Fantastic Machine: Warnt vor dem Rabbit Hole - und zieht uns tiefer rein

Die ersten Schwarzweißbilder von Tier und Mensch in Bewegung. Belle Delphines Aufstieg vom E-Girl-Troll zur Onlyfans-Millionärin. ISIS-Terroristen, die auf absurde Weise am Dreh eines Propagandavideos scheitern. Und ein laut plärrender Donald Trump. All das, vieles mehr, gemeinsam in einem Kinofilm. And the King Said, What a Fantastic Machine bekommt das sinnvoll hin. Eine Zeitreise in 88 Minuten durch die ganze bisherige Evolution des noch jungen Mediums Film. Oder eher gesagt, der bewegten Bilder.
Die Doku der schwedischen Regisseure Maximilien Van Aertryck und Axel Danielson, produziert von Ruben Östlund(öffnet im neuen Fenster) (The Square, Triangle of Sadness), ist ein großer Bilderteppich aus allen erdenklichen Richtungen, in die sich filmische Darstellung als Wahrnehmungs- und Erlebniswerkzeug bis heute entwickelt hat. Gedacht als mahnende Erinnerung daran, wie einflussreich Bildinhalte inzwischen für unser Verständnis von Realität geworden sind.
Letzteres beschäftigte Van Aertryck und Danielson bereits 2016, als sie mit ihrem Kurzfilm Hopptornet ( hier kostenlos(öffnet im neuen Fenster) in voller Länge) auf der Berlinale begeisterten. Dieser zeigte nicht mehr als eine Reihe Freiwilliger, die zum ersten Mal in ihrem Leben von einem Zehn-Meter-Turm sprangen. Oder auch nicht, denn nicht jeder hat sich getraut. Manche zögerten, wagten es dann irgendwann aber doch. Andere kletterten verängstigt oder fluchend wieder herunter.

Die Filmemacher wollten damit authentische Referenzbilder liefern, für das Konzept "Zehn Meter Turm" und das Hadern mit dem Sprung aus großer Höhe. Prägende Eindrücke, besonders für Zuschauer, die selbst noch nie in einer solchen Situation waren und dies nun im Film beobachten konnten.
"Es gibt Studien, laut denen mehr als die Hälfte der Erinnerungen eines Menschen in der westlichen Welt auf medial wahrgenommenen Ereignissen beruhen. Ohne, dass wir diese je selbst erlebt haben" erklärte Danielson damals auf der Berlinale im Interview mit Short Talks(öffnet im neuen Fenster) . Wir hätten uns als Menschheit längst von einer text- zur bildbasierten Gesellschaft gewandelt, uns darauf aber noch gar nicht richtig eingestellt. Bis heute scheint sich das nicht bedeutend geändert zu haben.
Denn als Short Talks sieben Jahre nach Hopptornet erneut mit den beiden Schweden sprach(öffnet im neuen Fenster) , wiederholten sie ihre oben zitierten Ausführungen fast im Wortlaut. Und haben diese jetzt mit And the King Said, What a Fantastic Machine ihrerseits in bewegte Bilder verpackt.
Am Anfang war das Bild
Nur wenige davon wurden neu gedreht, im Prinzip handelt es sich um eine nur manchmal aus dem Off kommentierte Found-Footage-Collage. Fast der gesamte Film besteht aus historischen Archivaufnahmen, Ausschnitten von Fernsehsendungen sowie Clips aus dem Internet. Laut Angaben der Filmemacher mit großer Anstrengung zu den Quellen und Copyright-Besitzern zurückverfolgt und, soweit möglich und benötigt, mit Einverständnis zumindest der meisten der mehr als 200 ermittelten Rechteinhaber verwendet.













Zu sammeln begonnen haben die beiden lange bevor sie überhaupt planten, aus dem Material je einen Kinofilm zu basteln. Aus reinem Interesse, sich mit dem Verhältnis zwischen Mensch und Kamera auseinanderzusetzen, Netzfundstücke und Gedanken dazu mit Freunden zu diskutieren. "Zuerst waren die Bilder da, erst dann kam die Struktur" , sagt Danielson. "Unser Ziel war es, die gesammelten Bilder, die eigentlich darauf zugeschnitten wurden, sie alleine am Smartphone zu konsumieren, die Welt zu polarisieren und uns in ein Rabbit Hole nach dem anderen zu locken, in all diese Filter Bubbles. Diese Bilder auf die große Leinwand zu bringen, sie gemeinsam anzusehen und miteinander eine Sprache dafür zu finden, wofür diese Bilder überhaupt stehen."
