Entwickler im Ukrainekrieg: "Es ist schwierig, aber das Team unterstützt mich"

Bereits im März sprach Golem.de mit zwei IT-Fachkräften aus Kyjiw. So geht es ihnen jetzt, mehr als zwei Monate nach Beginn des Ukrainekriegs.

Ein Bericht von Daniel Ziegener veröffentlicht am
Der russische Angriff hat Spuren in Kyjiw hinterlassen.
Der russische Angriff hat Spuren in Kyjiw hinterlassen. (Bild: Reuters)

Mehr als zwei Monate nach Beginn des russischen Überfalls ist klar, dass eine baldige Rückkehr für viele geflüchtete Ukrainer nicht möglich sein wird. Zwar konnte die Offensive auf die Hauptstadt Kyjiw gestoppt werden, allerdings konnten russische Truppen die Großstadt Mariupol einnehmen. Trotz Waffenlieferungen an die Ukraine und Sanktionen gegen Russland scheint ein Ende des Krieges in weiter Ferne.

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Im März 2022 sprach Golem.de mit der Entwicklerin und Projektmanagerin Vlada, die aus Kyjiw nach Berlin geflüchtet war. Damals hatte der russische Angriff auf die Ukraine erst begonnen. Nun, mehr als zwei Monate später, hat Vlada einen neuen Job - in Berlin.

Seit April 2022 arbeitet sie als IT-Projektmanagerin für Web- und Mobilentwicklung. "Mein Job ist komplett auf Deutsch, also sind alle Jira-Aufgaben, Meetings, Kommunikation mit Kollegen und Dokumentation nur auf Deutsch", erzählt Vlada. "Es ist schwierig für mich, aber ich lerne aktiv, das Team versteht das und unterstützt mich."

Hilfsangebote bei der Jobsuche

Bis Mitte Mai 2022 wurden laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge rund 727.200 geflüchtete Personen aus der Ukraine in Deutschland registriert. Der überwiegende Anteil von ihnen sind Frauen, das Durchschnittsalter ist Mitte 30, fast alle waren in der Ukraine arbeitstätig, wie aus einer Umfrage des Bundesinnenministeriums hervorgeht.

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"Einige Unternehmen stellen massiv Ukrainer ein, die zumindest Englisch sprechen können, für den Kundensupport oder ähnliche Positionen", berichtet Vlada. "Für diejenigen, die Deutsch sprechen, ist es einfach, hier einen Job zu finden." Aber sie "habe sogar Stellen gesehen, für die keine Sprachkenntnisse erforderlich sind."

Als gut ausgebildete IT-Fachkraft hatte die junge Ukrainerin es in Berlin ohnehin nicht schwer, passende Stellenangebote zu finden. Im letzten Jahr blieben in Deutschland 86.000 Stellen für IT-Fachkräfte unbesetzt. Nach mehr als einem Dutzend Bewerbungen und noch mehr Vorstellungsgesprächen konnte Vlada zwischen drei Zusagen wählen. Sie und ihr jüngerer Bruder haben eine langfristige Wohnung gefunden. "Wir konnten sie ein paar Tage, nachdem ich ein Angebot erhalten hatte, mieten."

Die Lage in Kyjiw hat sich leicht entspannt

Auch wenn Russlands Offensive gegen die ukrainische Hauptstadt Kyjiw vorerst gescheitert ist, heißt das nicht, dass eine Rückkehr für Vlada möglich ist. "In Kyjiw ist es ruhig geworden, Explosionen sind fast gar nicht, Sirenen von Luftangriffen und Schüsse von Luftabwehrraketen nicht mehr so häufig zu hören", berichtet ihr - nun ehemaliger - Kollege Andrii.

"Die meisten, die die Stadt in den Westen des Landes oder ins Ausland als Flüchtlinge verlassen wollten, sind bereits weg", sagt er. Bürgermeister Vitali Klitschko hatte im April noch von einer Rückkehr in die Hauptstadt abgeraten. Aber laut Andrii haben es "diejenigen, die das Land verlassen haben, nicht eilig, in ihre Heimat zurückzukehren."

