Zum Hauptinhalt Zur Navigation

Ello: Das Anti-Facebook, nächster Versuch

Keine Anzeigen, keine Klarnamenpflicht, kein Pornoverbot: Ello will anders sein als die großen sozialen Netzwerke. Facebooks neue Werbepläne könnten den Machern nutzen.
/ Johannes Wendt
100 Kommentare News folgen (öffnet im neuen Fenster)
Screenshot der Ello-Startseite (Bild: Screenshot: Golem.de)
Screenshot der Ello-Startseite Bild: Screenshot: Golem.de

Facebook stellt seine Nutzerdaten ab sofort Werbetreibenden zur Verfügung, die ihre Zielgruppe auch außerhalb des Netzwerks ansprechen wollen. Atlas heißt die Plattform, die das ermöglicht. Dort kann zum Beispiel der Hersteller eines Energy Drinks gezielt nach jungen Menschen suchen(öffnet im neuen Fenster) , die sich für bestimmte Sportarten interessieren und in einer bestimmten Region leben. Diesen Menschen kann die Firma dann Anzeigen einblenden, etwa in Sport-Apps oder auf Nachrichtenseiten.

Dabei hilft es Facebook, dass seine Nutzer viele Angaben freiwillig und wahrheitsgemäß machen. Zudem kann ihnen Facebook über sogenannte Tracking-Cookies sowohl im Browser als auch über seine App quer durchs Netz folgen, solange sie eingeloggt sind.

Atlas liefert Werbetreibenden aber keine Namen. Wer Werbung vom Hersteller des Energy Drinks zu sehen bekommt, kann also davon ausgehen, dass die Firma ihr gewünschtes Publikum bei Atlas definiert(öffnet im neuen Fenster) hat und dass er mit seinen Daten in diese Zielgruppe passt. Facebook hat seine Nutzer im Juni darauf hingewiesen, wie sie sehen und beeinflussen können, was für werberelevante Daten es über sie gespeichert hat und wie sie das Tracking einschränken können.

Ello: ein werbefreies Netzwerk

Der Start von Atlas zeigt, womit Nutzer werbefinanzierter Netzwerke rechnen müssen. Wer dagegen ein soziales Netzwerk sucht, das gar keine Anzeigen einblendet und kein Geld mit Profildaten verdient, hat mit Ello möglicherweise eine neue Alternative(öffnet im neuen Fenster) . Einige Journalisten, insbesondere in den USA(öffnet im neuen Fenster) , sind begeistert.

Ello ist nicht das erste Netzwerk, das anders und besser als Facebook, Twitter und Google plus sein will. Bislang hat das nie so recht geklappt, aller Anfangseuphorie zum Trotz. App.net ist so ein Fall(öffnet im neuen Fenster) , und auch das dezentrale Netzwerk Diaspora, dessen Macher sich zurückgezogen und die Weiterentwicklung der Community überlassen haben(öffnet im neuen Fenster) . Auch Ello sieht noch nicht so aus, als könnte es das nächste große Ding werden.

Der größte Vorteil des Netzwerks: Ello ist werbefrei. Es gibt keine Anzeigen, dafür aber viel Weißraum und viel Platz, um zum Beispiel großformatige Fotos zu posten. Ello wirkt geradezu minimalistisch, aber dafür nicht gerade lebendig - was aber auch daran liegt, dass Ello bislang nur spärlich bevölkert ist.

"Ello ist noch in der Betaphase" , schreibt Paul Budnitz, einer der sieben Gründer, in einer E-Mail an Zeit Online. "Wir haben es ursprünglich als privates Netzwerk gebaut und zunächst nur rund 100 Künstler und Designer aus unserem Bekanntenkreis eingeladen. Aber weil so viele Menschen Mitglied werden wollten, haben wir uns entschlossen, es langsam öffentlich zu machen." Wer jetzt Mitglied werden will, braucht eine Einladung von einem anderen Nutzer oder vom Ello-Team selbst.

