Facebook wird Meta: Ready Player Mark
Stellen wir uns vor: Unser Alltag ist trist, überall nur Leid, Lärm und Leute. Gut also, dass wir unser VR-Headset aufsetzen, uns einloggen und als schöner Held in die bessere Realität fliehen können. Hier treffen wir unsere guten Freunde und erleben gemeinsam Abenteuer – schließlich hat mittlerweile fast jeder ein VR-Headset für unter 100 Euro zu Hause. Willkommen in der Oasis! Oder war es doch Horizon?
Eines muss man Mark Zuckerberg lassen: Der Facebook-CEO hat eine blühende Fantasie und verkündet auf dem eigenen Event Connect die Geburtsstunde von Meta , dem neuen Konzern, der Facebook, Whatsapp und andere Produkte unter sich vereint. Unter dem Begriff Horizon fasst das Unternehmen die Dienste zusammen, die für Virtual Reality entwickelt werden. Möglicherweise hat sich Zuckerberg bei seiner Erzählung von Science-Fiction-Literatur wie Ready Player One mit seiner Oasis und Snow Crash(öffnet im neuen Fenster) – der als erstes den Begriff "Metaverse" prägte – inspirieren lassen.
Daran fühlen wir uns zumindest erinnert, wenn wir seine Visionen von virtuellen Welten, Avataren und Hologrammen hören. Im Vergleich zum geradezu karikativ klischeehaften und bösartigen CEO Nolan Sorrento aus Ready Player One, der sein Admin-Passwort auf einem Zettel am Sessel festklebt und massenweise Personal im Cyberspace verbrät, ist Zuckerberg aber keineswegs ein cholerischer Idiot.
VR mit Daten bezahlen
Aktuell ist Facebook auf dem VR-Markt eines der wenigen Unternehmen, die sichtbar Geld in immer neue Produkte investieren. Headsets wie das Oculus Quest 2 senken die Einstiegshürde mit einem relativ niedrigen Preis von 350 Euro. Bezahlt wird dann eben mit Daten, denn bereits seit einiger Zeit sind Oculus-Geräte an einen Facebook-Account gebunden.
Teilweise gibt es Horizon-Dienste auch schon: Horizon Workrooms zeigt etwa mehrere virtuelle Avatare von Personen in einem digitalen Meetingroom an. Golem.de konnte bereits 2019 Facebook Horizon ausprobieren; wir fühlten uns an Real-Life-Simulationen wie das einst erfolgreiche Second Life erinnert. Das klingt für manche eventuell interessant. Die Eintrittskarte ist allerdings VR-Hardware von Oculus, das im Besitz von Meta ist.

Nun nehmen wir an, dass Meta innerhalb des Metaverse, so nennt Meta seine VR-Vision, mittels APIs auch softwareübergreifend außerhalb von Facebook, Instagram und Co. an die Daten der User gelangt. Dann kann Meta sehr genau Kundenprofile erstellen und gezielt Werbung verkaufen. Abwegig ist das nicht, schließlich testet der Konzern bereits Werbung in VR-Spielen . Natürlich wird das alles versteckt und wenig transparent durchgeführt. Das hat bisher ja auch funktioniert – fast.
Facebooks Praktiken kommen ans Licht
Denn auch wenn Mark Zuckerberg bestreitet, dass der Veröffentlichungszeitpunkt der Umbenennung und des Metaverse-Konzepts etwas mit den jüngsten Enthüllungen zu Facebooks Geschäftspraxis zu tun hat, bleiben daran Zweifel. Whistleblower wie die ehemalige Mitarbeiterin Frances Haugen haben interne Dokumente veröffentlicht, nach denen Zuckerberg Profit vor Diskussionskultur und das Wohl vor allem jüngerer Nutzerinnen stellt.
Die Ankündigung eines völlig neuen, innovativen Konzepts wie dem Metaverse lenkt von derartigen Problemen natürlich ab – was bereits direkt sichtbar ist. In Meldungen seit der Bekanntgabe wird vor allem zuerst über Meta gesprochen und, wenn überhaupt, erst danach über Facebooks aktuelle Probleme. Dieses Ziel hat Zuckerberg zumindest schon einmal erreicht.
Vom Metaverse sollte sich die Öffentlichkeit nicht blenden lassen. Mark Zuckerberg muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass er lieber ein neues Konzept begründet als die Probleme seines alten zu lösen. Facebook ist zum Hort von Desinformation, Hass und Werbespam geworden, und das offenbar mit dem Segen des Gründers und der Geschäftsführung.
Never change a running system
Es gibt eigentlich keine Gründe anzunehmen, dass sich an der bisherigen Unternehmenspraxis etwas ändern wird, wenn Facebook-Nutzer zu Horizon wechseln. Solange die aktuellen Ermittlungen keine Veränderungen mit sich bringen, wird es auch in Horizon dunkle Ecken geben, in denen Hassrede floriert, politische Parteien alles tun werden, um Aufmerksamkeit zu erregen, und in denen Falschinformationen verbreitet werden.
Mark Zuckerberg will Chef des neuen Unternehmens Meta bleiben. Die möglicherweise einzige Chance für einen wirklichen Neustart nach all den bisherigen Vorwürfen wäre gewesen, wenn er sich zurückgezogen hätte. Sollten sich die Vorwürfe der Whistleblower weiter festigen, können Nutzer nur hoffen, dass offizielle Ermittlungen die bisherige Geschäftspraxis ändern. Ansonsten wird Horizon ähnlich toxisch werden wie Facebook – vielleicht sogar noch schlimmer. Falls die Vision von Mark Zuckerberg überhaupt Realität wird und nicht ähnlich im Sand verläuft wie Facebooks Kryptowährung Libra.
IMHO ist der Kommentar von Golem.de [IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach)]
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