Fairphone im Test: Glückliches Smartphone aus fairem Anbau

Beim Fairphone hat der gleichnamige Hersteller darauf geachtet, das Smartphone unter möglichst fairen Bedingungen und möglichst nachhaltig herzustellen. Fast alle im Fairphone verbauten Metalle stammen aus Minen, deren Erträge nachweislich nicht aus konfliktbelasteten Gegenden kommen. Das verwendete Kobalt stammt aus Sambia und der Demokratischen Republik Kongo, der Zinn aus Indonesien. Fairphone arbeitet vor Ort mit Vereinen wie Solutions for Hope(öffnet im neuen Fenster) zusammen, die die Herkunft konfliktfreier Metalle zertifizieren.

Auch auf den menschlichen Faktor beim Herstellungsprozess achtet Fairphone(öffnet im neuen Fenster) : Das Unternehmen unterstützt die Vorgaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO)(öffnet im neuen Fenster) . Dementsprechend lange wurde ein Hersteller in China gesucht. Zu den geforderten Bedingungen zählt neben der Bereitschaft, längerfristig mit Fairphone zusammenzuarbeiten, auch die Möglichkeit, auf die Produktion Einfluss zu nehmen - etwa, um die Arbeitsbedingungen der Arbeiter zu verbessern.








Zu den von Fairphone geforderten Arbeitsbedingungen gehören ein Lohn, der zum Leben reicht, akzeptable Arbeitszeiten und ein Mitspracherecht für Arbeiter. Dazu soll den Arbeitern das Recht auf gewerkschaftliche Organisation zugesprochen werden. Mit A'Hong(öffnet im neuen Fenster) wurde schließlich ein Unternehmen gefunden, das den Vorstellungen Fairphones entspricht.
Nachhaltigkeit spielt beim Fairphone eine ebenso wichtige Rolle, was der Käufer bereits bei der Verpackung merkt: Das Gerät kommt in einer kleinen Pappschachtel aus recyceltem Papier. Ein Netzteil wird nicht mitgeliefert, da viele Nutzer mittlerweile bereits eines oder mehrere zu Hause haben. Auch technische Details wie der wechselbare Akku und das Displayglas wurden extra so ausgewählt, dass das Fairphone bei einem Defekt nicht sofort entsorgt werden muss.
Display mit separatem Deckglas
Technisch gesehen entspricht das Fairphone einem Android-Gerät der Mittelklasse. Sein Display ist 4,3 Zoll groß und hat eine Auflösung von 960 x 540 Pixeln. Dies ergibt eine Pixeldichte von 256 ppi. Die Auflösung ist zwar nicht sonderlich hoch, aufgrund der geringen Bildschirmgröße werden Inhalte allerdings scharf dargestellt. Einzelne Pixel sind nur bei genauerem Hinsehen erkennbar. Farben gibt das Display natürlich wieder, der Kontrast ist allerdings manchmal etwas flau.








Die Displayabdeckung ist Dragontrail Glass des japanischen Unternehmens Asahi(öffnet im neuen Fenster) , das wie Cornings Gorilla Glass gegen Kratzer schützt. Fairphone hat absichtlich kein Display mit verklebtem Deckglas eingebaut, damit im Schadensfall nur das Glas und nicht die komplette Displayeinheit ausgebaut werden muss. Der Nachteil an dieser eher aus den frühen Tagen der Smartphones bekannten Bauweise ist, dass der Nutzer etwas kräftiger als bei anderen modernen Smartphones auf das Touchdisplay drücken muss. Wird nur der Finger aufgelegt, erfolgen häufig keine Eingaben.
Irritierend ist zudem das offenbar von unten eingefräste Punktmuster im Deckglas. Bei dunklem Hintergrund fällt es kaum auf; bei hellen Inhalten wie beispielsweise Internetseiten bricht das Licht an diesen Stellen aber häufig, was störend ist.
Das Displayglas ist relativ anfällig für Fingerabdrücke, die sich allerdings recht einfach wieder abwischen lassen. Der Lagesensor reagiert ebenso wie der Helligkeitssensor ohne nennenswerte Verzögerung.
Stabiles Gehäuse
Das Gehäuse des Fairphones wird vom chinesischen Hersteller A'Hong in dessen Fabriken in Shenzhen und Chongqing gefertigt. Nach eigenen Angaben hat Fairphone lange suchen müssen, bis ein chinesischer Hersteller gefunden wurde, der die Philosophie teilt.
Die Verarbeitung des Fairphones ist sehr gut, das Gehäuse knarzt nicht, die Spaltmaße sind gering. Das Gehäuse ist aus Kunststoff, der Akkudeckel aus schwerem Metall. Innen ist eine Danksagung an die Unterstützer eingraviert. Das Fairphone hat neben dem üblichen Einschalter und der Lautstärkewippe drei Soft-Touch-Tasten unterhalb des Displays. Diese entsprechen den Standard-Navigationstasten von Android.
Schwer und dick
Mit 162 Gramm ist das Fairphone deutlich schwerer als andere Smartphones. Googles Nexus 5 wiegt beispielsweise nur 130 Gramm, ebenso viel wie das Galaxy S4 von Samsung. Beide Smartphones sind größer als das Fairphone. Trotz - oder vielleicht gerade wegen - des Gewichts liegt das Fairphone gut in der Hand.








