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Erneuerbare Energien: Was Habeck daran hindert, Wind zu machen

Der Wirtschafts- und Klimaminister will die Energiewende anschieben und die Windkraft massiv ausbauen. Dazu muss er reihenweise Hemmnisse aus dem Weg räumen.
/ Daniel Hautmann
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Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck im Dezember 2022 (Bild: TOBIAS SCHWARZ/AFP via Getty Images)
Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck im Dezember 2022 Bild: TOBIAS SCHWARZ/AFP via Getty Images

In der Gemeindekasse der südhessischen Gemeinde Heidenrod herrschte Flaute. Die Infrastrukturkosten für die 19 Ortsteile – vier Kitas, zwei Grundschulen, 16 Friedhöfe – überstiegen die Einnahmen. 45 Millionen Euro Schulden türmten sich auf. Während die rund 8.000 Einwohner rätselten, wie diese getilgt werden könnten, bogen sich die Baumwipfel auf dem nahegelegenen Taunushauptkamm im Wind. Das war es: "Windräder im Wald" , erinnert sich Bürgermeister Volker Diefenbach an die Idee, die bei einer Sitzung 2011 aufkam. Drei Jahre später ragten zwölf schneeweiße Windräder in die Höhe.

Ein Windradwachstum wie in Heidenrod wünscht sich Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck für ganz Deutschland: "Wir wollen bis 2045 klimaneutral werden und bis 2030 den Anteil erneuerbarer Energien auf 80 Prozent steigern" , sagte er auf seiner Eröffnungsbilanz am 11. Januar 2022 in Berlin. Dabei muss sein Klimaschutz-Sofortprogramm aufholen, was die Vorgängerregierung versäumte. In den letzten drei Jahren wurden zusammen nur 3.490 Megawatt Windkraft an Land errichtet. Auf See kam 2021 keine einzige Anlage hinzu.

Laut Plan soll der Treibhausgasausstoß bis 2030 um 65 Prozent im Vergleich zu 1990 sinken. Doch das wird nichts: "Die bisherigen Klimaschutzmaßnahmen sind in allen Sektoren unzureichend. Es ist absehbar, dass die Klimaziele der Jahre 2022 und 2023 verfehlt werden" , sagte Habeck bereits im Januar.

Nicht nur die Ausbauzahlen sind mies: "Die Groko hat richtig gewütet und Tausende Jobs in den Erneuerbaren Energien vernichtet" , sagt Volker Quaschning, Energieexperte von der Hochschule für Wirtschaft und Technik in Berlin. Rund 40.000 Wind-Jobs gingen in den letzten Jahren verloren – mehr als es im hochsubventionierten Braunkohlebergbau überhaupt gibt.

Zuletzt schloss das Flügelwerk Nordex in Rostock, kurz davor das von Vestas im brandenburgischen Lauchhammer. Bereits 2019 geriet der Windradbauer Enercon aus dem ostfriesischen Aurich ins Trudeln. Im selben Jahr ging der Hamburger Hersteller Senvion Pleite.

3,4 Windräder pro Tag

Noch arbeiten rund 100.000 Menschen in der Windkraft und erwirtschaften zehn Milliarden Euro Umsatz jährlich. Auf sie baut Habeck. Zunächst sollen jährlich 5 Gigawatt errichtet werden. In Turbinen übersetzt sind das etwa 1.250 Stück, jede 4 Megawatt stark. Anders gesagt wären das jeden Tag 3,4 Anlagen.

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Doch davon sind wir meilenweit entfernt. Im ersten Halbjahr 2022 wurden nur 238 neue Windturbinen mit zusammen 977 Megawatt installiert. Für das Gesamtjahr erwartet der Branchendienst IWR rund 2.000 installierte Megawatt – nötig wäre mehr als das Doppelte.

