Energiekrise: Brauchen wir Atomkraftwerke noch?

Machtworte spricht Bundeskanzler Olaf Scholz nur selten – zum Leidwesen vieler. Doch im Oktober 2022 stellte er klar: Die letzten drei Atomkraftwerke bleiben noch am Netz. Dann gilt: "Am 15. April 2023 ist Schluss mit der Atomkraft in Deutschland."
Im November 2022 billigte der Bundestag einen viereinhalb Monate langen Streckbetrieb von Isar 2, Neckarwestheim 2 und Emsland , um die Stromversorgung im Winter 2022/2023 zu sichern. Der Streit um die Atomkraftwerke in Deutschland ist damit aber nicht beendet. Eine Laufzeitverlängerung über das von Scholz gesetzte Datum hinaus ist nicht realistisch und nicht nötig.
In der Debatte im November warf der CDU-Abgeordnete Steffen Bilger der Bundesregierung vor, einen Weiterbetrieb der Atomkraftwerke aus ideologischen Gründen abzulehnen und damit die Energieversorgung im Winter 2023/2024 zu gefährden. Gegen den von der CDU eingebrachten Gesetzesentwurf für die Beschaffung neuer Brennelemente und gegen eine Laufzeitverlängerung bis 2024 zu stimmen, heiße billigend in Kauf zu nehmen, "dass Deutschland in der Energiekrise ein noch größeres Energieproblem bekommt" .
Wissing sieht die Verkehrswende in Gefahr
Verkehrsminister Volker Wissing sieht durch einen Atomausstieg die Verkehrswende in Gefahr . Angesichts eines anteiligen Atomstroms von nicht einmal mehr sieben Prozent am aktuellen Energiemix ist das nicht überzeugend. Es scheint, als suche der FDP-Politiker Argumente, um ein Tempolimit zu verhindern, das laut einer gerade veröffentlichten Studie eine deutlich höhere Einsparung an Kohlendioxidemissionen bringen würde als bisher angenommen.
Bei Bilger ist vorstellbar, dass er von der Politik der CDU-Bundeskanzlerin Angela Merkel im vergangenen Jahrzehnt ablenken möchte. Die Debatte wird jetzt ja nur geführt, weil sie Deutschland derart abhängig gemacht hat von russischem Gas – und das auch noch auf Kosten der damals blühenden Wind- und Solarbranche .
Allerdings würde ein Weiterbetrieb nicht viel bringen: Gas wird hauptsächlich zur Wärmeerzeugung eingesetzt, in der Industrie ebenso wie in Privathaushalten. "Bei der Stromerzeugung kann Atomstrom Gas nur in einem sehr geringen Umfang ersetzen" , heißt es auf der Website des Bundesamts für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung(öffnet im neuen Fenster) (BASE), der Fachbehörde für nukleare Sicherheit.
Auch praktisch wäre ein Weiterbetrieb schwierig: Die Betreiber haben die Kraftwerke seit Jahren mit dem Ziel gefahren, dass sie zum Ende des Jahres 2022 abgeschaltet werden. Für den Streckbetrieb bis April ist noch Brennmaterial vorhanden. Streckbetrieb bedeutet, dass die Brennelemente länger genutzt werden als geplant, wodurch die Leistung sinkt. Das Atomkraftwerk Neckarwestheim wurde deshalb Anfang dieses Jahres abgeschaltet, um die Brennstäbe für den Betrieb bis Mitte April zu rekonfigurieren. Darüber hinaus fehlen Brennstäbe, es müssten neue beschafft werden.
Der Beschluss für die Verlängerung sieht jedoch vor, dass für den Betrieb nur die noch vorhandenen Brennelemente eingesetzt werden dürfen. Die Beschaffung und der Einsatz neuer Brennelemente sind nicht zulässig – und nicht einfach.
Was passiert mit dem strahlenden Abfall?
Mindestens ein halbes Jahr, wahrscheinlich mehr als ein Jahr, würde es dauern, bis neue Brennstäbe geliefert werden könnten. Die Zahl der Anbieter ist begrenzt und die wichtigsten kommen nicht in Frage: Einer der größten Uranproduzenten ist der russische Staatskonzern Rosatom. Größer ist nur Kazatomprom, ein Staatskonzern aus dem mit Russland verbündeten Kasachstan.
Knapp 40 Prozent des Urans bezog die Europäische Union (EU) nach Angaben der Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom) im Jahr 2020 von den beiden Marktführern. Viele Atomkraftwerke in der EU werden zum großen Teil mit Uran aus Russland oder Kasachstan betrieben. Das gilt auch für die drei verbliebenen in Deutschland.
