Elektromobilität: Experten sehen Kaufprämie und soziales Leasing kritisch

Ein Expertengremium hat sich die Koalitionspläne zur E-Mobilität angeschaut. Kaufprämien und soziales Leasing werden eher kritisch gesehen. Beim Hochlauf der Elektromobilität in Deutschland will ein Beratergremium der Regierung vor allem finanzielle Aspekte angeben. Zu den wichtigsten Hebeln zählten dabei niedrigere Gesamtkosten, Anschaffungspreise und Betriebskosten, heißt es in dem 48-seitigen Abschlussbericht(öffnet im neuen Fenster) (PDF) des Expertenforums für klimafreundliche Mobilität und Infrastruktur (EKMI). Zudem sollte die Ladeinfrastruktur besser ausgebaut werden.
Der neue Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) hatte das Expertenforum erst im Juni 2025 ins Leben gerufen. Ihm gehören Vertreter von 27 Organisationen an, darunter der ADAC, der Verband der Automobilindustrie (VDA) und der Thinktank Agora Energiewende. Das Gremium untersuchte dabei vor allem die im Koalitionsvertrag vorgeschlagenen acht konkreten Maßnahmen .
Kaufanreize verzerren den Markt
Dabei werden Kaufanreize wie der frühere Umweltbonus "aufgrund ihrer marktverzerrenden Effekte mehrheitlich als schwierig betrachtet" . Andererseits könnten solche Anreize die Nachfrage "auch nach kleinen und mittleren Pkw steigern" . Konkret sollte der finanzielle Bonus direkt beim Kauf und nicht erst bei der Zulassung gewährt werden. Letzteres hatte beim früheren Umweltbonus zu viel Verunsicherung bei den Käufern geführt.
Eine Mindesthaltedauer von zwei Jahren könne Weiterverkäufe ins Ausland vermeiden. Zuletzt mussten geförderte Käufer in Deutschland zwölf Monate mit dem Weiterverkauf warten .
Preisdeckel mit Vor- und Nachteilen
Das Gremium weist darauf hin, dass die Politik bei der Ausgestaltung von Kaufanreizen in einem Dilemma steckt: "Eine Förderung ohne Preisdeckelung könnte die Nachfrage nach höherwertigen, in Deutschland gefertigten Fahrzeugen stärken. Je nach Ausgestaltung könnten ausländische Hersteller begünstigt werden." Vor allem im Einstiegssegment bis 30.000 Euro(öffnet im neuen Fenster) gibt es aktuell nur die Opel-Modelle Frontera und Corsa von einem deutschen Hersteller, wenn auch nicht aus deutscher Produktion.
Das vor allem von der SPD bevorzugte soziale Leasing von E-Autos löste im Gremium keine Begeisterungsstürme aus. Dieses Konzept "sollte hinsichtlich des Aufwand-zu-Nutzen-Verhältnisses geprüft und auch anderen Maßnahmen mit breiterer Erreichbarkeit einer großen Zahl von Menschen gegenübergestellt werden" .
Prinzipiell positiv sieht das Gremium die steuerliche Begünstigung vollelektrischer Dienstwagen.
Befreiung von Kfz-Steuer wirkt eher psychologisch
Das sei eine "wirksame Maßnahme sowohl für den gewerblichen Umstieg auf Elektrofahrzeuge als auch zur Stärkung des Gebrauchtwagenmarktes für E-Pkw" . Dringend zu klären sei dabei die Partizipation von Leasing-Fahrzeugen in gewerblicher Nutzung. Unklar sei hingegen, inwieweit von der Erhöhung der Bruttopreisgrenze auf 100.000 Euro relevante ökologische Effekte erwartet werden könnten.
Der geplanten Verlängerung der Kfz-Steuerbefreiung misst das Gremium aufgrund der geringen Höhe eher einen psychologischen Effekt zu. Es sollte jedoch geprüft werden, ob die Befreiung durch eine verbrauchsabhängige Kfz-Steuer ersetzt werde, um einen Anreiz für effizientere Fahrzeuge zu schaffen.
Die Förderung von Plug-in-Hybriden und E-Autos mit Range Extendern sieht das Gremium als "Einstiegstechnologie" durchaus positiv, wenn auch nicht unbedingt für Deutschland, sondern eher in Regionen im EU-Ausland mit unzureichender Ladeinfrastruktur. Für eine Förderung sollten technische Mindestanforderungen definiert werden, beispielsweise zu elektrischer Reichweite, Benzinverbrauch und Ladeleistung.
Förderprogramm für Ladepunkte in Mehrfamilienhäusern
Das Gremium befürwortet ein Förderprogramm zur Errichtung von Lademöglichkeiten in Mehrparteienhäusern, obwohl dies im Koalitionsvertrag nicht ausdrücklich vorgesehen ist. Die Förderung sollte "Zielgruppen differenziert adressieren und möglichst unbürokratisch sein" . So könnten Wohnungseigentümergemeinschaften "in einem vereinfachten Ansatz über prozentuale Investitionskostenzuschüsse unterstützt werden" .
Die Reduzierung von Stromkosten und Netzentgelten könne die Betriebskosten verringern und die Wirtschaftlichkeit von Gebrauchtwagen verbessern. Zudem sollte ein staatliches Ladeguthaben "als hersteller- und modellunabhängige Anreizmaßnahme geprüft werden" . Ein solches Guthaben wirke "einkommensunabhängig und könnte einen Anreiz unabhängig von der Wohnsituation darstellen" .
Standard für bidirektionales Laden gefordert
Mit Blick auf die Nutzung von E-Autos als Energiespeicher für das Stromnetz fordert das Gremium einen standardisierten Austausch von Daten sowie "die Abschaffung von Abgaben, Umlagen und Netzentgelten auf zwischengespeicherten Strom (...), um wirtschaftliche Anreize zu schaffen und Doppelabgaben zu vermeiden" . Zu guter Letzt könnte die Anpassung der THG-Quote die Betriebskosten für E-Fahrzeughalter senken.
Das Verkehrsministerium will nach eigenen Angaben(öffnet im neuen Fenster) die Empfehlungen des EKMI sorgfältig prüfen. Bis Mitte September müsse das Ministerium seinen Beitrag zum Klimaschutzprogramm der Bundesregierung an das federführende Bundesumweltministerium übermitteln. Die Bundesregierung sei verpflichtet, bis spätestens März 2026 ein neues Klimaschutzprogramm vorzulegen.



