Fairphone: "Für ein faires Smartphone muss man alle Weltprobleme lösen"
Mit dem Fairphone hat das gleichnamige Unternehmen ein Smartphone auf den Markt gebracht, das bezüglich Nachhaltigkeit und ethisch vertretbarer Produktion neue Wege gehen will. Welche genau, wurde bei der Einführung des per Crowdfunding finanzierten Gerätes allerdings nicht ausreichend erläutert. Viele nahmen den Namen des Smartphones dementsprechend wörtlich, erwarteten ein hauptsächlich aus fairen Teilen gebautes Smartphone – und waren enttäuscht.

Die verbauten angeblich konfliktfreien Metalle seien nicht konfliktfreier als die eines Galaxy S4 von Samsung, die an der Herstellung beteiligten Arbeiter nicht besser bezahlt, so die Kritik. Fairphone wurden Irreführung und Marketing-Gerede vorgeworfen. Tatsächlich sagt Fairphone-Chef Bas van Abel im Interview mit Golem.de auf die Frage, wie fair sein Fairphone sei: "Das ist unmöglich zu sagen. Im Sinne davon, dass 'fair' gleichbedeutend ist mit der Lösung aller weltweiten Probleme wahrscheinlich zu null Komma irgendetwas Prozent."
Was ist "fair"?
Die Lösung zumindest einiger weltweiter Probleme ist es tatsächlich, was Fairphone anstrebt. Das Fairphone-Projekt(öffnet im neuen Fenster) wurde 2010 mit dem Ziel gegründet, auf die Missstände in den Lieferketten hinzuweisen und Lösungen für diese Probleme aufzuzeigen. Um dies zu erreichen, konzentriert sich Fairphone auf den Abbau von Materialien in Krisengebieten und eine sozial verträglichere Produktion in China. Das Fairphone sei der erste Schritt zu einer fairen Wertstoffkette – und nicht das von vielen erwartete Endprodukt, sagt van Abel.
Der Name "Fairphone" sei bei der Gründung als Schlagwort gewählt und später für das erste Smartphone übernommen worden. "Es ist ein sehr starker Name, der Aufmerksamkeit erregt und zu weiteren Diskussionen führt. Das gehört zu dem, was wir auch erreichen wollen", sagt van Abel. Die Debatte zeige, dass es mittlerweile nicht so einfach sei, einem Produkt nur das Label "fair" anzuheften und danach "gut schlafen zu können".
Assoziationen zu Fair-Trade-Produkten sind offenbar gewollt, wecken aber falsche Erwartungen bei den Nutzern. Friedel Huetz-Adams vom Südwind-Institut für Ökonomie und Ökumene(öffnet im neuen Fenster), das sich für weltweite wirtschaftliche, soziale und ökologische Gerechtigkeit einsetzt, schlägt daher einen treffenderen Begriff vor: "Fairer Phone". Doch inwiefern ist das Fairphone fairer?
Wie fair ist das Fairphone?
Eines von Fairphones Hauptzielen ist, in Abbau- und Produktionsgebiete zu gehen, die von den Großunternehmen der IT-Branche bereits verlassen wurden. Mittlerweile finden sich laut van Abel dank des Dodd-Frank-Gesetzes(öffnet im neuen Fenster) in den meisten elektronischen Geräten konfliktfreie Rohstoffe, die zu einem großen Teil aus Indonesien oder Australien bezogen werden. Die Minen in Gebieten mit heikler politischer Situation wie der östlichen Demokratischen Republik Kongo werden von den großen Herstellern gemieden.

Einige dieser Minen hat Fairphone gezielt ausgewählt und mit Hilfe lokal agierender Hilfsorganisationen in die Produktion des Fairphones eingebunden. "In manchen Gebieten hatten sich die Leute bereits den örtlichen Milizen angeschlossen, weil sie ihre Arbeit in der Mine verloren haben. Sie hatten kein Einkommen mehr, also gingen sie zur Armee, wodurch der Konflikt noch verschlimmert wurde", erklärt der Fairphone-Chef. "Mit Hilfe von Solutions for Hope(öffnet im neuen Fenster) und der Conflict-free-Tin-Initiative(öffnet im neuen Fenster) möchten wir im Kongo bleiben und zeigen, dass es möglich ist, hier Tantal und Zinn zu beziehen."