Mit 10,1 mm ist das Gerät dicker als andere Android-Smartphones im Mittelklassebereich. Aufgrund der Trennung von Display und Displayglas sind zur ursprünglichen Dicke noch einmal 0,2 mm hinzugekommen. Die Maße des Gehäuses betragen 126,1 x 63,3 mm.
Die Kamera auf der Rückseite steht leicht aus dem Gehäuse vor. Fairphone hat auch die rückseitige Lautsprecheröffnung leicht erhaben angebracht, weshalb das Smartphone nicht plan auf einer glatten Oberfläche liegt, sondern immer leicht kippelt.
Der eingebaute Lautsprecher ist relativ leise und gibt Audioinhalte mit kaum merkbarem Bass wieder. Die Höhen sind schrill und verzerren leicht. Wie das Fairphone beim Musikhören gehalten wird, wirkt sich auf die Qualität des Lautsprechers kaum aus: In allen Lagen klingt er eher schlecht.
Fotos mit roter Bildmitte
Die auf der Rückseite angebrachte Hauptkamera hat 8 Megapixeln, Autofokus und ein LED-Fotolicht. Die Qualität der Fotos ist durchschnittlich: Die Schärfe ist okay, die Fotos haben wenige Artefakte. Zoomt der Nutzer in das Foto hinein, wirken feine Details verwaschen.
Die meisten mit der Kamera gemachten Bilder haben in der Bildmitte eine deutlich sichtbare rötliche Verfärbung. Diese ist bei Fotos mit hellem Motiv deutlicher erkennbarer als bei dunklen Motiven - störend ist sie in beiden Fällen. Zusätzlich verzerrt das optische System der Kamera merklich, was nicht nur an den Bildrändern sichtbar ist. Viele Smartphone-Kameras sind nicht verzerrungsfrei, beim Fairphone ist dieser Effekt allerdings stärker.
Die Frontkamera hat eine Auflösung von 1,3 Megapixeln und eignet sich für Videotelefonie.
Android 4.2.2 mit angepasster Oberfläche
Das Fairphone läuft auf der Basis der Android-Version 4.2.2, die von den portugiesischen Entwicklern von Kwamecorp(öffnet im neuen Fenster) an das Smartphone angepasst wurde und jetzt Fairphone OS genannt wird. Im Grunde unterscheidet sich das Betriebssystem kaum von der herkömmlichen Android-Version, einige kleine Details fallen aber doch auf.








