Elektronische Stromzähler: Landis+Gyr hält Messverfahren für "absolut zuverlässig"
In der Debatte um die Zuverlässigkeit elektronischer Stromzähler weisen Zählerhersteller die Vorwürfe von Wissenschaftlern zurück. Alle gängigen Messverfahren hätten sich in der Praxis bewährt und seien "absolut zuverlässig", sagte der Schweizer Hersteller Landis+Gyr auf Anfrage von Golem.de. Das gelte auch für Verfahren, die auf sogenannten Rogowskispulen und Hallsensoren basierten. Das Unternehmen warf Forschern der niederländischen Universität Twente vor, nicht-realistische Belastungssituationen getestet zu haben.
Einer Studie der Universität Twente (PDF(öffnet im neuen Fenster)) zufolge können moderne Stromzähler dafür sorgen, dass der Verbrauch bei stark gedimmten Lasten (135 Grad Phasenanschnitt(öffnet im neuen Fenster)) bis zu 582 Prozent höher angegeben wird, als es tatsächlich der Fall ist. Das hängt nach Angaben der Forscher stark vom Messsystem des Stromzählers ab. Besonders starke Ausschläge nach oben gab es demnach bei Geräten, die Rogowskispulen(öffnet im neuen Fenster) verwenden. Niedrigere Werte zeigten hingegen Stromzähler an, die auf Hallsensoren(öffnet im neuen Fenster) basieren. Kaum Unterschiede gab es hingegen bei Zählern auf der Basis niedrigohmiger Messwiderstände (Shunts(öffnet im neuen Fenster)) sowie Stromwandlern(öffnet im neuen Fenster). Unter den getesteten Stromzählern waren niederländischen Verbraucherschützern zufolge(öffnet im neuen Fenster) jeweils vier Modelle von Landis+Gyr und Iskra sowie jeweils ein Gerät von Echelon und Enermet.
EU-Normen angeblich stark überschritten
Nach Angaben von Landis+Gyr haben die Tests der Universität Twente die EU-Normen um das Zehnfache überschritten. "Es kommen dadurch elektromagnetische Störungen zustande, die in einer realen Situation in einem Haushalt nicht annähernd vorkommen würden", hieß es. So seien 30 nicht dimmbare Lampen an einen einzigen Dimmer angeschlossen worden. Landis+Gyr verwendet nach eigenen Angaben bei den in Deutschland verkauften Stromzählern Hallsensoren.
Weitere Zählerhersteller wie Dr. Neuhaus haben auf Anfrage von Golem.de nicht reagiert und keine Angaben zum Messverfahren gemacht. Das Unternehmen Easymeter verwendet nach eigenen Angaben(öffnet im neuen Fenster) hingegen Shunt-Widerstände, um Einflüsse auf das Messergebnis durch externe Magnetfelder und Oberschwingungen zu vermeiden.
Welche Folgen die Studie haben wird, ist derzeit unklar. Die Bundesnetzagentur sagte dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel(öffnet im neuen Fenster), man werde sich die Ergebnisse ansehen und gegebenenfalls reagieren. Die Tatsache, dass bestimmte EU-Testnormen überschritten wurden, bedeutet schließlich nicht, dass bei Stromkunden solche Belastungsszenarien nicht auftreten können. Um möglichen Ärger mit Kunden oder zu niedrig gemessene Werte zu vermeiden, könnten Messstellenbetreiber künftig vermehrt auf Zähler mit Shunts und Stromwandlern setzen. Das dürfte allerdings auch davon abhängen, ob Kunden Fehlmessungen der Zähler überhaupt auffallen und reklamieren.
Nachtrag vom 13. März 2017, 22:37 Uhr
Die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) kündigte am Montag an(öffnet im neuen Fenster), sich die Ergebnisse der Studie genauer anschauen zu wollen. "Sobald seitens der Universität Twente weitere Einzelheiten über die Validität der dort eingesetzten Messverfahren veröffentlicht worden sind und die Relevanz der für die Untersuchungen erzeugten Kurvenformen für den Alltagsbetrieb geklärt sind, lässt sich entscheiden, ob die Anforderungen weiter verschärft werden müssen, um Fehlmessungen mit elektronischen Zählern mit ausreichender Wahrscheinlichkeit ausschließen zu können", hieß es.
Die im vergangenen Jahr von der großen Koalition beschlossene Ausstattung aller deutschen Haushalte mit elektronischen Stromzählern sei jedoch nicht gefährdet. Bislang sollen bereits sechs Millionen elektronischer Zähler in Deutschland verbaut worden sein.
Probleme seit 2007 bekannt
Nach Angaben der PTB sind in Deutschland bereits im Jahr 2007 Zähler mit messtechnischen Problemen aufgefallen. Anschließend hätten "die für die Zulassung der Zähler zuständigen Konformitätsbewertungsstellen, die bei der EU-Kommission zuständigen Gremien und die Marktüberwachungsorganisationen Maßnahmen ergriffen, um falsche Messungen mit elektronischen Zählern mit ausreichender Wahrscheinlichkeit auszuschließen". Der entsprechende und derzeit noch gültige Anforderungskatalog der europäischen Normierungsorganisation Cenelec wurde demnach unter der Bezeichnung TR CLC TR 50579(öffnet im neuen Fenster) veröffentlicht.
Alles spreche dafür, dass bei den in Deutschland eingesetzten und für den Einsatz vorgesehenen Zählern, "über einen Abrechnungszeitraum betrachtet, die gesetzlich vorgegebenen Verkehrsfehlergrenzen nicht überschritten werden", teilte die PTB mit.
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