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Cyberemotions
Cyberemotions (Bild: Michael Wieczorek/Golem.de)

Mit Wissenschaft zu besserem Diskussionsklima?

Doch ganz unabhängig von dem politischen Diskurs bleibt die Frage: Kann die wissenschaftliche Basis Internetseiten-Betreibern und Administratoren helfen, für ein besseres Diskussionsklima in Blogs und Foren zu sorgen? Darauf hoffen die Forscher zumindest. Ihr langfristiges Ziel ist es, die Internet-Communitys nicht nur zu verstehen, sondern mittels Computerprogrammen Vorhersagen zu treffen, Trends zu erkennen - um nötigenfalls frühzeitig darauf reagieren zu können.

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Bestes Beispiel für einen solchen Versuch ist das Programm Sentistrength: Dieses erkennt, ob ein geschriebener Satz positive oder negative Stimmungen beinhaltet - und welche Stimmungen überwiegen. Die Entwickler werben damit, dass Sentistrength bei kurzen Texten in sozialen Netzwerken an menschliche Fähigkeiten heranreicht. Auf der Internetseite http://sentistrength.wlv.ac.uk/ kann man das in einer Miniversion selbst überprüfen: Man gibt einen Satz in ein Textfeld ein und klickt dann auf "Detect Sentiment" (grob übersetzt: "Emotionen aufspüren") - daraufhin gibt das Programm auf einer negativen und einer positiven Skala (-1 bis -5, bzw. +1 bis +5) die Stärke und Richtung der Emotionen an. Der Benutzer kann die Analyse noch auf Stichworte und Themen konkretisieren.

Das Programm sucht dann nach Wörtern, die emotional aufgeladen sind. Zwar erkennt Sentistrength nicht jedes Schimpfwort und nicht jeden Kosenamen, aber im Großen und Ganzen scheint es gut zu funktionieren.

Nur eine kleine Spielerei? Mitnichten.

Laut den Entwicklern - unter ihnen auch der Psychologe Kappas - wurde das Programm an Technologie- und Marktforschungsfirmen in den USA, Europa und Australien verkauft - eine dieser Firmen soll sogar zu den Top Ten der größten Unternehmen der Welt zählen.

Schweizer Forscher nutzten Sentistrength zur Analyse von Meldungen des Kurznachrichtendienstes Twitter. Ihr Ergebnis: Die Wahrscheinlichkeit ist höher, dass eine emotional aufgeladene Nachricht geretweetet - also weiterverbreitet - wird als ein eher nüchtern geschriebener Tweet. Und zwar bis zu fünf Mal so hoch. Die Wissenschaftler nennen diesen Effekt in ihrem online zugänglichen Paper (Word-Dokument) "Emotional Divergence".

Auch während der Olympischen Spiele in London wurde das Programm eingesetzt - zu Unterhaltungszwecken: Die Anwendung scannte Twitter-Meldungen, die sich mit Olympia-Themen beschäftigten, und je nach Gefühlslage der Nutzer wurde das große Riesenrad der britischen Hauptstadt, das London Eye, mal mehr, mal weniger beleuchtet.

In Zukunft soll das Programm aber noch mehr können: Der Algorithmus soll als Frühwarnsystem für Wutwellen im Netz - die Shitstorms - dienen. Die Idee: Schaukelt sich in einem Forum negative Stimmung hoch, schlägt ein Automatismus Alarm und schickt dem Administrator zum Beispiel eine E-Mail-Benachrichtigung, damit frühzeitig reagiert werden kann. Denn Schnelligkeit ist wichtig. Die Forscher haben anhand ihrer Daten festgestellt: Je länger ein Shitstorm bereits wütet, desto schwieriger ist es, ihm entgegenzuwirken und ihn eventuell zu stoppen - etwa durch eine Gegendarstellung oder im drastischsten Fall durch Schließung der Kommentare.

Ein österreichisches Forschungsteam arbeitet derzeit an einem solchen Prototyp. Marktreif ist er aber noch nicht.

Die EU fördert das gesamte Forschungsprojekt "Cyberemotions" mit 3,6 Millionen Euro für vier Jahre, begonnen im Jahr 2009. Millionen für die Erforschung von Internet-Communitys? Einige wundern sich vielleicht, warum die Europäische Union ein solches Unterfangen finanziert. Psychologie-Professor Kappas wundert das nicht. "Forschung in diesem Bereich wird vor allem in den USA betrieben - und dort auch nur hinter verschlossenen Türen großer Privatunternehmen. Da wird für eine kleine Firma wie Instagram eine Milliarde Dollar bezahlt, und wir wissen gar nicht genau warum", sagt Kappas. "Unsere Forschung hingegen wird aus öffentlichen Mitteln finanziert und ist deswegen jedem frei zugänglich."

In der Tat stecken die großen US-Technologieunternehmen viel in die Forschung: 2011 investierte Google mit 5,16 Milliarden Dollar 14 Prozent seiner Einnahmen in Forschung und Entwicklung, bei Facebook flossen rund 388 Millionen Dollar und damit rund 9,5 Prozent des Umsatzes in diesen Bereich. So gesehen erscheinen die 3,6 Millionen Euro der EU geradezu mickrig.

Doch auch wenn die Forschung voranschreitet, hängt letzten Endes viel an den Leuten, die die Diskussionskultur geschaffen haben: also den Nutzern selbst. Denn eines haben die Daten der Forscher auch ergeben: Nicht überall wird nur gestänkert, beleidigt und geflucht. Im sozialen Netzwerk Myspace etwa - ja, das gibt es noch - wird ständig metaphorisch umarmt und gekuschelt. Wer da schon einen etwas nüchternen Ton anschlägt, gilt gleich als grob. Krasses Gegenteil dazu bildet etwa die britische Nachrichtenwebsite BBC News, wo ein eher raues Klima herrscht.

Fraglich, was schlimmer ist: Die harten politischen Diskussionen von BBC News oder die Alle-haben-sich-furchtbar-lieb-Atmosphäre von Myspace. Wahrscheinlich liegt die Antwort in der Mitte.

Aber darüber könnte man ja mal diskutieren.

 Emotionsforschung: Warum im Netz so erbittert gestritten wird

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JanZmus 30. Aug 2012

Aber es ging hier um soziale Schichten in einem Diskussionsforum, und da ist es m.M.n...

layer8 28. Aug 2012

richtig, wer sich persönlich kennt ist dem Gegenüber nicht mehr annonym.

Replay 28. Aug 2012

Hoffentlich bleibt es so, wie es ist. Der Ton hier wurde durch Golems Eingreifen doch...

mw (Golem.de) 28. Aug 2012

Ich schicke es gerne als hochaufgelöstes jpg an eine e-Mail adresse. Kontakt: mw@golem...

IceRa 28. Aug 2012

Man bildet sich eine Meinung über ein Thema nur unter Berücksichtigung teilweiser...



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