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Endgame in Sanktuario: Warum Diablo 4 ab Level 80 langweilig wird

Nach mehreren Stunden im Endgame fühlen wir eine gewisse Leere in Diablo 4 - als würde ein Fünftel des Spiels einfach fehlen. Woran liegt das?
/ Oliver Nickel
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Diablo 4 nimmt im Endgame stark ab. (Bild: Blizzard/Screenshot: Golem.de)
Diablo 4 nimmt im Endgame stark ab. Bild: Blizzard/Screenshot: Golem.de

Da haben wir es geschafft und die Schergen des Bösen wieder in die Hölle geprügelt. Nun kann es wirklich losgehen mit dem Endgame in Diablo 4 (Test) : Auf Weltstufe 4 werden wir mit Level 60 noch einmal vor neue Herausforderungen gestellt. Durch Dungeons schaffen wir es gerade so lebend heraus. Monster schlagen merklich härter zu und in Giftpfützen bleiben wir lieber nicht mehr einfach stehen.

Anfangs ist das Endgame in Diablo 4 eine echte Herausforderung. Die nehmen wir gerne auf uns, wenn wir dafür die neuen Ancestral-Gegenstände bekommen. Die machen unsere Spielfigur noch einmal wesentlich mächtiger. Außerdem liegt in der Schwierigkeit auch ein gewisser Spaß. Wir müssen erneut unseren Build überarbeiten und schauen, welche Paragonpunkte wir in welche Slots setzen.

Der vierte und aktuell höchste World-Tier-Qual macht seinem Namen also alle Ehre - zumindest in den ersten Spielstunden. Erreichen wir irgendwann Stufe 80 und höher, nimmt der Spaß in Diablo 4 für uns rapide ab. Ganz klar fehlt es im sehr späten Endgame an Inhalten, die uns noch zum Spielen motivieren.

Normale Dungeons sind effizienter

Ehrlich gesagt zeichnet sich das auch schon etwas früher ab, ab Stufe 75. Sobald wir einen starken Build für unsere Charakterklasse erstellt haben und halbwegs passende Ausrüstung mit ausreichendem Gear-Score anziehen, werden wir irgendwann nicht mehr vor neue Herausforderungen gestellt. Das liegt unter anderem daran, dass die beste Methode für Stufenaufstiege nicht wirklich fordernd ist.

Diablo 4 - 20 Minuten Gameplay im Endgame-Dungeon
Diablo 4 - 20 Minuten Gameplay im Endgame-Dungeon (19:39)

Sind wir nur darauf aus, möglichst schnell Stufe 100 (sind wir mal ehrlich, das ist doch das Ziel hier) zu erreichen, dann sehen wir ein und denselben Dungeon immer und immer wieder. Dabei suchen wir uns einen normalen Dungeon aus, der möglichst linear ist und schnell absolviert werden kann (zum Beispiel Ruins of Eridu für Einzelspieler oder Champions Demise im Mehrspieler). Anschließend metzeln wir alle Monster bis zum Ende nieder, teleportieren uns zum Dungeon-Ausgang und setzen ihn durch Aus- und Einloggen wieder zurück. Das Ganze beginnt von vorn.

Diese Dungeon-Farm-Methode ist nicht unbedingt langweilig, weil wir immer die gleichen Monster besiegen und den immer gleichen Pfad entlanglaufen - das war schließlich in fast allen Diablo-Spielen zuvor auch so. Vielmehr ist es langweilig, weil die normalen Keller irgendwann keine Herausforderung mehr darstellen. Monster und Bosse schmelzen nach einiger Zeit wie Butter in der Sonne. Dungeons sind so in weniger als fünf Minuten durchgespielt, wenn wir zusätzlich unsere Bewegungsgeschwindigkeit durch Gegenstände und Skills verbessern. Am Ende sehen wir gefühlt also mehr Ladebildschirme als Gameplay.

Dabei gibt es Dungeons, die uns wirklich fordern können: Mittels Siegeln können normale Verliese in Albtraum-Dungeons umgewandelt werden. Die haben nicht nur zufällige Szenarioeffekte, die wir beachten müssen. Die Monster können ab einem gewissen Level auch weitaus mächtiger werden. Bodeneffekte schmerzen wieder deutlich und Zufallsbegegnungen wie der Butcher garantieren wieder den Tod.

