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Fallout 4 im Test: Erst die Bombe und dann ein Knaller

Zweihundert Jahre nach dem großen Atomkrieg krabbelt der Spieler in Boston an die postnukleare Erdoberfläche – und kann dann in Fallout 4 ein episches Abenteuer vom Feinsten erleben. Wie das auf den unterschiedlichen Plattformen aussieht, zeigt Golem.de im Grafikvideo.
/ Peter Steinlechner
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Artwork von Fallout 4 (Bild: Bethesda Softworks)
Artwork von Fallout 4 Bild: Bethesda Softworks

Nach 200 Jahren Kälteschlaf in einem Atombunker erwartet man ja wohl mindestens einen heißen Kaffee und Brötchen mit Marmelade. In Fallout 4 gibt es nichts dergleichen. Stattdessen finden wir unser Häuschen in der Vorstadt Sanctuary Hills nahe Boston halb verfallen vor und müssen gegen Mutantenmaulwürfe um unser Leben kämpfen. Aber noch viel schlimmer: Unsere Frau ist nicht mehr am Leben, und unser einziger Sohn Shaun wurde während seines Kälteschlafs entführt.

Fallout 4 – Fazit
Fallout 4 – Fazit (03:06)

Die Suche nach Shaun ist unser erstes großes, übergeordnetes Ziel – dazu aber später mehr. Zwar können wir der Haupthandlung fast gleich nach dem Start des Rollenspiels folgen. Allerdings ist es sinnvoller, eine Nummer kleiner anzufangen, sich in der Welt umzusehen, durch das Sammeln von Erfahrungspunkten zu Kräften zu kommen und Waffen sowie sonstige Ausrüstung zu sammeln.

Das machen wir im Ödland, wie die offene Spielwelt heißt. Fallout 4 spielt rund um die Ostküstenstadt Boston und damit ein paar hundert Meilen nördlicher als der dritte Serienteil, in dem es in die zerstörte US-Hauptstadt Washington ging. Fallout 4 kommt uns allerdings minimal grüner und weniger grau vor, außerdem gibt es mehr unzerstörte Gebäude und weniger triste Wüste.

Das liegt zum Teil an der wesentlich schöneren Grafik, zum anderen sind in dem Gebiet vielleicht auch weniger Atombomben niedergegangen. Wir wissen es ebenso wenig wie die Hauptfigur, aber das ist auch nebensächlich: Das Erforschen der interessanten und abwechslungsreichen Welt macht einen großen Teil der Faszination von Fallout 4 aus.

Geheimnisse unter Satellitenschüsseln

Neben einer Reihe von Farmen, riesigen Anlagen mit Satellitenschüsseln, zerstörten Autobahnen auf riesigen Trägern, radioaktiv verseuchten Seen und Flüssen lädt auch Boston selbst zum Erkunden ein. Die Stadt bietet hübsche Parks, zerfallene Wolkenkratzer, weitläufige Tiefgaragen und noch mehr. Außerdem ist in einem ehemaligen Sportstadion ein Ort namens Diamond City entstanden, der als eine zentrale Anlaufstelle für gleich mehrere größere Quests dient.

Wer die Vorgänger Fallout 3 und New Vegas gespielt hat, wird sich in Fallout 4 trotz der neuen Umgebungen sofort zurechtfinden – und sich die ersten paar Stunden etwas unterfordert fühlen, abgesehen von einem fast schon wieder übertrieben harten Bosskampf. Wir haben uns zum Aufleveln einer Bürgerarmee namens Minuteman angeschlossen und erst mal einfache Quests erledigt.

Schönen Gruß vom Pip-boy

Dazu wurde irgendwo auf der Karte etwa eine Farm markiert. Dort bitten uns die verzweifelten Bewohner um Hilfe gegen Räuber, die wir dann ohne Probleme eliminieren. Mit einer Handvoll derartiger Aufträge und ähnlich simplen Missionen haben wir es innerhalb von ein paar Stunden sogar zum General der Minuteman gebracht – was ein leider völlig unwichtiger Titel ist. Später gibt es immer mehr interessante Quests, etwa in einer große Kläranlage, aus der wir stufenweise das Wasser herauslassen müssen.

