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FAQ zur Arbeitszeitdebatte: Sind die Deutschen fleißig oder faul?

In Deutschland wird zu wenig gearbeitet und zu viel krankgefeiert, meint der Bundeskanzler. In der IT dürften viele sich fragen: Warum wir?
/ Peter Ilg
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Friedrich Merz ist enttäuscht von den Deutschen. Angeblich arbeiten sie zu wenig. (Bild: Nadja Wohlleben/Getty Images)
Friedrich Merz ist enttäuscht von den Deutschen. Angeblich arbeiten sie zu wenig. Bild: Nadja Wohlleben/Getty Images
Inhalt
  1. FAQ zur Arbeitszeitdebatte: Sind die Deutschen fleißig oder faul?
  2. Sind die Beschäftigten in Deutschland zu häufig krank?

Im Schnitt sind die Beschäftigten in Deutschland knapp drei Wochen im Jahr krankgemeldet. Das ist Bundeskanzler Friedrich Merz zu viel.

"Ist das wirklich richtig und notwendig?" , fragte er bei einer Wahlkampfveranstaltung am Freitag vergangener Woche im baden-württembergischen Bad Rappenau. Er will, dass die Deutschen mehr arbeiten , um die Wirtschaft in Schwung zu bringen. "Am Ende des Tages muss stehen, dass wir alle zusammen in dieser Bundesrepublik Deutschland eine höhere volkswirtschaftliche Leistung gemeinsam erreichen, als wir sie gegenwärtig erreichen" , sagte Merz.

Mit seinen Aussagen hat der Kanzler eine breite politische und gesellschaftliche Debatte ausgelöst. Wir haben Antworten auf die am häufigsten gestellten Fragen.

Sind die Deutschen fleißig oder faul?

In den 1930er Jahren blickte der berühmte britische Ökonom John Maynard Keynes optimistisch in die Zukunft der Arbeit. In etwa 100 Jahren, also in etwa heute, würde immer weniger menschliche Arbeit benötigt, weil Technik sie uns abnimmt. Nach seiner Schätzung damals würde die wöchentliche Arbeitszeit heute durchschnittlich bei etwa 15 Stunden pro Person und Woche liegen.

Der Wirtschaftswissenschaftler lag mit seiner Prognose deutlich daneben, denn mit durchschnittlich 34,3 Stunden wöchentlicher Arbeitszeit im Jahr 2024 lag sie mehr als doppelt darüber. Nach weiteren Informationen des Statistischen Bundesamts(öffnet im neuen Fenster) haben Vollzeiterwerbstätige 40,2 Stunden pro Woche gearbeitet, Teilzeitbeschäftigte 20,9 Stunden.

Insgesamt hat die Wochenarbeitszeit seit 1991 um 4,1 Stunden abgenommen. Im gleichen Zeitraum stieg der Anteil der Teilzeitbeschäftigten von 14,1 Prozent auf 30,8 Prozent. Die durchschnittliche Arbeitszeit aller Erwerbstätigen wird somit zunehmend vom steigenden Anteil Erwerbstätiger in Teilzeit beeinflusst. Wer heute einen Vollzeitjob hat, arbeitet nur unwesentlich weniger Stunden pro Woche als 1991.

Mit der wöchentlichen Arbeitszeit von 34,3 Stunden lag Deutschland unter dem europäischen Durchschnitt (36,8 Stunden). Nur in Dänemark (33,1 Stunden) und den Niederlanden (31,2 Stunden) wird weniger gearbeitet. Die Niederlande haben ähnliche Anteile bei Voll- und Teilzeitbeschäftigten. In Serbien ist die Arbeitszeit mit 42,2 Stunden am höchsten.

Wie entwickeln sich Beschäftigung und Produktivität?

Bei seiner ersten Regierungserklärung als neuer Bundeskanzler sagte Friedrich Merz: "Wir müssen in diesem Land wieder mehr und vor allem effizienter arbeiten" . Entscheidend ist die Effizienz. Denn am Ende zählt, wie viel Wert Beschäftigte in ihrer Arbeitszeit erzeugen, und nicht, wie lange sie am Arbeitsplatz sind.

Die Produktivität kann als Bruttoinlandsprodukt pro Erwerbstätigen berechnet werden. Das ist eine gängige Kennzahl. Genauer wird sie, wenn das BIP pro Arbeitsstunde berechnet wird, vor allem wegen der Teilzeitquoten.

Die Zahl der Beschäftigten (PDF)(öffnet im neuen Fenster) in Deutschland ist von 26 Millionen im Jahr 1970 auf 46 Millionen angestiegen. Das ist ein gewaltiger Zuwachs.

Im gleichen Zeitraum haben die geleisteten Arbeitsstunden der Erwerbstätigen um knapp 10 auf 61 Milliarden Stunden zugenommen. Die geleisteten Arbeitsstunden je Erwerbstätigen sind von etwa 2.000 Stunden auf 1.300 Stunden gesunken. Hier zeigt sich der stark steigende Anteil Teilzeitbeschäftigter in den vergangenen Jahren.

Nach Berechnungen (PDF)(öffnet im neuen Fenster) des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle (Saale) hat sich das Wachstum der Stundenproduktivität in Deutschland seit 1970 erheblich verlangsamt. Seit 2010 stieg die Stundenproduktivität im Durchschnitt nur noch um 0,8 Prozent und war in den Jahren 2023 und 2024 sogar rückläufig.

In den USA, Japan und in anderen europäischen Ländern hat die Produktivitätsentwicklung ebenfalls deutlich an Schwung verloren. Besonders in den USA ist die Zunahme der Produktivität spürbar zurückgegangen. Trotz allem bleiben die Zuwachsraten dort über denen in Europa und Japan.

Einen wesentlichen Beitrag zum Anstieg der Arbeitsproduktivität hat in den vergangenen Jahrzehnten die Digitalisierung geleistet. Allerdings haben sich – ähnlich wie bei früheren grundlegenden technologischen Innovationen auch – diese Produktivitätszuwächse im Zeitverlauf abgeschwächt.

Künstliche Intelligenz könnte nun zu einem erneuten Anstieg führen, der noch höher als durch die bisherige Digitalisierung ausfällt, da sich KI-Systeme für besonders komplexe Aufgaben eignen und das Potenzial haben, Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten zu beschleunigen, prognostizieren die Wissenschaftler aus Halle.


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