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Test Bioshock Infinite: Kampf um Liebe, Gott und Vaterland

Gemetzel im Auftrag des Herrn: Im frömmelnden Reich Columbia über den Wolken wird der Spieler in Bioshock Infinite als falscher Prophet gejagt. Die fantastische Spielewelt ist - neben den gelungenen Protagonisten Booker DeWitt und Elizabeth - der Star des Spiels.
/ Peter Steinlechner
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Elizabeth aus Bioshock Infinite (Bild: Golem.de)
Elizabeth aus Bioshock Infinite Bild: Golem.de

"Nicht Panik ist das Gebot der Stunde - sondern beten" , plärrt die Lautsprecherstimme über das Schlachtfeld. Panik wovor? Vor uns! Denn wir gelten im friedlichen Wolkenstädtchen Columbia urplötzlich als der falsche Prophet, vor dem riesige Plakate die Bevölkerung warnen. Uns jagen Polizei und Armee auf über den Wolken schwebenden Plattformen mit prächtigen Häusern und Straßen. Wir wehren uns mit Maschinenpistole und Superkräften - und schalten außer harmlosen Cops auch härtere Gegner wie Flammenmänner oder eine mysteriöse, aus Raben bestehende Figur aus.

Bioshock Infinite - Test
Bioshock Infinite - Test (05:12)

Wir sind in Bioshock Infinite der ehemalige Soldat und jetzige Privatermittler Booker DeWitt, der im Jahr 1912 in die schwebende Stadt Columbia reist. Anfangs wirkt das, was Booker per Sprachausgabe sagt, fast unsympathisch. Das ändert sich aber im Verlauf der Handlung. Unser Auftrag: Wir sollen eine junge Frau namens Elizabeth suchen, finden und retten. Direkt nach der Ankunft scheint das ein leichter Job zu sein. Zwar bringt uns ein übereifriger Prediger bei einer unvermeidlichen Taufe fast ums Leben - aber dann wandern wir durch sonnendurchflutete Gassen, lauschen auf den Straßen Musikdarbietungen, haben Spaß in einem Vergnügungspark.

Gut 15 bis 30 Minuten nach dem Start des von Irrational Games(öffnet im neuen Fenster) entwickelten Actionspiels schlägt die Geschichte um: Plötzlich müssen wir inmitten von spritzendem Polizistenblut um unser Leben fürchten. Zum Glück dauert es nicht lange, bis wir Elizabeth gefunden haben. Aber von jetzt an haben wir ein noch viel größeres Problem.

Ohne zu viel von der 10 bis 15 Stunden langen Kampagne verraten zu wollen: Unser Kontrahent ist ein gewisser Vater Comstock, der auf Plakaten mit wallendem weißem Haar und Rauschbart wie ein gütiger älterer Herr wirkt, in Wahrheit aber dunkle Geheimnisse hat. Er hat ein auf den ersten Blick friedlich-frömmelndes Reich errichtet, hinter dessen Kulissen aber auch historische Themen vor allem aus den USA eine Rolle spielen - Sklaverei, der Kampf gegen die amerikanischen Ureinwohner und mehr.

Ein Privatermittler als Held

In Bioshock Infinite sehen wir das Geschehen mit den Augen von Booker DeWitt. Sein Gesicht wird uns nur sporadisch gezeigt, etwa in der Spiegelung auf einer Wasseroberfläche. Das ist schade, denn das Schicksal von Booker und seine Vergangenheit im Krieg spielen eine wichtige Rolle in der Handlung. In den Kämpfen dagegen ist die Ego-Perspektive angenehm. Die Feuergefechte von Infinite spielen sich flüssig und machen Spaß. Waffen wie die Pistole, der Karabiner oder das Maschinengewehr klingen sehr gut, ihre Animationen sind gelungen.