Und mit 80 Prozent bis 2030 meint Habeck nur den Anteil der Erneuerbaren am Strommix, der derzeit bei etwa 45 Prozent liegt(öffnet im neuen Fenster) . Bis zur kompletten Klimaneutralität im Jahr 2045 fehlt aber noch viel mehr. Denn neben der Elektrizität sollen auch der Verkehr, der Wärmesektor und die Industrie mit grünem Strom versorgt und dekarbonisiert werden. "Das ist ambitioniert" , sagt Quaschning. "Wir haben 30 Jahre gebraucht, um auf 20 Prozent Erneuerbare im Gesamtmix zu kommen – und die Regierung will jetzt in 25 Jahren die restlichen 80 Prozent schaffen?"

Kann die Windbranche liefern?

"Wir hatten 2017 bereits über 5.000 Megawatt Zubau. Mit den heutigen Großanlagen und ausreichend Genehmigungen schaffen wir auch 7.000" , sagt Jörg Müller, Gründer und Aufsichtsratsvorsitzender des Ökostromunternehmens Enertrag. Die Brandenburger errichten und betreiben Windparks, hauptsächlich in Deutschland. In den letzten Jahren sind sie aber zunehmend ins Ausland ausgewichen, weil die heimischen Bedingungen zu unsicher waren. Jetzt aber verspüre man "Aufbruchstimmung" .

Für diese Aufbruchstimmung will Habeck mit seinem Wind-an-Land-Gesetz(öffnet im neuen Fenster) sorgen, das am 1. Februar 2023 in Kraft tritt. Die Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2030 den Strom aus erneuerbaren Energien zu verdoppeln. Der Wind spielt dabei eine zentrale Rolle.

Es geht unter anderem um mehr Flächen, eine Versöhnung mit dem Artenschutz und zügigere Planungs- und Genehmigungsverfahren. Es sind "superdicke Bretter. Die Herausforderung ist, die Ziele auf die Straße zu bringen" , sagt Dennis Rendschmidt, Geschäftsführer VDMA Power Systems.

Rare Flächen

Die Flächen sind rar. Dabei sind laut Umweltbundesamt 13,8 Prozent von Deutschlands Boden geeignet. Derzeit sind offiziell 0,8 Prozent ausgewiesen. Habeck will zwei Prozent. Die zu bebauen, dürfte schwierig genug werden: Die Flugsicherung, die Bundeswehr und auch die Wetterdienste verhindern Projekte. Und dann sind da noch die Bayern.

Horst Seehofers Zauberformel 10-H(öffnet im neuen Fenster) brachte den Ausbau praktisch zum Erliegen – 2021 wurden im Freistaat nur acht Turbinen gebaut. Windräder müssen hier zehn Mal so weit entfernt von bebautem Gebiet stehen, wie die Anlagen hoch sind.

Wie weit die Bayern von der Windkraft entfernt sind, zeigen die Zahlen: 1.172 Turbinen standen Ende 2020 in Deutschlands größtem Bundesland. Im viermal kleineren Schleswig-Holstein waren es dreimal so viele. Dass im nördlichsten Bundesland so viele Windräder stehen, ist auch Robert Habeck zu verdanken, der war hier bis 2018 Minister für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und Natur.

Den Bayern hat er nun die Daumenschrauben angelegt. Und die haben tatsächlich reagiert und im November eine Teillockerung angekündigt. Windturbinen sollen mit einem einheitlichen Mindestabstand von 1.000 Metern zu Wohngebäuden gebaut werden.

Hemmnis Artenschutz

Ein anderes Thema ist der Artenschutz: Hinter der Hälfte aller Klagen gegen Windprojekte steckten jüngst neben einigen echten auch viele vermeintliche Tierschützer. Letztere spielen Umwelt- gegen Naturschutz aus, indem sie vorgeben, Vögel retten zu wollen – dabei sollte beides miteinander im Einklang stehen. Zwar gilt bereits seit 2021, dass die Windkraft im "öffentlichen Interesse" steht, doch das hat bislang wenig bewirkt.

Das Ziel des Klimaministers ist es daher, den Populations- vor den Individualschutz zu stellen. Dagegen wehren sich Vogelschützer. Für Quaschning sind Windräder keine relevante Vogelgefahrenquelle: "Hochhäuser, Autos und Katzen töten wesentlich mehr Vögel: Die Sorge ist in sehr vielen Fällen vorgeschoben. Die Frage ist doch: Was passiert, wenn wir keine Windparks bauen? Dann riskieren wir ein Aussterben ganzer Arten!"

