ESA: Ein Fehlschlag mit großer Symbolkraft für Europas Raumfahrt

Die Vega-C-Rakete ist bei ihrem zweiten Flug abgestürzt. Vor geladenen Gästen sollte ein Neuanfang gefeiert werden. Aber vielleicht gibt es den Neubeginn wirklich.

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Der Flugdirektor beobachtet die letzten Momente der Mission, nachdem sie bereits abgebrochen wurde.
Der Flugdirektor beobachtet die letzten Momente der Mission, nachdem sie bereits abgebrochen wurde. (Bild: ESA / Screenshot: Golem.de)

Fünf Monate nach dem ersten Flug der neuen europäischen Kleinrakete Vega-C kam es beim zweiten Flug zur Fehlfunktion der zweiten Stufe. Die Rakete erreichte eine Höhe von 110 Kilometern und wurde dann, offenbar gezielt und kontrolliert, zum Absturz gebracht. An Bord waren die Satelliten Nummer 5 und 6 der vier Satelliten umfassenden Pleiades-Neo-Konstellation zur Erdbeobachtung, mit einem Budget von 600 Millionen Euro. Sie sollten jeden Ort der Erde zweimal täglich überfliegen und beobachten können. Die Satelliten Nummer 1 und 2 gehörten zur Vorgängermission.

Die Pleiades-Neo-Satelliten können, je nach Beobachtungsbedingungen, eine Auflösung von bis zu 30 Zentimeter erreichen. Das ist beispielsweise deutlich besser als die 70 Zentimeter Auflösung von Falcon Eye, der Satellit, der 2019 mit der Vega für die Vereinigten Arabischen Emirate gestartet werden sollte, als diese Rakete auch wegen einer Fehlfunktion der zweiten Stufe abstürzte.

Nach dem erfolgreichem Erstflug der Vega-C im Juli schrieb Golem.de: "Zunächst muss die Vega-C aber ihre Zuverlässigkeit beweisen, nachdem es 2019 und 2020 bei den bislang 20 Flügen der Vega zu Zwischenfällen kam, die zum Verlust der Nutzlast führten." Das ist nicht gelungen. Nach dem erfolgreichen Testflug stand der Vega-C nun der erste reguläre Start bevor. Aber dabei scheint es bei Bau und Betrieb der Vega-C ähnliche Probleme wie bei der alten Vega gegeben zu haben.

Ein Moment der Hoffnung trotz des Fehlschlags

Aber während sich bei den technischen Problemen noch nichts geändert hat, war die Reaktion von Arianespace im Livestream prompt und authentisch, was möglicherweise der Situation mit vielen anwesenden Gästen geschuldet war. Denn im Moment des Versagens der zweiten Stufe, kurz bevor die Kursabweichung offensichtlich wurde, begann Emma Piesse, die Moderatorin des Livestreams, gerade eine Frage an die Verantwortliche für den Satelliten von Airbus zu stellen: "Sie haben uns vorhin schon die unglaublich harte Arbeit geschildert, die Airbus in Pleiades Neo 5 und 6 gesteckt hat, um sie zu starten, aber heute Abend fängt die Arbeit erst wirklich an."

Am Ende des Satzes war das Triebwerk der zweiten Stufe im Livebild aus Sicht der Bodenstation bereits erloschen und die Flugbahnabweichung unverkennbar. Die Airbus-Verantwortliche war dabei ganz in die Formulierung der Antwort vertieft und bemerkte das Problem noch nicht. Sobald sie sie ausgesprochen hatte, wurde sofort auf die offensichtliche Abweichung der Flugbahn reagiert und das technische Problem besprochen und kurz danach die Fehlfunktion bestätigt.

Der Autor meint dazu:

Diese Professionalität ist bemerkenswert, weil sie bei Problemen in der Vergangenheit bei der Esa und Arianespace immer wieder gefehlt hat. Offensichtliche Probleme wurden ignoriert, mit pauschalen Aussagen abgetan und der Livestream mit dem Versprechen beendet, ein Update zu liefern, sobald die Situation klar sei.Beim ersten Absturz der Vega 2019 wurde die Aufzeichnung des Livestreams sogar gelöscht.

Rückblickend wurde der höchste Punkt des Hochmuts der Europäischen Raumfahrt wohl in den Jahren davor, zwischen 2016 und 2018 erreicht, als etwa der abgestürzte Marslander Schiaparelli zum 80-Prozent-Erfolg erklärt wurde und als Stefano Bianchi und Giulio Ranzo 2018 in einem Interview mit Eric Berger die europäische Vega mit einem Mercedes und die Falcon 9 mit einem indischen Tata verglichen. Das waren der Chefentwickler für Trägerraketen der Esa und der Chef der Vega-Herstellerfirma Avio.

Eine professionelle, prompte und aufrichtige Reaktion auf Probleme ist etwas völlig Neues in der europäischen Raumfahrt. Während die Mission einen Neubeginn mit einem erfolgreichen Start feiern sollte, könnte dieser Fehlschlag vielleicht symbolisch für einen echten Neubeginn sein. Aber dafür muss Arianespace diese Form der Aufrichtigkeit im Umgang mit der Öffentlichkeit auch intern mit der eigenen Belegschaft und externen Kunden fortsetzen. Egal wie es ausgeht, es war ein historischer Tag für die europäische Raumfahrt mit großer Symbolkraft.

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LeeRoyWyt 16. Jan 2023

Hallo? Die CDU der 90er hat angerufen und hätte gerne ihr Gefasel vom kranken Mann...

Orangutanklaus 25. Dez 2022

Exakt. Und heute freuen wir uns nicht nur über perfekt simultan landende Booster, sondern...

JE 24. Dez 2022

Ja, definitiv! Ja. Absolut. Ja, scheint so. Bei "Meinungs-Artikeln" läßt sich halt...

yoshi098 24. Dez 2022

Na und? Müssen nach deiner Logik jetzt alle Volvo Mitarbeiter weltweit schwedisch...



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