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Test Assassin's Creed 3: Ein Meuchelmörder als Weltenretter

Squaws statt Signorinas, Tomahawks statt Mantel und Degen und Neu-England statt Norditalien wie in Teil 2: In Assassin's Creed 3 kämpft der Spieler im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg – und kommt dabei hinter düstere Geheimnisse der Geschichte.
/ Peter Steinlechner
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Artwork von Assassin's Creed 3 (Bild: Ubisoft)
Artwork von Assassin's Creed 3 Bild: Ubisoft

Wer ist mitverantwortlich für den Ausgang der US-Präsidentschaftswahlen? Und wer muss dafür sorgen, dass die Erde wenig später, am 21. Dezember 2012, nicht untergeht? Genau: wir. Das ist eine hohe Bürde für uns als Spieler – aber dank Savegames und guter Reflexe kriegen wir das in Assassin's Creed 3 hin. Übrigens: Alles, was wir in diesem Text über die Handlung des neuen Zeitreisespiels von Ubisoft(öffnet im neuen Fenster) schreiben, erfährt der Spieler entweder direkt nach dem Start der Kampagne, oder es wurde bereits in einem früheren Spiel oder in den diversen Trailern des Publishers bekanntgegeben. Einige wirklich große Überraschungen in der Handlung verraten wir selbstverständlich nicht!

Assassin's Creed 3 – Test
Assassin's Creed 3 – Test (05:27)

Wie die Vorgänger erzählt Assassin's Creed 3 zwei Geschichten. Da ist der Barkeeper Desmond Miles, der in der Gegenwart die Erde vor einer zerstörerischen Katastrophe retten muss, die sich laut Spiel am 21. Dezember 2012 ereignen wird. Um es gleich zu sagen: Diese Story finden wir eher albern. Wesentlich interessanter ist, was wir bei Reisen in die Erinnerungen von Desmonds Vorfahren erleben. Diesmal verschlägt es uns vor allem ins Amerika des Krieges, mit dem sich die Vereinigten Staaten ihre Unabhängigkeit erkämpft(öffnet im neuen Fenster) haben, insbesondere von der britischen Krone. Dabei nehmen wir auch an der Boston Tea Party teil, jenem geschichtsträchtigen Moment, nach dem sich die erzkonservative amerikanische Tea-Party-Party-Bewegung benannt hat – um mal die Sache mit den Präsidentschaftswahlen aufzuklären.

Unseren ersten Einsatz absolvieren wir in den Erinnerungen eines Engländers namens Haytham Kenway, der mitten in einer Opernaufführung ein Attentat ausführen soll; übrigens handelt es sich dabei um The Beggar's Opera(öffnet im neuen Fenster) von Johann Christoph Pepusch und John Gay, die Kurt Weill als Grundlage für seine Dreigroschenoper diente. Wenig später reist Haytham Kenway in einem Segelschiff über den Atlantik nach Boston. Bei dieser Fahrt, auf der es zu Zwischenfällen und Verwicklungen kommt, sind wir mit an Bord.

Erst nach einigen weiteren Abenteuern und nach rund fünf bis sieben Stunden Spielzeit steuern wir die eigentliche Hauptfigur von Assassin's Creed 3: den von Indianern abstammenden Ratonhnhaké:ton, oder schlicht Connor. Schon das extrem lange Prolog-Tutorial mit Haytham Kenway deutet an, dass die Handlung in Ubisofts neuem Werk episch ausgefallen ist, sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt und zahlreiche überraschende Wendungen hat. Wir sind erst in und um Boston unterwegs, dann geht es auch nach New York und später noch weiter. Selbst wer nur der Haupthandlung folgt und die Masse an Nebenaufgaben ignoriert, dürfte mindestens 20 bis 30 Stunden mit dem Unabhängigkeitskrieg beschäftigt sein.

Mordmissionen und andere Einsätze

Dabei erleben wir abwechslungsreiche Angriffe auf Generäle der Engländer, Attacken zu Pferd, Schleichaufträge hinter feindlichen Linien, Mordmissionen in riesigen Schlachten und mehr – teils allein, teils in unsichtbarer Begleitung der auf Knopfdruck bereitstehenden Assassinen-Schüler, teils in Begleitung historischer Persönlichkeiten. Die meisten Aufträge orientieren sich an dem aus dem Vorgänger bekannten Konzept. Etwas stärker ist unter anderem das Gewicht von Lauschaktionen, bei denen wir etwa einem feindlichen Soldaten folgen, während der mit einem Kumpel über Geheimnisse plaudert.

Die zweite Handlung rund um Desmond Miles in der Gegenwart kommt deutlich langsamer in Schwung: Anders als in Assassin's Creed 2 kann sich der Spieler nach dem Spielstart weitgehend auf die Geschichte konzentrieren, erst etwas später ist er dann mit Desmond unter anderem in New York unterwegs und kämpft für die Rettung der Welt.

