EU Chips Act: Untaugliches Bürokratiemonster gegen Chipmangel
Der geplante EU Chips Act soll künftigen Chipmangel verhindern - die Stiftung Neue Verantwortung hält den Ansatz aber für ungeeignet.
Geht es um den European Chips Act stehen meist die enormen Subventionen für den Aufbau neuer Produktionskapazitäten im Vordergrund. Das ist allerdings nur eine der geplanten drei Säulen (Security of Supply), daneben sollen auch Designkapazitäten und Kompetenzzentren aufgebaut werden (Chips for Europe Initiative).
- EU Chips Act: Untaugliches Bürokratiemonster gegen Chipmangel
- Politik soll mitgestalten
Die dritte Säule (Monitoring & Crisis Response) soll künftige Halbleiterknappheiten vermeiden. Die hier geplanten Maßnahmen seien allerdings vollkommen ungeeignet, so die Einschätzung von Jan-Peter Kleinhans und Julia Hess - beide beschäftigen sich bei der Stiftung Neue Verantwortung (SNV) mit Technologie und Geopolitik. Die SNV befasst sich als Think Tank ausschließlich mit dem Zusammenhang von Digitaltechnik, Gesellschaft und Politik. Mit der Lieferkette von Halbleitern sowie dem European Chips Act beschäftigen Kleinhans und Hess sich seit 2020.
Bei einem Pressetermin stellten Kleinhans und Hess ihre Einschätzung zur dritten Säule des European Chips Acts vor. Für die sollen die Mitgliedsländer den Markt beobachten, um sich abzeichnende Knappheiten frühzeitig zu erkennen. Dazu sollen viele Daten gesammelt werden - Inventarbestände, Lieferzeiten (Lead Times) und Preisentwicklung. Zudem soll der künftige Bedarf abgeschätzt werden. Wird eine sich abzeichnende Knappheit erkannt, soll diese der EU-Kommission gemeldet werden. Die kann mehr oder weniger drastische Maßnahmen ergreifen, von einer Priorisierung von Bestellungen über eine gemeinsame Beschaffung bis hin zu Exportbeschränkungen für in der EU gefertigte Halbleiter.
Viel Bürokratie, Nutzen fraglich
Die Kritik von Kleinhans und Hess ist umfassend: Der Ansatz sei extrem bürokratisch, da Daten von vielen Marktteilnehmern gesammelt werden müssen. "Die sind für eine Regierung ohne Anreize und Vertrauen schwer zu beschaffen", sagt Julia Hess. "Wir haben am Beispiel einer Informationsanfrage des US-Handelsministerium gesehen, dass Unternehmen solche Daten nicht teilen wollen".
Das US-Handelsministerium forderte im September 2021 Unternehmen auf, einen umfangreichen Fragebogen zu ihrer Halbleiterlieferkette auszufüllen. Bis Ende Januar 2022 erhielt man lediglich 163 Antworten, entsprechend übersichtlich ist die Auswertung. TSMC verweigerte die Auskunft, da es sich um vertrauliche Daten handele.
Mit der Kritik ist die SNV nicht allein: Digitaleurope, eine Vereinigung europäischer Elektronikverbände und -unternehmen, möchte vermeiden, dass Unternehmen Geschäftsgeheimnisse preisgeben müssen. Bruegel, ein europäischer Think Tank für Wirtschaftsfragen, fürchtet, dass die geplanten Maßnahmen zu Protektionismus führen könnten.
Lieber die Wertschöpfungskette verstehen
Der geplante Mechanismus setze an der vollkommen falschen Stelle an, da er ein sehr vielgestaltiges Endprodukt betrachte. "In einem Auto gibt es mehr als 1.000 Halbleiter mit verschiedenen Funktionen von verschiedenen Herstellern", sagt Hess. Dass die Automobilunternehmen zudem auf verschiedene Halbleiterhersteller setzen, führe eine gemeinsame Beschaffung ad absurdum.
Jan-Peter Kleinhans führt zudem die komplexe Lieferkette vor Augen: "Einen modernen Chip zu fertigen, dauert vier bis sechs Monate, er durchläuft über 1.000 Produktionsschritte, es kommen 300 bis 400 Chemikalien zum Einsatz". Hier kurzfristig auf einen sich abzeichnenden Mangel zu reagieren, sei so gut wie unmöglich. Daher solle die EU eher versuchen, die Wertschöpfungskette zu verstehen, um dort Schwachstellen aufzudecken und diese gezielt anzugehen.
Beim Endprodukt Chip anzusetzen, verdeckt diese Komplexität. Eindrücklich zeigt das ein Produktionsstopp von Flourchemikalien im April 2022, die als Kühlmittel in der Halbleiterfertigung benötigt werden. Ein Mangel hätte sich bei der Verfügbarkeit von Chips erst nach Monaten gezeigt - dann zu reagieren wird deutlich teurer, wenn nicht gar unmöglich.
Auch bezweifeln Hess und Kleinhans, dass die EU-Kommission ausreichend Expertise versammeln kann, um aus dem Berg an Daten die richtigen Schlüsse zu ziehen. Dass Politik bei der Krisenprävention mitgestalten muss, steht für sie jedoch außer Frage.
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Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, was...