Neuer Kontext für alte Schnipsel
Durch die dabei entstandene Anordnung erhalten die größtenteils schon recht bekannten Schnipsel häufig einen neuen Kontext. So etwa, wenn wir mehrere US-Nachrichtenshows im Splitscreen wie im Chor denselben plakativen Wortlaut herunterbeten hören. Oder wir die Verkündung der Punkte beim Eurovision Song Contest erst so wie im Fernsehen verfolgen und auf einmal hinter die Kulissen blicken, wo sich die Vertreter aller Länder tatsächlich im selben Raum befinden und nur abwechselnd vor einem Greenscreen stehen.
Noch häufiger nutzt die Doku das Mittel der Gegenüberstellung zweier inhaltlich weit voneinander entfernter, ästhetisch und konzeptionell aber fast identischer Videos. Beispielsweise ein Tutorial zum Enteisen von Tiefkühltruhen, gefolgt von einer Terroristenanleitung zum Selberbauen einer Bombe.
Immer wieder führt uns Fantastic Machine effektiv vor, dass es auch vor KI-Bildern und allem, was da in dieser Hinsicht aktuell noch auf uns zukommt, schon fahrlässig gewesen wäre, Fotos und Videos nicht erst einmal kritischer zu betrachten, ehe wir sie als Realität oder neutrale Perspektive annehmen. Und dass es längst überfällig ist, Kindern bereits in der Schule mehr Werkzeuge und Wissen an die Hand zu geben, Authentizität und Intention bildhafter Medien vernünftig einschätzen zu lernen. Dieses Anliegen haben die Regisseure nicht nur in Interviews mehrfach geäußert, sie sind außerdem Teil eines Unesco-Programms(öffnet im neuen Fenster) zur Förderung von Bildung im Bereich Medienkompetenz.













Wie wir in Fantastic Machine nämlich auch erfahren: reines Beobachten, Festhalten einer faktischen Wirklichkeit, Erleben einer gemeinsamen Perspektive auf alles, was ist – so utopisch positiv und neutral hatte man sich die Verwendung von Kameras bloß ganz zu Anfang mal vorgestellt.
Als Beispiel dafür dient die 1878 gefilmte Abfolge mehrerer Einzelbilder, die einen Jockey auf einem reitenden Pferd in Bewegung zeigen. Es gab zwar schon vorher Stop-Motion-Animationen im Daumenkino-Stil(öffnet im neuen Fenster) , die in sogenannten Bildertrommeln abgespielt wurden. Das " Horse in Motion(öffnet im neuen Fenster) " gilt dennoch als bedeutender Meilenstein, der die Idee von festgehaltener Realität auf echten Fotos in Bewegung erst richtig populär gemacht hat.
Zustande gekommen ist es aufgrund eines Streits darüber, ob sich Pferde im Galopp je mit allen vier Hufen gleichzeitig in der Luft befinden. Erst in der verlangsamt abgespielten Bildsequenz ließ sich eindeutig feststellen, was für das menschliche Auge allein zu schnell gewesen wäre.
Der erste analoge Deepfake-Film kam schon 1902
Dem krass gegenüber steht das für die Dokumentation titelgebende, historische Ereignis aus dem Jahre 1902. Als Produzent Charles Urban keine Genehmigung erhielt, die Krönung des britischen Königs Edward VII und seiner Frau Alexandra zu filmen, ließ er die gesamte Zeremonie vorab mit Schauspielern von Regisseur Georges Méliès ( Le voyage dans la lune(öffnet im neuen Fenster) ) inszenieren und verkaufte diesen Film dann pünktlich am Tag der echten Krönung, als sei darin das Original zu sehen.
König Edward soll davon sogar amüsiert und vom Ergebnis des Fakes(öffnet im neuen Fenster) derart angetan gewesen sein, dass er die Kamera – so suggeriert es die Dokumentation – als "Fantastic Machine" adelte, da diese selbst Momente festzuhalten vermochte, die bei der echten Krönung gefehlt haben.
Beim Filmtitel geflunkert?
Allerdings: Vielleicht ist es ein selbstironischer Fingerzeig von Danielson und Van Aertryck, dass das Originalzitat nach unseren Recherchen überhaupt nicht so gelautet hat, wie es im Filmtitel heißt. " Marvellous apparatus cinema(öffnet im neuen Fenster) " , waren eher König Edwards eigentliche Worte.
Fakes, Manipulation, Inszenierung, all das hat es im Bereich von Bildern also eigentlich schon immer gegeben. Auch dieser Doku können wir demnach nicht einfach so vertrauen. Was sich wesentlich verändert und den Effekt dieser Konzepte auf unsere Welt gesteigert hat, ist die schiere Masse an ständig neuen Bildern überall.