Fallout 4 – Trailer (Launch, deutsch)
Fallout 4 – Trailer (Launch, deutsch) (02:47)

Die wesentlichen Elemente von Fallout 4 ähneln bis ins Detail den Vorgängern. Die überdimensionierte 50er-Jahre-Smartwatch Pip-boy am Handgelenk erlaubt in schicker Monochrom-Optik den Zugriff auf unser Inventar, die Missionsverwaltung und die Übersichtskarte. Wenn wir uns einmal durch die offene Spielewelt an einen Ort begeben haben, können wir uns dann später per Schnellreise wieder im Handumdrehen zu ihm teleportieren.

In den ersten paar Stunden lernen wir auch die neuen und überarbeiteten Funktionen von Fallout 4 kennen. So können wir nun nicht nur – über leider sehr unübersichtliche Menüs – unsere Waffen und die Rüstung mit Mods verbessern. Sondern mit dem Housing-System auch neue Gebäude aus dem Boden stampfen oder vorhandene Hütten mit Zäunen, Blumenbeeten und Selbstschussanlagen ausstatten und sie später in Missionen gegen Angreifer verteidigen.

In einer frühen Quest müssen wir für unsere noch kleine Bürgerarmee ein paar Betten basteln, etwas später dann zur Rekrutierung von weiteren Mitgliedern einen Funkturm in die Landschaft stellen und ihn an einen Generator anschließen. Das Ganze funktioniert nur in der Nähe einer Werkbank und setzt voraus, dass wir die benötigten Rohstoffe parat haben.

Wegen der erweiterten Baumöglichkeiten sind Stahl, Stoffe, Keramik, Säuren, Wasser und Dutzende weitere Materialien in Fallout 4 noch wichtiger als in den Vorgängern. Entsprechend überfüllt ist unser Inventar nach kürzester Zeit. Das hat natürlich zur Folge, dass wir nur langsam gehen und nicht reisen können. Wir haben es so gehandhabt, dass wir alle nur zum Bau gesammelten Rohstoffe in einer zentralen Werkbank gesammelt haben. Wenn wir das Zeug dann doch mal woanders benötigt haben, sind wir halt auch mal eine halbe Stunde mit zu viel Gewicht durch die Landschaft gewackelt – unterm Strich keine gute, aber die beste Lösung.

Dogmeat, der Killerhund

Die zweite große neue (und von Entwickler Bethesda(öffnet im neuen Fenster) stark beworbene) Funktion ist ein Deutscher Schäferhund, der kurz nach dem Start zu uns stößt. Er heißt Dogmeat – den Namen können wir nicht ändern – und hat anfangs einige Mitglieder des Testteams sogar regelrecht gegen sich aufgebracht. Grund ist, dass Dogmeat gerne mal im Weg steht oder vom Computer unvermittelt vor uns oder seitlich im Sichtfeld eingeblendet wird, was tatsächlich eher stört.

Fallout 4 – Trailer
Fallout 4 – Trailer (02:59)

Anfangs bringt der Köter nicht viel. Aber wer ein paar Punkte in den Charme-Zweig des Talentbaums investiert, kann ihn innerhalb kurzer Zeit zu einem kleinen Terminator ausbauen, der Gegnern am Boden die Kehle durchbeißt oder sie wenigstens ablenkt und festhält, so dass wir sie gefahrlos aus der Distanz ausschalten können. Nach und nach bekommen wir auch Ausrüstung für Dogmeat, so dass wir ihm ein schickes Halsband und eine Art Körperpanzer verpassen können.

Der Hund befolgt ein paar grundlegende Befehle wie "Bleib" oder "Gehe zur Markierung", so dass wir manchmal Monster anlocken können. Wir haben diese Kommandos allerdings fast nicht benutzt – was ganz gut funktioniert hat.

Dogmeat kann nicht sterben, aber wenn er in Kämpfen zu viele Treffer kassiert, schleppt er sich nur noch bemitleidenswert über den Boden und will ein Stimpak zur Heilung; nach Abschluss des Gefechts erholt er sich innerhalb weniger Sekunden aber auch wieder vollständig selbst. Wenn wir zusätzlich zu dem Hund übrigens noch einen weiteren Begleiter anheuern, laufen wir im Dreierteam durch das Ödland – und kämpfen entsprechend effektiv.

