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Elektromobilität: Warum sich Audi in der Formel E engagiert

Von der Stecke auf die Straße auf die Strecke: Autohersteller wie Audi , BMW , Jaguar und Renault drängen in die Formel E und hoffen, auch bei ihren Serienautos davon zu profitieren. In zweifacher Hinsicht.
Aktualisiert am , veröffentlicht am / Werner Pluta
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Elektrorennwagen (2017 in Berlin): Die Formel E emotionalisiert Elektromobilität. (Bild: Werner Pluta/Golem.de)
Elektrorennwagen (2017 in Berlin): Die Formel E emotionalisiert Elektromobilität. Bild: Werner Pluta/Golem.de

Aus dem Sport in die Serie: Scheibenbremsen oder Turbolader, Beschichtung für Zylinderlaufflächen oder Motorelektronik – viele Techniken, die heute in Serienfahrzeugen gang und gäbe sind, stammen aus dem Rennsport. Seit einiger Zeit hat sich dieser Technologietransfer abgeschwächt. Zu sehr hatte sich vor allem die Formel 1, die als Königsklasse des Motorsports gilt, von der Serie entfernt.

Doch seit ein paar Jahren geht es wieder um den zentralen Bestandteil des Sports: den Antrieb. In diversen Serien wird nicht mehr mit konventionellen Verbrennungsmotoren gefahren: Die Formel 1 nutzt seit 2014 Hybridmotoren . Auch eine Klasse der Le-Mans-Prototypen fährt mit Hybridmotor (LMP-H1) – zuvor hatte Audi in dieser Serie bereits die Renntauglichkeit von Dieselmotoren unter Beweis gestellt.

Das Interesse an der Formel E ist groß

Die Rennserie für die Fans der alternativen Antriebe hingegen ist die Formel E(öffnet im neuen Fenster) , in der elektrisch angetriebene Rennwagen gegeneinander antreten. Anfangs wurde sie von vielen belächelt. Doch inzwischen ist die dritte Saison zur Hälfte vorbei und die Tribünen sind immer noch gut gefüllt. "Das Interesse ist sehr groß. Deswegen glaube ich, dass die Serie viel Potenzial hat" , sagt Tristan Summerscale, seit Anfang des Jahres Projektleiter für die Formel E bei Audi Sport, im Gespräch mit Golem.de.

Zweiter E-Prix in Berlin 2016 – Bericht
Zweiter E-Prix in Berlin 2016 – Bericht (02:55)

Deshalb drängen auch immer mehr Hersteller in die Elektrorennserie. In erster Linie sind es die Elektroautohersteller. Das chinesische Unternehmen Next EV beispielsweise, das den elektrischen Supersportwagen Nio EP9 entwickelt hat und dessen Fahrer Nelson Piquet jr. der erste Formel-E-Meister wurde , oder der selbsternannte Tesla-Konkurrent Faraday Future , der mit dem US-Team Dragon kooperiert .

Renault ist sehr erfolgreich

Aber auch die traditionellen Autohersteller wollen Rennen mit Elektroboliden fahren. Der indische Automobilhersteller Mahindra und Renault sind von Beginn an dabei, die Franzosen sogar sehr erfolgreich: Sie gewannen in den beiden ersten Saisons jeweils den Markentitel, in der zweiten mit Sébastien Buemi auch den Fahrertitel, und Renault wird den Doppelgewinn wohl auch in der laufenden Saison wiederholen. Der französische Hersteller PSA (Citroën und Peugeot) ist mit seiner Marke DS seit Saison zwei am Virgin-Team beteiligt. Jaguar ist zur aktuellen Saison mit einem eigenen Team in die Formel E eingestiegen.

Audi ist von der ersten Saison an am Abt-Team beteiligt und wird ab der kommenden Saison 2017/18 mit einem Werksteam antreten . Dafür hat das Unternehmen sogar das Engagement mit dem LMP1-H in der Langstreckenweltmeisterschaft(öffnet im neuen Fenster) (World Endurance Championship, WEC) aufgegeben.

