Energiewende: Energieerzeugung im Land der Ideenlosigkeit

"Deutschland - Land der Ideen" hieß vor einigen Jahren eine Kampagne der Bundesregierung und der deutschen Wirtschaft, mit der auf die eigene Innovationskraft hingewiesen werden sollte. Geht es jedoch um die Energieversorgung, scheint Deutschland eher das Land der Ideenlosigkeit zu sein.
Kohle- und Atomstrom sind offenbar fest im Bewusstsein der Deutschen verankert - man denke nur an den Kohleausstieg: Nach hartem Ringen hatte die alte Regierung 2038 als Ausstiegszeitpunkt festgesetzt. Die Ampelkoalition schrieb in den Koalitionsvertrag das Vorhaben, den Termin vorzuziehen: "Idealerweise gelingt das schon bis 2030."
Ähnlich beim Atomstrom: Nach dem Ausstieg, dem Ausstieg aus dem Ausstieg und dem Ausstieg vom Ausstieg aus dem Ausstieg wird jetzt wieder darüber diskutiert, die verbliebenen Atomkraftwerke doch noch etwas weiterlaufen zu lassen.
Der Strom kommt aus der Steckdose
Über das Festhalten am Alten werden die neuen Stromlieferanten vernachlässigt. Das mag auch damit zu tun haben, wie die Energiewirtschaft lange funktioniert hat: Irgendwo stand ein Kohle- oder Atomkraftwerk, das eine ganze Region mit Strom versorgte. Für die direkten Anrainer war das unschön, weil sie neben riesigen Tagebauen lebten oder Haus und Hof verlassen mussten, weil diese dem Tagebau zu weichen hatten. Dem Rest war es egal, denn der Strom kam aus der Steckdose.
Aber mehr und mehr werden wir alle zu Nachbarn der Kraftwerke: Windräder auf Äckern, an den Küsten oder auf Bergkämmen. Auf Wiesen entstehen Solarfarmen, immer mehr Häuser bekommen Solaranlagen aufs Dach.
"Wir wollen alle erneuerbaren Strom aus der Steckdose haben, aber wir wollen auf keinen Fall den nächsten Windpark sehen" , sagte Rolf Bracke, Leiter des Fraunhofer IEG, im Gespräch mit Golem.de. "Dieser Gedanke muss aufgebrochen werden. Wir können uns diese Egoismen in Zukunft nicht mehr leisten."
Dafür sprechen schon die Zahlen: Im Energiemix des ersten Halbjahres 2022 hatte Kohle einen Anteil von 31,4 Prozent, Atomenergie hingegen nur noch von 6 Prozent. Insgesamt machten die konventionellen Energieträger laut aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes(öffnet im neuen Fenster) nur noch etwas mehr als die Hälfte (51,5 Prozent) des Strommixes aus, fast fünf Prozent weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.
Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die erneuerbaren Energien bei knapp der Hälfte (48,5 Prozent) angekommen sind. Den Löwenanteil macht die Windenergie aus: Mit einem Anteil von 25,7 Prozent hat sie nach der Kohle den größten Anteil am Strommix, im Vorjahr waren es 22,1 Prozent. Eine Branche mit Wachstumspotenzial, sollte man also meinen. Oder?
Nein.
Arbeitsplatzverluste in der Solar- und Windbranche
Eher nicht, denn es gibt kaum noch eine Branche: Vor einigen Monaten hat Vestas hat seine Rotorblattfabrik in Lauchhammer geschlossen, Nordex seine in Rostock. Es waren die beiden letzten in Deutschland. Die Rotorblätter für die majestätischen Windräder werden künftig in Spanien, Indien oder Brasilien gefertigt. Das ist weder für die Umwelt noch wirtschaftlich sinnvoll.
"600 Arbeitsplätze gehen in Rostock verloren - das ist Wahnsinn, denn wir brauchen gerade jetzt die Windkrafträder, um die Energiewende in Deutschland und in Mecklenburg-Vorpommern voranzutreiben" , sagte Johann-Georg Jaeger, Vorsitzender des Landesverbandes Erneuerbare Energien Mecklenburg-Vorpommern e.V. (LEE MV). "In ein, zwei Jahren werden wir jedes Rotorblatt brauchen - und zwar aus Indien und aus Deutschland und auch zu höheren Preisen."
Tatsächlich steigt die Zahl der Beschäftigten in der Windbranche in Deutschland gerade erst wieder an: 2021 arbeiteten knapp über 130.000 Menschen in dem Industriezweig, etwa 1.000 mehr als im Vorjahr. Wenige Jahre zuvor, 2016, waren es laut Statistischem Bundesamt(öffnet im neuen Fenster) über 163.000. Dann kam der Absturz: Bis 2019 gingen fast 70.000 Arbeitsplätze in der Branche verloren. Auch der Zubau neuer Anlagen sank rapide: Zwischen 2013 und 2017 wurden jedes Jahr mehr als 1.000 Windräder aufgestellt - 2017 waren es knapp 1.800, im Jahr darauf nicht einmal mehr die Hälfte. Im ersten Halbjahr 2022 wurden gerade einmal 238 neue Windräder installiert.
China beherrscht den Solarmarkt
Schlimmer noch war der Kahlschlag in der Solarbranche: Vor etwa einem Jahrzehnt war Deutschland noch Marktführer. Acht der zehn größten Solarmodulhersteller kamen von hier. Heute hat China die Vormachtstellung in der Branche inne.