Dazu kommt nach und nach eine Handvoll interessanter Spezialfähigkeiten. So können wir mit der rechten Maustaste erst Selbstschussanlagen "überreden", auf unsere Seite zu wechseln, später auch menschliche Gegner. Makaber: Wenn die Schlacht geschlagen ist, begehen die grün schimmernden Exfeinde Selbstmord und pusten sich vor unseren Augen etwa mit der umgedrehten Schrotflinte den Schädel weg.

Sammelwut statt Ballerfest

Im mittleren der drei Schwierigkeitsgrade ist Bioshock Infinite ein bisschen zu einfach, zumal wir nach unserem Bildschirmtod mit nur kurzer Pause an der gleichen Stelle fortfahren können. Erst wenn wir das Spiel einmal beendet haben, können wir in einem zusätzlichen Modus namens 1999 einen weiteren Durchgang wagen, der dann tatsächlich ziemlich happig ist.

Bioshock Infinite - Trailer (False Shepherd)
Bioshock Infinite - Trailer (False Shepherd) (02:13)

Außer mit dem Bekämpfen von Gegnern verbringen wir sehr viel Zeit mit dem Einsammeln von Gegenständen. Wir durchsuchen Kisten, Fässer, Schreibtische, erledigte Gegner und Portemonnaies, um Dollarmünzen, Lebensmittel für das Auffüllen des Gesundheitsbalkens, Munition für unsere Waffen oder Salz für die Spezialkräfte-Manaleiste zu bekommen.

Außerdem gibt es Extras, die meist extragut versteckt sind. Dazu gehört Bekleidung, die Bookers Fähigkeiten weiter verstärkt, beispielsweise Hüte, die mehr Feuerschaden verursachen, oder eine Jacke für mehr Schutz durch den Schild. Vier davon kann der Hauptcharakter gleichzeitig tragen. Uns hat das Sammeln nach einer gewissen Zeit genervt, weil es vom eigentlichen Spiel ablenkt. In einigen Umgebungen haben wir deutlich mehr Zeit mit dem Durchsuchen von Kisten zugebracht als mit kämpfen.

 
Video: God Only Knows - Cover in Bioshock Infinite (Music Only)

Eines der im wahrsten Sinne des Wortes schönsten Elemente von Bioshock ist Elizabeth. Die junge Dame wirkt mit ihrer teils naiven, teils patenten Art wie einem alten Spielfilm entsprungen und hat Charme. In einer Szene tanzt sie anrührend an einer Strandpromenade einfach so aus Lebenslust in einer Gruppe von Badegästen. Die Entwickler haben Elizabeth aufwendiger animiert als die meisten KI-Begleiter in anderen Games. Wenn sie neben einem rauchenden Passanten steht, hustet sie, und wenn wir eine Toilette nach Munition durchsuchen, fragt sie, ob das wirklich sein muss - nette bis witzige Gags, die es nicht überall gibt.

Zaubern mit Dimensionsrissen

Elizabeth kann auch in den schwersten Gefechten keinen Schaden nehmen. Im Gegenteil: Sie hilft uns gelegentlich, indem sie uns Munition oder Medizin zuwirft. Außerhalb der Kämpfe öffnet sie mit ihrer Haarnadel oder mit Dietrichen - Letztere müssen wir sammeln - verschlossene Türen oder Tresore. Etwas später in der Kampagne entpuppt sie sich als richtig hilfreich: Dann kann sie auf unseren Wunsch über Dimensionsrisse Gerät wie eine für uns kämpfende Selbstschussanlage oder eine Truhe mit Heilmedizin herbeizaubern.

Die meiste Zeit verbringen wir als Booker mit unserem Füßen auf dem Boden von Columbia. Mit einer Art Enterhaken-Pistole können wir uns allerdings in Batman-Manier an Lastkränen emporziehen und so unter anderem die Abgründe zwischen Stadt-Plattformen überbrücken. Vor allem aber können wir uns an die Gleise der Hängebahn von Columbia klammern und mit Höchstgeschwindigkeit durch die Stadt sausen. Auf Knopfdruck wechseln wir an Kreuzungen das Gleis, ändern die Richtung oder halten an, um Gegner aus der Luft ins Visier zu nehmen.