BMW plant Elektro-Werksteam

BMW stellt seit Anfang der Serie das Safety- und das Medical-Car. Seit der aktuellen Saison kooperiert das Unternehmen mit dem US-Team Amlin Andretti, wird aber möglicherweise ein Werksteam gründen . Die Entscheidung "wird im Laufe dieses Jahres fallen" , sagt BMW-Motorsport-Direktor Jens Marquardt Golem.de. Mercedes habe derzeit keine konkreten Pläne für einen Einstieg in die Formel E, sagte ein Sprecher auf Anfrage von Golem.de. Der Konzern hat aber eine Option für einen Formel-E-Einstieg in der Saison 2018/19.

Was aber wollen die Hersteller von Verbrennungsmotoren in einer Elektroserie?

Von der Strecke auf die Straße auf die Strecke

Normalerweise gibt es für einen Autohersteller zwei Hauptgründe, im Motorsport anzutreten, einer davon ist Techniktransfer. "Es ist bei allen Motorsport-Engagements schon immer ein Ziel von BMW gewesen, auf der Rennstrecke zukunftsweisende Technologien unter Wettbewerbsbedingungen zu testen, die später auch in der Serienproduktion verwendet werden können" , sagt Marquardt.

Erster E-Prix in Berlin 2015 – Bericht
Erster E-Prix in Berlin 2015 – Bericht (04:59)

Zwar betonte sein Vorgänger Mario Theissen(öffnet im neuen Fenster) , es seien "Synergieeffekte zwischen Formel 1 und Serienentwicklung" gewesen, die für die Bayern "die Grundvoraussetzung für den Wiedereinstieg in die Formel 1" waren – BMW baute von 2000 bis 2005 Motoren für das Williams-Team und trat von 2006 bis 2009 als BMW Sauber mit einem eigenen Team an. Doch war der Technologietransfer begrenzt. Immerhin wurden Motorelektronik oder Gusstechniken für Motorblöcke übernommen.

Die Scheibenbremse stammt aus dem Motorsport

Das ist im Elektromotorsport anders: Jaguar sei "im Motorsport unter dem Motto 'Race to innovate', das heißt wir sind im Motorsport um weiter zu forschen und zu entwickeln" , sagt Jaguar-Sprecherin Andrea Leitner-Garnell Golem.de. "Das war früher auch schon so." Die Briten entwickelten in den 1960ern für ihre Rennwagen die Scheibenbremse, mit der heute jedes Auto bremst.

"Viele Ingenieure der Serienentwicklung sind in dem Rennteam integriert, um die Erkenntnisse in der Serie umsetzen zu können" , erzählt sie. Besonders wichtig für die Entwicklung der Serienfahrzeuge seien "die Erkenntnisse des Wärmemanagements und der Leistungsentfaltung der Batterie."

Der erste Elektro-Jaguar kommt 2018

Vorteil der Elektromobilität: "Der Wissenstransfer ist in der Formel E sehr schnell, weil die Technik sehr viel serienrelevanter ist als zum Beispiel die Formel-1-Technik" , sagt Leitner-Garnell. Wie schnell der Wissenstransfer geht, zeigt der Jaguar I-Pace(öffnet im neuen Fenster) : Jaguar hat sein erstes Elektroauto Ende vergangenen Jahres vorgestellt . Im kommenden Jahr soll es in Serie gehen.

Elektroauto Jaguar I-Pace – Jaguar Land Rover
Elektroauto Jaguar I-Pace – Jaguar Land Rover (02:03)

Auch BMW hofft auf wechselseitigen Technologietransfer: Schon jetzt, durch die Partnerschaft mit Andretti, finde "ein intensiver Austausch zwischen Rennsport und Serienentwicklung von BMW i statt" , sagt Marquardt. "Für uns geht es darum, dass sowohl der Rennsport als auch die Serienentwicklung, in dem Falle BMW i, profitieren." .

Elektrobolide profitiert von Hybridprototyp

Bei Audi sei es noch zu früh, um zu sagen, welchen Austausch es mit der Serie geben werde, sagt Summerscale. Erst einmal profitiere das Formel-E-Projekt vom aufgegebenen LMP1-H-Fahrzeug. Sie könnten viel Know-How des Hybrid-Prototypen in die Formel E mitnehmen. Ein Beispiel sei der Gleichspannungswandler oder DC-DC Converter, der gerade für Saison fünf entwickel wird. "Da haben wir viele Erfahrungen bei LMP gesammelt."

