Fediverse: Die letzten Menschen auf Diaspora
Der Begriff sollte Programm sein. Diaspora, eine verstreute Gemeinschaft fernab der Heimat, doch im Geiste unzertrennlich miteinander verbunden. Das wünschten sich Daniel Grippi, Maxwell Salzberg, Raphael Sofaer und Ilya Zhitomirskiy beim Start ihrer Facebook-Alternative.
Die Idee, eine Plattform zu erschaffen, auf der sich Menschen miteinander austauschen können und gleichzeitig die Macht über ihre Daten behalten, war schon im November 2010 großartig. Wie so oft in der IT-Welt gab es allerdings viel zu wenige Menschen, die das damals bereits erkannt hatten.
Heute weiß die ganze Welt: Facebook und Co. geht es nicht darum, die eigene Plattform im Sinne und zum Nutzen der Community zu verbessern. Vielmehr versuchen die Betreiber, ihre Netzwerke immer attraktiver für die Werbeindustrie zu gestalten, um die eigenen Gewinne zu maximieren.
Diaspora, das minimalistische Facebook
Doch die Idee von Diaspora zündete nicht – trotz eines vielversprechenden Starts. An mangelnder Euphorie lag es zunächst nicht. Die Unzufriedenheit mit Facebook und vor allem der Umgang mit den Daten der User führte viele Menschen weltweit in die Arme von Diaspora. Auch dank des guten Marketings der vier Studenten, die ihr soziales Netzwerk ausdrücklich als datenfreundlichere Facebook-Alternative bewarben, wuchs die Zahl der Pods rasant.
Pods sind die einzelnen Knotenpunkte, über die Menschen auf Diaspora miteinander in Austausch treten können. Die Daten liegen dabei nicht zentral bei einem Anbieter, sondern im besten Fall auf dem eigenen Rechner, wenn man selbst einen Pod betreibt.
Optisch fühlt sich Diaspora an wie eine minimalistische Version von Facebook. Nur ist alles eben weniger bunt und weniger laut. Schon damals konnte es mehrere Tage dauern, bis jemand auf den eigenen Post mit "Gefällt mir" reagierte oder gar einen Kommentar hinterließ.
Als die Gründer gingen, begann der Abstieg
Im August 2012 übergaben die Gründer ihr Projekt an die Diaspora-Community. Die sollte sich fortan um die Weiterentwicklung des dezentralen sozialen Netzwerks kümmern. Doch damit begann der Abstieg in die Bedeutungslosigkeit.
"Das wurde weniger, als die ursprünglichen Entwickler schnell das Interesse verloren" , sagt ein deutscher Nutzer im Gespräch mit Golem. "Es gab noch mal einen Schwung neuer Nutzer, als Google+ im April 2019 abgeschaltet wurde. Aber auch das wurde schnell weniger."
Es gibt sie noch, die Menschen auf Diaspora. Doch es wird immer schwieriger, sie zu finden, was sich auch bei der Recherche für diesen Artikel zeigte. Deutschland gehört in der Diaspora-Welt sogar noch zu den aktiveren Communitys. Weltweit nutzen knapp 156.000 Menschen (Stand: Oktober 2025) das Netzwerk – davon leben etwa 49.000 in Deutschland, also etwas mehr als 30 Prozent.
Diaspora als "gemütliche Sofaecke"
Ein anderer User, mit dem Golem gesprochen hat, ist schon seit dem Start im Jahr 2010 dabei. "Ich hatte mich bei Diaspora angemeldet, da ich die Verwendung freier Software grundsätzlich bevorzuge, den föderierten Ansatz interessant fand und es einfach mal ausprobieren wollte" , schreibt er auf Anfrage.
Heute beschleichen ihn Zweifel hinsichtlich der Zukunft solcher dezentralen Netzwerke. "Ob es mit solchen föderierten Ansätzen, beispielsweise bei Mastodon, Lemmy und anderen langfristig möglich ist, ein Gegengewicht zu den großen, zentralisierten, meist US-amerikanischen Netzwerken aufzubauen, vermag ich nicht einzuschätzen."
Wiederum ein anderer Nutzer schreibt: "Diaspora ist für mich inzwischen eher die gemütliche Sofaecke, während Mastodon mehr weite Welt ist." Für ihn ist das Fediverse das bessere Social Media, weil es "keine undurchsichtigen Algorithmen" gebe, die "im Feed rumbasteln" .
Die Plattformen seien frei vom kommerziellen Interesse der Konzerne. "Und mit genügend Kontakten spült es einem auch ausreichend News in den Stream," sagt der User: "Außerdem ist die Moderation im Fediverse insgesamt um Klassen besser als auf den kommerziellen Plattformen."
Im Fediverse wird Diaspora weiterleben
Der Aufstieg beispielsweise von Mastodon sei auch einer der Gründe, warum die Bedeutung von Diaspora in den vergangenen Jahren deutlich abgenommen hat, meint eine Userin: "Wer noch hier ist, ist es eher aus nostalgischen Gründen." Helfen würden auch Clients, die Crosspostings auf Diaspora bringen, aber hauptsächlich den Rest des Fediverse bespielen. "Die letzten aktiven deutschsprachigen NutzerInnen sind doch recht überschaubar geworden."
Vermutlich wird Diaspora bald ganz verschwunden sein. Zumindest die damit verbundene Idee des dezentralen sozialen Netzwerks wird unabhängig davon aber im Fediverse weiterleben.
Wer Lust hat, tiefer in die Diaspora-Welt einzutauchen und den entschleunigten, wertschätzenden Austausch liebt, meldet sich einfach bei einem der noch aktiven deutschen Pods an(öffnet im neuen Fenster) . Der Autor dieses Artikels postet auf diasporasocial.net.