Schlechte Arbeitsbedingungen im Kongo
Dabei ist ihm bewusst, dass die Arbeitsbedingungen und Sicherheitsvorkehrungen nicht dem westlichen Maßstab entsprechen, auch Kinderarbeit ist weit verbreitet. Um an dieser Situation etwas zu ändern, helfe es aber nicht, sich zurückzuziehen und die Metalle woanders zu beziehen, betont van Abel. Sie seien mit dem Wissen in die DR Kongo geflogen, dass es dort keine im westlichen Sinne faire Mine gebe, erklärt er.
Aus ähnlichen Gründen wie bei den kongolesischen Minen wurde die Fabrik von A'Hong zum Zusammenbau des Fairphones ausgewählt. "Eine Fabrik mit nach unseren Maßstäben gerechter Arbeit gibt es in China nicht", erklärt van Abel. "In jeder chinesischen Fabrik gibt es dieselben Probleme, auch in der von A'Hong" – dazu zählen niedriger Lohn, lange Arbeitszeiten und kaum Mitspracherecht. Bei A'Hong sahen die Fairphone-Macher jedoch den Willen des Managements, langfristig die Situation der Beschäftigten zu verbessern – beispielsweise eine von 80 auf 60 Stunden reduzierte Arbeitszeit, starke Kontrollmöglichkeiten seitens Fairphone sowie einen für chinesische Fabriken nicht obligatorischen Mindestlohn. A'Hong war außerdem überhaupt bereit, die relativ geringe Menge von 25.000 zu produzierenden Smartphones herzustellen.
Van Abel räumt ein, dass Foxconn-Arbeiter mehr verdienen. Dies liege zum einen daran, dass Foxconn in einer anderen chinesischen Provinz mit höheren Lebenskosten und dementsprechend höheren Löhnen produzieren lasse – und zum anderen an dem Druck, der auf dem Apple-Zulieferer nach zahlreichen Berichten über die Arbeitssituation lastet. Dies bestätigt auch Friedel Huetz-Adams vom Südwind-Institut – allerdings ergänzt er, dass aufgrund der gestiegenen Personalkosten Hersteller wie Apple mittlerweile von Foxconn zu günstigeren Produzenten wechselten. "Bei A'Hong arbeiten außerdem kaum Leiharbeiter oder Arbeiter, die über eine externe Agentur vermittelt werden", sagt van Abel. "In einigen Fabriken in Shenzhen sind bis zu 40 Prozent der Arbeiter nicht direkt beim eigentlichen Unternehmen angestellt."
Arbeiter wählen Vertreter selbst
Des Weiteren hat Fairphone einen Mitarbeiterfonds eingerichtet, dessen Inhalt von den Arbeitern der Fairphone-Produktion für die gesamte Belegschaft erwirtschaftet wird. Pro verkauftem Fairphone gehen insgesamt 5 US-Dollar in den Fonds – 2,50 US-Dollar von Fairphone und 2,50 US-Dollar von A'Hong. Die Verteilung dieses Fonds wird laut van Abel von einer Stiftung durchgeführt, die derzeit gegründet wird. Im Stiftungsrat sitzen Fairphone, die Geschäftsführung von A'Hong – und von den Arbeitern gewählte Vertreter. Zusammen soll dann entschieden werden, wie das Geld verteilt wird. Momentan werden die Wahlen vorbereitet – ein für chinesische Fabriken sehr ungewöhnlicher Vorgang, wie auch Friedel Huetz-Adams meint.
