EU-Social-Media-Projekt Eurosky: "Alle Nutzer haben die Hoheit über ihre Daten"
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Plattformen leben von Netzwerkeffekten. Die Gründe des EU-Projekts Eurosky haben das verstanden und verwenden deswegen offene Protokolle, über die Nutzer unterschiedlicher Apps miteinander kommunizieren können, plattformübergreifend sozusagen. "Dann taucht ein Foto aus einer kompatiblen Instagram-App eben auch in einer Microblogging-App auf", sagt Mitgründer Sebastian Vogelsang. Wir haben mit ihm außerdem über digitale Souveränität und Finanzierungslücken gesprochen – darüber, wo er das Projekt in fünf bis zehn Jahren sieht.
Golem: Herr Vogelsang, erklären Sie bitte in kurzen Worten, was Eurosky ist.
Sebastian Vogelsang: Eurosky(öffnet im neuen Fenster) bietet eine gemeinnützige europäische Infrastruktur für offene soziale Medien. Die Basis bildet das AT Protocol(öffnet im neuen Fenster), also das Protokoll, auf dem auch Bluesky(öffnet im neuen Fenster) läuft. Was Eurosky von bisherigen europäischen Projekten unterscheidet: Wir haben nicht noch eine App oder Plattform entwickelt, sondern liefern die Ebene darunter. Wir stellen gemeinsam nutzbare Bausteine bereit, beispielsweise Accounts, Moderation, Identitäts- und Migrationsdienste, auf denen viele unterschiedliche Anwendungen aufbauen können. Aus unserer Sicht kann darüber die nächste Generation sozialer Medien entstehen.
Golem: Es hat in den vergangenen Jahren immer wieder Ideen und Initiativen in Europa gegeben, um die amerikanische Marktmacht im Bereich Social Media zu brechen – erfolglos. Warum glauben Sie, hat Eurosky das Potenzial, den Tech-Konzernen aus Übersee etwas entgegenzusetzen?
Vogelsang: Viele europäische Initiativen haben versucht, amerikanische Plattformen nachzubauen, also beispielsweise eine Art europäisches X oder Instagram zu etablieren. Ein wesentliches Problem all dieser Versuche: Plattformen leben von Netzwerkeffekten.
Das bedeutet, Menschen gehen dorthin, wo bereits alle anderen sind. Deshalb haben wir mit Eurosky einen anderen Ansatz gewählt. Mittels offener Protokolle können Nutzerinnen und Nutzer unterschiedlicher Apps trotzdem miteinander kommunizieren, plattformübergreifend sozusagen.
Dann taucht ein Foto aus einer kompatiblen Instagram-App eben auch in einer Microblogging-App auf. Über das Eurosky-Netz sind Identitäten, soziale Beziehungen und Inhalte nicht mehr an eine einzelne Anwendung gebunden. Dadurch entsteht Wettbewerb auf Anwendungsebene, allerdings fängt die Entwicklung neuer Apps auf so einem offenen Netzwerk nicht immer wieder bei null an.
Golem: Welche Zielgruppen möchten Sie mit Eurosky erreichen?
Vogelsang: Wir möchten konkret drei Zielgruppen ansprechen. Da wären zunächst die Nutzerinnen und Nutzer sozialer Medien, die sich einen europäischen Account wünschen. Außerdem richtet sich das Angebot von Eurosky an Entwickler und Start-ups, die neue Social-Media-Anwendungen bauen möchten, ohne die dafür notwendige komplette Infrastruktur selbst zu betreiben.
Die dritte Gruppe sind Institutionen, Medienhäuser und Organisationen, die auf europäische und rechtlich nachvollziehbare Infrastruktur setzen möchten. Um all diese Menschen zu erreichen, können wir schon auf eine gefestigte Basis zurückgreifen. Denn das AT Protocol nutzen bereits mehr als 43 Millionen User. Damit verfügen wir bereits über eine relevante Reichweite.
Wichtig dabei: Alle Nutzerinnen und Nutzer haben die Hoheit über ihre Daten. Ein Konto lässt sich samt Identität und Inhalten auf jede andere offene Plattform mitnehmen, auch gegen den Willen des bisherigen Plattformbetreibers.
Golem: Ein weiterer kritischer Punkt bei solchen Projekten ist die Finanzierung. Woher kommt das Geld, um Eurosky finanziell tragfähig zu machen?
Vogelsang: Bislang finanzieren wir uns über Spenden, Stiftungsgelder und Förderprogramme. Wir verzichten bewusst auf Wagniskapital, speziell aus den USA. Offen gesagt, ist die langfristige Finanzierung der Infrastruktur bislang der schwierigste Teil.
Europa redet viel über digitale Souveränität. Die dahinterliegenden Ebenen benötigen wie jede andere öffentliche Infrastruktur auch dauerhaft Geld. Ein Projekt wie Eurosky lässt sich nicht über einmalige Projektgelder finanzieren. Etwas leichter haben es hingegen die Anbieter von Apps und Diensten, die über Eurosky angeboten werden. Sie können ihre Kosten beispielsweise über Abomodelle decken.