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Ex-Drohnenpilot Bryant: Heavy Metal für die Menschenjäger

Vor dem NSA-Ausschuss hat der frühere Soldat Brandon Bryant schockierende Details des US-Drohnenprogramms erläutert. Schon Zwölfjährige seien legitime Ziele. Bei allen Einsätzen müssten die Daten über den deutschen Stützpunkt Ramstein geleitet werden.

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Entspannter Zeuge: der frühere Drohnenpilot Brandon Bryant vor dem NSA-Ausschuss des Bundestags.
Entspannter Zeuge: der frühere Drohnenpilot Brandon Bryant vor dem NSA-Ausschuss des Bundestags. (Bild: Friedhelm Greis/Golem.de)

Brandon Bryant ist ein heimatloser Mensch. "Ich habe kein Zuhause. Niemand vermisst mich, wenn ich weg bin, und niemand begrüßt mich, wenn ich zurückkomme", twitterte der 29-Jährige vor wenigen Tagen. Der frühere US-Drohnenpilot schmiss vor einigen Jahren seinen Dienst bei der US Air Force hin und versucht nun, die Öffentlichkeit auf die Gefahren des Drohnenkriegs aufmerksam zu machen. Welche Rolle dabei Deutschland und möglicherweise deutsche Geheimdienste spielen, wollte am Donnerstag der NSA-Untersuchungsausschuss des Bundestags herausfinden.

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Sehr unscheinbar und etwas verloren wirkte Bryant, als er mit seinem schwarzen Spazierstock den Sitzungssaal suchte. Nicht einmal den Fotografen fiel auf, dass der wohl wichtigste Zeuge zum geheimen US-Drohnenkrieg gerade an ihnen vorbeigegangen war. Was er in den folgenden Stunden den Abgeordneten erläuterte, war nach Ansicht von Grünen-Ausschussobmann Konstantin von Notz aber "eine denkwürdige Zeugenvernehmung".

Alle Daten laufen über Ramstein

Bryant wiederholte dabei in vielen Punkten seine Aussagen, die er vor anderthalb Jahren bereits in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung geäußert hatte. Demnach werden alle Daten, die für Steuerung von Drohneneinsätzen erforderlich sind, über Satelliten im rheinland-pfälzischen US-Stützpunkt Ramstein gesammelt und über ein Glasfaserkabel direkt in die USA geleitet. Dort sitzen dann Soldaten der Air Force in verschiedenen Stützpunkten, von wo aus sie die weltweit 75 Drohnen steuern und Raketen abfeuern.

Der 29-Jährige verstand sich selbst jedoch eher als Co-Pilot. Er war nicht für die Steuerung der Drohne zuständig, sondern mehr für die Zielführung der Raketen. Zur US-Armee sei er gegangen, weil ihm ein kostenloses Studium versprochen worden sei. Weil ihm nach einem guten Eignungstest versprochen wurde, in der Aufklärung eingesetzt zu werden, ging Bryant davon aus, als Soldat keine Menschen töten zu müssen. Ein Trugschluss. Nach dem Quittieren seines Dienstes wurde ihm bescheinigt, bei der Tötung von mehr als 1.600 Menschen beteiligt gewesen zu sein. Im Stützpunkt der Air Force in Nevada lief Heavy-Metal-Musik für die Soldaten an den Joysticks.

Kunden entscheiden über Raketenschläge

Die Drohneneinsätze beschrieb Bryant als komplexen Prozess, an dem mehrere Personen und Institutionen beteiligt seien. Entscheidend für die Flüge seien die "Kunden", wie Bryant sie nannte. Diese waren den Piloten nicht bekannt, aber es soll sich dabei unter anderem um die US-Geheimdienste NSA und CIA oder die verschiedenen US-Zentralkommandos gehandelt haben. Bryant selbst arbeitete als "Sensor Operator", der für Steuerung der Kamera zuständig war. Ein "Screener" wiederum wertete die Aufnahmen aus und konnte bestimmen, ob ein potenzielles Ziel darauf zu sehen war. Die Entscheidung über den Abschuss einer Rakete traf jedoch der Kunde.

Die Abgeordneten interessierten sich vor allem für die Frage, welche Rolle Deutschland in diesem Drohnenkrieg spielt. Auch wenn gerade die Ausschussmitglieder der Union dies sehr häufig in Frage stellten: Bryant wich keinen Millimeter von seiner Behauptung ab, dass Ramstein dabei eine entscheidende technische Rolle spiele. Vor jedem Einsatz habe er mit dem dortigen Standort telefonieren müssen, um eine stabile und sichere Datenverbindung garantieren zu können. Es gebe weltweit auch keinen alternativen Standort für die US-Streitkräfte, auch wenn jüngst der Stützpunkt Sigonella auf Sizilien ins Spiel gebracht wurde.

Welche Rolle spielt der BND?

