Fahrt im autonomen Bus: Im Rausch der Langsamkeit

Langsam zuckelt der kleine, kantige Minibus in die kleine Straße vor dem Passagierschiffterminal Amsterdams ein, direkt neben dem Konzerthaus Muziekgebouw aan't IJ am Ufer des Flusses IJ. Auf den ersten Blick wirkt der Wepod-Bus wie einer dieser japanischen Kleinbusse aus den 1990er Jahren: irgendwie unförmig, mit viel zu kleinen Reifen und einem zu hoch geratenen Aufbau.

Einen Fahrer können Zuschauer lange suchen – Wurbie ist eines von zwei autonom fahrenden Elektrofahrzeugen, die das niederländische Unternehmen Wepod(öffnet im neuen Fenster) aktuell in einem ersten Pilotprojekt im Straßenverkehr ausprobiert – gemeinsam mit dem Schwestermodell Welly. Die beiden Minibusse fahren normalerweise eigenständig auf der Strecke zwischen der Universität Wageningen und der Bahnstation Ede-Wageningen sowie auf dem Universitätscampus. Um diesen Test durchführen zu können, wurden in den Niederlanden zahlreiche Regulierungen angepasst.










Im Rahmen von Nvidias erstmalig in Europa abgehaltener GPU Technology Conference (GTC) Europe hat Wepod einen seiner Busse vor dem Veranstaltungsgelände fahren lassen – die autonomen Fahrfähigkeiten werden schließlich unter anderem durch Hardware von Nvidia ermöglicht. Interessenten konnten eine Spritztour mitmachen – da haben wir uns natürlich nicht lange bitten lassen.
Sechs Passagiere und kein Hinten und Vorn
In der aktuellen Testphase sind die beiden Wepod-Busse – hergestellt vom französischen Unternehmen Easymile – für sechs Passagiere ausgelegt. Eine Front- und Rückseite hat das Gefährt eigentlich nicht, entsprechend symmetrisch sieht es aus. In den Niederlanden muss ein Fahrzeug auf der Straße aber eine definierte Vorderseite haben, weshalb der Wurbie an einer Seite Scheibenwischer und Frontscheinwerfer hat.
Über eine große Tür in der Mitte des Fahrzeugs steigen wir in den kleinen Bus ein – die Tür ist dabei so breit, dass bequem zwei Passagiere gleichzeitig einsteigen könnten. Drei Plätze befinden sich zur Linken, drei zur Rechten. Auf der Testfahrt saß zwischen den beiden Sitzreihen ein Mitarbeiter von Wepod an einem Tablet und einem kleinen Joystick, worüber der Minibus auch manuell gesteuert werden kann. Die Reichweite der beiden Busse liegt bei jeweils 100 Kilometern.
Kameras, Sensoren, Radar und Lidar
Wurbie verfügt über verschiedene Kameras, Radar und Lidar, um die Umgebung und mögliche Hindernisse zu erkennen. Außerdem orientiert sich der Bus mit Hilfe von GPS und Kartenmaterial sowie über Beschleunigungs- und Odometriesensoren. Aktuell fahren die Busse nur Strecken ab, die sie kennen. Dafür wird diese abgefahren und vermessen, anschließend dienen die gewonnenen Daten der Orientierung bei folgenden Fahrten. Die Grundstrecke ist also bekannt, die Sensoren müssen dann theoretisch nur noch auf Hindernisse achten. In Zukunft will Wepod auch unbekannte Strecken befahren, aktuell jedoch noch nicht.
Das autonome Fahren funktioniert auf der 6,5 Kilometer langen Teststrecke in Wageningen bisher gut, auf dem kleinen Oval vor dem Veranstaltungsgelände der GTC Europe gab es hingegen Probleme: Zwischendrin musste der menschliche Ersatzfahrer zweimal eingreifen. Einmal bremste er sicherheitshalber manuell, da ein LKW aus einer Einfahrt fuhr – nach Angaben von Wepod konnte das automatische Bremssystem auf der Teststrecke nicht ausreichend konfiguriert werden. In einer zweiten Situation fuhr der Fahrer manuell um eine Kurve. Grund dafür war ein weiterer LKW, der die Straße verengte, sowie ein weit über die Straße reichendes Gebäudeteil; dieses störte das GPS-Signal, weshalb eine ausreichend genaue Streckenführung nicht mehr gewährleistet war.
Geschwindigkeitsrekorde werden nicht gebrochen
Im Pilotprojekt in Wageningen fahren die beiden Wepod-Busse maximal 25 km/h, technisch möglich sind bis zu 40 km/h. Auf der GTC Europe fuhren wir in eine Richtung mit 6 km/h, auf der Gegengerade rauschten wir mit geradezu rasanten 12 km/h dahin. Das klingt nicht nur langsam, sondern ist es auch – weitaus langsamer beispielsweise als die in Amsterdam omnipräsenten Fahrräder. Wepod wollte schlicht sichergehen, dass es zu keinem Unfall kommt: Auf dem Vorplatz waren jede Menge Konferenzbesucher, Taxis und Fahrräder unterwegs.










