Elektroauto: Der Markt wartet nicht auf VWs E-Polo - oder?
Wenn man die Medienberichterstattung über Elektroautos verfolgt, liest man nicht nur in Foren öfters ungefähr Folgendes: Die deutsche Automobilindustrie ist am Boden, Europa wird von preiswerten und technisch sehr guten asiatischen, vor allem chinesischen Elektroautos überschwemmt. Das war's, finito. Mercedes-Benz, Audi und vor allem VW sind am Ende.
Entsprechend kommt VWs Elektro-Polo, dessen Eckdaten der Wolfsburger Hersteller jüngst präzisiert hat, sehr spät. Der Markt ist aufgeteilt; es gibt genügend gute Konkurrenten, die einfach schneller als VW waren.
An den Vorwürfen ist also was dran. Zu lange hat die deutsche Automobilindustrie mit dem Umstieg auf Elektromobilität gewartet, ihn dann nur halbherzig umgesetzt (looking at you, E-Golf) und zieht nun den Kürzeren.
Die Zulassungszahlen zu Elektroautos in Deutschland scheinen allerdings das Gegenteil widerzuspiegeln: VW landet im laufenden Jahr 2025 mit den Modellen ID.7, ID.3 und ID.4/ID.5 auf den ersten drei Rängen, gefolgt von drei weiteren Fahrzeugen von Marken der VW-Gruppe. BMW als erstes Nicht-VW-Unternehmen erreicht Platz sieben; vom X1 wurden nur halb so viele Fahrzeuge zugelassen wie von VWs ID.7.
Hyundai Inster mit gutem Jahr
Der erste asiatische Hersteller in der Liste des Kraftfahrt-Bundesamts ist Hyundai: Bis einschließlich November 2025 wurden 9.759 Inster zugelassen – zweifelsfrei ein starkes Ergebnis für den südkoreanischen Hersteller, aber eben auch deutlich weniger als bei VW.
Vor allem VW macht seit Jahren ein gutes Geschäft mit seinen Elektroautos, hat dabei aber in der Tat den Markt der Klein- und Kleinstwagen vernachlässigt. Das zeigt die Statistik deutlich, in der VW nur mit größeren Modellen vertreten ist – auch der ID.3 ist kein Kleinwagen.
In diesem Segment haben sich mittlerweile andere Hersteller breitgemacht – neben Hyundai mit dem Inster sind Citroen mit dem e-C3, BYD mit dem Dolphin Surf und Leapmotor mit dem T03 zu nennen.
Kleinst- und Kleinwagen sind in der Regel die preiswertesten Fahrzeuge am Markt – also tendenziell die Autos, die sich die meisten Menschen leisten können. Fehlt in diesem Bereich ein großer Hersteller wie VW, fällt das natürlich auf.
Die Frage ist: Welche Chancen hat der ID.Polo im Vergleich mit dem bestehenden Angebot am Markt?
Auswahl an kleinen, guten Elektroautos wächst
Ein kurzer Überblick: Leapmotor bietet seinen Kleinstwagen T03 mit guter Ausstattung ab 18.900 Euro an. Hyundai verlangt für seinen ebenfalls sehr gut ausgestatteten und erstaunlich geräumigen Inster ab 23.900 Euro, BYDs Dolphin Surf kostet regulär ab 22.900 Euro. Der chinesische Hersteller bietet aber oft Rabatte an. Der Citroen e-C3 ist ab 19.990 Euro zu haben, dann aber mit winzigem Akku und dem Ausstattungskomfort einer Telefonzelle.
VW hat angekündigt, dass der ID.Polo in der Einstiegsvariante unter 25.000 Euro kosten soll – ein Preis, der sich durchaus im Bereich des bisherigen Marktgeschehens bewegt, wenngleich am oberen Rand der zuvor genannten Einstiegsmodelle. Der ID.Polo wäre dann immer noch günstiger als der Renault 5.
Die Basisversion des ID.Polo wird einen Akku mit 37 kWh haben; das ist nicht viel, bei Kleinwagen aber absolut im Rahmen. Zum Vergleich: Die Einstiegsversion des Inster kommt mit 42 kWh, die des Dolphin Surf mit nur 30 kWh. Beim Renault 5 sind es 40 kWh, beim Leapmotor T03 37,3 kWh. VW bewegt sich hier also im Rahmen des bisherigen Marktes und ist durchaus kompetitiv.
Konkurrenzfähige, gute Leistungsdaten
Das gilt auch für die angekündigte Leistung des ID.Polo: Die Basisversion soll 85 kW (116 PS) haben, die beiden weiteren Varianten 99 kW (135 PS) und 155 kW (211 PS). Außerdem soll es noch eine GTI-Version mit 166 kW (229 PS) geben. Die Reichweite mit dem kleinen Akku soll bei 300 km liegen, die des großen bei 450 km; der kleine Akku lädt mit 90 kW, der große mit 130 kW – auch diese Werte sind konkurrenzfähig und gut.
VW punktet zudem beim Platz: Der ID.Polo soll einen Kofferraum mit 435 Litern Fassungsvermögen haben – das ist mehr als bei der Konkurrenz. Bei umgeklappten Rücksitzen sollen 1.243 Liter in den Polo passen. Gleichzeitig sollen Passagiere 19 mm mehr Platz im Innenraum zur Verfügung haben als bei der Verbrennerversion.
VW hat aus Fehlern der Vergangenheit gelernt und den ID.Polo basierend auf einer Elektroplattform (MEB+) entwickelt – und nicht wie beim E-Golf Akkus in das Verbrennerchassis gestopft. Der E-Golf war schwer und hatte eine miserable Reichweite, was wohl zum ausbleibenden Erfolg beigetragen hat.
Das Timing ist ein Problem, VW hat aber einen Namen
Schaut man sich den aktuellen Markt an, scheint der ID.Polo sowohl technisch als auch preislich ein konkurrenzfähiges Elektroauto zu sein. Fehlt noch der Faktor Timing, und hier sieht es tatsächlich nicht gut für VW aus: Die Konkurrenz bietet bereits seit diesem Jahr Autos an, die gute Alternativen zu VWs E-Polo sind – entsprechend haben sie einen Marktvorteil.
Allerdings muss an dieser Stelle auch bedacht werden, dass VW trotz aller Kritik und trotz aller falschen Entscheidungen der Vergangenheit nicht nur in Deutschland eine große Marke mit entsprechender Reputation ist – und eben hierzulande mit Abstand führend bei den Zulassungen von Elektroautos.
VW daher einfach abzuschreiben, wäre ein Fehler, selbst in einem Segment, in dem der Hersteller aktuell keine Rolle spielt. Ein gut durchdachter ID.Polo mit gutem Platzangebot, sinnvoller Versionsabstufung und hoher Qualität hat absolut eine Chance auf dem Markt – selbst wenn VW spät dran ist und es günstigere Optionen gibt. Am Ende könnte dem Unternehmen wohl auch das dichte Händlernetz mit lokalen Ansprechpartnern vor Ort helfen.
Neue Elektroautoförderung kommt für VW zur rechten Zeit
Wie der ID.Polo ankommen wird, kann aber nur die Realität zeigen. Ab April 2026 soll der Vorverkauf des neuen Elektrowagens starten, 2027 soll zudem der Kleinstwagen ID.Every1 folgen. Für VW kommt die geplante neue Elektroautoförderung der Bundesregierung genau richtig – auch sie soll 2026 starten. Außerdem hat VW angekündigt, dass die Verbrennerproduktion bei Kleinwagen komplett eingestellt wird – und stattdessen auf Elektroantrieb gesetzt wird.
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