Elon Musk: Wird Twitter das neue Telegram?

Elon Musk kauft das soziale Netzwerk und möchte auf die Meinungsfreiheit setzen. Das könnte zu einem Interessenkonflikt führen.

Artikel von Daniel Ziegener veröffentlicht am
Wie viel Meinungsfreiheit verträgt Twitter?
Wie viel Meinungsfreiheit verträgt Twitter? (Bild: Markus Winkler/Unsplash)

Nun ist es also wirklich passiert. Drei Wochen nachdem Elon Musk größter Aktionär bei Twitter wurde, übernimmt er das Unternehmen nun komplett. Für das soziale Netzwerk mit mehr als 300 Millionen Nutzern zahlt der Tesla-CEO einen Milliardenbetrag.

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Musk ist selbst leidenschaftlicher Nutzer des Kurznachrichtendienstes. Unbedachte Posts haben ihm schon viel Ärger mit der Börsenaufsicht SEC eingebracht und 2018 sogar den Posten als Chef im Verwaltungsrat von Tesla gekostet.

Nun kostet ihn seine Liebe zu Twitter noch einmal 44 Milliarden US-Dollar obendrauf. Das ist der Preis, den Musk für ein soziales Netzwerk bezahlt, das vergleichsweise wenige aktive Nutzer und kein profitables Geschäftsmodell hat. Was hat der CEO und Milliardär nun vor?

Wessen freie Rede ist gemeint?

Die Reaktionen auf Twitter fallen erwartungsgemäß gespalten aus. Während einige sich über frischen Wind in der Führungsetage des Unternehmens freuen, befürchten andere Nutzer schon das Ende von Twitter. Viele wollen die Plattform nun endgültig verlassen. Im Mittelpunkt steht Musks Ankündigung, er wolle sich auf die "free speech", also freie Rede, konzentrieren.

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"Die freie Meinungsäußerung ist das Fundament einer funktionierenden Demokratie, und Twitter ist der digitale Marktplatz, auf dem wichtige Themen für die Zukunft der Menschheit diskutiert werden", erklärte Musk die Übernahme. Kritiker befürchten hinter einer all zu libertären Auslegung des Begriffs der Meinungsfreiheit allerdings eine Gefahr für eben diese Demokratie.

"Die Grenzen der freien Rede beginnen dort, wo gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit anfängt und andere zu Schaden kommen", sagt Lorenz Blumenthaler von der Amadeo-Antonio-Stiftung. Demokratisch könne die Plattform nur mit konsequenter Moderation sein. "Wir beobachten, dass Frauen oder politische Minderheiten auf Twitter zu Betroffenen von Hatespeech-Kampagnen werden, bis sie gezwungen sind, sich von der Plattform zurückzuziehen", so Blumenthaler. "Dass das nicht demokratisch ist, darauf können wir uns alle einigen."

Musk selbst zog Grenzen der Meinungsfreiheit in der Vergangenheit etwas anders. Als 2018 ein ehemaliger Mitarbeiter Informationen an die Presse gibt, verklagt Tesla den Whistleblower. Den unliebsamen Twitter-Account eines Teenagers, der seinen Privatjet verfolgt, wollte Elon Musk hingegen aufkaufen. Der Account @ElonJet ist Stand heute noch online.

Der Einfluss des Geldes wächst

Ex-Amazon-CEO Jeff Bezos stellte auf Twitter schon die Frage, ob "die chinesische Regierung gerade ein wenig Einfluss auf den Marktplatz genommen" hat - schließlich sei Musks Automobilunternehmen stark mit dem chinesischen Markt verwoben.

Die beiden Geschäftsleute haben einiges gemeinsam. Erst im vergangenen Jahr überholte Elon Musk den einstigen Amazon-CEO Bezos als reichsten Menschen der Welt. Jeff Bezos ist jetzt auf Platz zwei. Und auch Bezos hat 2013 mit der Washington Post ein wichtiges Medienunternehmen gekauft.

"Wir müssen uns von dem Glauben verabschieden dass diese Plattformen inhärent demokratisch funktionieren", so Blumenthaler. Selbst wenn sich der Besitz auf mehrere Inhaber verteile, stünden bei einem wirtschaftsorientierten Unternehmen immer andere Ziele im Vordergrund.

Musks "schlimmste Kritiker" müssen bleiben

Twitter ist im Vergleich der Nutzerzahlen weitaus kleiner als Facebook, Youtube oder sogar Tiktok. Dafür haben die Themen der Plattform einen umso größeren Einfluss. Was auf Twitter diskutiert wird, bestimmt häufig die Schlagzeilen.

