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Experten kontra Bundesregierung: Effiziente Energiewende kommt nicht von allein

Ein Bericht zeigt, wie die Energiewende erfolgreich weitergeführt werden kann. Der 10-Punkte-Plan von Ministerin Reiche dazu wirft jedoch Fragen auf.
/ Mario Petzold
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Katherina Reiche geht eigene Wege, um die CO2-Emissionen zu reduzieren. (Bild: Pixabay/GettyImages, Montage: Golem)
Katherina Reiche geht eigene Wege, um die CO2-Emissionen zu reduzieren. Bild: Pixabay/GettyImages, Montage: Golem

Schon kurz nach ihrem Amtsantritt wollte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche die Überprüfung der Energiewende vornehmen lassen. Jener Monitoringbericht(öffnet im neuen Fenster) des energiewirtschaftlichen Instituts der Universität Köln und der BET Consulting GmbH liegt nun vor, bereitgestellt vom Bundeswirtschaftsministerium.

Zur gleichen Zeit veröffentlichte das Ministerium einen Plan mit zehn Punkten(öffnet im neuen Fenster) , um die Energiewende pragmatischer, kostengünstiger und wettbewerbsfähiger zu machen. So recht zusammen passen die beiden Dokumente jedoch nicht.

Uneinigkeit schon beim Ziel

Der Expertenbericht sowie das Bundeswirtschaftsministerium halten an der Vorgabe fest, im Jahr 2030 mindestens 80 Prozent des deutschen Stromverbrauchs aus erneuerbaren Energiequellen zu beziehen. Aber bereits bei der Angabe, wie hoch dieser wohl sein wird, werden die Experten ein erstes Mal ignoriert.

Im Bericht ist von 600 bis 700 Terawattstunden (TWh) die Rede. Der Verbrauch werde demnach steigen, weil Elektroautos und Wärmepumpen Strom verbrauchen, statt fossile Brennstoffe zu nutzen, deren freigesetzte Energie sich pro Jahr auf knapp 1.500 TWh(öffnet im neuen Fenster) summiert.

Im Plan des Ministeriums wird jedoch sofort die Vorgabe formuliert, dass der Verbrauch eher bei 600 TWh liegen dürfte. Eine Begründung fehlt, während der Expertenbericht warnt, dass der Mehrbedarf für Elektrolyse und potenzielle Rechenzentren noch gar nicht einkalkuliert sei. Allein für grünen Wasserstoff aus erneuerbaren Stromquellen könnten laut Experten bis 2045 über 400 TWh nötig sein.

Kluge Ideen für eine erfolgreiche Energiewende

Dass solche theoretisch möglichen Werte für einen zukünftigen Stromverbrauch kein Kopfzerbrechen bereiten, liegt daran, dass der Bericht das derzeitige Ausbautempo für ausreichend hält. Vor allem bei Photovoltaik und Windkraftanlagen an Land dürften die vorgegebenen Ziele erreicht werden. Bei den Offshore-Windkraftanlagen hingegen fehle der geeignete Netzanschluss, was wiederum der Wasserstoffhochlauf abmildern könnte, falls der Strom noch vor Ort für Elektrolyseure eingesetzt werden kann.

Dazu gibt es Vorschläge, Windkraft und Solarenergie noch besser und vor allem systemdienlicher zu nutzen. So sind zum Beispiel Solaranlagen auf Freiflächen deutlich preiswerter als die aktuell stark geförderten Dachinstallationen. Auch die Kombination mit Batteriespeichern in ausreichender Größe wäre hier problemlos möglich, wodurch Spitzen bei der Stromproduktion abgefangen werden könnten.

Dazu mahnt der Bericht an, Windkraftanlagen zu kombinieren. Anlagen für schwache und starke Winde müssten klug verteilt werden und sollten sich so ergänzen, dass eine möglichst durchgehende Stromproduktion erreicht werden könne. Eine Steuerung könnte zum Beispiel über die Höhe der Netzentgelte erfolgen.

Bundeswirtschaftsministerium zwischen Flexibilität und Starrsinn

Im 10-Punkte-Plan des Wirtschaftsministeriums klingt das etwas anders. Hier wird lediglich von der Abschaffung der fixen Einspeisevergütung gesprochen, obwohl die längst um flexible und wirtschaftlich sinnvollere Modelle ergänzt wurde.

Auch soll unbedingt am einheitlichen Strompreis für ganz Deutschland festgehalten werden. Dabei sorgt genau die Einheitlichkeit dafür, dass an windreichen Tagen im Norden viel Strom ins Netz gelangt, die Preise sinken, und im Süden deshalb viel verbraucht wird, obwohl die Leitungen den Transport nicht bewältigen können. Am Ende muss aus den Nachbarländern importiert werden.

Das Preissignal, dort zuzubauen, wo auch der Bedarf hoch ist, wird so jedenfalls nicht gesetzt.

Bei Flexibilisierung herrscht Einigkeit

Unstrittig dagegen ist die Notwendigkeit zur Flexibilisierung. Sowohl der Verbrauch als auch das Angebot müssen sich besser an der verfügbaren Strommenge im Netz orientieren. Das kann über Batteriespeicher und Elektrolyseure gelingen.

Aber auch die weitere Verbreitung von Smart Metern soll forciert werden, damit auch die Verbrauchsseite auf den Strompreis reagieren kann. Hier bleibt der Expertenbericht zuversichtlich, weil sich das Ausbautempo im Jahr 2025 enorm gesteigert hätte. Im Bericht des Ministeriums wird dagegen nur die geringe Verbreitungsquote, bezogen auf sämtliche Anschlüsse, moniert.

Pragmatismus geht verloren

Zudem empfehlen die Experten, das Tempo des Netzausbaus nicht zu verringern, sondern eventuell sogar zu erhöhen. So sei der derzeitige stufenhafte Ausbau mitverantwortlich, dass es regelmäßig absehbare Engpässe gäbe.

Darüber hinaus wird aber auch darauf hingewiesen, dass vielerorts Netzkapazität verschenkt wird, etwa weil ein Windpark mit seiner maximalen Leistung ans Netz angeschlossen ist, diese aber nur in einem Drittel bis Viertel der gesamten Zeit erreicht. Hier könnten problemlos Anlagen ergänzt werden, die dieses Missverhältnis ausgleichen, beispielsweise Photovoltaik und Batteriespeicher.

Im 10-Punkte-Plan des Bundeswirtschaftsministeriums hingegen will man noch ganz andere Wege gehen. So sollen auch die Fusion sowie die Einlagerung von CO 2 (Carbon Capture and Storage) zur Energiewende beitragen.

Zwei Technologien also, die von einer praktischen Umsetzung mindestens so weit entfernt sind wie der erste kommerzielle Marsflug. Auch die Kosten dürften ähnlich hoch ausfallen.

Optimistisch bleiben

Festzuhalten bleibt, dass die Energiewende laut Expertenbericht keineswegs unerreichbar ist. Bei Zubau von Windkraft- und Solaranlagen stimmt sogar größtenteils das Tempo, während der Netzausbau zwar beschleunigt werden muss, aber mit Pragmatismus (Stichwort: Freileitung statt Erdkabel) und innereuropäischer Zusammenarbeit sowie Flexibilisierung durch smarten Stromverbrauch und regelbare Produktion realisierbar ist.

So gibt es laut Bericht zahlreiche Möglichkeiten, die Kosten für die Stromproduktion und den Betrieb der Stromnetze zu senken. Die zehn Punkte des Bundeswirtschaftsministeriums zählen eher nicht dazu.


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