Elon Musk und Twitter: Live-Ticker aus dem Irrenhaus

In den vergangenen Tagen ist die Berichterstattung über Twitter zu einer Art Live-Ticker aus dem Irrenhaus mutiert. Die Ereignisse haben sich förmlich überschlagen und man konnte die Artikel gar nicht schnell genug aktualisieren, um bei den offenbar spontan und willkürlich gesetzten Vorgaben auf dem neuesten Stand zu bleiben. Sollte Elon Musk nach dem recht eindeutigen Ausgang der Umfrage mit 57,5 Prozent Ja-Stimmen(öffnet im neuen Fenster) nun tatsächlich als Twitter-Chef zurücktreten, könnte das dem Kurznachrichtendienst nur guttun. Wenn Twitter weiter zu einem Milliardärsspielzeug verkommt, ist der Dienst wohl nicht mehr zu retten.
Musk bewies in den zurückliegenden 53 Tagen seit dem Kauf des Dienstes mehr als genug, dass er das Unternehmen nicht führen sollte. Das betrifft nicht nur seine brachialen Managementmethoden, die zum Rauswurf der halben Belegschaft geführt haben.
Willkürliche Sperrungen
Bedenklicher ist jedoch die Art und Weise, wie er inhaltlich in den Dienst eingreift. Seine Ankündigung, sich bei Twitter als Anwalt der Meinungsfreiheit einzusetzen, hat sich offensichtlich als Lüge herausgestellt . Selbst die Vereinten Nationen sehen in der Sperre von Journalisten-Accounts einen "gefährlichen Präzedenzfall" und registrierten auf der Plattform zuletzt "einen sehr besorgniserregenden Anstieg von Hassreden, Desinformationen über das Klima und andere Themen" .
Noch im vergangenen Juni bezeichnete Musk(öffnet im neuen Fenster) es als Lackmus-Test für zwei konkurrierende sozioökonomische Systeme, "welche Seite eine Mauer bauen muss, um die Menschen an der Flucht zu hindern. Das ist die schlechte Seite!" Nun will er selbst verhindern, dass die Twitter-Nutzer wegen des von ihm angerichteten Chaos zu anderen Plattformen wechseln. Links zu Facebook, Instagram, Mastodon oder Truth Social sollen unzulässig sein . Doch selbst diese Entscheidung wird innerhalb weniger Stunden einkassiert.
Tesla-Aktie im freien Fall
Auch wenn die Twitter-Übernahme mit 44 Milliarden US-Dollar kein Schnäppchen war: Die Summe verblasst neben dem enormen Verlust von Teslas Marktkapitalisierung in den vergangenen zwölf Monaten. In dieser Zeit fiel der Aktienkurs des Elektroautoherstellers von rund 350 auf 150 US-Dollar. Es dürfte den Investoren daher alles andere als egal sein, dass Musk offenbar den Großteil seiner Arbeitszeit damit verbringt, ein soziales Netzwerk zu ruinieren, statt sich seinen anderen Firmen zu widmen.
Zudem stellt sich die Frage, inwieweit Musk sich tatsächlich aus dem Tagesgeschäft bei Twitter heraushalten würde, wenn er nicht mehr CEO sein sollte. Schließlich ist es immer noch sein Geld, das das Unternehmen offensichtlich aktuell verbrennt. Der künftige Twitter-Chef müsse "Schmerzen sehr mögen" , schreibt Musk. Zudem müsse man als Twitter-Chef seine Ersparnisse investieren, denn "das Unternehmen befindet sich seit Mai auf der Überholspur zum Konkurs" .
Letzteres mag zutreffen. Aber mit seinem erratischen Verhalten trug Musk in den vergangenen Wochen eher dazu bei, mehr Werbekunden zu verprellen, statt sie anzulocken. Das Unternehmen muss daher zunächst wieder intern und nach außen zur Ruhe kommen.
Ob ein etwaiger Nachfolger von Musk das erreichen könnte, müsste sich aber erst einmal zeigen. Aktuell kann es nur besser werden. Eine masochistische Veranlagung dürfte dabei hilfreich sein. Denn dass man in Musks Firmen "Schmerzen sehr mögen" sollte, zeigte sich bei Tesla und Space-X schließlich oft genug .
IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach)



