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Elektromobilität: Warum Autotransporte auf dem Wasser gefährlicher werden

Noch ist unklar, was den Brand auf dem Frachter in der Nordsee verursacht hat. Doch Versicherungen warnen schon länger vor den Gefahren brennender Akkus .
/ Friedhelm Greis
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Der Brand der Fremantle Highway hat die Debatte über die Brandgefahr durch Akkus neu entfacht. (Bild: Niederländische Küstenwache/Reuters)
Der Brand der Fremantle Highway hat die Debatte über die Brandgefahr durch Akkus neu entfacht. Bild: Niederländische Küstenwache/Reuters

Es ist ein Dauerthema in der Debatte um die Elektromobilität: Stellen Elektroautos ein höheres Brandrisiko dar und falls ja, wie kann man bei der Nutzung oder dem Transport damit umgehen? Auch wenn noch gar nicht feststeht, ob der Brand des Autofrachters Fremantle Highway auf der Nordsee durch ein Elektroauto ausgelöst wurde, sehen Versicherungen generell ein höheres Brandrisiko durch den Transport von Lithium-Ionen-Akkus. Das liegt aber nicht unbedingt daran, dass Elektroautos häufiger brennen.

In den Fokus der Öffentlichkeit geriet das Thema schon Anfang 2023. Damals entschied die norwegische Reederei Havila, auf ihren Fähren keine Autos mit elektrifizierten Antrieben mehr zu transportieren . Die Entscheidung fiel auf Basis einer Risikoanalyse von Proactima. Das norwegische Beratungsunternehmen kam darin zu dem Schluss, dass der Brand eines Elektroautos einen großen Rettungseinsatz erfordern würde.

GDV: Elektroautos brennen anders

Kritik an der Entscheidung der Reederei kam damals auch vom Gesamtverband der Versicherer (GDV). "Elektroautos brennen nicht öfter als Verbrenner, aber sie brennen anders" , sagte GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen(öffnet im neuen Fenster) und fügte hinzu: "Anstatt Fahrer von E-Autos für ihr Investment in Nachhaltigkeit zu bestrafen, sollten sich die Reeder lieber jetzt schon auf eine Zeit mit wesentlich mehr E-Autos einstellen."

Der GDV erläuterte dazu: "Unter Deck werden bislang Brände auf Autotransportern ebenso wie auf Containerschiffen mit CO 2 gelöscht. Die Idee dahinter: Das Kohlenstoffdioxid verdrängt den Sauerstoff so weit, dass das Feuer ohne Sauerstoff erstickt." Bei einem Brand eines Lithium-Ionen-Akkus setze die chemische Reaktion neben Wasserstoff und giftigen Gasen aber auch selbst Sauerstoff frei. "Das CO 2 ist bei einem solchen Brand also vollkommen wirkungslos" , sagte Asmussen.

Keine wirksamen Löschmittel an Bord

Nach Ansicht von Kapitän Uwe-Peter Schieder(öffnet im neuen Fenster) , Sicherheitsexperte für die Seeschifffahrt im GDV, stellen Elektroautos an Bord durchaus eine reale Gefahr dar. Allerdings schränkte er ein: "Ja, aber auch keine größere als viele andere transportierte Güter. Lithium-Ionen-Akkus finden sich zudem in vielen Geräten, zum Beispiel in Smartphones, Laptops, Pedelecs oder Werkzeugen. Sie werden heute wohl kaum noch ein Containerschiff finden, das auf seiner Reise keine Lithium-Ionen-Akkus geladen hat."

Das Problem sei, dass die Schiffe keine wirksamen Mittel gegen solche Brände hätten. "Und das kann tatsächlich zur Katastrophe führen" , sagte Schieder.

Doch wie könnten solche wirksamen Mittel aussehen?

Hochdruck-Wassernebel statt Löschwasser

Schieder empfiehlt: "Wirklich löschen lassen sich solche Brände nicht, man kann sie eigentlich nur kontrolliert abbrennen lassen. Dabei muss die Umgebung so mit Wasser gekühlt werden, dass der Brand nicht auf andere Fahrzeuge oder andere Container übergreifen kann. Dafür könnte man zum Beispiel Systeme installieren, die einen Hochdruck-Wassernebel versprühen. Das kühlt enorm und braucht wenig Wasser."

Mit zu großen Wassermengen, die auf den großen offenen Autodecks hin und her schwappen können, werde das Schiff hingegen instabil. Geringere Wassermengen ließen sich besser beherrschen beziehungsweise ableiten und gefährdeten die Stabilität des Schiffes nicht.