Morden in der Story und in Freiheit

Das grundsätzliche Spielprinzip ähnelt den Vorgängern. Als Mitglied der Assassinen steuern wir Connor in der Vergangenheit entweder durch Story-Missionen mit teils aufwendigen Zwischensequenzen. Oder wir bewegen uns frei in der offenen Spielewelt und absolvieren die Zusatzaufgaben. Über die stets aufrufbare Karte suchen wir uns etwa Auftragsattentate, sammeln umhergewehte Buchseiten (das Gegenstück zu den Federn aus AC2), helfen Bürgern bei Schlägereien mit den Rotgardisten, also den englischen Kolonialsoldaten, suchen Schatzkisten oder übernehmen Botendienste.

Vor Assassin's Creed 3 – Trailer (Was bisher geschah)
Vor Assassin's Creed 3 – Trailer (Was bisher geschah) (06:45)

Unterm Strich gibt es nach unserem Eindruck eher noch mehr zu tun als in Teil 2 der Serie: Außer mit unzähligen Herausforderungen kann der Spieler viele Stunden mit der Ausstattung seiner unterschiedlichen Besitztümer verbringen, oder Persönlichkeiten wie Benjamin Franklin(öffnet im neuen Fenster) besuchen, der sich in einem längeren – wohl aus einem Buch stammenden – Monolog über die erotischen Vorteile älterer Liebhaberinnen auslässt.

Die Steuerung und die Menüs unterscheiden sich kaum von den Vorgängern. Auch Connor ist ein Klettermaxe, mit dem wir etwa in Boston an Häuserwänden hochkommen und kein Problem haben, bis auf die Spitze von Kirchtürmen zu klimmen, um dort Lücken in der Karte auszufüllen – und dann herunterzuspringen und in einem Heuhaufen zu landen. Auch bei den teils halsbrecherischen Verfolgungsjagden, die wir uns in den Städten mit den Wachen liefern müssen, hat sich wenig gegenüber den Vorgängern getan.

Das anfängliche Kraxeln auf den Dächern von Boston fanden wir zu altbekannt – zumal Boston zwar schick in Szene gesetzt ist, aber Florenz und die anderen Städte aus Assassin's Creed 2 dann doch farbenfroher, bunter und lebendiger rüberkommen. Zum Glück können wir mit Connor aber auch ins Grenzland, in ein urwüchsiges Gebiet mit Wäldern, Wiesen und Bergen.

Die Spring- und Klettermechanik ist dort etwas anders als in den Städten und erfordert eine gewisse Umstellung: Solange wir stur die rechte Schultertaste des Controllers drücken, springen und sprinten wir über die Analogsticks mit atemberaubender Geschwindigkeit und ganz neuen Animationen von Ast zu Ast, krabbeln Stämme empor, schwingen uns an Felskanten und dann gleich weiter zum nächsten Baum. Das wirkt deutlich dynamischer und halsbrecherischer – und Letzteres ist es dann auch tatsächlich mitunter: Uns ist es leider trotz der Schultertaste ab und zu passiert, dass Connor in die Tiefe stürzte und wir am letzten Speicherpunkt neu anfangen mussten.

Jagd mit Pfeil und Bogen

Auch in der Wildnis gibt es zahlreiche zusätzliche Aufgaben, beispielsweise können wir dort auf die Jagd gehen und mit den gewonnenen Fellen Geld verdienen. Dazu müssen wir ein eingeblendetes Symbol anklicken, das die Jagdmissionen startet und uns zeigt, in welchem Gebiet wir Köder und Fallen aufstellen. Ein Stück weit erinnern uns das Grenzland und die Jagd an das Westernepos Red Dead Redemption – insbesondere bei den Animationen, mit denen Connor dem erlegten Wild das Fell abzieht; allerdings blendet das Bild bei Ubisoft aus, bevor es richtig eklig wird.

Ein neues, sehr gelungenes Highlight in Assassin's Creed 3 sind die maritimen Einsätze. Auch auf hoher See gibt es neben vorgegebenen Storymissionen freiwillige Aufträge. In beiden stehen wir als Connor an Bord unseres eigenen Schiffs, der Aquila, und haben das Steuerrad selbst in der Hand. Auf der Minimap zeigt ein grüner Streifen die jeweilige Windrichtung und -stärke an. Entsprechend müssen wir lenken und passend dazu die Segel raffen oder herunterlassen – wer nicht aufpasst, kann in einem plötzlich aufziehenden Sturm auch mal Mastbruch erleiden. Mit der Aquila gibt es auch ausgewachsene Seeschlachten, in denen wir den Pott so in Reichweite und Richtung der gegnerischen Schiffe drehen müssen, dass die Kanonen möglichst auf voller Breitseite treffen können. Wie das genau funktioniert, erklärt ein gut gemachter Tutorialeinsatz.

