Facebook-Boykott: Imagepflege zum Nulltarif

Mehr als 800 Firmen haben Facebook ihre Werbegelder entzogen. Angeblich aus purer Menschenliebe, dabei kommt ihnen das in Wirklichkeit ganz zupass.

Ein IMHO von Gerd Mischler veröffentlicht am
"Die Kunden werden schon wieder zurückkommen", soll Facebook-Chef Mark Zuckerberg zu Mitarbeitern gesagt haben.
"Die Kunden werden schon wieder zurückkommen", soll Facebook-Chef Mark Zuckerberg zu Mitarbeitern gesagt haben. (Bild: Kenzo Tribouillard/AFP via Getty Images)

Schon lange fordern Kritiker von Facebook, konsequenter gegen rassistische und antisemitische Kommentare und Gruppen vorzugehen. Jetzt hat die Anti-Defamation League (ADL), die gegen die Diskriminierung und Diffamierung von Juden kämpft, zusammen mit anderen Bürgerrechtsbewegungen einen Protest organisiert. Dass sich ihm auch 1000 Unternehmen angeschlossen haben, die nun keine Anzeigen mehr auf Facebook schalten, klingt zunächst wie eine tolle Nachricht. Allerdings sind ihre Motive zum Teil fragwürdig.

Inhalt:
  1. Facebook-Boykott: Imagepflege zum Nulltarif
  2. Wahrscheinlich kehren die Boykotteure bald zurück

Zweifellos verdient das Anliegen der ADL, die auch Bürgerwehren, Verschwörungsideologen, Impfgegner und Leugner des Klimawandels und des Holocausts nicht mehr auf Facebook sehen will, volle Unterstützung - nicht nur in den USA. Denn da es um den Schutz von Menschenrechten geht, hat der Protest auch eine internationale Dimension. Ob Weltkonzerne wie Coca-Cola, Unilever, Ford, Hewlett Packard und Honda, aber auch deutsche Unternehmen wie SAP, Volkswagen, Bayer, Henkel oder Siemens den Facebook-Boykott aus Überzeugung unterstützen, ist allerdings fraglich.

Wer wie VW weltweit Millionen Kunden betrogen und seine Betriebsräte mit Luxusreisen und Prostituierten bestochen hat, oder wie Siemens glaubt, er könne Kritiker ruhigstellen, indem er mit hochdotierten Aufsichtsratsposten lockt, muss sich die Frage gefallen lassen, ob er den Boykott nicht nur unterstützt, weil er glaubt, so ohne große Kosten die eigene Marke aufpolieren zu können.

Diesen Vorwurf müssen sich auch Unternehmen wie Coca-Cola oder Ford gefallen lassen. Ford muss sich in den USA derzeit wegen des vermeintlichen Einbaus illegaler Abschalteinrichtungen in 500.000 Fahrzeugen vor Gericht verantworten. Coca-Cola wurde vom Verbraucherschutzverein Foodwatch vor zwei Jahren für die dreisteste Werbelüge des Jahres 2018 ausgezeichnet. Dies sind nur Beispiele dafür, wie moralfrei es in den Vorstandsetagen vieler Unternehmen zugeht, die nun durch ihren Boykott von Facebook glänzen wollen.

Mit dem Boykott sparen die Konzerne Geld

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Doch wenn die Konzerne den Protest nicht aus Anstand und demokratischem Verantwortungsbewusstsein unterstützen, weshalb dann? Für viele ist der Boykott sicher eine willkommene Gelegenheit, Markenpflege zum Nulltarif zu betreiben. Wer keine Werbung schaltet, gibt kein Geld aus. Meist bekommt er dann auch keine Aufmerksamkeit mehr. Beim Boykott des größten sozialen Netzwerks ist das anders. Hier können Vorstände sparen und zugleich den Eindruck erwecken, sich für Minderheiten, Demokratie und Menschenrechte starkzumachen. Welches Mitglied der sogenannten Manager-Elite würde da nicht gerne mitmachen?

Vor allem, wenn es seine Werbeausgaben im Zuge der Coronakrise ohnehin kürzen muss. Im Mai gaben Unternehmen für Werbung in Zeitungen und Zeitschriften, Radio und Fernsehen allein in Deutschland nur noch gut 2,4 Milliarden Euro und damit mehr als zehn Prozent weniger aus als ein Jahr zuvor. Im April brach der deutsche Werbemarkt dem Marktforschungsunternehmen Nielsen zufolge sogar um 21,4 Prozent ein.

Für Online-Werbung werden Unternehmen weltweit im laufenden Jahr fast 50 Milliarden US-Dollar oder 8,1 Prozent weniger ausgeben als 2019, erwartet das Marktforschungsinstitut Warc. Mehr Kapital als mit dem Facebook-Boykott lässt sich aus solchen Sparmaßnahmen kaum schlagen.

Zuckerberg argumentiert mit dem Grundrecht auf Meinungsfreiheit

Sicher, den Protest unterstützen auch Organisationen wie Greenpeace oder die Fraktion der Grünen im schleswig-holsteinischen Landtag. Ihre Motive dürften über viele Zweifel erhaben sein. Wenn sie Facebook jedoch mit ökonomischem Druck dazu bewegen wollen, Hate Speech und Rassismus konsequenter zu bekämpfen, erweisen sie ihrem wichtigen und legitimen Anliegen einen Bärendienst. Denn dann können sich Zuckerberg und seine Crew als Helden darstellen, die die Meinungsfreiheit vor wirtschaftlichen Zwängen verteidigen.

"Wir werden weder unsere Richtlinien noch unseren grundlegenden Ansatz ändern, nur weil ein kleiner Teil oder irgendein Teil unseres Umsatzes in Gefahr ist", soll Zuckerberg zu seinen Mitarbeitern gesagt haben. Änderungen nehme das Facebook-Management nur aufgrund seiner Prinzipien vor, nicht weil es finanziell unter Druck stehe.

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Wahrscheinlich kehren die Boykotteure bald zurück 
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Westerwald 15. Jul 2020

Das gilt nicht nur für Firmen, die Facebook nur als Werbeplattform benutzen, um Geld zu...

Trollversteher 15. Jul 2020

Bitte? Alleine nach dieser (auch nicht zu 100% vollstaendigen) Liste sind es in den...

Trollversteher 15. Jul 2020

Hier geht es aber doch nicht um persoenliche Streitereien, die zwischen zwei einzelnen...

Hotohori 10. Jul 2020

Ja, die andere Seite der Extreme kann exakt genauso nerven. Weil Extremisten schießen...

Hotohori 10. Jul 2020

Ja, oder Trump... auch immer wieder ein Thema. So wie andere aktuelle "heiße" Dinge. Man...



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