FAQ zur Arbeitszeitdebatte: Sind die Deutschen fleißig oder faul?
Im Schnitt sind die Beschäftigten in Deutschland knapp drei Wochen im Jahr krankgemeldet. Das ist Bundeskanzler Friedrich Merz zu viel.
"Ist das wirklich richtig und notwendig?", fragte er bei einer Wahlkampfveranstaltung am Freitag vergangener Woche im baden-württembergischen Bad Rappenau. Er will, dass die Deutschen mehr arbeiten, um die Wirtschaft in Schwung zu bringen. "Am Ende des Tages muss stehen, dass wir alle zusammen in dieser Bundesrepublik Deutschland eine höhere volkswirtschaftliche Leistung gemeinsam erreichen, als wir sie gegenwärtig erreichen", sagte Merz.
Mit seinen Aussagen hat der Kanzler eine breite politische und gesellschaftliche Debatte ausgelöst. Wir haben Antworten auf die am häufigsten gestellten Fragen.
Sind die Deutschen fleißig oder faul?
In den 1930er Jahren blickte der berühmte britische Ökonom John Maynard Keynes optimistisch in die Zukunft der Arbeit. In etwa 100 Jahren, also in etwa heute, würde immer weniger menschliche Arbeit benötigt, weil Technik sie uns abnimmt. Nach seiner Schätzung damals würde die wöchentliche Arbeitszeit heute durchschnittlich bei etwa 15 Stunden pro Person und Woche liegen.
Der Wirtschaftswissenschaftler lag mit seiner Prognose deutlich daneben, denn mit durchschnittlich 34,3 Stunden wöchentlicher Arbeitszeit im Jahr 2024 lag sie mehr als doppelt darüber. Nach weiteren Informationen des Statistischen Bundesamts(öffnet im neuen Fenster) haben Vollzeiterwerbstätige 40,2 Stunden pro Woche gearbeitet, Teilzeitbeschäftigte 20,9 Stunden.
Insgesamt hat die Wochenarbeitszeit seit 1991 um 4,1 Stunden abgenommen. Im gleichen Zeitraum stieg der Anteil der Teilzeitbeschäftigten von 14,1 Prozent auf 30,8 Prozent. Die durchschnittliche Arbeitszeit aller Erwerbstätigen wird somit zunehmend vom steigenden Anteil Erwerbstätiger in Teilzeit beeinflusst. Wer heute einen Vollzeitjob hat, arbeitet nur unwesentlich weniger Stunden pro Woche als 1991.
Mit der wöchentlichen Arbeitszeit von 34,3 Stunden lag Deutschland unter dem europäischen Durchschnitt (36,8 Stunden). Nur in Dänemark (33,1 Stunden) und den Niederlanden (31,2 Stunden) wird weniger gearbeitet. Die Niederlande haben ähnliche Anteile bei Voll- und Teilzeitbeschäftigten. In Serbien ist die Arbeitszeit mit 42,2 Stunden am höchsten.
Wie entwickeln sich Beschäftigung und Produktivität?
Bei seiner ersten Regierungserklärung als neuer Bundeskanzler sagte Friedrich Merz: "Wir müssen in diesem Land wieder mehr und vor allem effizienter arbeiten". Entscheidend ist die Effizienz. Denn am Ende zählt, wie viel Wert Beschäftigte in ihrer Arbeitszeit erzeugen, und nicht, wie lange sie am Arbeitsplatz sind.
Die Produktivität kann als Bruttoinlandsprodukt pro Erwerbstätigen berechnet werden. Das ist eine gängige Kennzahl. Genauer wird sie, wenn das BIP pro Arbeitsstunde berechnet wird, vor allem wegen der Teilzeitquoten.
Die Zahl der Beschäftigten (PDF)(öffnet im neuen Fenster) in Deutschland ist von 26 Millionen im Jahr 1970 auf 46 Millionen angestiegen. Das ist ein gewaltiger Zuwachs.
Im gleichen Zeitraum haben die geleisteten Arbeitsstunden der Erwerbstätigen um knapp 10 auf 61 Milliarden Stunden zugenommen. Die geleisteten Arbeitsstunden je Erwerbstätigen sind von etwa 2.000 Stunden auf 1.300 Stunden gesunken. Hier zeigt sich der stark steigende Anteil Teilzeitbeschäftigter in den vergangenen Jahren.
Nach Berechnungen (PDF)(öffnet im neuen Fenster) des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle (Saale) hat sich das Wachstum der Stundenproduktivität in Deutschland seit 1970 erheblich verlangsamt. Seit 2010 stieg die Stundenproduktivität im Durchschnitt nur noch um 0,8 Prozent und war in den Jahren 2023 und 2024 sogar rückläufig.
In den USA, Japan und in anderen europäischen Ländern hat die Produktivitätsentwicklung ebenfalls deutlich an Schwung verloren. Besonders in den USA ist die Zunahme der Produktivität spürbar zurückgegangen. Trotz allem bleiben die Zuwachsraten dort über denen in Europa und Japan.
