mehr zeitgemäß und schränkt zudem den potenziellen Nutzerkreis unnötig ein. Ansonsten treibt Fedora 22 die Einführung von Wayland weiter voran und will mit Fedora 23 in sechs Monaten den neuen Display-Server zum Standard machen. Bei Gnome 3.16 fällt auf, dass die Bedienung per Tastatur immer mehr in den Fokus der Entwickler rückt, die Bedienung per Maus erscheint nicht ganz so flüssig.
Über Fedora 22 hinaus
Fedora 22 verspricht, dass die Workstation-Variante künftig besser für den produktiven Desktop-Einsatz geeignet sein wird. Das bedeutet allerdings keineswegs Stillstand, denn der Umbau geht mit Fedora 23 weiter. Die Entwickler machen sich Gedanken, wie Distributionen in der Zukunft am besten veröffentlicht und danach unterstützt werden. Ein Problem derzeit ist demnach, dass die Kontrolle über das Produkt in dem Moment aufhört, in dem das Release in den Händen der Anwender ist und dort individuell aktualisiert wird. Der verstärkte Einsatz von Rpm-Ostree soll künftig eine bessere Unterstützung auch über die Aktualisierungen des Systems während des Lebenszyklus gewährleisten(öffnet im neuen Fenster).
Ein weiterer Fokus für das für den 27. Oktober geplante Release von Fedora 23 liegt auf den Sandboxed Applikations, die, ähnlich einem Container, Applikationen gegeneinander abschotten(öffnet im neuen Fenster). Als neue Oberfläche könnte ein Spin mit Cinnamon hinzukommen. Es bleibt also spannend, wenn es um Fedora geht.
Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 06/15 des Magazins Linux User(öffnet im neuen Fenster), das wie Golem.de zum Verlag Computec Media gehört. Der Schwerpunkt des Heftes liegt bei den Shell-Tools und vermittelt einen umfassenden Eindruck, was mit ein paar einfachen Befehl auf der Kommandozeile alles bewirkt werden kann. Außerdem beschreiben weitere Artikel, wie Kali Linux zur Netzwerksicherheit beitragen kann und wie auch Server zu Hause mit Cockpit und Linux Dash verwaltet werden können.
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