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Fähigkeitslücken: Pistorius will US-Raketensystem Typhon für die Bundeswehr

Das Bundesverteidigungsministerium prüft die Beschaffung des Raketensystems Typhon zur Schließung von Fähigkeitslücken.
/ Andreas Donath
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Ein Transporter-Errector-Launcher des Typhon-Systems (Bild: US-Army)
Ein Transporter-Errector-Launcher des Typhon-Systems Bild: US-Army / CC0 1.0

Verteidigungsminister Boris Pistorius hat während seines Washington-Besuchs nach einem Bericht des Spiegels(öffnet im neuen Fenster) angekündigt, dass Deutschland die Beschaffung des US-amerikanischen Typhon-Raketensystems von Lockheed Martin(öffnet im neuen Fenster) erwägt.

Das System könnte Fähigkeitslücken innerhalb des aktuellen Verteidigungsportfolios der Bundeswehr schließen. Die Waffenplattform beinhaltet bodengestützte Abschusssysteme, die lenkbare Raketen auf verschiedene Distanzen abfeuern können – und zwar deutlich größere, als es die Bundeswehr bislang kann.

Das sogenannte Mid-Range Capability-System der US-Armee(öffnet im neuen Fenster) , bekannt als Typhon, ist Teil der umfassenderen Modernisierungsanstrengungen für weitreichende Präzisionsfeuer des Heeres. Das System nutzt modifizierte, von Raytheon produzierte SM-6-Raketen und Tomahawk-Marschflugkörper(öffnet im neuen Fenster) , die für bodengestützte Starts angepasst wurden. Diese Waffen können Ziele in etwa 1.850 bis 2.500 Kilometern Entfernung bekämpfen und positionieren sich im US-Arsenal zwischen kürzeren Precision Strike Missiles(öffnet im neuen Fenster) und den in Entwicklung befindlichen Long-Range Hypersonic Weapons(öffnet im neuen Fenster) .

Raketen und Marschflugkörper verschießbar

Die verschießbare Rakete RIM-174 Standard ERAM (SM-6) ist eine Mehrzweckrakete der US Navy, die seit 2013 im Einsatz ist. Mit einer Länge von 6,6 Metern, einem Gewicht von 1.500 kg und einer Reichweite von bis zu 460 km kann sie mit Mach 3,5 Geschwindigkeit verschiedenste Ziele bekämpfen: Flugzeuge, Drohnen, Marschflugkörper, ballistische Raketen in der Endphase und sogar Schiffe. Die zweistufige Rakete verfügt über den aktiven Radarsuchkopf der Luft-Luft-Lenkwaffe AIM-120 AMRAAM(öffnet im neuen Fenster) .

Die im Typhon eingesetzte Tomahawk Block V Variante(öffnet im neuen Fenster) erreicht Reichweiten von über 1.850 Kilometern, wobei bestimmte Konfigurationen je nach Flugprofiloptimierung bis zu 2.500 Kilometer schaffen können. Der Marschflugkörper nutzt ein mehrstufiges Lenksystem mit GPS-Satellitennavigation inklusive Störschutz, Trägheitsnavigationssystem als Reserve, Geländekonturanpassung mittels digitaler Höhendaten und digitaler Szenenabgleich für elektro-optische Endphasenführung.

Die bidirektionale Satellitendatenverbindung ermöglicht Echtzeit-Zielupdates und Missionsänderungen während des Flugs, während Warteschleifen-Fähigkeiten laut Hersteller eine verbesserte Zielbekämpfung erlauben. Die Standardkonfiguration trägt einen 454 Kilogramm schweren konventionellen Gefechtskopf. Es gibt aber auch Bestückungsmöglichkeiten mit BLU-97/B-Clusterbomblets(öffnet im neuen Fenster) .

Bauweise erhöht die Sicherheit

Das System fasst vier Tomahawk-Marschflugkörper, die in einem Standard-40-Fuß-Container mitsamt ihrer Starterrohre stecken. Der Container ist optisch nicht von gewöhnlichen Frachtcontainern zu unterscheiden und wird auf Transportern bis kurz vor dem Abschuss herumgefahren.

Im Ernstfall öffnet sich der Container automatisch. Die Hydraulik richtet die Startrohre aus und die Flugkörper starten. Der gesamte Prozess dauert weniger als zehn Minuten. So kann das System die größte Zeit mobil sein. Gegnerische Kräfte können weder Standorte noch Einsatzzeitpunkte vorhersagen, was präventive Angriffe auf die Starter erheblich erschwert.

Abschreckungspotential deutlich erhöhen

Pistorius betonte, dass die Typhon Abschreckungszwecken dienen würde. Der Minister merkte an, dass solche Systeme so lange im Einsatz bleiben würden, bis Deutschland eigene Fähigkeiten ähnlicher Reichweite und Wirksamkeit entwickelt hat. Der Beschaffungsvorschlag bedarf der Genehmigung durch US-Behörden, wobei Verteidigungsminister Pete Hegseth die Anfrage während bilateraler Gespräche Berichten zufolge wohlwollend aufgenommen hat.

Mit der Reichweite des Typhon-Systems könnten theoretisch Ziele auf russischem Territorium erreicht werden. Deutschland betont jedoch den defensiven und abschreckenden Charakter jeder potenziellen Stationierung. Die Reichweite übertrifft aktuelle europäische Waffensysteme erheblich und könnte sowohl deutsche als auch breitere europäische Verteidigungsfähigkeiten stärken.

Operative Entwicklung des Army-Typhon-Systems

Die US-Armee übernahm ihre erste Typhon-Batterie im Dezember 2022, die erste operative Aktivierung erfolgte im Januar 2024. Die D-Batterie des 5. Bataillons, 3. Feldartillerie-Regiment wurde zur ersten Einsatzeinheit auf der Joint Base Lewis-McChord als Teil der 1. Multi-Domain Task Force. Eine zweite Batterie wurde inzwischen am selben Standort in Dienst gestellt und soll später in diesem Jahr der 3. Multi-Domain Task Force in Hawaii zugewiesen werden.

Aktuelle US-Pläne sehen die Stationierung von insgesamt fünf Batterien bei regional ausgerichteten Multi-Domain Task Forces bis 2028 vor. Bisher ist beabsichtigt, die nächste Batterie im Haushaltsjahr 2026 bei Europas 2. Multi-Domain Task Force zu stationieren. Jede Batterie besteht aus vier Abschussvorrichtungen, einem Operationszentrum sowie verschiedenen Unterstützungsfahrzeugen und Ausrüstung.

Die letzte Stationierung hat internationale Aufmerksamkeit erregt, besonders im pazifischen Raum. Die US Army stationierte eine Typhon-Batterie während der Übung Salaknib(öffnet im neuen Fenster) im April 2024 auf den Philippinen. Die Batterie verblieb über den Übungszeitraum hinaus auf den Philippinen und zog Kritik chinesischer und russischer Stellen nach sich, die die Stationierung als destabilisierend für die regionale Sicherheit bezeichneten.


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