Die autonom gesteuerten Fahrabschnitte meisterte Wurbie souverän. Dank Allradantrieb und lenkbarer Hinterachse hat der Mini-Bus einen äußerst kleinen Wendekreis. Die an der Außenseite des Fahrzeugs angebrachten Sensoren erkennen Hindernisse und würden notfalls zu einem sofortigen Halt führen – bei unserer Testfahrt kam es zu keinem derartigen Zwischenfall.
Nothalteknopf und Kontakt zum Controller
Die Insassen können zudem über einen Nothalt-Button immer einen sofortigen Stopp auslösen – der Bremsweg unterscheidet sich Wepod zufolge nicht von dem eines vergleichbaren normalen Autos. Die Fahrt des Wagens wird zudem immer von einem Kontrollraum aus überwacht, von dem aus auch bestimmte Subroutinen des Wepod-Fahrzeugs ausgelöst werden können – etwa, um die Spur zu wechseln oder zu bremsen. Außerdem können die Passagiere mit dem Controller Kontakt aufnehmen.
Bodenschwellen bremsen den Bus aus
Ein Problem für den Wurbie sind Bodenschwellen, die auch auf unserer Teststrecke vorhanden waren. Diese mussten wir sehr langsam überqueren, da eine zu schnelle Annäherung den Bodensensoren ein Hindernis melden würden – was zu einem sofortigen Halt führen würde. Die Sensoren höher zu hängen ist Wepod zufolge keine Option, da dann tatsächliche Hindernisse übersehen werden könnten.
Das Sensorenproblem sowie die GPS-Probleme zeigen, dass die Strecke für einen Wepod-Bus gut gewählt werden sollte – bei der Teststrecke, die wir abgefahren sind, musste Wepod mit der vorhandenen Straße vorliebnehmen, da keine Alternativen zur Verfügung standen. Das erklärt auch, dass der Fahrer zwischendrin manuell steuern musste; in Wageningen funktioniert das wohl besser. Dass bei autonomen Strecken immer unvorhersehbare Probleme auftreten können, zeigt der jüngste Unfall des Schweizer Postautos , das vom Hersteller Navya stammt. Dieses rammte in einer Kurve die offenstehende Klappe eines Autos, die von den Sensoren nicht erkannt wurde.
Nahverkehr könnte durch kleine, autonome Fahrzeuge verändert werden
Dennoch könnten derartige autonom fahrende Kleinbusse den urbanen Nahverkehr in Zukunft verändern. Miteinander vernetzte und untereinander kommunizierende Fahrzeuge können eine Alternative zum privaten Autoverkehr sein, besonders, wenn die Strecken nach persönlichen Anforderungen angepasst werden können. Das ist aktuell mit den Wepod-Bussen noch nicht möglich, das Projekt steht aber auch erst am Anfang.
Eine Flotte an elektrisch betriebenen, autonom fahrenden Bussen könnte Innenstädte von Autolärm und Abgasen ein Stück weit befreien und den Nahverkehr entscheidend verändern. Anstatt von großen Bussen mit festgelegten Strecken könnten kleinere Fahrzeuge wie die Wepod-Busse individuellere Strecken abfahren.
Angesichts des knubbeligen Äußeren und den manchmal etwas unbeholfen wirkenden Fahrmanövern ist es leicht, über die Wepod-Busse zu schmunzeln. Nicht vergessen werden sollte dabei aber, was für ein immenser Rechenaufwand hinter einer autonomen Fahrt steckt, auch, wenn diese nur 6 km/h schnell ist. In Sekundenbruchteilen werden Unmengen an Sensorendaten erfasst und analysiert; das dabei besonders in einem realen Szenario auf der Straße nicht immer alles glattgeht, ist zu diesem Zeitpunkt der Entwicklung noch nicht zu verhindern. Ein kontrolliertes Szenario, wie es die Strecke in Wageningen ist, lässt sich aber zumindest soweit kontrollieren, dass sich ein Test durchführen lässt.
Entwicklung benötigt Tests in realen Szenarien
Umso bemerkenswerter ist es, dass Wepod in Wageningen ein Test auf öffentlichen Straßen ermöglicht wurde. Dass bei diesen Tests etwas schiefgehen kann, zeigt das Beispiel aus der Schweiz; auch auf unserer Testfahrt sind uns einige der Schwierigkeiten begegnet. Anders lässt sich eine derartige neue Technologie aber schwer weiterentwickeln – und angesichts immer voller werdender Innenstädte und den daraus entstehenden Umweltproblemen sind autonome Nahverkehrsmittel wie der Wurbie eine Option, über die es sich nachzudenken lohnt.