Grafik und Fazit

Meistens macht das Spaß. Nur im Hochbahnnetz von Columbia City verlieren wir die Übersicht. Zwar weist auf Knopfdruck ein Pfeil den Weg zum nächsten Ziel, aber in den Gleisanlagen ist das System nicht so übersichtlich wie am Boden, so dass wir manchmal den Überblick verloren haben. Das ist schade, aber immerhin haben wir so interessante Ecken in der Stadt gefunden, in denen wir sonst nicht gelandet wären. Der größte Teil von Bioshock Infinite ist linear, allerdings gibt es ab und zu halboffene Umgebungen, in denen wir auf mehreren Wegen vorankommen können.

Bioshock Infinite - Trailer (City in the Sky)
Bioshock Infinite - Trailer (City in the Sky) (01:38)

Das Programm basiert auf der Unreal Engine 3. Obwohl die Laufzeitumgebung nicht mehr ganz auf dem aktuellen Stand ist, ist Bioshock Infinite eines der schönsten Spiele, die wir in letzter Zeit gesehen haben. Das liegt weniger an der Technik als an den tollen Farben, den liebevoll und stimmig in Szene gesetzten Umgebungen und den hervorragenden Animationen. Anfangs sind wir in der fast schon übernatürlich sonnenbestrahlten Haupt-Luftinsel unterwegs, später gibt es dann auch deutlich düstere Gefilde wie ein Museum bei Nacht.

Bioshock Infinite ist ab dem 26. März 2013 für Windows-PC (rund 50 Euro) sowie für Xbox 360 und Playstation 3 (jeweils rund 60 Euro) erhältlich. Die PC-Version muss bei Steam aktiviert werden; im Sommer 2013 soll auch eine Fassung für Mac OS erscheinen. Die Sprachausgabe ist insgesamt gelungen, nur die Stimme der Elizabeth finden wir in der US-Fassung besser. Inhaltliche Änderungen gegenüber dem Original gibt es sonst nicht. Von der USK hat das Programm eine Freigabe ab 18 Jahren erhalten; es hat keinen Multiplayermodus.

Fazit

Der Sprung aus der Tiefsee über die Wolken ist Bioshock gelungen. Infinite ist ein erstklassiges Actionspiel, das vor allem Spieler anspricht, die intelligente Handlungen mögen. Besonders zwei Dinge stechen hervor: Das Spiel schafft eine fantastische, in sich geschlossene und wunderschöne Himmelswelt mit eigenen Gesetzen, die auf intelligente Art mit den historischen Realitäten spielt. Und es erzählt rund um Elizabeth und Booker eine Geschichte, die weit spannender ist als die der meisten anderen Computerspiele. Dazu kommt gelungene Gameplay-Mechanik, die beim Waffen-, Ausrüstungs- und Fähigkeitendesign so ziemlich alles aus dem Genre Ego-Shooter herausholt.

Bei allem verdienten Lob: Ganz perfekt ist auch Bioshock Infinite nicht. So toll die Handlung ist, in der Mitte gibt es Längen, und es geht zudem etwas zu konfus zu. Das Spiel beschäftigt sich zudem etwa in den Museumsszenen Themen aus der US-Geschichte wie dem Massaker von Wounded Knee und dem Boxeraufstand, die mitunter sehr speziell sind, Geschichtsinteressierte aber begeistern können.

Zu bemängeln ist aus spielerischer Sicht neben Navigationsproblemchen vor allem die stellenweise sehr niedrige Gegneranzahl. Auf der normalen Schwierigkeitsstufe laufen wir oft durch herrliche Umgebungen, in denen es (zu) viel zu sammeln, aber kaum etwas zu schießen gibt.

Das alles ist allerdings Jammern auf höchstem Niveau. Unterm Strich bietet Bioshock Infinite tolle Action und eine anspruchsvolle Handlung in einer interessanten, teils wunderschönen Welt. Die charakterstarken Figuren, allen voran Elizabeth, werden ihren Platz in der Computerspielgeschichte finden.


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