So hat Fairphone OS keine Dockleiste am unteren Bildschirmrand. Hier können bei Android häufig verwendete Apps abgelegt werden, damit sie schneller erreichbar sind. Bei Fairphone OS erscheint diese Leiste, wenn der Nutzer von links oder rechts in den Bildschirm wischt. Sie ähnelt damit der Pie-Steuerung von Paranoid Android.
Die einblendbare Leiste kann ebenfalls mit den am häufigsten benutzten Apps bestückt werden. Außerdem hat der Nutzer über sie Zugang zum App-Verzeichnis. Fairphone OS bietet zusätzlich ein Widget, das sowohl zuletzt als auch am häufigsten benutzte Apps anzeigt. Hiermit hat der Nutzer ebenfalls schnellen Zugriff auf seine wichtigsten Apps.
In den Einstellungen kann der Nutzer den Sperrbildschirm zur Akkuanzeige machen: Über verschiedenfarbige Hintergründe wird angezeigt, wie viel Akkuladung noch vorhanden ist. Mit der App "Peace of Mind" kann der Nutzer einfach mit einem Schieberegler eine bestimmte Zeitspanne einstellen, in der er seine Ruhe haben will. In dieser Zeit werden alle Datenverbindungen und die Telefonfunktion ausgestellt.
Vorinstallierter Root-Zugriff
Eine der Hauptänderungen gegenüber der normalen Android-Version ist die Möglichkeit, dem Nutzer Root-Zugriff auf das Smartphone zu ermöglichen, ohne das Gerät speziell rooten zu müssen. Nach der ersten Inbetriebnahme wird der Nutzer gefragt, ob er den Zugriff erlauben möchte - Kwamecorp hat ihn bereits vorinstalliert. Das ermöglicht dem Nutzer nicht nur den Einblick in das komplette Dateisystem des Smartphones, sondern auch die Verwendung zahlreicher spezieller Apps. Beispielsweise kann der Nutzer mit einem Root-Zugriff und der App Titanium Backup ein komplettes Backup machen.
Offenbar hat Fairphone es zur Auslieferung des Smartphones nicht rechtzeitig geschafft, die nötigen Google-Lizenzen für den Play Store und die anderen Google-Apps zu bekommen. Dementsprechend sind diese nicht vorinstalliert. Dank eines vorinstallierten Widgets werden die Google-Apps aber mit einem Klick nachinstalliert. Allerdings werden nicht alle Google-Programme aufgespielt: Der Nutzer muss unter anderem Play Music, Play Books und Google Maps manuell nachinstallieren.
Fairphone OS bietet einige praktische Zusatzfunktionen verglichen mit dem Standard-Android, die grundsätzliche Benutzung ist aber fast gleich. Durch interessante Programme wie "Peace of Mind" und den vorinstallierten Root-Modus wird das Betriebssystem aufgewertet.
Durchschnittliche Hardware
Im Inneren des Fairphones arbeitet ein Mediatek-MT6589M-Quad-Core-Prozessor mit einer Taktrate von 1,2 GHz. Der Arbeitsspeicher ist 1 GByte groß, der eingebaute Flash-Speicher 16 GByte. Dieser ist in einen Telefon- und einen internen Speicher aufgeteilt - diese Unterscheidung ist mittlerweile bei Android-Smartphones eher selten.








Der interne Speicher, auf dem zunächst alle Apps installiert werden, ist nur 1 GByte groß, was bei der Größe aktueller Apps viel zu wenig ist. Glücklicherweise kann der Nutzer Apps in den Telefonspeicher verschieben. Hier stehen 13 GByte zur Verfügung. Ein Steckplatz für Micro-SD-Karten ist eingebaut, hier kann der Nutzer ebenfalls Apps auslagern.
Das Fairphone unterstützt Quad-Band-GSM und UMTS auf den Frequenzen 900 und 2.100 MHz. LTE beherrscht das Smartphone nicht. Der Nutzer kann zwei SIM-Karten parallel verwenden, da das Gerät zwei SIM-Steckplätze hat. So können beispielsweise ein geschäftlicher und ein privater Anschluss mit nur einem Smartphone abgedeckt werden. WLAN unterstützt das Fairphone nach 802.11b/g/n, also nur auf der Frequenz 2,4 GHz. Bluetooth läuft in der Version 4.0 LE, ein NFC-Chip ist nicht eingebaut.
Akkulaufzeit
Der Akku des Fairphones ist wechselbar, aus Nachhaltigkeitsgründen hat der Hersteller auf einen fest eingebauten, verklebten Akku verzichtet. Die Nennladung beträgt 2.000 mAh, unter Volllast hält der Akku knapp 2,5 Stunden durch, bis eine Restladung von 19 Prozent erreicht ist. Das ist ein durchschnittlicher Wert.
Einen 1.080p-codierten Film konnten wir auf dem Fairphone nicht abspielen. Ein 720p-codiertes Video lief 6,5 Stunden lang, bis der Akku leer war.
Benchmarks und Leistung
In den Benchmark-Tests schneidet das Fairphone verglichen mit anderen aktuellen und auch weniger neuen Smartphones nicht besonders gut ab. Im Geräte-Benchmark Geekbench 3 erreicht das Smartphone im Single-Modus einen Wert von 328 Punkten, im Multi-Modus 1.103 Punkte. Das ist weniger als das Nexus 4, das jeweils 512 beziehungsweise 1.638 Punkte schafft.








