Fachkräfte: Wie ITler aus dem Ausland an deutschen Behörden scheitern
Ein Arbeitsvisum für Deutschland zu bekommen, war für Harshad Dev nicht leicht. Nachdem der indische Softwareentwickler seinen deutschen Arbeitsvertrag erhalten hatte, kämpfte er sich durch Behörden-Webseiten, musste seinen indischen Informatik-Bachelorabschluss in Deutschland anerkennen lassen und einen Brief besorgen, dass sein neuer Arbeitgeber ihn als Ausländer einstellen darf. Doch am schwierigsten war es, einen Termin für den Visaantrag im deutschen Konsulat in Delhi zu bekommen.
"Es gab keine freien Termine – monatelang" , sagt Dev, der sich 2018 bewarb. "Nach Wochen ergatterte ich einen Platz, weil jemand abgesagt hatte." Dann musste er ins Konsulat fahren und alle Dokumente in Papierform einreichen. Nach zwei Monaten hatte er ein Visum. Heute dauert dies deutlich länger, erzählen ihm Inder, die ebenfalls in Deutschland arbeiten wollen, aber an den deutschen Behörden scheitern.
Mehr als die Hälfte der deutschen Unternehmen hat laut Umfragen des Industrie- und Handelskammertags Schwierigkeiten, offene Stellen zu besetzen. In "Fokusländern" wirbt die Bundesregierung deswegen um Fachkräfte. Besonders viel Hoffnung liegt auf Indien. Das inzwischen bevölkerungsreichste Land der Erde, in dem viele gut ausgebildete Menschen leben, könnte die fehlenden Arbeitskräfte liefern.
Doch die Realität sieht anders aus. Zu wenige Mitarbeiter kümmern sich in Neu-Delhi um die Visa, die sich dort inzwischen stapeln. Eine weitere Hürde: Die deutschen Behörden verlangen hohe Gebühren für die Anerkennung indischer Pflegeausbildungen – Geld, das viele Inder nicht haben.
Das gefürchtete Bürgeramt
Seit Juni 2018 lebt Harshad Dev in Deutschland. Er arbeitet als Softwareentwickler für eine mittelgroße Firma, die Daten verarbeitet. Nach seiner Ankunft aus der indischen Millionenstadt Nasik in Berlin teilte sich der 31-Jährige sechs Monate mit einem Studenten ein Zimmer. "Um herzukommen, ging ich einen Karriereschritt zurück" , sagt Dev, der in Indien für ein internationales Beratungsunternehmen gearbeitet hatte. Nach Deutschland wollte er, weil er hier langfristig besser verdienen kann als in Indien. "In Berlin gab es viele Jobs für Leute wie mich aus dem IT-Bereich" , sagt Dev. Ursprünglich wollte er in die USA auswandern. "Deutschland ist das neue Amerika" , sagt er heute.
Doch viele andere junge Inder, die den gleichen Weg gehen wollen wie er, stehen vor ähnlich großen Herausforderungen wie er vor fünf Jahren. "Es ist nicht klar ersichtlich, welche Art von Visum und welche Dokumente man braucht" , sagt er. Dev sah in diesem Problem eine Chance. Er startete einen Youtube-Kanal(öffnet im neuen Fenster) , auf dem er Indern erklärt, wie sie einen Job in Deutschland finden, was Kalt- und Warmmiete oder die Schufa ist, und wie die gefürchtete "Anmeldung" beim Bürgeramt gelingt.
Politiker werben um Fachkräfte, doch die Behörden lassen sich Zeit
"Ich selbst habe seit drei Jahren meine Ehe nicht registrieren können" , erzählt Dev. "Die Informationen dazu sind zu kompliziert dargestellt, kein normaler Mensch versteht das."
Sein Youtube-Kanal hat mittlerweile über 20.000 Abonnenten, ein Video über Lebenshaltungskosten(öffnet im neuen Fenster) in Deutschland wurde über 140.000-mal angeklickt. Die Videos sind so erfolgreich, dass Dev Inder, die nach Deutschland ziehen wollen, kostenpflichtig berät(öffnet im neuen Fenster) . Doch viele Inder müssen in ihrem Heimatland ausharren. Die deutschen Behörden lassen sich Zeit.
