ETSI: Überwachungsstandards für den 5G-Polizeifunk
Die im European Telecom Standards Institute (ETSI) entwickelten Mobilfunktechnologien haben die Welt erobert. Von China bis Kanada und von Russland bis Südafrika sind mittlerweile 5G-Netze in Betrieb. Dass die ursprünglich starke Konkurrenz durch die US-Mobilfunkstandards CDMA und Wimax vom Markt gefegt wurde, ist allerdings nicht allein auf die technische Überlegenheit der ETSI-Standards zurückzuführen.
Der Siegeszug des 3/4/5G-Mobilfunks beruht auch auf zwei weiteren Faktoren. Seit GSM sind die Abrechnungssysteme integriert, denn es galt immer schon der Grundsatz, dass alle neuen Services verrechenbar sein müssen.
Der zweite entscheidende Faktor ist die Überwachbarkeit der Netze, zumal Schnittstellen zur Überwachung von Anfang an eingebaut waren. In der Regel wird mit der Arbeit an diesen Schnittstellen schon begonnen, während der Kommunikationsstandard selbst noch in der Phase technischer Studien ist. Das jüngste Beispiel dafür sind die künftigen 6G-Mobilfunknetze (g+), deren Überwachbarkeit bereits in Arbeit ist.
Smartphones als Walkie-Talkies
Paradoxerweise betreffen die Vorgaben, dass alle im ETSI entwickelten Kommunikationsnetze behördlich überwachbar sein müssen, auch die Netze der Behörden selbst. Seit dem Frühjahr steht fest, dass die Blaulichtorganisationen und die Bundeswehr sukzessive in LTE/5G-Netze übersiedeln werden.
Dafür werden bei Vodafone und den anderen Anbietern virtuelle Netzbetreiber eingezogen, deren Datenverkehr priorisiert wird. Hier geht es um Bandbreiten, die es in den digitalen Tetranetzen der Behörden schlicht nicht gibt. Tetra ist nämlich von den GSM-Standards technisch abgeleitet, mit all deren Limitationen.
Die wichtigste Funktion für die Einsatzkräfte ist Gruppenkommunikation nach dem Prinzip Push-to-Talk over Cellular (PTC), vergleichbar mit der Kommunikation von Funkamateuren über eine Relaisstation. Wer zuerst die Sendetaste drückt, kann über die Relaisstation so lange übertragen, bis die Taste losgelassen wird.
Serveremulation ersetzt die analoge PTC-Technik
In den nächsten PTC-Netzen der Blaulichtorganisationen wird diese jahrzehntealte Analogtechnik für Gruppenkommunikation durch den Einsatz von Servern emuliert. Ein PTC-Server sorgt für die Adressierung des jeweiligen Calls an die beteiligten Endgeräte; über einen Floor-Control-Server wird deren Reihenfolge administriert, was etwa der analogen Sprecherlaubnis entspricht.
Die dabei verwendeten Akronyme bedeuten Folgendes:
- ADMF = Administration Function
- CC-POI = Call Content Point Of Interception
- HI-1/2/3 = Interface 1/2/3
- IRI-POI = Intercept Related Information Point Of Interception
- LEA = Law Enforcement Agency
- LEMF = Law Enforcement Monitoring Facility
- LI = Lawful Interception
- LICF = Lawful Interception Control Function
- LIPF = LI Provisioning Function
- MDF = Mediation and Delivery Function
- POI = Point Of Interception
- PTC = Push to Talk over Cellular
Diese Art der Kommunikation ist technisch anders als gewöhnlicher Telefonieverkehr abzuhören und obendrein muss die Verschlüsselung umgangen werden.
Wie der Polizeifunk überwacht wird
Dafür werden in der Arbeitsgruppe SA3LI gerade die technischen Spezifikationen(öffnet im neuen Fenster) ausgearbeitet. Die vorangegangene Grafik zeigt das Funktionsdiagramm der Überwachungsschnittstelle, mit den für ETSI-Überwachungsdokumente typischen drei Kanälen(öffnet im neuen Fenster).
Über den Kanal LI-HI1 wird die Überwachung autorisiert und gestartet, weiter geht es über eine Kontrollfunktion (LICF) und eine Bereitstellungsfunktion (LIPF) auf den Push-to-Talk-Server. Wie man an der Farbgebung sieht, kontrolliert der Netzbetreiber den Server, während alles blau Eingefärbte in der Domäne der Strafverfolger ist.
An den beiden Abgreifpunkten (POI) auf dem PTC-Server haben wieder die Behörden die Kontrolle. HI2 ist der Kanal für Intercept Related Information (IRI). Das sind die Metadaten, etwa Geräte-ID, temporäre Netz-ID, Funkzellen-ID, Geodaten, mit allen Zeitstempeln.
Über Kanal drei (HI3) wird die eigentliche Kommunikation mitgeschnitten, also das Funktelefongespräch. MDF ist ein Mechanismus zur Weiterleitung von Metadaten und Audio an das Monitoring Center (LEMF) der Behörden.
Einsatzgruppen und Netztopografien
Seit GSM sind sämtliche Überwachungsschnittstellen in den Mobilfunknetzen strukturell ähnlich aufgebaut, auch wenn die drei Kanäle je nach Netzwerkarchitektur physisch an anderen Orten eingezogen erden. All das sieht im obigen Diagramm einfacher aus, als es in der Praxis sein wird. Der Push-to-Talk-Server kann zum Beispiel auch bei einem Drittanbieter oder im Netz einer anderen Mobilfunkfirma stehen.
