Ethereum-Merge: Besser, aber immer noch weit weg von gut
Der Ethereum-Merge ist vollzogen. Ist damit jetzt alles gut? Nein.
Nach vielen Jahren ist es nun so weit: Der immer wieder angekündigte und verschobene Wechsel Ethereums von Proof of Waste zu Proof of Stake - der sogenannte Merge - wurde am Morgen des 15. September 2022 vollzogen. Der Energieverbrauch von Ethereum wird dadurch um geschätzt 99,5 Prozent sinken. Unter dem Eindruck von Klimakrise und Energieknappheit ein klarer Win?
Schon, zu einem gewissen Maße. Faktisch wird so wahrscheinlich der Energieverbrauch in der Größenordnung eines mittleren Staates eingespart und Menschen können eventuell auch wieder Grafikkarten käuflich erwerben, ohne dafür auf die Zuteilung ihres Bausparvertrags warten zu müssen. Ethereum wird durch den Merge einige katastrophale Seiteneffekte - sogenannte Externalitäten - beseitigen oder zumindest massiv eindämmen.
Das ist wichtig. Aber es verschiebt Ethereum und damit natürlich auch die auf dieser Blockchain laufenden Projekte aus der Spalte "komplett obszön" in die Spalte "soziotechnischer Mumpitz". Das ist definitiv besser, aber immer noch weit weg von gut.
Denn die fundamentalen Kritikpunkte am gesamten Blockchain/Crypto/web3-Ökosystem werden dadurch absolut nicht adressiert. Im Gegenteil werden bestimmte Versprechen dieser neuen Infrastruktur durch den Merge sogar aktiv unterlaufen.
Bekommt Ethereum durch den Merge Mechanismen, um Betrugsfälle und Fehlbedienungen rückabzuwickeln? Gibt es jetzt ein funktionelles "Undo", wodurch eine technische Infrastruktur überhaupt erst für die Implementierung relevanter Prozesse, die einen Einfluss auf die Leben und das Eigentum von Menschen haben, nutzbar wird? Nein.
Wird der Merge die Menge an Scams und Rugpulls mit halbseidenen NFTs und anderen Tokens eindämmen? Eher im Gegenteil: Weil Ethereum jetzt grün ist, werden tendenziell noch mal andere Gruppen angesprochen, um ihr Geld an Andreessen-Horowitz und andere Investoren zu verlieren. Nichts am Merge ändert die strukturelle Fucked-Up-Ness der Crypto- und Tokenszene, wie man sie täglich auf Web3 is going just great nachlesen kann.
Der Blockchain-Gott gibt denen, die haben
Findet nun im Crypto-Space eine echte wertschöpfende, ökonomische Aktivität statt? Nein. Kann ich nun digitale Originale eines JPEGs besitzen? Weiterhin nein. Sind Smart Contracts die Zukunft von Logistik, Gesundheitsdaten, Wahlsystemen, Verwaltungsprozessen und so weiter? Natürlich nicht.
Auch bei einem zentralen Versprechen der Blockchain/Crypto-Verfechter hat sich die Situation zumindest nicht verbessert: Drei große Staking-Pools beziehungsweise Stakes der großen Exchanges halten signifikant mehr als 50 Prozent des gestakten Ethers, sind damit also tendenziell in der Lage, das System deutlich zu beeinflussen.
Auch das Proof-of-Waste-Mining der großen Blockchains war immer deutlich zentralisierter, als die großen Versprechungen der Szene hätten ahnen lassen. Aber gerade die großen Exchanges und Entitäten, die eh große Mengen Ethereum als Geldanlage halten, können nun sehr gezielt das Netzwerk steuern. Zugriff auf große Mengen Ether haben natürlich auch oft die Early Adopters, die nun auch noch die Rewards für die neuen Blöcke ernten: Der Blockchain-Gott gibt denen, die haben.
Debatte über Energieverbrauch hat abgelenkt
Die Debatte über den Energieverbrauch und den ökologischen Impact von Ethereum und anderen Blockchains hatte immer eine etwas ärgerliche Rolle: Einerseits ist die Energieverschwendung durch PoW derart verwerflich, dass man nicht daran vorbei kann. Andererseits lenkte der Diskurs auch immer von der politischen, sozialen und technischen Kritik an den populären Blockchain-Systemen ab und bot damit zu einem gewissen Maße fast eine Art Schutzschild: Die Kritik konnte sich am ökologischen Impact abarbeiten und als Antwort darauf wurde immer baldige Besserung versprochen.
Es ist gut, dass wir uns diesem Thema im Falle von Ethereum nicht mehr zuwenden müssen und wir endlich über die Probleme sprechen können, die die Crypto/Web3-Welt uns einbrocken will: die vollständige Finanzialisierung und Tokenisierung jeder sozialen Aktivität im Netz; die Unterwanderung politischer Mitbestimmung und der Durchsetzung von individuellen Menschenrechten; die Verwandlung des Internets in ein Spielcasino auf Basis wackeliger Technologien.
Das alles muss jetzt diskutiert werden, Merge hin oder her.
IMHO ist der Kommentar von Golem.de [IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach)]
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Unglaublich wie aggressiv dieser IMHO ist und wie aggressiv generell die IMHO mit...
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Das muss aber kein Problem sein. An der Kasse wird dann entsprechend der Kaufsumme auf...
Ist ja super, es gibt in dem System die, die abluchsen und die die abluchsen lassen...