Fähigkeitslücken: Ukraine als Europas Raketenschmiede
Europa will von Ukraines Raketenwissen profitieren. Gleich zwei Partnerschaftsankündigungen auf der Rüstungsmesse Eurosatory in Paris deuten auf eine grundlegende Verschiebung hin: Statt die Ukraine nur zu beliefern, wollen westliche Firmen ukrainische Raketendesigns gemeinsam weiterentwickeln und für den Nato-Einsatz produzieren.
Das deutsche Unternehmen Diehl Defense bestätigte(öffnet im neuen Fenster) einem Bericht der Financial Times zufolge, den ukrainischen Marschflugkörper Flamingo künftig auf deutschem Boden fertigen zu wollen. Vorstandschef Helmut Rauch kündigte Gespräche mit dem ukrainischen Entwickler Fire Point an. Eine Technologievereinbarung bestand bereits, Produktionsdetails wurden jedoch erst jetzt bekannt.
Parallel unterzeichnete MBDA, Europas größter Raketenhersteller, eine Absichtserklärung mit dem ukrainischen Rüstungsunternehmen Luch(öffnet im neuen Fenster). Es konzentriert sich auf die Neptune-Familie und eine neue Generation namens Neptune 2, die MBDA als "disruptive Innovation" bezeichnet.
Was Europa sich von der Ukraine kauft
Die Neptune begann als Seezielflugkörper auf Basis der sowjetischen Kh-35 und erlangte im April 2022 weltweite Aufmerksamkeit, als sie den russischen Kreuzer Moskwa versenkte. Später entwickelte die Ukraine eine Landangriffsvariante mit rund 360 Kilometern Reichweite sowie die Long Neptune, die knapp 1.000 Kilometer weit fliegen kann und bereits Dutzende Ziele auf russischem Territorium getroffen haben soll.
Die Flamingo, auch FP-5 genannt, ist eine grundlegend andere Waffe. Sie wurde von Anfang an für Schläge in russisches Territorium konzipiert, mit einer angegebenen Reichweite von rund 3.000 Kilometern und einem Gefechtskopf von knapp einer Tonne. Abgefeuert wird sie von schienenmontierten Trailern, angetrieben von einem AI-25-Turbofan-Triebwerk, gelenkt per Satellitennavigation und Trägheitsführung. Fire Point peilt eine Produktion von mindestens sieben Flamingo-Raketen täglich bis Oktober an, was einem Jahresausstoß von über 2.500 Stück entspräche. Ob dieses Ziel realistisch ist, bleibt abzuwarten.
Diehl könnte der Flamingo einen leistungsfähigeren Suchkopf beisteuern, MBDA der Neptune vergleichbare Präzisionstechnologie. Für die Ukraine bedeutet das Zugang zu Führungstechnologien, deren eigenständige Entwicklung sonst Jahre dauern würde.
Das Vakuum, das Europa füllen muss
Die Ukraine erhält zwar westliche Marschflugkörper wie Storm Shadow, Scalp-EG und Raketen wie ATACMS, doch sie kommen in begrenzter Stückzahl und mit Einsatzbeschränkungen. An die Reichweite und Nutzlast der Flamingo reicht keiner heran. Tomahawk-Marschflugkörper, die Ziele bis zu 1.600 Kilometer entfernt treffen könnten, verweigerte Washington bisher. Auch die für Deutschland geplante Stationierung von Typhon-Startanlagen stockt.
Europas eigene Langstreckenprogramme sind frühestens Anfang der 2030er-Jahre einsatzbereit. Der European Long-Range Strike Approach, dem Frankreich, Deutschland, Italien, Polen, Schweden und Großbritannien angehören, hat sich noch nicht auf gemeinsame Anforderungen geeinigt. Auch das deutsch-britische Projekt für einen Flugkörper mit mehr als 2.000 Kilometern Reichweite steckt noch in der Anfangsphase.
Vor diesem Hintergrund stehen Flamingo und Neptune für etwas, das Europa derzeit fehlt: Marschflugkörper, die bereits existieren, im Gefecht erprobt wurden und in großen Stückzahlen herstellbar erscheinen. Sie sind unterschallschnell, nicht tarnkappenoptimiert und einzeln eingesetzt abfangbar. Ihre Wirksamkeit in der Ukraine beruhte wesentlich auf Sättigungstaktiken, also dem kombinierten Einsatz mit Drohnen und Täuschkörpern. Genau dieses operative Wissen, nicht nur die Hardware, scheint europäische Unternehmen anzuziehen.