Einen wesentlichen Beitrag zum Anstieg der Arbeitsproduktivität hat in den vergangenen Jahrzehnten die Digitalisierung geleistet. Allerdings haben sich – ähnlich wie bei früheren grundlegenden technologischen Innovationen auch – diese Produktivitätszuwächse im Zeitverlauf abgeschwächt.
Künstliche Intelligenz könnte nun zu einem erneuten Anstieg führen, der noch höher als durch die bisherige Digitalisierung ausfällt, da sich KI-Systeme für besonders komplexe Aufgaben eignen und das Potenzial haben, Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten zu beschleunigen, prognostizieren die Wissenschaftler aus Halle.
Sind die Beschäftigten in Deutschland zu häufig krank?
Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts(öffnet im neuen Fenster) waren die Beschäftigten in Deutschland im Jahr 2024 durchschnittlich 14,8 Tage krankgemeldet.
Eine Auswertung von Daten des Dachverbands der Betriebskrankenkassen durch den Bayerischen Rundfunk zeigt(öffnet im neuen Fenster), welche Branchen besonders viele Ausfalltage haben und woran die Beschäftigten leiden.
Die genannten Berufsgruppen entsprechen den 14 Berufssegmenten der Arbeitsagentur. Menschen in Reinigungsberufen fielen 2024 im Schnitt 31,4 Tage aus. Die geringsten Ausfälle gab es mit jeweils 16,1 Tagen in Berufen der Unternehmensführung und -organisation sowie in IT und naturwissenschaftlichen Dienstleistungsberufen.
In dem zuletzt genannten Berufssegment waren die Beschäftigten 2,6 Tage wegen Muskel- und Skelett-System-, 2,9 Tage wegen psychischer Störungen und 4 Tage aufgrund Erkrankungen der Atemwege krankgeschrieben. 6,7 Tage betrafen andere Krankheiten.
Atemwegs- und psychische Erkrankungen sowie Muskel-Skelett-Probleme sind laut DAK die häufigsten Krankheitsursachen in genannter Reihenfolge. Nach Angaben der DAK waren die Versicherten dieser Krankenkasse im vergangenen Jahr im Schnitt 19,5 Tage krankgeschrieben.
2024 lag die durchschnittliche Zahl der Fehltage bei 19,7. Die DAK-Daten wie auch die der Betriebskrankenkassen beziehen sich auf Kalendertage, die des Statistischen Bundesamts auf Werktage. Daher die Unterschiede.
In Deutschland muss man sich spätestens am 4. Tag von einem Arzt krankschreiben lassen. Der Arbeitgeber kann diese Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung aber auch schon ab dem ersten Tag verlangen. Die reine Benachrichtigung an den Arbeitgeber muss am ersten Tag erfolgen. Bei den Berechnungen der Krankheitstage wird nicht erfasst, wenn Beschäftigte einen oder zwei Tage ohne Krankschreibung fehlen.
Im Falle einer Krankheit besteht in Deutschland ein Anspruch auf Lohnfortzahlung in voller Höhe durch den Arbeitgeber. In der Regel gilt das für maximal sechs Wochen pro Jahr. Danach zahlen die Krankenkassen Krankengeld.
In vielen anderen Ländern gibt es unterschiedliche Formen der Krankschreibung. Sie unterscheiden sich deutlich von der deutschen Pflicht zur Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung und der Dauer der Lohnfortzahlung. Ein internationaler Vergleich ist daher wenig sinnvoll.
Lässt sich der Krankenstand senken?
Krank sein kostet die Arbeitgeber sehr viel Geld: Im Jahr 2024 waren es nach Schätzungen des Instituts der deutschen Wirtschaft(öffnet im neuen Fenster) 82 Milliarden Euro. Diese Kosten will Merz senken.
Nach Ansicht des Bundeskanzlers lädt insbesondere die telefonische Krankschreibung zu Missbrauch ein. Merz fordert deren Abschaffung. Die telefonische Krankschreibung wurde während der Coronapandemie im Jahr 2021 eingeführt.
Krankschreibungen per Telefon sind jedoch nicht ursächlich für den Anstieg der Arbeitsunfähigkeitsfälle, denn deren Bedeutung ist mit einem Anteil zwischen 0,8 Prozent und 1,2 Prozent in den Jahren 2021 bis 2023 an allen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen sehr gering. Zu dieser Erkenntnis kommt das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in einer Analyse.
Mit Blick auf die Zahlen des Statistischen Bundesamts lässt sich der deutliche Anstieg des Krankenstands um 3,6 Arbeitstage im Vergleich zu 2021 daher nicht mit der telefonischen Krankschreibung erklären. Diese Zunahme dürfte nach Einschätzung des Bundesamts unter anderem auf die Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung Anfang 2022 zurückzuführen sein.
Seither werden alle Krankschreibungen lückenlos erfasst. Das war vorher nicht der Fall.
Krankentage sinken und steigen. 2023 waren es 15,1 Tage, 2007 8,1 Tage und 1991 12,7 Tage. Laut Statistikamt liegt das insbesondere an der Konjunktur: In Schwächephasen gehen die Krankmeldungen zurück, aus Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Diesem Trend folgend, dürften sie in diesem Jahr abermals sinken. Von ganz allein.
Merz muss nicht eingreifen. Es wäre ein Bärendienst vom Bundeskanzler.
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