Echtzeit oder VATS in Kämpfen

In Kämpfen treten wir wahlweise wie in einem Actionspiel in Echtzeit gegen unsere Gegner an, was sich nun minimal runder anfühlt als in den Vorgängern. Eine größere Änderung gibt es im Rundenmodus VATS: Der friert das Geschehen nun nicht mehr vollständig ein und wartet auf unseren Angriffsbefehl. Stattdessen läuft das Geschehen in Zeitlupe weiter. Dessen Geschwindigkeit hängt vom Gegner ab, und an der Stelle wird das Ganze kritisch: Es gibt vor allem später sehr starke Gegner, die gleichzeitig schnell sind – entsprechend fix müssen wir festlegen, ob wir den Torso, den Kopf oder die Gliedmaßen ins Visier nehmen wollen. Dabei ändert sich die angezeigte Trefferwahrscheinlichkeit ständig, etwa wenn der Gegner seinen Kopf von hinten nach vorne dreht.

Bei Standardgegnern ist das alles kein Problem – aber ein riesiges Monster hat möglicherweise schon seine Axt in unseren Schädel gerammt, während wir noch am Überlegen sind. In solchen Momenten wünschen wir uns das System aus dem Vorgänger zurück, zumindest als Option. Vor allem dann, wenn sich die Trefferzonen überlagern und nicht auf Anhieb zu erkennen ist, ob wir etwa den Kopf oder den linken Arm im Visier haben – es gibt viele Gegner, bei denen das kampfentscheidend ist.

Postapokalyptische Ermittlungen

Neben den Nebenquests und den Massen an sammelbaren Gegenständen, mit denen wir unsere Waffen und die Ausrüstung, aber auch die Charakterwerte verbessern können, gibt es auch die Haupthandlung um unseren vermissten Sohn Shaun. Natürlich verraten wir hier keine Details, aber: Uns hat die teils an Detektivgeschichten angelehnte Story gut gefallen. Sie ist übrigens – wie viele Missionen von Fallout 4 – etwas ernsthafter und weniger skurril angelegt als die nur auf den ersten Blick ähnliche Geschichte von Teil 3.

Fallout 4 – Trailer (The Wanderer)
Fallout 4 – Trailer (The Wanderer) (00:58)

Was die Gesamtspielzeit von Fallout 4 angeht, sollten Rollenspieler übrigens mindestens 40 bis 50 Stunden einplanen – eher mehr, abhängig von der Anzahl der Nebenquests und der gewählten Schwierigkeitsstufe. Insgesamt gibt es sechs, die höchste trägt zu Recht den Namen "Überleben" und ist nur für absolute Vollprofis geeignet.

Grafisch macht Fallout 4 eine ordentliche Figur – wer die Vorgänger etwa per Youtube-Video vergleicht, wird die Welt kaum wiedererkennen. Zwar wirken Animationen und viele Gegnertexturen nicht sonderlich detailreich und schönere Explosionen haben wir auch schon gesehen. Dafür gibt es schicke Lichteffekte und vor allem einige sehenswerte Umgebungen wie ein großes Klärwerk, das Stadion Diamond City und einige der größeren Städte. Beim Laden der meisten Innenbereiche muss man je nach deren Größe ein paar Augenblicke warten, aber insgesamt gehen die Ladezeiten auch nach dem Ableben in Ordnung. Das Spiel legt übrigens selbstständig Savegames an, erlaubt aber auf Konsole und auf PC auch jederzeit das manuelle und recht fixe Anlegen eines eigenen Spielstandes.

Fallout 4 erscheint am 10. November 2015 für Windows-PC, Xbox One und Playstation 4; der Preis liegt bei knapp 60 Euro. PC-Spieler brauchen einen Rechner mit 64-Bit-Windows 7 oder höher sowie mit 8 GByte RAM und 30 GByte freien Platz auf der Festplatte. Außerdem ist mindestens ein Intel Core i5-2300 mit einer Taktfrequenz von 2,8 GHz oder ein AMD Phenom II X4 945 mit 3,0 GHz nötig. Als Grafikkarte setzt Bethesda wahlweise eine Nvidia GTX 550 Ti oder eine AMD Radeon HD 7870 voraus, beide mit 2 GByte Videospeicher.