Der Abbau des Urans ist alles andere als umweltfreundlich oder kohlendioxidneutral. Zudem sei der Uranbergbau "ein neokoloniales Geschäftsmodell" , kritisiert der Uranatlas(öffnet im neuen Fenster) : "Vier der weltweit zehn größten Uranminen liegen auf dem Land indigener Völker" in Kanada, Australien und Niger.
Die Brennstäbe müssen abklingen
Ein Weiterbetrieb würde den endgültigen Atomausstieg um mindestens ein weiteres Jahr hinauszögern. So lang dauert es, bis Brennstäbe ausgebrannt und abgeklungen sind und in einem Castor (kurz für Cask for Storage and Transport of Radioactive Material, Behälter zur Aufbewahrung und zum Transport radioaktiven Materials) abtransportiert werden dürfen.
Hier tut sich das nächste Problem auf: Mehr Brennstäbe bedeuten mehr strahlenden Müll, der sicher zwischen- und schließlich endgelagert werden muss. Zwischengelagert wird der Müll in Castoren. Derzeit sind etwa 1.900 Castoren in Gebrauch. "Die für jeden Castor-Behälter genehmigte maximale Gesamtaktivität liegt etwa in der gleichen Größenordnung wie die in Tschernobyl freigesetzte Gesamtaktivität" , schrieb Base-Präsident Wolfram König in einer Stellungnahme(öffnet im neuen Fenster) .
Ein Endlager für hochradioaktive Abfälle gibt es noch nicht. Als 2011 der Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen wurde, war aber abzusehen, welche Mengen es für mehr als eine Million Jahre sicher einzulagern gilt. Seit 2017 wird nach einer entsprechend dimensionierten Lagerstätte gesucht.
Die muss bis 2031 gefunden sein. Mit neuen Abfällen würde das Problem weiter verschärft, das ohnehin kompliziert genug ist. "Heute muss ich leider konstatieren, dass ich das Zieldatum 2031 für nicht mehr realistisch halte" , schrieb König in der Stellungnahme.
Für die Kosten der Zwischen- und Endlagerung richteten Regierung und Betreiber 2017 einen Fonds ein, in den die vier Unternehmen 24 Milliarden Euro einzahlten. Dafür übernimmt der Staat die Risiken für die End- und Zwischenlagerung des Atommülls. Sollte mehr Müll anfallen, müsste möglicherweise auch der Fonds aufgestockt werden.
Da die Betreiber zudem ihre Kraftwerke auf das geplante Ende fahren, fehlt es schlicht an qualifiziertem Personal, das die Reaktoren weiter betreiben könnte. Eine Laufzeitverlängerung sei deshalb "illusorisch" , sagte EnBW-Chef Jörg Michels dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel(öffnet im neuen Fenster) . "Das funktioniert so nicht." EnBW betreibt Neckarwestheim 2 bei Heilbronn.
Hinzu kommt, dass die Atomkraftwerke umfassend auf deren Sicherheit überprüft werden müssten.
Eine Verlängerung ist wie ein Neuanfang
Alle zehn Jahre muss ein Atomkraftwerk einer Periodischen Sicherheitsüberprüfung (PSÜ) unterzogen werden, so sehen es die Regularien der Europäischen Union(öffnet im neuen Fenster) vor. Die Überprüfung wäre bei den drei Atomkraftwerken schon 2019 fällig gewesen, wurde aber im Hinblick auf die geplante Abschaltung Ende 2022 ausgesetzt.
Für einen Weiterbetrieb wäre sie unerlässlich. Eine Laufzeitverlängerung ohne die Erkenntnisse aus einer PSÜ würde laut Umweltministerium(öffnet im neuen Fenster) "ein nicht hinnehmbares Risiko darstellen" . Eine solche PSÜ dauert jedoch etwa zwei Jahre. Dabei wird der aktuelle Stand von Wissenschaft und Technik als Maßstab angelegt – anders als bei den regelmäßigen Kontrollen, bei denen lediglich geprüft wird, ob die geltenden technischen Anforderungen erfüllt werden.
Referenz wäre demnach der europäische Druckwasserreaktor (European Pressurized Reactor, EPR). Um die aktuellen Atomkraftwerke ebenso sicher zu machen, müssten sie entsprechend nachgerüstet werden.
Ein Weiterbetrieb ist unwahrscheinlich
Juristisch käme eine Wiederinbetriebnahme einer Neugenehmigung gleich, da bei einer abgeschalteten Anlage die Berechtigung zum Leistungsbetrieb erloschen ist. Ob eine solche Genehmigung erteilt würde, ist fraglich: Schon Mitte der 1990er Jahre wurde im Atomgesetz festgeschrieben, dass ein Atomkraftwerk so konstruiert sein muss, dass die Auswirkungen eines Reaktorunfalls auf das Gelände beschränkt bleiben. "Dies erfüllt unstrittig keines der bestehenden deutschen AKW" , heißt es auf der Seite des Umweltministeriums.