Ansonsten können die Serienentwickler auch bei Audi in erster Linie Erfahrungen beim Antriebsstrang der Rennwagen nutzen. "Auf der Seite der Effizienz können wir etwas von der Formel E lernen, Wirkungsgradverbesserung im Antriebsstrang, solche Sachen" , sagt Summerscale.

Der Akku ist ein Einheitsteil

Leistungsentfaltung, Stromwandlung, Akkukühlung – bei all dem mag der Technologietransfer relevant sein. Das Wichtigste für die Elektroautos aus der Serie aber ist die Reichweite, also der Akku. Doch ausgerechnet den dürfen die Teams nicht selbst entwickeln.

Aktuell liefert Williams Advanced Engineering den Akku, der eine Speicherkapazität von 28 Kilowattstunden hat. Das reicht nicht für eine Renndistanz, weshalb die Fahrer – eine Kuriosität der Serie – zur Rennmitte das Fahrzeug wechseln. Das soll sich in der übernächsten Saison ändern: Dann wird McLaren Applied Technologies einen Akku mit 54 Kilowattstunden zur Verfügung stellen, der genug Strom für ein ganzes Rennen speichert.

Die FIA will die Kosten niedrig halten

Die Fédération Internationale de l'Automobile (FIA) besteht auf einem Einheitsteil – aus Kostengründen. Der Weltauto- und Motorsportverband befürchtet, dass die Kosten stark steigen könnten, wenn die Hersteller den Energiespeicher selbst entwickeln. Dadurch jedoch könnte die Formel E für kleinere Teams unattraktiv werden.

Daran wird sich auch in den kommenden Jahren wenig ändern: Das technische Reglement für die nächsten vier Rennsaisons, also bis einschließlich 2020/21, ist beschlossen. Aber für die achte Saison 2021/22 verhandeln die Teams noch mit der FIA über Änderungen. Thema dürfte auch eine Freigabe der Akku-Entwicklung sein, auch wenn die FIA sich dagegen noch sträubt.

Es gibt aber nicht nur technische Gründe für die Hersteller, in der Formel E anzutreten.

Es geht auch ums Image

Es geht um den Spaß am Rennsport und natürlich um Prestige. Erfolg im Motorsport bedeutet einen Imagegewinn für den Hersteller. "Sportwagen sind die Seele von Jaguar" , sagt Leitner-Garnell, und der Hersteller blicke auf eine lange Rennsporttradition zurück. "Mit der Rückkehr in den Motorsport und in die innovative Formel möchten wir unsere Historie in die Zukunft führen."

Vorteil der elektrischen Serie, die nicht auf Rennstrecken, sondern mitten in den Metropolen fährt, ist, dass die Hersteller ein anderes Publikum ansprechen – eines, das "wir mit anderen Motorsport-Engagements nicht erreichen können" , sagt Marquardt. Die Formel E "emotionalisiert das Thema Elektromobilität."

Die Fans haben Einfluss

Hinzu kommt die Integration der sozialen Medien. So können die Fans per Abstimmung über das Internet pro Rennen drei Fahrer auswählen, die den Fan Boost bekommen. Das ist Extraenergie, die die Fahrer während des Rennens einsetzen können, etwa um eine Konkurrenten zu überholen, um einen Überholversuch abzuwehren oder um die schnellste Runde zu fahren, für die es in der Formel E einen Punkt gibt.

Dabei zu sein, bedeutet für die Hersteller, sich neu zu positionieren: "Die Formel E ist eine der neuesten Serien. Sie trifft genau die neuen Wege, die wir auch in der Serie mit Elektrofahrzeugen gehen " , sagt Summerscale. "Das passt sehr gut zur Audi-Strategie mit Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Urbanisierung, die wir umsetzen wollen."

Und lässt vielleicht das Debakel mit dem manipulierten Abgaswerten vergessen.

Nachtrag vom 12. Juni 2017, 11:50 Uhr:

Wir haben den Text um ein Galerie vom Renntag am 10. Juni 2017 auf dem Temepelhofer Flughafen in Berlin ergänzt. Sie ist am Anfang des Textes zu sehen.


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