Ex-Astronaut bei For All Mankind: Sein Job ist die Fehlersuche
Garrett Reisman, Jahrgang 1965, ist mehrmals mit dem Space Shuttle geflogen, verbrachte 95 Tage auf der Internationalen Raumstation, absolvierte mehrere Weltraumgänge und ging dann zu SpaceX, erst als Director of Space Operations, seit 2018 ist er Berater. Diesen Job macht er auch für For All Mankind – von Anfang an und auch für die eben gestartete Staffel 4. Er liest die Drehbücher, sieht sich die Setskizzen an und macht darauf aufmerksam, wenn etwas nicht stimmt. Manchmal müsse er dabei regelrecht nach Fehlern suchen, manchmal sei aber auch etwas "völlig falsch", sagt Reisman im Golem.de-Interview.
Golem.de: For All Mankind läuft seit vier Jahren, seitdem sind Sie als Berater dabei. Wie sind Sie zu dem Job gekommen?
Garrett Reisman: Zu der Zeit, als ich mich auf die Mission auf der ISS vorbereitete, war ich ein großer Fan von Battlestar Galactica. Meine Kollegen und ich haben die Serie damals in Star City in Russland regelmäßig geschaut. Wenn man ins All fliegt, wird man von der Nasa gefragt, ob es einen Prominenten gebe, mit dem man gerne mal vom All aus sprechen würde. Bei manchen meiner Freunde war das Robert De Niro oder Nathan Fillion, ich wollte aber gerne mit Ron Moore und David Eick sprechen, die Battlestar Galactica entwickelt haben. Als ich auf der Raumstation war, konnte ich tatsächlich mit ihnen sprechen. Wir verstanden uns auf Anhieb gut. So begann meine Mitarbeit an For All Mankind, weil ich von Ron gefragt wurde, ob ich dabei sein wollte.
Golem.de: Wie muss man sich Ihre Beratertätigkeit vorstellen?
Reisman: Bei den ersten Staffeln war ich öfter mit im Autorenraum, als überlegt wurde, welche Geschichten die Autoren erzählen wollten, und wie sich die Figuren entwickeln sollten. In den meisten Fällen bekomme ich aber die erste Version des Drehbuchs. Das gehe ich dann durch und mache Zeile für Zeile Anmerkungen. Ich sehe mir aber auch die weiteren Versionen des Skripts an und arbeite mit allen Abteilungen der Produktion zusammen. Vom Produktionsdesign bekomme ich die Skizzen der Sets für die Schiffe und dergleichen. Danach sehe ich mir die fertigen Sets an und sage zum Beispiel, ob ein bestimmtes Element an einer anderen Stelle sein sollte. Gerade beim Mond-Habitat hatte ich einige Anmerkungen, etwa wenn eine Luke an einer anderen Stelle sein sollte, weil das für den Arbeitseinsatz mehr Sinn ergab. Ich spreche aber auch mit den Stuntleuten und den Schauspielern. Für mich ist das sehr interessant, weil ich Einblicke in alle Aspekte der Produktion bekomme.
Golem.de: Wenn Sie am Set sind, springen Ihnen da die Fehler richtig ins Auge?
Reisman: Schon, dann versuche ich, das so diplomatisch wie möglich zu sagen. Aber ich muss auch sagen: Die Designer sind so gut, dass ich oft nicht viel anzumerken habe. Ich muss dann richtig suchen, damit ich vor mir selbst rechtfertigen kann, dass ich diesen Job überhaupt mache. Hin und wieder sind Elemente aber völlig falsch, darauf muss ich dann hinweisen. Meine Aufgabe ist, dass alles so realistisch wie möglich aussieht, und dennoch der Geschichte dient, die erzählt werden soll.
Golem.de: Ist der Beraterjob im Laufe der Jahre schwieriger geworden – von der ersten Staffel, die noch relativ stark in der Realität fußt, hin zu den späteren Staffeln, bei denen es dann auch ein Habitat auf dem Mars gibt?
Reisman: Es ist auf jeden Fall schwieriger geworden. Wenn es beispielsweise eine Frage zum Inneren einer Sojus-Rakete gab, konnte ich sie anhand von Bildern und meiner Erinnerung beantworten, da ich in der Sojus trainiert wurde. Da konnte ich einfach sagen: Ja, das ist der Knopf, an dem man drehen muss, wenn man den Sauerstoffgehalt in der Kapsel verändern möchte. In der vierten Staffel ist das anders, denn obwohl sie im Jahr 2003 spielt, ist man technologisch sehr viel weiter als wir. Wenn wir uns dann so etwas wie einen Plasmaantrieb ansehen oder Dinge, die schlichtweg nicht existieren, fällt es mir schwerer zu sagen, ob das richtig oder falsch ist. Ich versuche dann, darauf zu achten, dass zumindest die physikalischen Gesetze nicht gebrochen werden. Und falls doch, dass sie nur so gebeugt werden, dass es glaubwürdig aussieht.