In der obigen Grafik ist Client A das Ziel der Überwachung. Die grünen Linien markieren die Schaltung des Kommunikationsaufbaus, die blauen Linien die der Überwachung. "Has the floor" bedeutet, dass das betreffende Endgerät gerade sendet, während das andere hört. Mitgeschnitten werden Kommunikations- und Metadaten in diesem Fall über den PTC-Server im Netz des Zielgeräts.
Deutlich komplexer im Mission-Critical-Modus
Noch komplexer werden die Schaltungen, wenn der Mission-Critical-Modus (MCPTT) aktiviert ist, das ist der Einsatzmodus. Zudem kommt noch ein Videoserver ins Spiel, über den die Videostreams von den Dash-Cams der Einsatzkräfte übertragen werden.
Neben der Kommunikation von Einsatzgruppen gibt es noch eine Reihe weiterer Use Cases, etwa die Kommunikation mit übergeordneten Kommandostellen, die mehrere operative Einheiten steuern. Hier sind wieder andere Schaltungen nötig, um den Funkverkehr an anderen Punkten in der Netztopographie abzugreifen.
Deshalb werden in SA3LI alle möglichen Szenarien durchgespielt, gemäß dem ETSI-Dogma, dass alle Arten von Services überwachbar sein müssen.
Cui bono?
Es stellt sich die Frage, zu welchen Zwecken der enorme Standardisierungsaufwand betrieben wird. Herkömmliche Strafverfolgung von Polizei-Einheiten, gegen die wegen Straftaten ermittelt wird, wäre ein möglicher Anwendungsfall.
Wenig wahrscheinlich ist allerdings, dass kriminelle Einsatzkräfte solche Pläne ausgerechnet über den Polizeifunk diskutieren. Die Möglichkeit, Blaulichtorganisationen bei deren Einsätzen unbemerkt und vor allem mit wenig Aufwand zu überwachen, sollte eher andere Gründe haben.
Zum einen kommen übergeordnete Kommandostellen infrage, die den Ablauf der Einsätze verfolgen. Stabsstellen der Innenministerien wiederum können bei Großereignissen über diese Schnittstellen schnell Lagebilder erstellen.
Das gilt genauso für Dienste wie den Bundes- und Landesverfassungsschutz, den BND oder Dienste der Bundeswehr, die dafür gesetzlich autorisiert sind. Hinter der Autorisierung aber verbirgt sich die Crux des gesamten Ansatzes von Lawful Interception.
Aufgebohrt und durchgeschaltet
Sämtliche zivilen 2/3/4/5G-Kommunikationsnetze sind für Überwachung standardmäßig aufgebohrt (PDF)(öffnet im neuen Fenster). Es gibt dafür nicht eine solche Schnittstelle, sondern es können mehrere parallel zugeschaltet werden. Grundsätzlich gilt, dass an einer Schnittstelle nicht auffallen darf, was an einer zweiten oder dritten gleichzeitig passiert.
In diesen Überwachungsstandards ist auf der technischen Ebene kein Schutz vor flächendeckenden Überwachungsmaßnahmen vorgesehen. Einem solchen dystopischen Panoptikon stehen in Europa nur Gesetze, Autorisierungsprozesse, Dienstvorschriften oder interne Audits entgegen.
In Drittstaaten, wo keine rechtsstaatlichen Grundsätze gelten, braucht es keinen Gerichtsbeschluss wie in der EU, der über den Autorisierungskanal LI-HI1 an den Netzbetreiber übermittelt wird. In Russland, China oder im Iran ist dieser erste Schnittstellenkanal einfach durchgeschaltet.
Damit ist jedes im Netz eingebuchte Smartphone blitzartig lokalisierbar. Dazu können über dieselben, nur etwas anders als in Europa konfigurierten Schnittstellen, von beliebigen Anschlüssen automatisierte Kommunikationsprofile und Zeit-Weg-Diagramme erstellt werden.
Von Lawful Interception zur Massenüberwachung
Die im ETSI entwickelten Mobilfunktechnologien sind weltweit verbreitet. Damit sind auch die integrierten Interfaces zur Überwachung überall vorhanden. Im Iran wurden die Massenproteste gegen die Regierung im Jahr 2009 direkt über die Schnittstellen(öffnet im neuen Fenster) niedergeschlagen, an die Monitoring Centers von Nokia-Siemens angeschlossen waren.
Das wiederholte sich bei den Gezi-Park-Demonstrationen in der Türkei und überall dort, wo keine rechtsstaatlichen Grundsätze gelten und es Proteste gibt. Zuletzt hatte die israelische Armee die Geodaten aus den Schnittstellen für gezielte Tötungen im Gazakrieg benutzt.
Es gibt keinen anderen Weg, um Smartphones und deren Eigentümer nahe an Echtzeit zu lokalisieren. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden die Überwachungsschnittstellen auch von der US-Deportationsbehörde ICE (United States Immigration and Customs Enforcement) für Razzien missbraucht.
Weil es für die massenhaften Verhaftungen keine richterliche Anordnungen braucht, ist davon auszugehen, dass für Zugriffe auf die jeweiligen Metadaten in den Mobilfunknetzen ebenfalls keine Gerichtsbeschlüsse nötig sind.
Epilog
Die latente Gefahr, die von diesen Schnittstellen ausgeht, ist zu wenigen Menschen bewusst. Alle Überwachungsfunktionen, die ein autoritärer Polizeistaat braucht, sind in den Mobilfunknetzen technisch längst umgesetzt, die müssen nur noch freigeschaltet werden.
Deutschland und die anderen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union sind von Zuständen wie in Teheran nur ein paar Mausklicks entfernt.
Erich Moechel(öffnet im neuen Fenster) ist langjähriger Journalist und schreibt Analysen, Hintergründe und Kommentare, weil er findet: Das Leben ist zu kurz, um nicht Klartext zu schreiben.
IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach)
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