Rechner für optimale Grafik

Die empfohlenen Systemanforderungen sind deutlich höher: Bethesda schlägt einen Intel Core i7 4790 mit 3,6 GHz oder einen AMD FX-9590 mit 4,7 GHz vor. Als Grafikkarte sollte eine Nvidia GTX 780 mit 3 GByte Video-RAM oder eine AMD Radeon R9 290X mit 4 GByte Videospeicher im Rechner stecken. Die PC-Version ist sowohl mit dem Xbox-360- als auch dem Xbox-One-Gamepad kompatibel. Das Spiel muss einmalig auf Steam aktiviert werden, dann lässt es sich auch offline nutzen – Golem.de hat das beim Test so gemacht.

Beide Konsolenversionen berechnen die Grafik nativ in 1080p (1.920 x 1.080 Pixel) und stellen das Bild mit 30 fps dar. Auffälligster Unterschied zwischen PC- und Konsolenversion ist das etwas größere Sichtfeld (FOV) bei der PC-Version, sonst wirken die beiden Fassungen sehr ähnlich. Das Spiel hat auf allen Plattformen einen sehr stabilen und nahezu fehlerfreien Eindruck gemacht; nur einmal innerhalb von mehren Dutzend Stunden sind wir aufgrund eines Kollisionsfehlers halb in eine Straße versunken und mussten neu laden. Einen Multiplayermodus gibt es nicht.

Grafikvergleich und Fazit

In Deutschland ist das Spiel mit fünf Sprachversionen (Bildschirmtexte und Sprachausgabe) auf der Disc zu haben: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch. Zur Umstellung muss die Konsolensprache geändert werden. Die deutsche Sprachausgabe macht von gelegentlichen Problemen mit der Lippensynchronisation abgesehen einen guten Eindruck. Die USK hat dem ungeschnittenen Rollenspiel eine Freigabe ab 18 Jahren erteilt.

Fallout 4 – Grafikvergleich (PS4 vs PC)
Fallout 4 – Grafikvergleich (PS4 vs PC) (02:57)

Fazit

Während der ersten acht bis zehn Stunden an der postnuklearen Ostküste haben wir an Fallout 4 gezweifelt. Der Einstieg des Spiels im Atomschutzbunker ist längst nicht so originell wie der des Vorgängers. Direkt danach gibt es im Ödland viele Standardmissionen mit zu einfachen Gegnern, während die Änderungen am Rollenspielsystem und andere Neuerungen wie der Begleithund Dogmeat noch nicht ihr ganzes Potenzial entfalten.

Zu dem Zeitpunkt, an dem sich viele andere Spiele schon ihrem Ende nähern, hat uns Fallout 4 schließlich doch noch gepackt. Dann gibt es endlich spannende Aufgaben und vor allem interessante, wenn auch teils fast zu herausfordernde Kämpfe. Außerdem haben wir zu diesem Zeitpunkt Waffenarsenal und Ausrüstung, die wir taktisch sinnvoll einsetzen können – was einen sehr großen Reiz des Spiels ausmacht. Es gibt unfassbar viel zu entdecken und auszuprobieren, selbst im zweiten oder dritten Durchgang.

Die Grafik gefällt uns unterm Strich ganz gut. Fallout 4 bietet ähnlich wie Skyrim zwar viel Grau-in-Grau in der offenen Welt, aber eben auch einige spektakuläre Anblicke. Insbesondere die größeren Ortschaften wie Boston sehen streckenweise klasse aus. Wirklich gestört hat uns nur, dass wir bei Dunkelheit noch weniger erkennen als in vergleichbaren Spielen – das liegt zum Teil natürlich am Szenario, aber zum Teil auch an der veralteten Engine.

Während die meisten schon vom Vorgänger bekannten Systeme wie der Pip-boy prima funktionieren, haben wir an einigen Neuerungen doch zu mäkeln. Uns hat das alte VATS-Kampfsystem mit echter Pause besser gefallen als die zu schnelle Zeitlupe. Die Menüs zum Modifizieren von Waffen sind unübersichtlich. Und das Erstellen und Erweitern von Gebäuden ist erstaunlich uninteressant – aber immerhin auch kein großes Ärgernis.

Alles in allem hat Bethesda aber doch das erwartete Spitzenspiel abgeliefert. Die postnukleare Welt entfaltet dank der gelungenen Haupthandlung, des genialen Rollenspielsystems und der schieren Masse an möglichen Entdeckungen und kleinen Abenteuern ein enormes Suchtpotenzial. Wer die Herausforderung nicht scheut, kann hier viele Wochen – eigentlich sogar Monate – verbringen und dabei immer wieder Neues erleben.


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