Was Reisman an Gravity stört
Golem.de: Wenn Sie sich die Entwicklung des Weltraumprogramms in For All Mankind ansehen, kommt dann ein bisschen Neid auf, dass es in unserer Realität nicht so lief?
Reisman: (lacht) Irgendwie schon. Ich bin nicht zum Mars gekommen, nicht mal zum Mond, ich war in der unteren Umlaufbahn. Als ich für SpaceX arbeitete, hatte ich mal ein Gespräch mit Elon Musk, in dem wir über die Vor- und Nachteile sprachen, mit der ersten Rakete zwei Nasa-Astronauten oder einen Nasa- und einen SpaceX-Astronauten in den Orbit zu schicken. Ich sagte, dass es für die Moral in der Firma sicher gut wäre, wenn einer von uns mit zur unteren Umlaufbahn fliegen würde. Darauf meinte Elon:"Warum sollte irgendwer zur unteren Umlaufbahn wollen?" Ich konnte nur antworten: Mir hat's gefallen. Aber ja, wir sollten viel weiter sein. Ich wäre gern zum Mars oder zum Mond geflogen. Aber ich meinte es schon ernst: Ich fand die untere Umlaufbahn toll.
Golem.de: Wie gut sind die Weltraumszenen für jemanden, der selbst im Weltraum war?
Reisman: Erstaunlich gut. So gut, dass ich bei anderen Serien oder Filmen kritischer hinsehe, wenn etwas gezeigt wird, das einfach nicht geht. Ich entkomme meinem Beraterjob nicht mehr: Ich sehe mir eine Sci-Fi-Serie an und klopfe sie darauf ab, was passt und was nicht.
Golem.de: Wie ist es dann für Sie, wenn Sie beispielsweise einen Film wie Gravity sehen?
Reisman: Den Film habe ich mir angesehen, bevor ich für For All Mankind tätig war. Ich mochte ihn, auch wenn ich wusste, dass einiges an den Haaren herbeigezogen war. Aber da konnte ich noch drüber hinwegsehen, etwa bei der Szene, in der Sandra Bullock George Clooney einfach loslässt. Sie hätte nicht loslassen müssen, denn er ist nicht gefallen. Sie hätte ihn nur mit einer leichten Fingerbewegung zu sich ziehen müssen, dann wäre nichts passiert. Wie meine Frau damals schon sagte: Wenn man eine Frau ist und George Clooney festhält – wieso sollte man ihn jemals wieder loslassen? (lacht) Wenn ich den Film heute ansehe, stören mich diese Sachen. Damals war es nicht so. Den Look und das Gefühl eines Weltraumgangs hat der Film unglaublich gut eingefangen.
Golem.de: 2011 haben Sie die Nasa verlassen und begonnen, für SpaceX zu arbeiten. Joel Kinnamans Figur Ed Baldwin hat im Grunde dasselbe in For All Mankind gemacht, als er die Nasa verließ, um für Helios arbeiten. Ist das Zufall oder haben sich die Autoren von Ihrer Laufbahn inspirieren lassen?
Reisman: Das ist schwer zu sagen, ich habe den Autoren natürlich jede Menge Geschichten erzählt, darunter auch, wie es war, von der Nasa zu SpaceX zu gehen, und wie unterschiedlich das war. Es kann also gut sein, dass die Autoren manches davon aufgegriffen haben. Aber sie machen natürlich ihr eigenes Ding daraus und ändern viel. Der Betreiber von Helios ist in keiner Weise wie Elon Musk oder Jeff Bezos. Die Autoren haben kein Interesse an einer Karikatur dieser beiden Männer, sie haben eine ganz neue, eigene Figur erschaffen. Wenn ich mir das ansehe, denke ich schon manchmal: "Das würde Elon nicht machen." Es geht aber nicht darum, in For All Mankind einen fiktionalisierten Elon Musk zu haben.
- Anzeige Hier geht es zu Elon Musk - Die Biografie bei Amazon Wenn Sie auf diesen Link klicken und darüber einkaufen, erhält Golem eine kleine Provision. Dies ändert nichts am Preis der Artikel.