Eyeborg: Wie klingt ein Sonnenuntergang?

Wenn Neil Harbisson vom Meer träumt, hört er den Strand in einem satten G leuchten, die Wellen glitzern in C. Dann geht die Sonne in herrlichen Tönen von G bis Fis bis F unter. Harbisson sieht Farben nicht, er hört sie, selbst im Schlaf. Harbisson leidet unter Achromatopsie, so lautet die klinische Bezeichnung für Farbenblindheit, er sieht nur Schwarz, Weiß und Grautöne. Deshalb hat er ein Gerät entwickelt, das die Farben für ihn in Synthesizer-Klänge übersetzt - und seitdem er seinen Eyeborg(öffnet im neuen Fenster) fest an seinem Schädelknochen hat anbringen lassen, gilt er als erster offiziell anerkannter Cyborg. "Mein Gehirn ist inzwischen mit dem Eyeborg verschmolzen" , sagt Harbisson.

Der Eyeborg sieht aus wie eine Träne, die an einem dünnen Bügel vor Harbissons Stirn baumelt. In der Mitte ist ein Sensor zu sehen. Das andere Ende des Bügels ist am Schädelknochen an der Rückseite seines Kopfs angebracht. Der Sensor registriert die Farben, die Harbisson um sich herum nicht sehen kann. Sie werden vom Eyeborg in Töne verwandelt, die über den Schädelknochen übertragen werden. Sonochromatismus oder Sonochromatopsie heißt das.
Die Klänge umfassen fast eine Oktave, sieht er Violett ertönt ein D, hat er ein rotes Hemd vor Augen hört Harbisson ein F. Die Töne werden stufenlos wiedergegeben, so kann er gemischte Farbtöne unterscheiden. Das Eyeborg klingt auch anders je nach Farbsättigung. Sind es viele Farbtupfer, registriert das Eyeborg die Farbe, die sich daraus ergibt, wie beim Herauszoomen aus einem Digitalfoto.
Konzerte im Supermarkt
Mit dem Eyeborg hat sich Harbissons Umwelt weit mehr verändert, als er es erwartet hat. Jede Stadt, durch die er wandert, hat einen anderen Klang. Supermärkte verwandeln sich in Nachtclubs, Gemälde werden zu Sonaten, Symphonien. "Ich kann einen Picasso oder einen Andy Warhol hören" , sagt Harbisson. Inzwischen bereitet er sein Essen so zu, dass daraus kleine Musikstücke entstehen. Seine Freundin Moon Ribas trägt auf der Re:publica 2013 ein Kleid mit verschiedenen Farbstreifen. Sieht er sie von oben nach unten an, ertönt das Lied Moon River.
Musikalisch sei er schon als Kind gewesen, sagt Harbisson. Er lernte Klavierspielen, die schwarzen und weißen Tasten konnte er ja trotz seiner Farbenblindheit gut erkennen. Harbisson wollte aber Farben wahrnehmen, wollte wissen, ob eine französische, belgische oder italienische Fahne weht oder ob er gerade den Heißwasser- oder den Kaltwasserhahn aufdreht. So kam dem Hacker die Idee für den Eyeborg.
Er habe mehr als fünf Monate gebraucht, um einzelne Töne den jeweiligen Farben zuzuordnen, sagt er. Da sein erster Eyeborg noch mit Kopfhörern funktionierte und er dadurch zwar die Farbklänge, aber sonst nur wenig hörte, verlor Harbisson zudem einen seiner wichtigsten Sinne. "Anfangs war es reine Kakophonie." Er bekam Kopfschmerzen. Doch irgendwann begann er, sogar Töne in seinen Träumen zu hören: "Ich träume in Schwarzweiß, aber ich höre dabei Farben." Auf einem Schwarzweißfoto eines Strands samt Himmel steuert sein Gehirn automatisch den richtigen Klang bei. "Mein Gehirn erzeugt inzwischen die Klänge, nicht die Software" , sagt er.