Allerdings zeigen Analysen der schwedischen Angestellten- und Beamtengewerkschaft TCO (Tjänstemännens Centralorganisation)(öffnet im neuen Fenster), die das gleichnamige Siegel für nachhaltige IT-Produkte vergibt, dass die Produktion eines Smartphones mit transparenter Lieferkette zumindest in naher Zukunft noch Wunschdenken sein dürfte: Die Hersteller der Fair Mouse(öffnet im neuen Fenster), Nager IT, benötigen zur Offenlegung ihrer kompletten Lieferkette laut TCO beispielsweise noch vier bis fünf Jahre. Nager IT selbst bezeichnet seine Maus mittlerweile zu zwei Dritteln als fair – und das bei einem verglichen mit einem Smartphone deutlich unkomplizierteren Gerät.
Und auch van Abel sagt: "Man müsste den Krieg im Kongo beenden, um ein faires Smartphone herzustellen. Man müsste das Gesetz in China ändern, sie haben schließlich kein Recht auf Gewerkschaften dort. Um ein wirklich faires Smartphone zu bauen, müssten alle Probleme der Welt gelöst werden."
Fairphone-Projekt kann Einfluss auf Branche haben
Das Fairphone-Projekt kann einen Beitrag zur Lösung der Weltprobleme leisten. Auf die Mobilbranche werde das Fairphone-Projekt einen merklichen Einfluss haben, glaubt Friedel Huetz-Adams. Er bekomme mittlerweile vermehrt Anfragen von Mobilfunkanbietern, die aufgrund von Kundenwünschen nach dem Fairphone fragen. Auch könne er dank Fairphone mittlerweile den großen Herstellern entgegnen, dass eine sozialverträglichere Produktion sehr wohl möglich ist – wenn das Unternehmen es denn will. Seiner Meinung nach müssten die großen Hersteller jetzt nachziehen.
Das hofft auch van Abel. Er sieht die starke Nachfrage nach dem Fairphone als Zeichen dafür, dass sich Konsumenten ein nachhaltiges und verträglicher produziertes Smartphone wünschen. In Zukunft möchte van Abel weitere konfliktfrei und sozialverträglich erwirtschaftete Metalle verwenden – momentan sind es nur zwei von etwa 30. Auch sieht er das Potenzial, die bisher in der Fabrik von A'Hong begonnenen Verbesserungen auch auf die Zulieferbetriebe in China auszuweiten.
Menschliche Werte vor Profit
Generell strebt van Abel ein System an, in dem menschliche Werte wichtiger sind als Profite. "Unser größtes Problem stellt das aktuelle Wirtschaftssystem dar, in dem viele Unternehmen von der Aussicht auf Profite getrieben werden", erklärt er. Fairphone müsse wachsen, um mehr Einfluss bei den Zulieferern zu haben: Ein Hersteller mit einer Bestellmenge von nur 25.000 Smartphones kann verglichen mit anderen Herstellern kaum Druck auf die Produktion ausüben.

Letztlich ist das Fairphone der Anfang eines ehrgeizigen Projektes, das langfristig nicht weniger plant als die Umwandlung der profitorientierten Smartphone-Herstellung hin zu einer sozialverträglichen, nachhaltigen und fairen Produktion. Dafür stehen Fairphone-Chef Bas van Abel momentan knapp 20 Mitarbeiter zur Verfügung, die unter anderem neue Produktionsstätten suchen, den Rohstoffabbau mit lokalen Hilfsorganisationen planen und mit chinesischen Herstellern verhandeln.
Zunächst geht es van Abel aber darum, eine alternative Produktionsmethode aufzuzeigen. Fairphone würde gern sein nächstes Modell komplett selbst entwickeln und entscheiden, mit welchen Zulieferern zusammengearbeitet wird. Interesse bei möglichen Investoren hat van Abels Team mit dem ersten Fairphone bereits gefunden – eine Crowdfunding-Kampagne sollte dem Firmenchef zufolge nicht noch einmal nötig sein.
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