Offen blieb allerdings die Frage, ob beispielsweise der Bundesnachrichtendienst (BND) der NSA Daten zur Verfügung gestellt hat, auf deren Basis Menschen getötet wurden. Bryant konnte keine Angaben darüber machen, welche Datenquellen die "Kunden" nutzen. Fest steht jedoch: Die Drohnen selbst verfügen über das sogenannte Gilgamesh-System. Eine Art Imsi-Catcher, mit dem sich Mobilfunktelefone lokalisieren lassen. Wenn eine Drohne feststelle, dass eine bestimmte Sim-Karte in einem bestimmten Gebäude aktiv sei, könne auf dieser Basis ein Raketenschlag befohlen werden, sagte Bryant. In diesem Sinne treffe die Aussage des früheren NSA-Chefs Michael Hayden zu, der gesagt hatte: "Wir töten Menschen auf der Basis von Metadaten."

Das heißt: Die Metadaten, die der BND in Bad Aibling durch das Abhören der Satellitenkommunikation gewinnt, werden wohl nicht direkt für einen Raketenschlag genutzt. Allerdings könnten die Daten schon genutzt werden, um überhaupt die Aktivität eines Mobiltelefons in einem bestimmtem Gebiet zu erfassen. Auf dieser Grundlage könnte wiederum ein Drohneneinsatz angeordnet werden, der zu einem Raketenschlag führen könnte. Zudem könnten die US-Streitkräfte von den deutschen Diensten die Handy- oder Imei-Nummern von Telefonen bekommen, die dann wiederum zur Lokalisierung führen. Ein BND-Mitarbeiter hatte im vergangenen Februar entschieden eine Beteiligung seines Dienstes am US-Drohnenkrieg zurückgewiesen.

Zwölfjährige gelten als legitimes Tötungsziel

Laut Bryant waren früher immer zwei Quellen erforderlich, um die Ziele zu identifizieren. Die Erkennung sei im hohen Maße optisch erfolgt. Allerdings sei es kaum möglich gewesen, über die Drohnenkameras einzelne Gesichter zu erkennen. Auf dem Bildschirm wirkten die Menschen so, als seien sie etwa 80 Meter von einem entfernt. Dabei nahmen die US-Militärs auch die Tötung von Kindern in Kauf. Jede männliche Person über zwölf Jahren gelte als "kriegsfähig" und daher als berechtigtes Ziel. Die Devise habe gelautet: Man muss das Gras mähen, bevor es hoch wächst.

In der Vernehmung kritisierte Bryant das Drohnenprogramm mit scharfen Worten. Vor allem die Tötung von US-Bürgern ohne jeden juristischen Prozess habe er nicht mit seinem Eid auf die US-amerikanische Verfassung vereinbaren können. Solche Einsätze seien von US-Präsident Barack Obama selbst angeordnet worden. Mit den Drohnen hätten die USA eine billige Waffe entwickelt, die jedoch nicht den kriegsethischen Standards genüge. Die Drohnenpiloten seien meist geschasste Flugzeugpiloten mit Drogenproblemen oder anderen Dienstvergehen. Die Co-Piloten kämen oft direkt von der Schule.

Eher Die Sims als Call of Duty

Die Leute seien nicht dafür qualifiziert, Menschen auf der anderen Seite der Welt zu töten. "Wir sind Menschenjäger", sagte Bryant. Allerdings bestehe die Arbeit zu 98 Prozent aus dem langweiligen Beobachten von Alltagssituationen in Afghanistan, Pakistan, Irak, Somalia und Jemen. "Das hat mehr was mit den Sims als mit Call of Duty zu tun", sagte er mit Blick auf populäre Computerspiele. Bryant hatte nach "fünf Jahren und fünf Tagen" seine Mitarbeit beim Drohnenkrieg beendet. Seine Verletzung, derentwegen er nun einen Stock tragen muss, zog er sich anderthalb Jahre später beim Militär zu. Zu Beginn der Vernehmung hatte er sich als dienstunfähigen Veteranen vorgestellt.

Anders als bei den bisher gehörten BND-Zeugen war mit Brandon Bryant keine geheime Sitzung nötig. Alle Details seiner Arbeit erläuterte er freimütig in den fünf Stunden seiner Vernehmung. Er stehe zu seinen Äußerungen, auch wenn er eigentlich zu 70 Jahren Schweigen über seine Arbeit verpflichtet sei. Das Geheimnis sei schädlicher als die Wahrheit.



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Prinzeumel 20. Okt 2015

Sehr gut formuliert und auf den Punkt gebracht. Herzlichen Dank. :)

Anonymer Nutzer 17. Okt 2015

Gut,bei Drowning Pool und Slayer war es auch kein Tipp,sondern ein belegbarer Fakt. Bei...

plutoniumsulfat 17. Okt 2015

Genau das. Am einfachsten wäre es, wenn sie sich raushalten, dann gibt's vielleicht noch...

plutoniumsulfat 17. Okt 2015

Also doch kalte Füße.

Anonymer Nutzer 17. Okt 2015

Das wäre auch meine Meinung. Drohnen sind nur ein Werkzeug - und nicht besser oder...


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