Auch Verbrennerautos brennen häufig

Allerdings sind die Forderungen der Versicherer nach einem besseren Brandschutz an Bord nicht neu. Schon 2017, als noch kaum Elektroautos transportiert wurden, warnte der GDV vor einer hohen Brandgefahr auf Autofähren(öffnet im neuen Fenster) . "Nach einer Statistik der Nordic Association of Marine Insurers (Cefor) bricht jährlich auf 1,5 Prozent der Autofähren Feuer aus - also auf jedem 65. Schiff. Bei Schüttgutfrachtern, Containerschiffen oder Tankern ist die Quote mit 0,3 bis 0,5 Prozent deutlich niedriger; reine Passagierschiffe liegen bei knapp einem Prozent" , hieß es damals.

Darüber hinaus verwies der GDV auf eine Analyse der International Maritime Organisation (IMO) der Vereinten Nationen. Diese sei zu dem Ergebnis gekommen, dass die eigentliche Gefahrenquelle auf Autofähren die Fahrzeuge seien. "Fast 80 Prozent der untersuchten Brände auf Autofähren zwischen 1994 und 2011 gingen von einem Fahrzeug an Deck aus. Allein in Brand geratene Aggregate von Kühltrailern waren für mehr als 25 Prozent der Vorfälle verantwortlich" , schrieb der Verband.

Brandrisiko durch Akkus gestiegen

Laut der aktuellen Schifffahrtsstudie des Industrieversicherers AGCS(öffnet im neuen Fenster) ist die Zahl der Totalverluste bei großen Schiffen im vergangenen Jahr auf einen "historischen Tiefstand" gesunken. Brände hätten dabei aber zum Verlust von 8 der 38 Schiffe und zu mehr als 200 Unfällen geführt. Ursache für das steigende Brandrisiko sei der Transport von Elektrofahrzeugen und sonstiger batteriebetriebener Güter. Größere Schiffe und falsch deklarierte Fracht verschärften das Problem zusätzlich.

Weiter schreibt die AGCS: "Hauptursachen für Brände durch Lithium-Ionen-Akkus sind zum einen Produktionsdefekte, zum anderen beschädigte Batteriezellen oder Geräte, eine Überladung oder Kurzschlüsse. Es drohen Brände, die sich selbst weiter anfachen und sogar Explosionen verursachen können." Brände in Elektroautos mit Lithium-Ionen-Batterien könnten "heftiger brennen, sind schwer zu löschen und können sich spontan wieder entzünden" , heißt es in dem vollständigen Bericht (PDF)(öffnet im neuen Fenster) .

Was sollten die Reeder nach Ansicht der AGCS daher tun?

Vorbeugende Maßnahmen empfohlen

"Die meisten Schiffe verfügen weder über ausreichenden Schutz noch über ausreichende Frühwarn- oder Löschfähigkeiten, um solche Brände auf hoher See zu bekämpfen" , sagte Justus Heinrich, Leiter der Schifffahrtsversicherung der AGCS in Zentral- und Osteuropa, und fügte hinzu: "Die Branche sollte sich auf vorbeugende Maßnahmen und Notfallpläne konzentrieren, um dieser Gefahr zu begegnen. Dazu gehört zum Beispiel ein adäquates Training der Crews, der Zugriff auf passendes Feuerlösch-Equipment oder auch die Verbesserung von Frühwarnsystemen. Vorteilhaft wären Spezialschiffe für den Transport solcher Güter."

Generell räumt die AGCS in dem Bericht aber ein: "Die Brandgefahr bei Lithium-Ionen-Akkus wird sich im Laufe der Zeit wahrscheinlich verringern, wenn Hersteller, Spediteure und Aufsichtsbehörden die aktuellen Probleme angehen."

Andere Akkutypen brennen nicht so leicht

Was das Brandrisiko ebenfalls reduzieren würde, ist die Nutzung einer anderen Zellchemie. So ist das Risiko eines thermischen Durchgehens bei Lithium-Eisenphosphat-Akkus (LFP) deutlich geringer. Das trifft auch auf Natrium-Ionen-Akkus zu, die schon in ersten Elektroautos eingebaut werden . LFP-Akkus dürften zudem schon für elektrisch angetriebene Schiffe eine gute Wahl sein.

Insgesamt zeigt die Debatte wieder einmal: Löst ein Verbrennerfahrzeug einen Brand auf einem Frachter oder einer Fähre aus, ist das in den Medien kaum eine Erwähnung wert, bei Elektroautos hingegen schon. Selbst dann, wenn noch gar nicht feststeht, ob tatsächlich ein solches Auto und dessen Akku das Feuer verursacht hat. Davon unbeschadet ist es dennoch im Interesse von Herstellern, Reedern und Umwelt, solche Brände auf Schiffen auch adäquat bekämpfen und verhindern zu können.


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