Das schlichte Design ist Budnitz wichtig: "Die anderen Netzwerke sind vollgestopft, hässlich und überall stehen Anzeigen. In Facebook haben wir zudem festgestellt, dass unsere Freunde mitunter nicht sehen konnten, was wir gepostet haben, weil Facebook Anzeigen und bezahlte Posts bevorzugt." In Ello bekommt man deshalb nur die Einträge jener zu sehen, denen man explizit folgt. Sie lassen sich auf zwei Listen verteilen: Friends heißt die Liste für alle engen Kontakte, Noise heißt die Liste für alle, deren Einträge man ab und zu mal sehen will.

Neue Funktionen sollen in den kommenden Wochen kommen

Es gibt in Ello keine Zeichenbegrenzung für einzelne Einträge und keine Klarnamenpflicht(öffnet im neuen Fenster) . Pornografische Inhalte sind erlaubt, sofern sie als NSFW gekennzeichnet sind (Not Safe For Work - nicht arbeitsplatz-tauglich).

Einige wichtige Funktionen fehlen noch: Videos und Soundfiles lassen sich noch nicht einbinden, andere Nutzer lassen sich noch nicht blocken und einen privaten Nachrichtenkanal wie die direct messages von Twitter gibt es bisher ebenso wenig wie eine Ello-App für mobile Geräte.

All das und mehr soll in den kommenden Wochen eingeführt werden. Die Weiterentwicklung und der Serverbetrieb kosten Geld. Die Ello-Macher wollen es mit kostenpflichtigen Zusatzfunktionen verdienen. Budnitz schreibt: "Ello kann man komplett kostenlos nutzen. Aber von Zeit zu Zeit werden wir spezielle Funktionen anbieten, für die einige unserer Nutzer bereit sein werden, etwas Geld zu bezahlen. Zum Beispiel könnten wir 99 Cent dafür verlangen, dass man mehrere Ello-Profile über einen einzigen Log-in verwalten kann."

Für Ello spricht eher das Design als die Privacy Policy

Ello hat noch eine weitere finanzielle Basis. Eine Risikokapitalgesellschaft hat 435.000 US-Dollar in das Start-up investiert, was den Machern harsche Kritik eingebracht hat: "Wenn du Risikokapital nimmst, hast du deine Nutzer schon verkauft" , schreibt der Designer Aral Balkan(öffnet im neuen Fenster) , der die Ello-Macher anfangs beraten und unterstützt hat. "Man nennt es Exit-Plan. Ohne den bekommt man kein Risikokapital." Früher oder später würde der Kapitalgeber den Verkauf des Netzwerks fordern, um sein Geld (mit Gewinn) zurückzubekommen, sagt Balkan.

Budnitz schreibt dazu in bestem PR-Sprech: "Wir haben kleine Investoren, die uns helfen, den Start zu finanzieren. Alles sehr gute Leute, die an unsere Vision glauben und wissen, dass es Zeit ist für eine positive Alternative zu den anderen sozialen Netzwerken."

Weitere Wege, um mit Ello Geld zu verdienen, stehen in den Datenschutzbestimmungen(öffnet im neuen Fenster) . Zwar heißt es dort, man verkaufe keine Nutzerdaten an Werbetreibende, Suchmaschinen oder sonst jemanden. Und das soll ausdrücklich so bleiben. Aber dort steht ebenfalls, dass Ello derzeit keine Geschäftspartner hat wie zum Beispiel Firmen, die Kreditkartentransaktionen verarbeiten. Sollte es aber irgendwann möglich sein, innerhalb von Ello etwas per Kreditkarte zu kaufen, dann dürfte Ello erstens daran mitverdienen. Zweitens behält sich Ello vor, die für die Transaktion nötigen Nutzerdaten mit dem Partnerunternehmen zu teilen, wie es in der Privacy Policy heißt.

Für Ello spricht also weniger die Datenschutzpolitik, als das anzeigenfreie Design. Im Moment reicht das aus, um die Mitgliederzahl alle vier Tage zu verdoppeln, schreibt Budnitz. Wie hoch die absolute Zahl ist, will er auch auf Nachfrage nicht sagen.


Relevante Themen