Youtube & Co. ins Kino geholt
Besonders jetzt, spätestens seit Beginn der Smartphone-Ära. "Jedes Bild ist nur noch drei Sekunden davon entfernt, gemacht zu werden und zehn Sekunden, bis es veröffentlicht wird" , sagte Danielson schon beim Short-Talks-Interview 2016. Wir seien gegenüber der allgegenwärtigen Bilderflut inzwischen abgestumpft.
Durch unzählige kleine Clips zu scrollen, ist für viele längst zur passiven Routine geworden. Auch deswegen wollte das Regie-Duo ganz besonders die typischen Smartphone- und Youtube-Inhalte ins Kino bringen.
"Unterhaltung in ihrer besten Form, sollte etwas sein, über das man anschließend sofort mit Freunden reden möchte. Etwas, das dein Interesse an der Gesellschaft weckt. Das Kino ist als Raum, in dem gemeinschaftlich Filme geguckt werden, prädestiniert dafür. Gerade in Zeiten, in denen viel mehr Menschen oft alleine nur kleine Clips auf ihrem Smartphone konsumieren." , erklärte Danielson weiter.
Ob diese Rechnung so ganz aufgeht, das wagen wir zu bezweifeln. Der große Widerspruch von Fantastic Machine ist, dass es über weite Strecken viel zu viel Spaß macht, ihn zu gucken. Die informativeren, ernsteren und eher medienkritischen Teile des Films häufen sich im ersten Drittel, wenn es um die Anfänge bewegter Bilder, Nazipropaganda der Leni Riefenstahl oder die Entstehung der schrecklichen wie enorm wichtigen Filmaufnahmen aus den deutschen Konzentrationslagern kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs geht.
Kinder, die im Hintergrund Quatsch machen, während Papa vor der Webcam gerade live in den Nachrichten zugeschaltet ist. Das Schwein, das eine Gopro findet, die Minuten vorher versehentlich aus einem Kleinflugzeug gefallen ist.
Spätestens, wenn die nicht ganz chronologisch angeordnete Timeline des Films das Internetzeitalter erreicht, erleben wir fast durchgängig eine Art Greatest Hits viral gegangener Clips von Youtube, Tik-Tok & Co., die auch zum hundertsten Mal noch derart unterhaltsam sind, dass wir eigentlich nur Lust bekommen, Zuhause gleich das Smartphone anzumachen und uns weiter davon berieseln zu lassen.
Neue Ideen sollte man nicht im Kino suchen
Van Aertryck und Danielson wollten gerade die Onlinewelt wohl bewusst nicht zu negativ zeichnen, weil sie eigenen Aussagen nach selbst viel lieber Youtube schauen, statt ins Kino zu gehen. Das liege daran, so schilderten sie schon 2016 bei der Berlinale, dass es im Bereich des großen Films zu selten den Anspruch gebe, Grenzen des Machbaren neu auszuloten und wirklich neue Erfahrungen zu schaffen. Während online geradezu täglich neue Wege erfunden würden, was man noch so alles in Bild und Ton festhalten und vor allem wie man es neu gedacht inszenieren könnte.
And the King Said, What a Fantastic Machine ist alles in allem eine amüsante, auch durchaus rasant zusammengeschnittene Zeitreise durch die Geschichte des noch immer verhältnismäßig jungen Mediums Film, das trotz seiner kurzen Existenzdauer bereits immensen Einfluss darauf hat, wie wir Menschen dem Konzept einer gemeinsamen Realität begegnen. Wie gefährlich und manipulativ es sein kann, wenn wir uns als Zivilisation nicht noch viel mehr damit auseinandersetzen, Bilder und deren Intention, deren bewusste und unterbewusste Wirkung erkennen zu lernen, wird auch klar vermittelt.
Ein Ritt, zu rasant für seine guten Ansätze
Die Crux ist wie so oft bei solchen Filmen: Wer schon eine gute Basiskompetenz in Sachen Medien mitbringt, wird hier nichts wesentlich Neues erfahren, dennoch aber viele gute Beispiele für erwähnte Konzepte und Thesen an die Hand bekommen. Etwa, um sie anderen, besonders Kindern, deutlich zu machen.
Wer sich vorher schon eher unkritisch Filmen, Videos und Bildern gegenüber gezeigt hat, wird die guten Ansätze dagegen schon während des Guckens vergessen und Fantastic Machine eher als flotten Supercut viral gegangener Memes in Erinnerung behalten.
So oder so bleibt die Dokumentation, ob sie nun die von den Regisseuren erhoffte Wirkung erzielt oder nicht, eine bemerkenswerte Collage, die sich für den temporeichen Ritt durch multimediale Zeitalter sehr lohnt.
And the King Said, What a Fantastic Machine startet am 22.02.2024 in ausgewählten deutschen Kinos. Im letzten Jahr ist er bereits auf vielen Filmfestivals wie der Berlinale und Sundance gelaufen.