Da stellt sich die Frage: Warum nicht einfach diese Dungeons spielen?

Es fehlt (noch) Inhalt

Dass sich die mittels Siegel geöffneten Albtraum-Dungeons nicht lohnten, lag vor allem an deren Mechanik selbst. Ein Albtraum-Siegel schaltete normalerweise immer einen anderen Dungeon frei. Wir mussten also vor jedem neuen Kerker erst einmal ein paar Minuten durch die offene Spielwelt reiten. Das kostete Zeit und Nerven, die wir mit der bewährten Dungeon-Reset-Methode nicht aufwenden mussten. Mittlerweile hat Blizzard zumindest dieses Problem behoben.

Mit dem aktuellen Patch 1.03 (Build #42677)(öffnet im neuen Fenster) können Charaktere direkt an den Eingang eines Albtraum-Dungeons teleportiert werden. Zumindest die Laufwege fallen dann weg. Außerdem gibt es nun für Albtraum-Dungeons mehr Erfahrungspunkte als zuvor - ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Die Ausrüstung wird nicht mehr besser

Das löst aber ein Problem nicht: Blizzard hat nicht bedacht, uns für die teilweise wesentlich schwereren Albtraum-Dungeons auch mit wesentlich besserer Ausrüstung zu belohnen. Zwar bekommen wir nach Abschluss der Instanz jeweils zwei Gegenstände geschenkt. Die sind mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit aber nicht besser als das, was wir sowieso ab Level 75 bis 80 tragen.

Die aktuelle Grenze für unsere Ausrüstung im Spiel liegt aktuell bei einem Score von etwa 800 bis 825 Punkten. Nur wenige Gegenstände können diese Werte überhaupt erreichen. Der Gear Score gibt an, wie stark die zufälligen Affixe auf dem jeweiligen Item sind. Bringt ein Handschuh mit einem Score von 700 etwa maximal sieben Prozent Angriffsgeschwindigkeit, können es bei einem Level-800-Gegenstand schon zwölf Prozent sein.

Allerdings haben wir die annähernd besten Gegenstände für unsere Klasse bereits viel früher zusammengesammelt, so dass wir in den letzten 25 Stufenaufstiegen keinen wirklich besseren Loot mehr finden. Der einzige Grund, Aktivitäten in Diablo 4 auf diesen hohen Stufen zu erledigen, ist also, noch höhere Stufen zu erreichen. Wirklich stärker werden wir aber nicht mehr, da ein Großteil unserer Macht von Gegenständen stammt.

Wir werden schwächer, nicht stärker

Im Gegenteil: Je höher wir unseren Charakter spielen, desto schwächer fühlt er sich sogar an. Denn Monster in Diablo 4 skalieren in der offenen Spielwelt mit unserem Level. Der Sinn des Auflevelns sollte aber doch sein, sich merklich stärker zu fühlen.

Nun gibt es in Diablo 4 auch noch andere Endgame-Aktivitiäten zu erledigen. Einige davon sind für uns allerdings nicht lohnend. So können wir in der offenen Spielwelt etwa Quests erledigen und uns beim Baum des Flüsterns dafür Belohnungen abholen. Die fallen oft aber mager aus und motivieren in keinster Weise.

Dann wären da noch die PVP-Gebiete in Sanktuario. Die Spieler-gegen-Spieler-Erfahrung ist allerdings enorm unausbalanciert. Wir ignorieren sie deshalb komplett, wie viele andere auch. Zu jeder Zeit werden hier nämlich mehrere Level-80-Charaktere von nur einem Level-100-Charakter mit oft nur einem einzigen Schlag besiegt. Komischerweise ist PVP ein Grund für das Leveln auf Stufe 100: als übermächtiger Gott ständig andere Spieler umzubringen, während die Opfer darauf gar keine Lust haben. Balance und Fairness? Bitte weitergehen!

Kein cooler Loot bei Weltbossen

Eine nette Abwechslung sind die temporären Events in Diablo 4, also Helltides, Weltenbosse und Legionen der Hölle. Nur Ersteres fühlt sich dabei erfüllend an. In Helltides jagen wir Monster in der offenen Spielwelt, um ihre Splitter zu plündern. Mit diesen Splittern können wir geheime Loottruhen öffnen, in denen meist vier oder mehr legendäre Gegenstände zu finden sind. In Helltides bekommen wir auch wichtige Handwerksmaterialien, um unsere eigene Ausrüstung zu verbessern.