Angesichts dieses Aufwands sowie der Tatsache, dass weder Brennstäbe noch Personal vorhanden sind, sind auch die Betreiber gegen eine Weiterführung. "Das politische Kapital und die Energie, die wir auf relativ wenig Erzeugungskapazität verschwenden, sollten wir lieber in den Ausbau der Erneuerbaren oder in den Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft stecken. Daran hängt die Zukunft diese Landes, nicht an der Frage, ob vier Gigawatt Kernenergie ein oder zwei Jahre länger laufen" , sagte Markus Krebber, Chef des Emsland-Betreibers RWE, im Interview mit dem Spiegel(öffnet im neuen Fenster) .
Aber brauchen wir die Atomkraftwerke überhaupt, um die Stromversorgung zu sichern?
Wie wichtig sind die Atomkraftwerke?
Im vergangenen Jahr ließ das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz zwei sogenannte Stresstests für das Stromnetz durchführen. Anlass für den zweiten waren die "verschärften äußeren Bedingungen" für diesen Winter:
"Aufgrund der Dürre im Sommer, des Niedrigwassers in den Flüssen, des aktuellen Ausfalls rund der Hälfte der französischen Atomkraftwerke und der seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine insgesamt angespannten Lage auf den Energiemärkten, bestehen eine Reihe von Unsicherheitsfaktoren, die unter bestimmten Umständen zu einer Kumulation von Risiken führen" , heißt es in einer Mitteilung des Ministeriums(öffnet im neuen Fenster) . Durchgeführt wurde der zweite Netzstresstest von den vier deutschen Übertragungsnetzbetreibern 50Hertz, Amprion, Tennet und TransnetBW.
"Der zweite Netzstresstest kommt zu dem Ergebnis, dass stundenweise krisenhafte Situationen im Stromsystem im Winter 22/23 zwar sehr unwahrscheinlich sind, aktuell aber nicht vollständig ausgeschlossen werden können" , resümiert das Ministerium. Eine der Gegenmaßnahmen der Bundesregierung ist der Streckbetrieb der Atomkraftwerke bis in den April. Weitere sind etwa das Wiederanfahren von Kohlekraftwerken oder eine Höherauslastung der Stromnetze, um die Transportkapazitäten zu verbessern.
"Wir haben genug Energie"
"Wir haben in Deutschland eine sehr hohe Versorgungssicherheit im Stromsystem. Wir haben genug Energie in und für Deutschland; wir sind ein Stromexportland" , sagte Minister Robert Habeck. "Aber wir sind Teil eines europäischen Systems, und dieses Jahr ist in ganz Europa ein besonderes Jahr. Der russische Angriff auf die Ukraine hat zu einer angespannten Situation auf den Energiemärkten geführt."
Tatsächlich könnte Deutschland selbst weniger das Problem sein: Deutschland beliefert auch die Nachbarländer mit Strom, darunter Frankreich, Österreich und die Schweiz. Frankreich wird gerade in diesem Winter sehr viel Strom importieren müssen, sagte kürzlich Xavier Piechaczyk, Chef des Übertragungsnetzbetreibers RTE(öffnet im neuen Fenster) . Das werde voraussichtlich auch noch einige Jahre so bleiben.
Ein Grund ist, dass einige französische Atomkraftwerke derzeit stillliegen: Bei der PSÜ wurden in einem Kraftwerk Risse in einer Rohrleitung des Kühlsystems festgestellt. Bei einem Bruch hätte es zu einem Kühlmittelverlust und schlimmstenfalls zu einer Kernschmelze kommen können. Bei weiteren Überprüfungen wurden solche Risse in fünf anderen Anlagen gefunden. Im vergangenen Sommer musste die Hälfte der Atomkraftwerke wegen der Dürre und fehlenden Kühlwassers abgeschaltet werden.
Das könnte sich im kommenden Winter 2023/24 fortsetzen, sagte Bruno Burger dem ZDF(öffnet im neuen Fenster) . "Die Lage in unseren Nachbarländern ist meiner Ansicht nach kritischer als in Deutschland." Burger ist beim Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE(öffnet im neuen Fenster) in Freiburg zuständig für Energiedaten und strategische Entwicklung und veröffentlicht auf der Website Energy Charts(öffnet im neuen Fenster) Daten zur Stromerzeugung und zu Börsenstrompreisen.
Ein weiterer Stresstest für den kommenden Winter sei deshalb durchaus sinnvoll. Aber: "Meiner Meinung nach brauchen wir die AKW nicht für den nächsten Winter" , sagte der Fraunhofer-Wissenschaftler. Die Diskussion um deren Weiterbetrieb hält er für "eine Phantomdebatte, die wir schleunigst beenden sollten."



