Zum Hauptinhalt Zur Navigation

EU-Pläne zur Führerscheinreform: Und was ist mit Elektroautos?

Löbliche Ziele, weltfremde Ideen: Der Vorschlag der Verhandlungsführerin im EU-Parlament zur Führerscheinklasse B könnte nach hinten losgehen.
/ Friedhelm Greis
179 Kommentare News folgen (öffnet im neuen Fenster)
Löbliches Ziel: Die EU will die Zahl der Verkehrstoten bis 2050 auf null bringen. (Bild: john Macdougall/AFP/Reuters)
Löbliches Ziel: Die EU will die Zahl der Verkehrstoten bis 2050 auf null bringen. Bild: john Macdougall/AFP/Reuters

Die Pläne der Europäischen Union, bis zum Jahr 2050 die Zahl der Verkehrstoten auf null zu reduzieren, mögen zwar utopisch klingen. Dennoch ist es ein hehres Ziel, das unterstützt werden sollte. Die Vorschläge der zuständigen Verhandlungsführerin im Europäischen Parlament Karima Delli könnten sich jedoch als kontraproduktiv erweisen. Und vor allem den Klimaschutzzielen der EU zuwiderlaufen.

Am problematischsten erweist sich dabei der Vorschlag, die bisherige Pkw-Führerscheinklasse B auf Fahrzeuge mit einem zulässigen Gesamtgewicht von 1.800 kg zu begrenzen. Zur Begründung schreibt Delli, dass solche Fahrzeuge "nach wie vor die überwiegende Mehrheit der auf dem Markt verfügbaren Personenfahrzeuge darstellt, auch jener mit elektrischen Batterien" . Diese Einschätzung ist völlig weltfremd und zeigt, dass sich vor der Festlegung auf diese Obergrenze überhaupt nicht mit dem Markt von Elektroautos beschäftigt wurde.

Selbst Kleinwagen wären nicht mehr geeignet

Im Gegensatz zu dieser Behauptung ist es in der Praxis sogar ziemlich schwierig, ein Elektroauto zu finden, das unter dieser Gewichtsgrenze liegt. Selbst Kleinwagen wie der Corsa-e oder der Renault Zoe liegen darüber. Daher stellt sich die Frage: Auf welchen Autos wäre es Fahranfängern künftig überhaupt noch möglich, Fahrpraxis zu sammeln? Denn Fahrpraxis ist unverzichtbar, um sicheres Autofahren zu lernen.

Es dürfte beileibe nicht jeder junge Fahrer künftig die finanzielle Möglichkeit haben, sich nach der Führerscheinprüfung zunächst einmal einen Kleinwagen zuzulegen, schon gar keinen elektrischen. In der Regel nutzt man zunächst das Familienauto, das in den meisten Fällen der Kompakt- oder Mittelklasse zuzurechnen sein dürfte. Doch selbst ein Verbrenner der Kompaktklasse wie ein VW Golf 8 dürfte dann von einem Fahranfänger nicht mehr gesteuert werden.

Mehr Airbags machen Autos schwerer

Zweifellos hat es in der Vergangenheit schon viele tödliche Unfälle mit jungen Menschen gegeben, die die Kontrolle über stark motorisierte Autos verloren hatten. Dazu tragen neben einer größeren Risikobereitschaft auch Alkohol- und Drogenkonsum sowie Übermüdung bei. Aber würde es in solchen Fällen wirklich helfen, Fahranfänger nur noch in Kleinwagen zu stecken?

Sicher nicht. Denn die Fahrzeuge werden auch deshalb schwerer, weil sie mehr Sicherheitskomponenten an Bord haben. Um eine volle Punktzahl bei den NCAP-Crashtests zu erreichen, müssen die Fahrzeuge im Laufe der Zeit zusätzliche Anforderungen erfüllen. So verfügt ein aktueller Golf bereits über sieben Airbags(öffnet im neuen Fenster) . Auch die Sensoren und Steuerungssysteme, die Kollisionen mit anderen Verkehrsteilnehmern verhindern sollen, erhöhen das Gewicht.

Das heißt: Der Vorschlag Dellis würde jungen Menschen nicht nur fast alle Elektroautos vorenthalten, sondern auch Fahrzeuge, die die Insassen und andere Verkehrsteilnehmer besser schützen. Das würde sowohl den Klimaschutzzielen als auch der Verkehrssicherheit zuwiderlaufen.

Tempolimit von 90 km/h zu niedrig

Auch das generelle Tempolimit von 90 Kilometern pro Stunde für alle Fahranfänger erscheint wenig sinnvoll. Dies geht noch über die Einschränkungen hinaus, die derzeit bereits in Frankreich gelten. Es ist wenig sinnvoll, wenn ein Fahranfänger auf der Autobahn nicht einmal einen Lkw überholen kann. Und auf Landstraßen verhindert ein solches Limit Unfälle auf kurvenreichen Strecken nicht.

Ebenfalls kontraproduktiv könnte der von Delli gewünschte Verzicht auf das begleitete Fahren sein. Dieses trägt Studien zufolge (PDF)(öffnet im neuen Fenster) dazu bei, Unfälle mit Personenschaden zu verhindern. Dabei schreibt die Berichterstatterin in der Begründung selbst, dass "das begleitete Fahren in der gesamten Union gefördert werden sollte" . Wegen "der Kohärenz mit der Frage, in welchem Alter der Führerschein erworben werden kann" , lehnt sie den Vorschlag der EU-Kommission dazu ab.

Warum Delli mit einem solch kontroversen Bericht vorgeprescht ist, erscheint unklar. Leider sind ihre Einschätzungen teilweise von wenig Sachkenntnis getrübt. Man kann daher davon ausgehen, dass schon andere Abgeordnete, selbst aus der eigenen Grünen-Fraktion, wie bereits angekündigt, erheblichen Änderungsbedarf anmelden werden. Nicht nur im Interesse des Klimaschutzes, sondern auch im Sinne der Verkehrssicherheit.

IMHO ist der Kommentar von Golem.de [IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach)]


Relevante Themen