Weltenbosse und Legionen der Hölle tauchen zu bestimmten Zeitpunkten auf und werden von mehreren Charakteren gleichzeitig bekämpft. Die Scharmützel machen Spaß, bringen aber oft nicht den ersehnten Loot-Regen, den wir von Diablo eigentlich erwarten würden.

Ganz klar hat Blizzard in Diablo 4 ein Endgame-Problem. Es wirkt so, als fehle ein Teil des Spiels noch.

Wo ist das letzte Fünftel von Diablo 4?

Dass wir unser maximales Potenzial um Stufe 75 bis 80 erreichen, lässt für uns einen Schluss zu: Blizzard hat einen fünften Welt-Tier nach der aktuellen höchsten Schwierigkeitsstufe bisher nicht implementiert. Dabei gibt es den sogar theoretisch, wie Datamining bereits ergeben hat.

Ein fünfter Welt-Tier würde die meisten Probleme mit dem Endgame definitiv lösen: Wir könnten noch bessere Gegenstände erhalten und so mächtiger werden. Außerdem bliebe das letzte Fünftel von Stufe 80 bis 100 eine Herausforderung. Das ist es, warum Diablo 4 trotz repetitivem Gameplay so lange unterhält.

Ein neuer Welt-Tier ist für uns aber nur der Anfang: Wenn Diablo 4 auf Dauer auch für die wenigen Level-100-Charaktere unterhalten soll, würden wir uns besseren oder speziellen Loot bei Welt-Bossen und globalen Events wünschen. Außerdem muss Blizzard beim PVP dringend nachbessern. Im aktuellen Zustand könnten sie den Teil auch herausstreichen und Diablo 4 würde dadurch nur besser werden.

Schade finden wir auch, dass es in Diablo 4 einige Unique-Gegenstände gibt, die so selten sind, dass sie nur ein Dutzend Spieler auf der gesamten Welt je gesehen haben. Seltene Gegenstände gehören definitiv zum Franchise dazu. Es sollte aber auch ein realistisches Ziel für das Endgame sein, sich diese realistisch zu erspielen - und nicht, dass es sich anfühlt, als müsste man dafür einen Sechser im Lotto haben.

Die erste Saison kommt bald

Aktuell arbeitet das Team aber sowieso an der ersten Saison, die Mitte bis Ende Juli erwartet wird. Über drei Monate können Spieler dann Aufgaben und Herausforderungen erfüllen und Inhalte im Battle Pass freischalten. Allerdings werden saisonale Charaktere in Anlehnung an Diablo 3 auf einem separaten Realm platziert. Sie müssen also sowieso wieder von Level 1 neu anfangen.

Für Fans könnte das eine Gelegenheit sein, eine komplett neue Klasse auszuprobieren und sich neue Meilensteine zu setzen. Schließlich will Blizzard Fans noch lange motivieren, sich auch in Diablo 4 einzuloggen.

Die Community wird gehört

Offenbar hört das Entwicklerteam auch größtenteils auf das Community-Feedback. In regelmäßigen Livestreams und in Supportforen geht Blizzard etwa auf Fragen und Wünsche ein. Teilweise werden die auch umgesetzt.

So werden mit der neuen Saison etwa zumindest Altare von Lilith und die Weltkarte aufgedeckt und so der Grind nach mehr Ansehen und damit zu wichtigen Skill- und Paragonpunkten etwas erleichtert. Auch das Teleportieren zu Dungeon-Eingängen mit dem Nutzen eines Albtraumsiegels wurde auf Wunsch der Community auf die Liste der Änderungen aufgenommen.

Es bleiben aber einige Fragen offen: Wird der Season Pass wirklich nicht als Pay to Win verkauft? Kann Blizzard auf Dauer ein frisches und spaßiges Sanktuario aufrechterhalten? Diese Antworten kann nur die Zeit bringen. Daher ist etwas Geduld gefragt: Bis zur ersten Saison sind es noch ein paar Wochen.


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