'Einen Picasso hören und einen Mozart sehen'
Ob Harbisson wirklich der erste Cyborg ist, darüber lässt sich streiten. Gehören nicht Träger von Hörgeräten oder Herzschrittmachern ebenfalls in diese Kategorie? Jedenfalls fällt er mehr auf als sie: In Venedig hätten Leute gedacht, er nehme für Google Street View auf oder er filme Menschen, erzählt er. Menschen finden ihn unheimlich. Oder fragen ihn, ob er mit seinem Eyeborg auch Paranormales sehen wolle.
Auch für die Behörden war er ein Sonderfall. Als er mit seinem Eyeborg für ein Lichtbild für seinen neuen Ausweis posierte, stellten sich die britischen Beamten quer. Er müsse ein Foto ohne Eyeborg vorlegen. Harbisson setzte mühsam durch, dass er mit dem Eyeborg auf seinem Ausweis zu sehen sein durfte - ebenso mühsam, wie er zuvor die Ethikkommission der Universität davon überzeugt hatte, dass ihm der Eyeborg am Kopf fixiert werden durfte. Sein Argument: Der Eyeborg wird auch anderen helfen.
Mehr hören als andere sehen
Der Eyeborg hilft Harbisson, Farben zu erkennen, doch er macht mehr hörbar, als wir sehen. Harbisson nimmt mit ihm auch Farben jenseits des menschlichen optischen Spektrums wahr: Ultraviolett und Infrarot. Er wisse genau, wann er Sonnencreme auftragen müsse, witzelt er. Und jedes Gesicht erzeuge einen anderen Klang, jedes linke Auge klinge anders als das rechte.
Seine Freundin Ribas, die ihm bei der Entwicklung des Eyeborgs geholfen hat, versucht zu verstehen, was Harbisson mit seinem Eyeborg empfindet. Dazu übersetzen die beiden Klänge in die Farben, die Harbisson hört. Mozarts Sonaten haben viele Blautöne, in Justins Biebers Hits dominiert die Farbe Pink.
Ribas, die Tänzerin ist, hat auch ihren eigenen Körper technisch erweitert. Mit einem Bewegungssensor für den Hinterkopf kann sie Bewegungen hinter ihrem Rücken wahrnehmen. Ein anderer Sensor registriert sämtliche weltweiten Erdbeben. Daraus macht Ribas eine Performance.
Superhelden wollten sie mit ihren Sensoren nicht werden, versichern Harbisson und Ribas. Sie betonen, dass sie ihre Ideen aus der Natur nehmen, etwa von Haien mit ihrer elektromagnetischen Sensorik. Und erzählen nebenbei noch von einer unsterblichen Quallenart. Mehr als Menschen von Natur aus können, wollen sie jedenfalls: Es geht den beiden Künstlern darum, die Sinne und damit auch die Fähigkeiten des menschlichen Körpers zu erweitern.
Stecker im Kopf und Blutkreislaufbatterie
Harbisson wäre auch kein Hacker, wenn er sein Eyeborg nicht weiter verbessern wollte - und damit sich selbst. Per Eyetracking will er seine Farbwahrnehmung noch selektiver gestalten. Sein Blutkreislauf soll dem Eyeborg als Akku dienen, gegenwärtig muss der Eyeborg alle drei bis vier Tage an ein Ladegerät. Und er will einen Stecker in seinen Schädel einbauen lassen, um den Klang nochmals zu verbessern und die Unterscheidung zwischen Farbklängen und Geräuschen von außen zu erleichtern. Nebenbei soll auch der Druck, der der Eyeborg an seinem Kopf verursacht, mit dem Stecker wegfallen.
Ob er seinen Eyeborg auch ausschalten kann? Nein, sagt Harbisson. Nachts funktioniert der Eyeborg mangels Licht nicht. Morgens wacht er vom Geräusch der Farben auf. Er kann den Sensor zwar abdecken, wenn er will. Das macht er aber so gut wie nie.