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Bremsklotz Bürokratie

Hinzu kommt die Bürokratie als großer Bremsklotz. Teils beträgt allein die Planungszeit für eine Windkraftanlage bis zu sieben Jahre. Schon die Antragstellung für Schwerlasttransporte kann zur Herkulesaufgabe werden. Zudem ist die Infrastruktur vielerorts schlecht, es müssen teure Umwege in Kauf genommen werden, weil etwa Brücken marode sind. Insgesamt gelte es Verfahren zu standardisieren, zu beschleunigen und zu digitalisieren, sagt Dennis Rendschmidt.

Fehlende Fachkräfte

Ein weiterer Faktor ist der Fachkräftemangel. Bis 2035 fehlen bis zu 767.000 Männer und Frauen, heißt es in einer Studie von Bündnis90/Die Grünen: Elektrikerinnen, Kran- und Lkw-Fahrer, Monteurinnen, die in schwindelnder Höhe arbeiten können, Mitarbeiter in Büros und vor allem in den Behörden – hier gilt es, Menschen aus anderen Branchen umzuschulen. Doch das allein wird kaum reichen: "Wir müssen in Deutschland in Ausbildung investieren" , sagt Kerstin Andreae vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft. Minister Habeck fordert zudem, die Zuwanderungsvoraussetzungen zu erleichtern.

Netze, Repowering, Ausschreibungen

Netze am Limit

Die Netze sind teils schon heute am Limit. Das kann man an windigen Tagen in Norddeutschland sehen: Dann stehen Windräder still, weil der Strom nicht abtransportiert werden kann. Die jährlichen Kosten für dieses sogenannte Redispatch: mehrere Hundert Millionen Euro. "2.700 Kilometer an Übertragungsnetzen, die einst bis 2035 geplant waren, müssen schon 2030 fertig sein" , sagt Andreas Kuhlmann von der Deutschen Energie-Agentur.

Einfaches Repowering

Das Repowering, also das Ersetzen alter gegen neue Windräder, ist einfach, allein schon, weil die Standorte bestehen. Bis zum Jahr 2025 fallen rund 15.000 Megawatt altersbedingt aus der Förderung. Moderne Anlagen sind viel leistungsfähiger – so können drei neue 15 alte Turbinen ersetzen. Doch hierzu müssen die Regeln überarbeitet werden, denn oft machen es Beschränkungen unmöglich, neue Windräder zu bauen.

Differenzverträge statt Ausschreibungen

Die Ausschreibungen sorgten zuletzt für zahlreiche geplatzte Projekte. Stattdessen könnten sogenannte Differenzverträge eingeführt werden. Dabei geben die Bieter Gebote ab, um den Preis eines Windparks festzulegen. Der Staat wählt das beste Angebot und legt damit den Referenzpreis fest. Steigt der Strompreis darüber, muss der Betreiber die Differenz an den Staat abführen. Fällt der Preis, erhält der Betreiber eine Kompensation vom Staat.

83 Prozent der Deutschen für Ausbau der Windenergie

Doch wollen die Deutschen überhaupt so viele Windräder? Mit der Wahl jedenfalls haben sie die Weichen gestellt. Laut einer Umfrage der Agentur für Erneuerbare Energien aus dem Jahr 2020 befürworten 83 Prozent den Ausbau.

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Und dass die Windkraft nicht nur günstigen Strom liefert, sondern auch Geld in die Kasse bringt, weiß man in Heidenrod schon lange. Zusammen liefern die zwölf Windkraftanlagen rund 90.000 Megawattstunden jährlich.

Genug Strom für etwa 22.000 Vier-Personen-Haushalte – und weit mehr, als vor Ort benötigt wird. Der Überschuss fließe ins Netz und fülle die Gemeindekasse, sagt Bürgermeister Diefenbach: "Zwischen 1,2 und 1,4 Millionen Euro waren es im Durchschnitt der letzten Jahre."

Die Flaute in Heidenrod wurde vom Wind verweht.


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