Elektroautos: Deutschland rollt ohne Strom

Wie will ein deutscher Autohersteller überzeugend Elektrofahrzeuge massenhaft verkaufen, wenn die Antriebstechnik und die damit ausgerüsteten Modelle auf dem Heimatmarkt verschmäht werden? Darum hat die 2010 von der Bundesregierung aufgesetzte Nationale Plattform Elektromobilität , die in der Industrie, Wissenschaft und mit staatlichen Stellen gemeinsam den Elektroantrieb zum Durchbruch bringen wollte, nicht nur das Ziel ausgegeben, Deutschland müsse Leitanbieter werden – es müsse auch zum Leitmarkt aufsteigen. Dieser Ansatz klingt erst mal überzeugend.
Von beidem ist die Bundesrepublik jedoch weit entfernt. Das meistverkaufte Elektroauto der Welt kommt nicht aus Wolfsburg, München oder Stuttgart, sondern aus Japan – der Nissan Leaf -, und der wichtigste Markt für Elektroautos liegt mittlerweile in China, wie das Center of Automotive Management(öffnet im neuen Fenster) (CAM) in Bergisch Gladbach in einer neuen Studie(öffnet im neuen Fenster) herausgefunden hat. In der Volksrepublik hat sich binnen eines Jahres der Absatz von Elektroautos – reine Batterieautos und Plugin-Hybride – verdreifacht, auf 189.000 im Jahr 2015.
China führt bei den Elektroautos
Dort wirken sich vor allem ordnungspolitische Instrumente aus. Neben Kaufprämien profitierten elektrisch angetriebene Fahrzeuge in Städten wie Schanghai und Peking von bevorzugten Zulassungsbedingungen. Das mache Elektroautos für viele Kunden zu einer interessanten Mobilitätsalternative, schreibt CAM-Direktor Stefan Bratzel in der Analyse. Damit liegt China nun deutlich vor dem bisherigen Leitmarkt USA. Dort wurden 2015 weniger E-Fahrzeuge verkauft als im Vorjahr, vor allem der Absatz von Plugin-Hybridautos ging um fast ein Viertel zurück.
Größter Markt für Elektroautos in Europa ist Großbritannien, vor Frankreich und Norwegen. Die drei Länder zahlen beim Kauf eines Stromers eine Prämie . In Deutschland unterstützt der Staat bisher Elektroauto-Käufer nur mit einer zeitlich befristeten Befreiung von der Kfz-Steuer, und die Dauer war zum 1. Januar 2016 von zehn auf fünf Jahre halbiert worden.
Deutschland wird eigenem Anspruch nicht gerecht
"Deutschland wird bislang dem Anspruch als Leitmarkt und Leitanbieter für Elektromobilität nicht gerecht" , urteilt Bratzel. Zwar stieg der Absatz von Elektroautos 2015 zum Vorjahr um 80 Prozent auf 23.500; davon sind rund 12.300 reine Elektrofahrzeuge . Allerdings sind darin auch taktische Neuzulassungen etwa des koreanischen Autoherstellers Kia enthalten, der einen Großteil der Fahrzeuge hier zuließ und dann nach Norwegen weiterverkaufte. Zum Vergleich: Insgesamt wurden laut den offiziellen Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamtes im vergangenen Jahr insgesamt 3,21 Millionen Autos in Deutschland neu zugelassen.
Insgesamt dominieren Autos mit Benzin- und Dieselmotor weiterhin den deutschen Neuwagenmarkt mit einem Anteil von über 98 Prozent. Elektroautos machen gerade einmal 0,7 Prozent aus, der Rest entfällt etwa auf Pkw, die mit Erdgas fahren. Zugelassen werden E-Autos in Deutschland zudem nur in geringem Maße von Privatpersonen, hauptsächlich von Unternehmen und Behörden.
Chinesen fahren chinesische Elektroautos
In China dominieren laut CAM vor allem heimische Modelle den Elektroautomarkt. Marktführer sind die Hersteller BYD(öffnet im neuen Fenster) und Geely(öffnet im neuen Fenster) , erst auf Rang 15 der Elektroauto-Zulassungsstatistik kommt laut der CAM-Analyse mit Tesla(öffnet im neuen Fenster) ein ausländischer Hersteller – aber eben auch kein deutscher. "China ist damit bereits ein gutes Stück vorangekommen, um neben dem Leitmarkt künftig auch zum globalen Leitanbieter für Elektromobilität zu werden" , sagt Bratzel. In Europa spielen chinesische Autohersteller bisher keine Rolle, bei alternativen Antrieben allerdings auch keine europäischen, sondern Unternehmen aus Japan.
Für Deutschland fordert Bratzel eine größere staatliche Unterstützung beim Aufbau und Betrieb einer ausreichend dichten Schnelllade-Infrastruktur. Dafür gebe es bislang kein tragfähiges Geschäftsmodell. "Das ist eine Aufgabe, die der Staat zusammen mit den Automobilherstellern übernehmen könnte" , sagte er. Außerdem müssten Regierung und Autoindustrie in einer "konzertierten Aktion" mittel- und langfristig die Batteriezellforschung und Zellproduktion in Deutschland aufbauen.
Deutschland könnte abgehängt werden
"Wenn nicht massiv gegengesteuert wird, droht Deutschland bei der Elektromobilität abgehängt zu werden" , warnt Bratzel, Professor für Automobilwirtschaft an der Fachhochschule der Wirtschaft (FHDW) in Bergisch Gladbach. "Dies würde dem Automobilstandort Deutschland schwer schaden."
Direkte Kaufprämien, wie sie das Bundeswirtschaftsministerium kürzlich wieder ins Gespräch gebracht hatte, hält Bratzel nur im Ausnahmefall für sinnvoll, weil sie in der Regel zu Preisverzerrungen führten und unerwünschte Mitnahmeeffekte bewirkten. Stattdessen könnte man Elektroautos fördern, indem man große Autos mit Verbrennungsmotor schlechter stellt, etwa steuerpolitisch oder durch Einfuhrverbote in Umweltzonen.
Bundesregierung erwägt Kaufsubvention
Innerhalb der großen Koalition mehren sich allerdings die Stimmen für eine direkte Kaufsubvention. Auch die SPD-Bundestagsfraktion spricht sich für eine Kaufprämie aus und drängt auf eine baldige Entscheidung. Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) hält eine solche Förderung allerdings für unnötig, auch das Finanzministerium ist dagegen.
Vor fünf Jahren hatte die Bundesregierung das Ziel ausgegeben, dass im Jahr 2020 eine Million Elektroautos auf deutschen Straßen unterwegs sein sollen – die aktuellen Zahlen sprechen kaum dafür, dass diese Zahl ohne weitere Maßnahmen zu erreichen ist.