"Viele, vor allem in den Städten rund um Kyjiw, haben ihre Häuser durch die russische Aggression verloren. Die Flüchtlinge sind auf dem Weg von den östlichen Regionen über Kyjiw in den Westen." Er ist in Kyjiw geblieben. Der öffentliche Nahverkehr sei halbwegs vorhanden, einige kleine Geschäfte hätten geöffnet. "Auf den Straßen trifft man oft auf Kämpfer der Territorialverteidigung mit Maschinengewehren."

IT-Freelancer: Ein Handbuch nicht nur für Einsteiger

Seine Firma Skynix arbeite weiterhin. "Wir sind ein Team von Entwicklern, die sich hauptsächlich auf den LAMP- und JAM-Technologie-Stack konzentrieren. Wir entwickeln komplexe Web- und Mobilanwendungen", erzählt er. Das Unternehmen ist weltweit tätig - und viele ihrer Kunden von der Lage in der Ukraine nur indirekt betroffen.

Jobportal für Millionen Geflüchtete

Nicht alle Geflüchteten können sich auf ein gutes Netzwerk verlassen wie Vlada. Als im März 2022 absehbar wurde, dass der Krieg länger andauern würde, starteten die in Berlin lebenden Unternehmer Ivan Kychatyi und Nikita Overchyk das Portal UA Talents. "Wir konzentrieren uns darauf, Ukrainer, die einen neuen Job suchen, und Unternehmen, die Jobs für Ukrainer anbieten, in ganz Europa zusammenzubringen", erklärt eine Pressesprecherin die Absicht hinter der Job-Plattform.

Bisher schätzt UA Talents, dass über die Plattform mindestens 200 Menschen eine Stelle gefunden haben, "aber die wirklichen Zahlen könnten viel höher sein", da man sich bisher nur auf Umfragen stützt. Angesichts der Zahl der Geflüchteten - laut UNHCR haben Stand 16. Mai 2022 mehr als 6,2 Millionen Menschen die Ukraine verlassen - dennoch eine verschwindend geringe Zahl.

Eine Zahl, die auch zeigt, dass langfristig weitere Lösungen gebraucht werden. "Die Kontaktaufnahme mit den Unternehmen nach der Vermittlung und damit das Sammeln von Daten über mögliche Einstellungen ist einer der nächsten Schritte, die wir angehen werden", sagt UA Talents. "Damit haben wir erst vor kurzem begonnen, da wir Tausende von Unternehmen haben und der Einstellungsprozess in Europa nicht der kürzeste ist."

Schwarze Schafe sind die Ausnahme

Vlada sagt, sie habe viele Unterstützungsangebote bei der Jobsuche und entsprechend viele Angebote von hilfsbereiten Unternehmen erhalten, die den Bewerbungsprozess beschleunigen wollten. "Bei hochqualifizierten Stellen helfen uns die Leute auch, indem sie Lebensläufe an andere schicken, den Prozess der Vorstellungsgespräche beschleunigen usw." Dennoch sind ihr auch einige schlechte Beispiele begegnet.

Einer Freundin von ihr, die wie Vlada einen IT-Job in Berlin suchte, machte ein Startup ein Angebot von nur 30.000 Euro Jahresgehalt, erzählt Vlada. "Ein paar Tage später erhielt sie ein anderes Angebot mit einem guten Gehalt und nahm es an." Ob das Unternehmen versucht hat, die Notsituation auszunutzen, weiß Vlada nicht. "Ich denke, das Problem in diesem Unternehmen ist, dass sie neue Mitarbeiter wahrscheinlich immer für ein möglichst niedriges Gehalt einstellen."

Laut einer Umfrage des Bundesinnenministeriums rechnete Ende März noch ein Drittel der Geflüchteten damit, bald in die Ukraine zurückkehren zu können. Innenministerin Nancy Faeser sagte, dass bereits 20.000 Menschen pro Tag in die Ukraine zurückkehrten. Andere werden bleiben - vor allem die, die wie Vlada schnell einen Job und eine Wohnung finden konnten.

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