Bis 2035 könnten 7 Millionen Fachkräfte fehlen
Der Fachkräftemangel ist eines der größten Probleme der deutschen Wirtschaft. "Wir gehen davon aus, dass in Deutschland rund zwei Millionen Arbeitsplätze vakant bleiben" , sagte der stellvertretende DIHK-Hauptgeschäftsführer, Achim Dercks(öffnet im neuen Fenster) , im Januar. "Das entspricht einem entgangenen Wertschöpfungspotenzial von fast 100 Milliarden Euro."
Bundesarbeitsminister Hubertus Heil hält eine massive Anwerbung von Fachkräften von außerhalb der EU in den kommenden Jahren für notwendig. Die Arbeitsagentur sage, "dass wir alle Register für die Arbeits- und Fachkräftesicherung ziehen müssen. Wenn wir das nicht tun, fehlen uns bis 2035 bis zu 7 Millionen Arbeits- und Fachkräfte" , sagte er Ende April im Plenum zum Fachkräfteeinwanderungsgesetz(öffnet im neuen Fenster) .
Auch Bundeskanzler Olaf Scholz hat das Problem erkannt. Bei einem Besuch im indischen Bengaluru im Februar versprach er(öffnet im neuen Fenster) , die Zuwanderung von Fachkräften, insbesondere aus dem IT-Bereich, deutlich auszubauen. Dafür trat bereits vor zwei Jahren das Fachkräfteeinwanderungsgesetz(öffnet im neuen Fenster) in Kraft. Speziell mit Indien schloss Deutschland Ende 2022 ein neues Mobilitätsabkommen (öffnet im neuen Fenster) ab.
Bisher habe man davon jedoch nicht viel gemerkt, sagt Denise Eichhorn von der Deutsch-Indischen Handelskammer in Mumbai fünf Monate später. Sie betreut zwei Projekte, die qualifizierte Inder bei der Auswanderung nach Deutschland unterstützen. Nicht nur weil Indien seit kurzem das bevölkerungsreichste Land der Erde ist, sei es als Herkunftsland interessant.
Visaanträge bis unter die Decke
"Jeden Monat streben Millionen junge, gut ausgebildete Inder auf den Arbeitsmarkt, für die es in ihrem Land nicht genug Arbeitsplätze gibt" , sagt Eichhorn. Die Anerkennung indischer akademischer Abschlüsse in Deutschland gelinge meist schnell.
Bei Ausbildungen oder Pflegeberufen sei es komplizierter und mit Kosten verbunden. "Eine Anerkennung kostet 400 bis 800 Euro, die nicht jeder hat und die investiert werden müssen, entweder von Kandidaten, bevor das Jobangebot da ist, oder von Unternehmen" , sagt Eichhorn. "Wir wünschen uns, dass diese Anerkennung günstiger wird."
Ende 2021 lebten in Deutschland knapp 34.000 berufstätige Inder. Heute dürften es noch mehr sein, denn Indien ist das Nicht-EU-Land, aus dem die meisten Fachkräfte nach Deutschland kommen. Jedoch nicht genug, meint MdB Frank Müller-Rosentritt (FDP), der für die Bundesregierung regelmäßig aus Asien berichtet.
Analoge Prozesse und monatelange Wartezeiten
Im Februar 2020 besuchte er dabei auch das deutsche Konsulat in Neu-Delhi. Dort stapelten sich die Visa-Anträge raumhoch, erzählt er in Neu-Delhi Ende März. "Das lag wohl auch daran, dass ein Umzug des Konsulates anstand. Im Großen und Ganzen ist jedoch tatsächlich ein enormer Stau an unbearbeiteten Anträgen zu verzeichnen" , sagt Rosentritt.
Deutschland werde in Indien als "Hort des Fortschritts und des Wohlstandes" wahrgenommen, sagt er. "Allerdings zerplatzen die Träume von Deutschland wie eine Seifenblase in dem Moment, wenn die indischen Studierenden mit dem deutschen Staat in Berührung kommen. Sie werden mit analogen Prozessen konfrontiert, stellen Anträge und warten danach nicht Tage oder Woche, sondern viele Monate auf eine Rückmeldung." In anderen EU-Ländern und auch in Israel sei das nicht so. Dort seien die Prozesse vollständig digitalisiert und Anträge werden innerhalb weniger Tage bearbeitet.
"Für Fachkräfte aus Indien darf es nirgendwo einfacher sein, ein Visum zu beantragen, als in Deutschland bzw. in deutschen Konsulaten" , fordert Rosentritt. Ansonsten werde es schwierig, im internationalen Wettbewerb um Fachkräfte, Top-Talente, Auszubildende und Studierende zu bestehen.
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