"Ich hoffe, dass selbst meine schlimmsten Kritiker auf Twitter bleiben", schreibt Musk in einem Tweet, "denn das bedeutet Meinungsfreiheit." Musk ist auf diese "schlimmsten Kritiker" aus den Medien angewiesen, damit der als soziales Netzwerk so bedeutungslose Kurznachrichtendienst auch weiterhin ein wertvoller Multiplikator für seine Tweets in anderen Medien ist.

Der Wunsch, dass die Kritiker auf der Plattform bleiben, heißt nicht, dass Musk sich mit ihnen auseinandersetzen möchte. Auf Kontaktversuche der Gewerkschaft IG Metall reagierte er nicht, bei der Eröffnung der Gigafactory in Grünheide ignorierte er die Protestaktionen von Umweltaktivisten.

Viele Nutzerinnen und Nutzer machen derweil schon jetzt von ihrer Freiheit Gebrauch, die Plattform zu verlassen. Am Tag nach der Ankündigung von Twitters Übernahme hätten sich 41.287 neue Nutzer bei dem dezentralen Netzwerk Mastodon angemeldet.

Technische Lösungen für menschliche Probleme

Die Stärke von Elon Musk liegt im Lösen technischer Probleme. Er hat Tesla zum Vorreiter der Elektromobilität gemacht und verkauft mehr Elektroautos als die klassische Automobilindustrie. Und mit seinem Weltraumunternehmen SpaceX greift er sprichwörtlich nach den Sternen.

"Ich möchte Twitter auch besser machen als je zuvor, indem ich das Produkt mit neuen Funktionen ausbaue, die Algorithmen quelloffen mache, um das Vertrauen zu erhöhen, die Spam-Bots besiege und alle Menschen authentifiziere", sagt Musk über seine noch vagen Pläne. "Twitter hat ein enormes Potenzial - ich freue mich darauf, mit dem Unternehmen und der Nutzergemeinschaft daran zu arbeiten, es zu erschließen."

Aber Musk sollte die Verbreitung von Informationen und Konflikten zwischen Menschen nicht mit Autos, Tunneln und Raketen verwechseln. Dass sich Probleme mit Hassrede, Verschwörungstheorien und Desinformation nicht allein mit Algorithmen und Ingenieurskunst lösen lassen, zeigen die Probleme bei der weitaus größeren Social-Media-Plattform Facebook.

Dass Twitter zu einer Plattform zur ungefilterten Verbreitung von Verschwörungstheorien nach dem Vorbild von Telegram wird, befürchtet Blumenthal von der Amadeu-Antonio-Stiftung nicht. Twitter ist immer noch an nationale Gesetzgebungen wie das deutsche NetzDG gebunden. Daran dürfte sich so bald nichts ändern.

Twitter wird sich verändern (müssen)

Auch wenn Elon Musk selbst hat in der Vergangenheit schon irreführende Informationen zu Corona-Impfungen verbreitet und gegen Lockdown-Maßnahmen wetterte und bereits über eine Rückkehr von Donald Trump spekuliert wird, wird Twitter wohl kein neues Telegram.

Dennoch ist Twitters Zukunft in den Händen von Elon Musk unklarer denn je. Erst vor ein paar Monaten gab Gründer Jack Dorsey die Führungsposition an den ehemaligen CTO Parag Agrawal ab. Nun steht höchstwahrscheinlich ein weiterer Führungs- und damit auch Richtungswechsel an. Sogar über eine Rückkehr von Dorsey wird schon spekuliert.

Elon Musk wird Twitter nicht so frei führen können, wie er twittert. Die 44 Milliarden US-Dollar, mit denen er sich in das undankbare Social-Media-Business einkauft, sind zum Teil aus Krediten finanziert, zum Teil mit Musks Aktienportfolio. Dieses Geld steckt jetzt in einer unprofitablen Plattform, die für Musk mit seinen per Tweet verursachten Kursschwankungen durchaus profitabel sein könnte. Allerdings ist Musk jetzt nicht mehr nur für seine eigenen Tweets, sondern die von mehr als 200 Millionen aktiven Nutzern verantwortlich.

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ripclaw666 02. Mai 2022 / Themenstart

Kommt es nur mir so vor oder verlieren all diese Begriffe ihre Bedeutung? Sie werden...

luke93 27. Apr 2022 / Themenstart

Wie lautet die denn?

nachgefragt 27. Apr 2022 / Themenstart

Man kann auch als "Personen ohne festen Wohnsitz" gemeldet sein und einen...

xSureface 27. Apr 2022 / Themenstart

Ge-Trumped. Und irgendwer muss diese dann fürs Archiv wieder in Handarbeit zusammensetzen ;)

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