Im 3DMark von Futuremark kommt das Fairphone im Icestorm-Test auf 2.105, im Icestorm-Extreme-Test auf 1.330 und im Icestorm-Unlimited-Test auf 2.245 Punkte. Damit liegt es deutlich hinter dem Huawei Ascend P6, das im Icestorm-Test 2.898 Punkte und im Icestorm-Extreme-Test 1.580 Zähler schafft. Das Nexus 4 erreichte hier 9.472 beziehungsweise 7.124 Punkte.
Auch im Grafik-Benchmark GFX-Bench schneidet das Fairphone eher unterdurchschnittlich ab. Im Egypt-HD-Test erreicht das Smartphone nur 14 fps, ein eher schwacher Wert. Zum Vergleich: Das Ende 2012 veröffentlichte Nexus 4 kommt hier auf 44 fps. Auch der Wert des T-Rex-HD-Tests liegt mit 6,1 fps deutlich unter dem des Google-Smartphones (25 fps). Das Galaxy Note 3 schafft jeweils 53 und 26 Punkte, das Nexus 5 kommt auf 49 und 24 Zähler.
Flüssige Darstellung
Trotz dieser eher durchwachsenen Benchmark-Ergebnisse reagiert das Fairphone gut auf Eingaben und läuft flüssig in den Menüs. Auch bei mehreren geöffneten Apps konnten wir keine auffälligen Ruckler bemerken. Verglichen mit anderen Smartphones läuft auf dem Fairphone auch der Chrome-Browser relativ ruckelfrei - die flüssige Darstellung betreffend, ist aber auch hier der Stock-Browser besser.
Das grafisch anspruchsvollere Spiel Riptide GP2 lässt sich auf dem Fairphone überraschend ruckelfrei spielen - hier haben wir bereits andere Smartphones mit ähnlichen Prozessoren getestet, die insbesondere bei den Wasserfallanimationen deutlich ins Stocken gerieten. Auch Dead Trigger 2 läuft flüssig, lediglich in den Sequenzen zwischen den Spielszenen - in denen der Charakter beispielsweise Medikits herstellt - stockt das Spiel ab und zu.
Verfügbarkeit und Fazit
Das Fairphone hat für die ersten Besteller 325 Euro gekostet, die erste Produktionscharge ist ausverkauft. Fairphone hat allerdings bereits eine zweite Produktionswelle angekündigt. Auf der Internetseite des Herstellers(öffnet im neuen Fenster) können sich Interessenten eintragen - wenn die neuen Geräte verfügbar sind, sollen sie per E-Mail benachrichtigt werden.








Fazit
Technisch gesehen ist das Fairphone eines von vielen Mittelklasse-Smartphones. Dafür ist es mit einem Preis von 325 Euro sogar etwas zu teuer. Allerdings kann es nicht auf eine bloße Ansammlung technischer Daten reduziert werden. Hinter dem Projekt steht der Gedanke, ein so hochkomplexes, aus so vielen Teilen bestehendes Produkt wie ein Smartphone auf faire Art und Weise zu produzieren.
Dabei ist es den Fairphone-Machern bereits bei ihrem ersten Modell gelungen, ein gutes Smartphone herzustellen. Zwar reagiert der Bildschirm bauartbedingt weniger empfindlich als bei anderen Smartphones, auch in den Benchmark-Tests erreicht das Fairphone nicht gerade Spitzenwerte. Insgesamt ist es aber gut zu nutzen, läuft flüssig und ist gut verarbeitet. Es eignet sich für den Durchschnittsnutzer, der nicht unbedingt stets neue Spiele auf seinem Smartphone spielen möchte. Nur die Kamera hat uns wirklich enttäuscht.
Aufgrund des Preises dürfte sich das erste Fairphone eher an Nutzer richten, die bewusst ein fair hergestelltes, nachhaltiges Smartphone kaufen wollen. Wird die offenbar schwierige Suche nach einem fair produzierenden Hersteller in China sowie die eingeschränkte Auswahl an Quellen für Metalle und andere Produktionsstoffe bedacht, ist der finale Preis absolut akzeptabel. Außerdem sollen 8,5 Prozent des Verkaufspreises an faire Projekte gehen. Es bleibt zu hoffen, dass Fairphone Erfolg mit seinem ersten Smartphone haben wird und das Konzept in Zukunft noch ausgebaut werden kann.