Deutschland ist in den Top Ten nur noch einmal vertreten - und auch nur als Juniorpartner: Der südkoreanische Mischkonzern Hanwha übernahm 2012 den deutschen Hersteller Q-Cells. Am alten Standort Thalheim in Sachsen-Anhalt unterhält Hanwha Q-Cells noch eine Forschungs- und Entwicklungsabteilung. Der Rest ist nach Ostasien abgewandert.
Für den Arbeitsmarkt lässt sich das nur als Katastrophe bezeichnen: 2010 gab es in der Solarbranche rund 130.000 Arbeitsplätze. Im vergangenen Jahr waren es fast 100.000 weniger.
Dass Deutschland zu Anfang des 21. Jahrhunderts bei den erneuerbare Energien führend war, lag vor allem an dem von der ersten rot-grünen Bundesregierung beschlossenen Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) , das im Jahr 2000 in Kraft trat. Es garantierte Windmüllern und Solarfarmern die Abnahme und die Vergütung ihres Stroms. Dadurch wurden die Anlagen, die damals noch teuer waren, dennoch wirtschaftlich attraktiv.
Was folgte, war ein Boom der Branche - und das nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Das hatte natürlich Auswirkungen: So kostete Solarstrom vor 20 Jahren noch zwischen 50 Cent und einem Euro pro Kilowattstunde. Heute sind es noch 5 Cent.
Doch der Boom endete unter den nachfolgenden CDU-geführten Regierungen.
Fehlentscheidungen der CDU-Regierungen
2010 machte die damalige schwarz-gelbe Regierung zunächst den Atomausstieg rückgängig - nur um nach Reaktorkatastrophe von Fukushima aus dem Wiedereinstieg wieder auszusteigen. Doch statt auf Strom aus erneuerbaren Quellen zu setzen, machte die von Angela Merkel geführte Regierung einen Fehler: Sie setzte auf günstiges Gas aus Russland - und begab sich damit eine fatale Abhängigkeit.
Zugleich begann ein Angriff auf die Erneuerbaren: Weil Teilen der deutschen Wirtschaft die Strompreise aufgrund der EEG-Umlage zu hoch waren, wurden Förderung und Umlage gekürzt. Dabei waren es eher kleine Betriebe und Privathaushalte, die die Umlage und damit mehr für Strom bezahlen mussten. Die Industrie hingegen wurde davon ausgenommen.
Die Regierung trug weiter aktiv zum Niedergang der Solarindustrie bei. Eine unrühmliche Rolle kommt dabei dem ehemaligen Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) zu: Statt sich dafür engagieren, 2018 das letzte deutsche Solarunternehmen Solarworld vor der Insolvenz zu bewahren, sah Altmaier aktiv weg, wie Insolvenzverwalter Christoph Niering der Tageszeitung taz erzählte(öffnet im neuen Fenster) . Erst auf sein drittes Schreiben hin habe der Minister reagiert. "Ich habe noch nie so viel Hochtechnologie zu Grabe tragen müssen" , sagte er über diese Zeit.
Kohle wird subventioniert
Im Vergleich dazu kam die Traditionsbranche Braunkohletagebau fast schon ungeschoren davon: Ende 2021 waren dort knapp 18.000 Arbeitskräfte beschäftigt, etwa 9.000 weniger als Anfang des Jahrtausends. Während die Bundesregierung also weitgehend untätig zusah, wie die Zukunftsbranchen Wind- und Solarenergie zusammenbrachen, wurde die Kohle mit Subventionen am Leben erhalten. (Zugegeben: Dort hatte es die großen Einschnitte in der ersten Hälfte der 1990er Jahren gegeben.)
Nicht nur das: Der Erhalt wird weiter gefördert, etwa wenn Politik und Polizei die Erschließung neuer Tagebaue durchsetzen helfen, statt die Zerstörung ganzer Landstriche zu verhindern. "Die Bundesrepublik Deutschland ist derzeit noch weltweit das größte Braunkohleförderland, gefolgt von China, Russland und den USA" , verkündet das Wirtschaftsministerium stolz auf seiner Webseite,(öffnet im neuen Fenster) - also jenes Ministerium, das doch seit dem Regierungswechsel im Jahr 2021 Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz heißt.
Natürlich wäre es unsinnig, 18.000 Arbeitsplätze aufs Spiel zu setzen, zumal in strukturschwachen Gebieten wie der Lausitz. Aber angesichts dessen, dass die CDU-geführten Bundesregierungen weit über 100.000 Arbeitsplätze in wichtigen Zukunftsbranchen fahrlässig verlorengehen ließen, kann man über den subventionierten Erhalt einer Branche, deren Ende ja bereits beschlossen ist, nur den Kopf schütteln.
Dass es nach einem kurzen Abschwung in den kommenden Jahren mit den erneuerbaren Energien wieder aufwärts gehen wird, ist ausgemacht: Die Ampelkoalition wird massiv in den Ausbau investieren. Allein an Windkraftanlagen sollen jährlich 5 Gigawatt errichtet werden - was etwa 1.250 Windrädern im Jahr entspricht. Noch stärker wird der Ausbau bei der Fotovoltaik ausfallen: Der Branchenverband Solarpower Europe schätzt(öffnet im neuen Fenster) , dass in diesem Jahr zwischen 8,9 und 12,9 Gigawatt installiert werden, 2026 sollen es 17,5 bis 25,5 Gigawatt sein.
Ein gutes Geschäft - nur werden davon nicht die Unternehmen hierzulande, sondern in China und anderswo profitieren.