Neues Kampfsystem und das Fazit

Das Kampfsystem haben die Entwickler von Ubisoft gründlich überarbeitet. Im Grunde kommen wir jetzt mit drei Tasten aus, um uns im Nahkampf auch größerer Gegnergruppen zu entledigen. Mit einer Taste blocken wir Angriffe und führen mit einer zweiten eine meist erfolgreiche Gegenattacke aus. Dazu kommt die Möglichkeit, mit der dritten Taste einen Feind zu entwaffnen. Wenn uns eine Reihe von Schützen ins Visier nimmt, können wir mit etwas Glück einen ihrer Kameraden als Schutzschild missbrauchen.

Assassin's Creed 3 – Trailer (Launch)
Assassin's Creed 3 – Trailer (Launch) (01:27)

Bei Fernkämpfen mit Gewehren oder mit dem Bogen visieren wir die Feinde halbautomatisch an. Die Schwierigkeit dabei ist oft, die lange Wartezeit beim Nachladen unbeschadet zu überstehen; immerhin heilt sich Connor nach kurzer Wartezeit selbst. Wer sich intensiv mit dem komplexeren Kampfsystem von Assassin's Creed 2 beschäftigt hat, dürfte sich über die Vereinfachung ärgern – wir haben damals meist einfach schnell aufs Gamepad gehauen und sind froh über die Änderung.

Die Grafik von Assassin's Creed 3 basiert zwar auf einer angeblich generalüberholten Engine, wirklich sichtbar ist das aber leider selten. Zwar wirkt alles stimmig und tatsächlich authentisch – ein bisschen hat man den Eindruck eines kleinen Holodecks. Die technische Qualität der Grafik ist allerdings kaum besser als in den Vorgängern. Schade: Bei einigen Stellen müssen Konsolenspieler mit spürbar ruckelnder Grafik rechnen, dazu kommen immer wieder mal mehr, mal weniger sichtbare Fehler – etwa Gegenstände, die ohne erkennbaren Grund in der Luft schweben, oder Probleme mit der Kollisionsabfrage in Kämpfen.

Assassin's Creed 3 ist ab dem 31. Oktober 2012 für Playstation 3 und Xbox 360 für rund 60 Euro erhältlich. Am 22. November 2012 folgt eine Version für Windows-PC und am 30. November 2012, dem Starttag der Wii U, eine Fassung für Nintendos neue Konsole. Zum Test lag uns nur die ungeschnittene deutsche Version vor. Dort hat uns die Sprachausgabe gut gefallen – Vergleiche zur US-Fassung, in der vermutlich die unterschiedlichen angelsächsischen Dialekte eine Rolle spielen, können wir daher nicht ziehen. Auch über den Multiplayermodus können wir keine Aussagen treffen, weil wir keine Mit- und Gegenspieler hatten; im Multiplayermodus können Spieler laut Ubisoft einige Gegenstände wahlweise auch mit echten Euro bezahlen. Die USK hat dem Spiel eine Freigabe ab 16 Jahren erteilt.

Fazit

Die Verbesserungen vom ersten Assassin's Creed zum zweiten Teil waren gewaltig. Einen ähnlichen Quantensprung hat Ubisoft nicht noch einmal geschafft. Trotzdem ist Assassin's Creed 3 eines der besten Spiele dieses Jahres, mit dem nicht nur Fans der Serie tage- bis monatelang Spaß haben können – je nach Spielweise und Freude an den Offene-Welt-Aufgaben. Vor allem die Kampagne um den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg hat eine spannende und intelligente Handlung. Und wer sich mit Geschichte beschäftigen möchte, kann ungeheuer viel über die Anfangszeit der USA lernen.

Nicht ganz so spaßig ist allerdings die Sache mit der Grafik. In einer perfekten Welt würde Assassin's Creed 3 jetzt mit der nächsten Konsolengeneration herauskommen. Es gibt zwar immer wieder bombastische Kamerafahrten und tolle Zwischensequenzen, aber schöner als im Vorgänger sieht das alles kaum aus. Dafür trüben jetzt etwas mehr Ruckler und Grafikfehler das Bild.

Unterm Strich bietet Ubisofts jüngster Geschichtsausflug eine tolle historische Kampagne und eine arg klischeehafte, aber sowieso weniger wichtige moderne Story. Dazu kommen das riesige Spiel wie in den Vorgängern plus die neuen Seeschlachten und bessere Kämpfe sowie eine etwas weniger imposante Grafikkulisse. Ergebnis: kein epochales Meisterwerk, aber ein tolles Spiel!


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